Kinderbuch LUCHS 189
Die Jury von ZEIT und Radio Bremen stellt vor: J. W. Goethe/Klaus Ensikat „Faust“
Das Titelbild von Klaus Ensikat lässt nichts Gutes ahnen. Hinter Doktor Heinrich Faust, einem Mann, der forschend in die Welt schaut, taucht ein zweites Gesicht auf. Wie ein dunkler Schatten, ein bedrohlicher Doppelgänger rückt Mephisto dem Gelehrten zu Leibe. In dieser unheilvollen Nähe verschmelzen beide fast zu einer Person, obwohl die Gegensätze nicht größer sein könnten – der eine am Leben leidend und auf der Suche nach dessen Sinn, der andere ein Nihilist, ein Dämon, ein Geist, der stets verneint. Doch dieser Geist besitzt Zauberkräfte, kann auf verführerische Weise Wünsche erfüllen. So kommt es zum Pakt, zur unheilvollen Wette. Mephisto verspricht Faust zu zeigen, wie schön das Leben sein kann; dafür muss ihm Faust seine Seele verkaufen. Mit Blut besiegeln sie ihren gefährlichen Vertrag. Das Spiel um Leben und Tod, um Glück und Leid beginnt.
Barbara Kindermann erzählt Goethes Lebens- und Schlüsselwerk auf 32 Seiten neu und will eine „spannende Nacherzählung nicht nur für Kinder“ schaffen. Kann das gut gehen? Kann und darf man eine so vielschichtige Tragödie mit ihren komplexen historischen, ethischen und philosophischen Dimensionen zurechtstutzen auf das Format eines Bilderbuchs und sie als „spannende Geschichte“ verkaufen? Gerade wurde von der ZEIT ein literarischer Kanon von 50 Werken der deutschsprachigen Literatur für Schüler ab zehn Jahren vorgestellt, darunter auch Goethes Faust I. Geht es dabei aber um die bewusste Auseinandersetzung mit dem Original, seiner Geschichtlichkeit und seinem Sprachstil, sucht die Neufassung von Barbara Kindermann mit den Bildern von Klaus Ensikat einen grundsätzlich anderen Weg. Das Original ist nicht mehr der Maßstab, sondern der Bezugspunkt der erzählten Geschichte. „Weltliteratur für Kinder“ zielt – nach angelsächsischem Vorbild – in diesem Fall auf eine Orientierung an der Vorlage, nicht aber auf deren Kurz- oder Trivialfassung ab. Bild und Text erzählen in der Tat die Geschichte neu – und dies in bewundernswerten Farbzeichnungen und in einer nicht weniger bewunderungswürdigen klaren Sprache. Ensikats altmeisterliche Federzeichnungen sind mehr als illustrative Beigaben; sie rücken die Erzählung in mittelalterliche und doch seltsam zeitlose Kulissen mit hohen Gewölben und engen Gassen; darin agieren Figuren mit dämonischen, verschlagenen Gesichtern, skurrile Typen, aber auch lebensnahe Gestalten.
Der Künstler hält die Balance zwischen Realität und Magie, zwischen Liebreiz und Schrecken. Die Hexe rezitiert ihr berühmtes Hexen-Einmaleins in einer Rumpel- und Schreckenskammer, Fausts Rendezvous mit Gretchen findet in einem verwunschenen Garten-Idyll statt. Klaus Ensikat verbindet Vergangenheit und Gegenwart wie nebenbei, ohne modisch aktuell zu werden: In Auerbachs Keller, wo Mephisto seine Zaubermacht spielen lässt, prostet ein Punk mit Irokesenbürste den Trinkgesellen zu, in der Walpurgisnacht tanzen Mädchen in ekstatischer Verzückung auf der Giftmüllhalde. So erzählen die Bilder von Widersprüchen und Spannungen, die ins Heute hineinreichen.
Auch Barbara Kindermann hält die Sprache in der Schwebe zwischen den Zeiten; es gelingt ihr, die Aura der dramatischen Vorlage zu erhalten, indem sie beispielsweise kleine Proben von Goethes Sprachkunst als (kursiv gesetzte) Zitate einfügt und sie wie selbstverständlich in den Fluss der Handlung integriert. Mephistos lustvoll-diabolischer Kommentar zum Tanz der Hexen auf dem Blocksberg bleibt, weil unübertroffen, auch in der Neufassung ein Lese- und Spracherlebnis: „Das drängt und stößt, das rutscht und klappert, / Das zischt und quirlt, das zieht und plappert! / Das leuchtet, sprüht und stinkt und brennt! / Ein wahres Hexenelement!“
Faust, neu erzählt geblieben ist die alte Geschichte von falschen Freunden, einer riskanten Wette und vom Versuch, das Unvereinbare zu verbinden. Geblieben ist etwas von der Sprachkraft und dem Sprachgenuss der literarischen Vorlage. Hinzugekommen ist durch Klaus Ensikats ambivalente, verrätselte Bilderwelt eine visuelle Erzählebene, die etwas von der Magie und Zauberwelt besitzt, die jede gute Geschichte nicht nur für Kinder durchzieht.
Faust
Nach Johann Wolfgang von Goethe, mit Bildern von Klaus Ensikat, neu erzählt von Barbara Kindermann, Kindermann Verlag, Berlin 2002, 32 S., 15,50 Euro (ab 7 Jahren)
LUCHS 189 wurde ausgewählt von Hilde Elisabeth Menzel, Jens Thiele und Konrad Heidkamp. Am 7. November, 16.40 Uhr, stellt Radio Bremen- Funkhaus Europa das Bilderbuch vor (Redaktion: Marion Gerhard). Das Gespräch zum Buch ist abrufbar im Internet unter www.radiobremen.de
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- Serie luchs
- Quelle (c) DIE ZEIT 46/2002
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