Tanz Gegen den Takt
Die Merce Cunningham Dance Company wird 50 - auf der Jubiläumstour zeigt sie ihre Klassiker
Silberne Bettwäsche ist eine heikle Sache. Jeder, der sich ihr einmal im Flanellnachthemd genähert hat, wird das bestätigen können. Dieser kalt glänzende Stoff strahlt eine Arroganz aus, der man besser im Paillettenkleid begegnet oder in metallicfarbenen Moonboots, irgendeinem Kleidungsstück, das signalisiert: Auch wir Menschen sind auf der Höhe der Zeit, nicht nur die Dinge, mit denen wir uns umgeben. In fast allen Science-Fiction-Filmen finden sich Vorschläge, wie die altmodische Erscheinung des Homo sapiens mit den Resultaten des wissenschaftlich-technischen Fortschritts stilistisch in Einklang zu bringen wäre. Faustregel: Betritt niemals eine Rakete ohne raketenförmige Frisur. Denn der Gefahr der Disharmonie halten nur wenige Menschen stand, weshalb die wahren Avantgardisten ständig vom Aussterben bedroht sind.
Der Choreograf Merce Cunningham - der schon anno dazumal unerschrocken mit silbernen Kissen und schlafanzugähnlichen Kostümen experimentierte - gehört zu den großen Verfremdern, zu den letzten lebenden Klassikern der Moderne. Er ist mittlerweile 85 Jahre alt und kann bei der Jubiläumstournee seiner vor einem halben Jahrhundert in New York gegründeten Dance Company nur noch am Krückstock die Bühne betreten. Es ist mehr ein Schlurfen als ein Laufen
das liegt an der Arthritis, die den Künstler seit langem behindert - jedoch beim Laufen mehr als beim Tanzen, wie man in Videodokumentationen aus den neunziger Jahren sehen kann. Da lehnt er an der Ballettstange und demonstriert seinen Tänzern mit wenigen schönen Schwüngen, wie die Linien eines bisher noch nie ausgeführten Bewegungsbildes verlaufen sollen. Viele dieser Phrasen hat er am Computer generiert, und wie er mit wirrem Greisenhaar, ein Einstein des Tanzes, vorm Bildschirm sitzt, wie er mit schiefer Hüfte und wachem Blick neben den um mehrere Generationen jüngeren Stars seiner Auftrittsklasse steht, verkörpert er jenen Mut zum Kontrast, der ihn seit seinen ersten kleinen Kreationen für das Ensemble Martha Grahams, Anfang der vierziger Jahre, antreibt.
Seine Vorliebe fürs Disparate brachte ihn damals mit John Cage zusammen, der später (und bis zu seinem Tod) die musikalische Leitung der Merce Cunningham Dance Company innehatte. Diese Vorliebe machte ihn neugierig auf die verschiedensten Kollegen, ob Eric Satie oder Brian Eno, Roy Lichtenstein oder Robert Rauschenberg. Wunderbare Bühnendekors und krude Geräuschkulissen hat der Choreograf benutzt, nicht selten wurden die Elemente Bild, Musik und Tanz erst bei der Premiere miteinander verknüpft. So haben alle seine Arbeiten etwas widerborstig Disharmonisches, das in der Rückschau ein erstaunlich klares Leitmotiv bildet.
Die Suite For Five (1956) und RainForest (1968) waren jetzt neben neuen Stücken wie Pond Way (1998) und Loose Time (2002) auch in Berlin und Weimar zu sehen, Kombinationen aus klassischen Sprüngen und Bodybuilder-Posen, fließenden Modern-Dance-Bewegungen und der abgehackten Gangart des Tanztheaters. Merkwürdig antiquiert wirken heute Robert Rauschenbergs grellfarbige Kostüme und Cunninghams Ballette aus lauter Einzelgängern, die den Zwang zum Seriellen mit der Suche nach dem Individuellen verknüpfen. Da liegen aber die Quellen der choreografischen Avantgarde, wieder und wieder kopiert und darum so vertraut. Auch Andy Warhols silberne Kopfkissen, zwischen denen sich Tänzer in blassen Gymnastikanzügen räkeln (wie Westernhelden sie als Unterwäsche bevorzugen), sind so viele Jahre nach der Entstehung von RainForest sonderbar anzuschauen. Sie stehen in einem Unpassensverhältnis, das trotz aller neueren Provokationskunst aber noch immer Seltenheitswert besitzt. Denn es entspringt einem aufmüpfigen Geist, der hoffentlich noch lange wirken wird. Wir vertragen gut und gern weitere 50 Jahre Merce Cunningham - Tanzen gegen den Takt, Kunst gegen die symmetrische Welt.
- Datum 28.07.2009 - 09:58 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 46/2002
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