Durchbruch zum StillstandSeite 2/5

Geduldig käute der Physiker noch einmal den Unterschied zwischen einem Atomreaktor und dem FRM-2 wider. Im Münchner Forschungsreaktor wird ähnlich wie in einem Kernkraftwerk eine Kettenreaktion mit Uran in Gang gehalten.

Doch während ein Kraftwerk Wasser erhitzt und mit dem Dampf Turbinen antreibt, bleibt das Wasser im Forschungsreaktor - auch Schwimmbadreaktor genannt - lauwarm. Die meisten Neutronen werden abgezweigt und als mikroskopische Sonden in Proteine, Kristalle und Gewebe geschickt. Sogar einen Automotor haben die Münchner Forscher mal in einen Neutronenstrahl gehalten, um den Schmierfilm des Öls sichtbar zu machen. Für ihre Experimente brauchen die Physiker jedes Jahr etwa 40 Kilogramm Uran. Ein Kernkraftwerk benötigt 25 Tonnen.

Wer könnte da noch gegen den Forschungsreaktor sein? Franz Fujara, ein Physiker von der Technischen Universität Darmstadt, kann es. Denn der Münchner Reaktor soll anders als ein Kernkraftwerk mit hoch angereichertem Uran (HEU) betrieben werden, und das ist atomwaffentauglich. Natürlich vorkommendes Uran besteht nur zu einem Prozent aus dem spaltbaren Isotop Uran-235, der Rest ist Uran-238. Hoch angereichertes Uran dagegen besteht zu mehr als 90 Prozent aus Uran-235. Die Kettenreaktion in HEU erzeugt zahlreiche Neutronen, und das ist gut für die Forschung - und für Bomben. Für eine Atombombe reichen 20 Kilogramm HEU. "Der FRM-2 kurbelt die Nachfrage an", schimpft Fujara. "Die Idee, eines Tages im zivilen Bereich kein HEU mehr zu nutzen, bleibt ein Traum."

Es muss einiges passieren, damit Physikprofessoren in Deutschland öffentlich ihre Kollegen kritisieren. Fujaras Schlüsselerlebnis war eine Zeitungsanzeige, in der sich 1994 rund 300 Physiker für den FRM-2 aussprachen. "Da begann die Schlammschlacht", sagt Fujara. Viele der Unterzeichner hätten nicht gewusst, dass der Reaktor mit HEU betrieben werden sollte. "Das war Rattenfängerei." Fujara kritisierte den "Garchinger Sündenfall" öffentlich. Seine Doktoranden Alexander Glaser und Christoph Pistner rechneten gemeinsam mit Reaktorexperten vom Argonne National Laboratory aus, wie man den FRM-2 auf niedrig angereichertes Uran umrüsten könnte. Ergebnis: Der Neutronenstrahl würde nur 15 Prozent seines Flusses verlieren. Heute versucht der weißbärtige Physikprofessor seinen Gegnern eine Brücke zu bauen: "Wenn die Garchinger auf niedrig angereichertes Uran umsteigen, würde ich mich öffentlich für den FRM-2 einsetzen."

Die USA propagieren bereits seit 20 Jahren die Umrüstung von Forschungsreaktoren auf niedrig angereichertes Uran. Schon Jimmy Carter wollte verhindern, dass atomwaffenfähiges Material unter dem Vorwand der Forschung in falsche Hände gelangt. Der heimischen Uranindustrie ist die Ausfuhr des Bombenstoffs de facto untersagt. Inzwischen hat knapp die Hälfte von 70 Forschungsreaktoren weltweit umgerüstet oder plant die Umrüstung. Auch die deutschen Reaktoren in Geesthacht und am Berliner Hahn-Meitner-Institut laufen heute mit niedrig angereichertem Uran, Jülich soll in den nächsten Jahren umstellen oder abgeschaltet werden.

Für Winfried Petry, den wissenschaftlichen Direktor des FRM-2, kommt eine Umrüstung dagegen überhaupt nicht infrage. "Wir müssen Spitzenforschung machen, darauf haben wir ein Anrecht", sagt der Münchner Physiker. Der FRM-2 solle die beste Quelle für kontinuierliche Neutronenstrahlung werden, und das sei nur mit HEU möglich. Außerdem würden die Amerikaner selbst noch zahlreiche Reaktoren mit HEU betreiben. Unzählige Male hat Petry die Argumente der Kritiker gehört, aber seine Aufregung klingt immer noch echt.

"Ich kann es nicht mehr hören, dass wir den Weltfrieden gefährden!", ruft der schmächtige Professor dann mit hoher Stimme. Das Uran für den FRM-2 stamme aus alten Kernwaffenbeständen in Russland. Nirgendwo sei es so sicher wie im zivilen Kreislauf, der durch die Euratom und die Internationale Atomenergiebehörde IAEO überwacht werde. Petry und Unipräsident Wolfgang Herrmann haben sich eine Sprachregelung ausgedacht, die den Kritikern die Zornesröte ins Gesicht treibt: "Jedes Gramm Uran, das aus dem Kernwaffenkreislauf in Forschungsreaktoren kommt, ist ein Gramm für den Frieden."

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