Ein Land aus Beton
Die Deutschen ziehen ins Grüne. Mit Straßen, Häusern und Dämmen machen sie die Natur platt auf Kosten des eigenen Wohlstands
Ein bisschen ähneln die Bemühungen von Dirk Vallée und seinen Kollegen denen von Don Quijote. Vallée, Technischer Direktor des Verbandes Region Stuttgart, muss die Planungen von 179 Gemeinden rund um die baden-württembergische Landeshauptstadt so koordinieren, dass genügend Platz für alles ist: für Wohnhäuser und für Fabriken, für Bauern und für Winzer, für die Erholung und für die Natur. Von Neckartenzlingen im Süden bis hinauf nach Bönnigheim reicht sein Plangebiet, von Münklingen im Westen bis Plüderhausen im Osten. Ganz oben auf seiner Agenda steht die „nachhaltige und ressourcenschonende Raumentwicklung“, wie es in dem fast 300 Seiten starken Regionalplan heißt. Und genau da liegt das Problem.
Zwischen 1970 und dem Jahr 2000 wuchs die Bevölkerung in der Region Stuttgart um 11 Prozent, die bebaute Fläche aber um 45 Prozent. Anfangs zog es die Menschen nur in den Speckgürtel der Großstadt, mittlerweile ziehen sie an den Rand der Region – 50, 60 oder bis zu 100 Kilometer weit weg –, nach Heilbronn oder in Richtung Ulm, wo es noch grün ist und Bauland günstig und wo sich der Bürgermeister über jeden Neuankömmling freut. Von dort aus pendeln die stolzen Eigenheimbesitzer in die Fabriken und Büros von Mercedes und Porsche, von IBM und Hewlett-Packard.
„Wenn mehr Fläche bebaut wird, werden auch die Wege weiter“, sagt Vallée. Und das bedeutet: mehr Lärm. Mehr Abgase. Mehr Straßen. Mehr Parkplätze. Und weniger Grün.
So wie im Süden von Stuttgart. Dort erlebt Tobias Bachofer „den totalen Verkehrsinfarkt“. Jeden Morgen schiebt sich die Karawane der Pendler durch sein Heimatdorf Filderstadt-Plattenhardt. Nun soll eine Umgehungsstraße für Entlastung sorgen. Doch die geplante Trasse, direkt am Grundstück von Bachofers Eltern vorbei, durchschneidet auch ein Landschaftsschutzgebiet. Immer mehr Straßen, immer mehr Autos und dazu Gemeinderäte, die ständig neue Baugebiete ausweisen – um ungestört Mountainbike zu fahren, muss der 32-Jährige mittlerweile bis hinauf in die Schwäbische Alb. Früher war die Filderregion vor allem für Wiesen, Wald und guten Ackerboden bekannt. Heute, sagt Bachofer, wird die Gegend „einfach zubetoniert“.
Der Flächenfraß grassiert überall. Pro Sekunde fallen ihm in Deutschland 15 Quadratmeter zum Opfer; am Ende jedes Tages hat der vermeintliche Fortschritt fast 1,3 Millionen Quadratmeter gefressen – das entspricht gut 160 Fußballplätzen. 470 Millionen Quadratmeter werden im Durchschnitt jedes Jahr „in Siedlungsflächen umgewidmet“, wie die Raumplaner sagen. Auf einer Fläche fast so groß wie der Bodensee entstehen Häuser, Gewerbehallen, Straßen, Tankstellen, Parkplätze und Friedhöfe.
Zwar ist nur knapp die Hälfte des statistisch als Siedlungs- und Verkehrsfläche erfassten Areals tatsächlich versiegelt; die andere Hälfte besteht aus so genanntem Siedlungsgrün, zum Beispiel Verkehrsinseln, Vorgärten oder Parks. Trotzdem brennt die Angelegenheit: Die Deutschen pflastern ihre Heimat zu. Tendenz steigend. Mehr als 12 Prozent des Landes sind schon geopfert.
Das betrübt auch Johann Hahlen, den Präsidenten des Statistischen Bundesamtes. Seine Umweltökonomische Gesamtrechnung, Anfang der Woche in Berlin präsentiert, dokumentiert zwar den erfreulichen Trend zu geringerer Umweltbelastung – allerdings mit einer Ausnahme: Die Flächeninanspruchnahme habe „sehr stark zugenommen“, musste Hahlen mitteilen.
Briten bekämpfen den Flächenfraß
„Wie soll unser Land in zwei, drei Generationen aussehen?“, fragt Christina von Haaren, Landschaftsplanerin an der Universität Hannover und Öko-Weise im Sachverständigenrat für Umweltfragen. Ganz Deutschland so wie das Ruhrgebiet? Gar wie der heillos zersiedelte Großraum Los Angeles? Oder wie Südengland, wo kluge Politik eine parkähnliche Landschaft hat wachsen lassen? Dank konsequenter Planung und bodenschonender Steuergesetze konnte die britische Regierung den täglichen Flächenfraß auf dem dicht besiedelten Inselstaat auf einen Wert begrenzen, den die Berliner Regierung laut Koalitionsvertrag erst für das Jahr 2020 anpeilt: Anstatt 129 sollen dann nicht mehr als 30 Hektar pro Tag „verbraucht“ werden.
„Sehr anspruchsvoll“ nennt das Umweltbundesamt (Uba) den Plan, den bereits die erste rot-grüne Regierung in ihrer nationalen Nachhaltigkeitsstrategie per Kabinettsbeschluss festgeschrieben hatte. Die Skepsis der beamteten Umweltschützer ist erstaunlich. Denn unter Kommunalpolitikern, Wissenschaftlern und Öko-Bewegten herrscht weitgehend Einigkeit, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann.
Sogar die Europäische Kommission hat die „immer stärkeren Belastungen“, denen die nicht erneuerbare „oberste Schicht der Erdrinde“ ausgesetzt ist, als Problem erkannt. „Leider“ würden bei der Raumplanung „die Folgen des Verlustes unersetzbarer Böden oftmals nicht genügend berücksichtigt“, heißt es in einem Dokument der Brüsseler Behörde. Sie seien nämlich schlicht „schädlich“.
Unter anderem deshalb, weil die Bauern vielerorts ihre Felder bereits für die edelste aller Fruchtfolgen bestellen – „für die Bebauung“, wie der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) klagt. In der Tat wird die von vielen propagierte Versorgung mit Lebensmitteln aus der Region schwieriger, weil Felder und Äcker zu Siedlungs-, Gewerbe- und Verkehrsflächen werden. Die zunehmende Bebauung hemmt den Luftaustausch zwischen Stadt und Land; das lokale Klima verschlechtert sich. Und versiegelter Boden ist nicht „versickerungsfähig“; weniger Regenwasser erreicht deshalb die Grundwasserspeicher.
Lieber Weizenfelder als Parkplätze
Auf die Entstehung von Hochwasser hat die Versiegelung allerdings nur einen zweitrangigen Einfluss – auch wenn vermeintliche Experten nach der Elbeflut vom Sommer das Gegenteil glauben machen wollten (siehe Interview Seite 20). Die Leidtragenden der Baumanie sind dagegen viele Pflanzen und Tiere. Ein intensiv genutztes Weizenfeld mag kein Hort der Artenvielfalt sein, aber immerhin bietet es wild lebenden Tieren Nahrung – im Gegensatz zu hübschen Vorgärten, die mit ortsfremden Gehölzen bepflanzt sind.
Noch verhängnisvoller ist es, dass die Zersiedlung die Landschaft zerschneidet. Das Netz zusammenhängender Freiflächen wird engmaschiger. Die Stuttgarter Akademie für Technikfolgenabschätzung fand jüngst heraus, dass in Baden-Württemberg die „Maschenweite“ dieses Netzes dramatisch dichter geworden ist: Vor 70 Jahren waren die unzerschnittenen Flächen im Durchschnitt noch 23 Quadratkilometer groß; geblieben sind davon knapp 14 Quadratkilometer. Schlecht für die Tiere, denen ihre Reviere abhanden kommen. Schlecht für die Menschen, deren Wohnfläche pro Kopf sich im Westen Deutschlands in den vergangenen 30 Jahren zwar fast verdoppelt hat, die aber jetzt immer schwerer Erholungsräume finden. Der Kampf gegen den Flächenfraß sei ein Kampf für die Lebensqualität, meint die Landschaftsplanerin von Haaren.
Es ist fast kurios: Der Traum vom Häuschen im Grünen entpuppt sich vielfach als Albtraum. Schon jetzt wohnten mehr Menschen im Umland der Kernstädte als in den Kernstädten selbst, sagt Fabian Dosch, der beim Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) die Siedlungsentwicklung studiert. Besonders stark ziehe es das Gewerbe an die Peripherie – dorthin, wo ein Autobahnanschluss ist und genug Platz für die ausladenden Gewerbehallen, in denen nur wenige Arbeitskräfte beschäftigt sind. Gabelstapler, die just in time zugelieferte Produkte in Empfang nehmen, können eben keine Treppen steigen. Folge dieses breiartigen Wachstums, das die Amerikaner schon länger kennen und urban sprawl nennen: Der Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen wird länger, während für manchen Hausbesitzer der erhoffte Zuwachs an individuellem Komfort ausbleibt – er steckt im Stau. Die fortschreitende Verstädterung, so der BBR-Experte Dosch, sei „das zentrale Kernproblem der Umweltpolitik“.
SOS – save our soils, fordern mehr als zehn einschlägige Forschungsanstalten in ihrer Osnabrücker Boden-Erklärung. Es gelte, endlich „wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen“, heißt es in dem Aufruf. Ausgerechnet die bayerische Landesregierung ist wegen der im größten aller Bundesländer besonders arg wütenden Epidemie alarmiert. Mit einem „Aktionsprogramm zur Reduzierung des Flächenverbrauchs“ wollen die Bayern gegensteuern – zumal sich der Verlust attraktiver Landschaft „schnell auch auf die Investitionsneigung niederschlägt“, wie der frisch in den Bundestag gewählte CSU-Umweltpolitiker Josef Göppel sagt. Eine Reihe deutscher Kommunen, darunter München, Osnabrück und der Landkreis Grafschaft Bentheim, hat sich auch länderübergreifend zum Boden-Bündnis Europäischer Städte und Gemeinden zusammengetan und in einem Manifest versprochen, „den Trend zum Flächenverbrauch umzukehren“.
Möglichkeiten dafür haben die Kommunalpolitiker schon. Im südlichen Mittelfranken etwa schlossen sich sechs Gemeinden zum Interkommunalen Modellvorhaben Hesselberg zusammen. Wegen der niedrigen Grundstückspreise sei mancher Kommunalpolitiker bisher „etwas sorglos“ mit dem Boden umgegangen, sagt Ute Vieting, Geschäftsführerin der Entwicklungsgesellschaft Hesselberg. Nun sollen die Ortskerne gemeinsam wiederbelebt werden, sollen aus alten Bauernhöfen Wohnstätten werden und Industrie- und Handwerksbetriebe einen gemeinsamen Standort bekommen. „Wir wollen nicht, dass jede Gemeinde überall ihr Gewerbegebiet hinkleckert“, sagt Vieting.
Der Bürgermeister weiß:…
Doch die fränkische Initiative ist eine Ausnahme. Besonders die kleinen Gemeinden hätten „alle ihren Kopf – je kleiner, desto dicker“, sagt ein Regionalplaner. Die kommunale Planungshoheit ist sogar per Grundgesetz geschützt. Und die Lokalpolitiker haben vielerlei Anlässe, mit Grund und Boden eher lasch zu haushalten. Laut Verordnungen der Bundesländer ist sogar die Besoldung der Bürgermeister nach der Einwohnerzahl gestaffelt – ein Anreiz für die Stadtoberhäupter, mehr Menschen durch Neubauten in ihren Sprengel zu locken. Ihr persönliches Salär wächst schließlich mit.
Das Wachstum der Dörfer und Städtchen ließe sich zwar flächensparend organisieren, durch Nutzung von Baulücken oder durch das Recycling von ehemaligen Kasernen und anderen Brachen. 10000 Quadratmeter Siedlungsfläche in der Stadt ersparten mindestens 30000 Quadratmeter im Stadtumland, sagt der Raumforscher Dosch. Doch die Vernunft konkurriert mit dem archaischen Streben vieler Menschen nach einem immer größeren, vor allem aber eigenen Dach über dem Kopf. Und dieser Trieb, sagt Ulrich Kriese, siedlungspolitischer Sprecher des Nabu, „sitzt tief“. Also geben die Kommunalpolitiker nach – und weisen Bauplätze für Einfamilienhäuser am Rande ihrer Gemarkung aus. Soll doch die nächste Gemeinde ihre Grünflächen schonen.
Nahezu alle Gemeinden schaden auf diese Weise der Gemeinschaft. Der Nabu-Experte Kriese hält den Mechanismus schlicht für „nicht mehr zeitgemäß“ – nicht nur aus ökologischen Gründen. Auch als Altersvorsorge tauge das Häuschen im Grünen nicht mehr, weil es im Ernstfall wegen schrumpfender Einwohnerzahlen und damit schrumpfender Nachfrage schwer zu versilbern sein werde. Und ältere Menschen, deren Anteil an der Bevölkerung stetig wachse, seien in Städten ohnehin besser aufgehoben: Dort erreichen sie ohne Auto ihre Ärzte und Einkaufsläden, Kinos und Theater.
Doch bislang fördert der Staat die Suburbanisierung sogar. Zwar verpflichtet das Baugesetzbuch die Kommunen, „sparsam und schonend“ mit Grund und Boden umzugehen. Die Vorschrift sei jedoch kaum mehr ein frommer Wunsch, urteilte der Sachverständigenrat für Umweltfragen. Das Planungsrecht kommt nicht gegen die fehlenden oder falschen Anreize der Steuer- und Subventionspolitik an.
Tatsächlich ermuntert die gegenwärtige Konstruktion der Entfernungspauschale zur Stadtflucht; der steuerlich absetzbare Betrag steigt vom elften Kilometer an von 36 auf 40 Cent.
Wer auf der grünen Wiese baut, wird bisher zudem durch die Eigenheimzulage üppiger gefördert als jener, der einen Altbau erwirbt. Und Grundsteuer, Gewerbesteuer und die Beteiligung der Gemeinden an der Einkommensteuer laufen dem Ziel einer schonenden Flächennutzung entgegen. „Die Gemeinden können sich nur Geld beschaffen, wenn sie mit ihren Flächen aasen“, sagt Dieter Ewringmann, Geschäftsführer des Finanzwissenschaftlichen Forschungsinstituts in Köln.
Besonders die anachronistische Grundsteuer begünstige Ein- und Zweifamilienhäuser gegenüber anderen Wohngebäuden, hat der Darmstädter Finanzwissenschaftler Kilian Bizer herausgefunden. Bizer und Kollegen machen sich schon seit längerem Gedanken über eine aufkommensneutrale Grundsteuerreform, die nicht nur kommunalpolitischen, sondern auch ökologischen Kriterien gerecht wird. Sie schlagen eine Flächennutzungssteuer vor: Grundstücke werden umso mehr belastet, je stärker ihre Nutzung die Natur beeinträchtigt.
…mehr Einwohner = mehr Geld
Wunder erhofft sich Bizer von der Reform freilich nicht. Wegen der niedrigen Steuersätze werde auch eine erneuerte Grundsteuer kaum mehr als einen dämpfenden „Signaleffekt“ auf die private Baulandnachfrage haben. Deshalb sollte ein zweiter Anreiz die Kommunen dazu animieren, weniger Bauland auszuweisen. Handelbare Flächenausweisungsrechte würden demnach ausgegeben. Die Logik: Die Bundesländer geben vor, wie viel Boden insgesamt versiegelt werden darf; die Gemeinden können diese Versiegelungsrechte an einer Börse kaufen und verkaufen. „Das am besten geeignete Instrument zur Realisierung des Ziels, die Flächeninanspruchnahme auf circa 30 Hektar im Jahr 2020 zu reduzieren“, meint der Umwelt-Sachverständigenrat.
Was Akademiker ersonnen haben, ist das eine – was Praktiker daraus machen, das andere: wenig bis nichts. In den Debatten der von der Regierung eingesetzten Kommission zur Reform der Gemeindefinanzen spiele die Grundsteuer „überhaupt keine Rolle“, sagt ein Beteiligter. Handelbare Flächenausweisungsrechte stoßen unter Kommunalpolitikern auf Skepsis. Und selbst das aus der Finanznot geborene Vorhaben von Rot-Grün, die Eigenheimförderung zu kürzen, für Alt- und Neubauten anzugleichen und auf Familien mit Kindern zu konzentrieren, trifft auf erbitterten Widerstand. „Jetzt reicht’s, Herr Bundeskanzler“, schrieben erboste Bauarbeiter in einem offenen Brief an Gerhard Schröder.
Den Flächenfraß zu bändigen wird eine Daueraufgabe. Fachleute haben schon ausgerechnet, wie viel Land ihm demnächst zum Opfer fällt, wenn sich nichts ändert: bis 2010 fast doppelt so viel, wie das Saarland umfasst.
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