Identität Das symbolische Volk der Täter

Vergeblich sehnen sich die Deutschen nach Normalität. Seit dem Holocaust verkörpern sie für die Welt das Böse. Sie können ihre Identität nicht mehr selbst bestimmen. Sie sind ein symbolisches Volk geworden – wie einst die Juden

Ich las, in Deutschland werde eine Kontroverse geführt um Martin Walser und die Juden. Dabei fiel mir ein, dass Walser ja vor einigen Jahren, während meines Aufenthaltes in Berlin, Aufregung verursacht hatte, indem er von seinem Überdruss erzählte, immer wieder hören zu müssen, was zwischen Deutschen und Juden vorgefallen war. Was er damals sagte – und er war gewiss nicht der Erste –, schien auf dies hinauszulaufen: „Ich bin nicht ich empfinde weder Schuld noch Schande. Ich bin überzeugt, dass all diese scheußlichen Dinge, die mit dem Holocaust zusammenhängen, nichts mit mir zu tun haben oder mit der deutschen Nation, wie sie heute ist. Und doch fühle ich mich bedrückt, bedrängt. Wir Deutsche sind jetzt ein normales Volk. Warum kann man uns nicht in Ruhe lassen und uns erlauben, normal zu leben?“

Was immer die Absichten Walsers waren, ich fühlte damals genau wie heute, es gab etwas, das die Deutschen über sich selbst nicht begriffen hatten. Nämlich dass sie seit mehreren Generationen keine Nation wie die meisten anderen sind, wie die Franzosen oder die Italiener, sondern dass sie ein symbolisches Volk geworden sind. Ähnlich wie die Juden. Seit langem haben Deutsche über Deutschlands Schuld – oder auch über die Abwesenheit einer solchen – diskutiert, so viel, dass das Wort „Schuld“ beinahe bedeutungslos wurde. Aber in einem gewissen Sinn hat Schuld – oder ihre Abwesenheit – wenig zu tun mit dem wirklichen Problem der Deutschen: mit der Tatsache, dass sie wie die Juden eine jener Entitäten sind, die nicht dadurch definiert werden, was sie tatsächlich sind oder tun, sondern durch das, wofür sie stehen. Eher als alles andere sind „die Deutschen“ ein Emblem, ein Zeichen.

Gewiss ist es unangenehm, wenn man erkennt, dass man ein Symbol ist. Man ist dann die Repräsentation einer Bedeutung eher als die Person, die man zu sein glaubte. Man fühlt sich in das unsichtbare und unerwünschte Gewand einer Identität eingewickelt, die für einen selbst nicht bedeutsam ist, für die anderen aber Vorrang hat. Diese symbolische Persönlichkeit, die außerhalb existiert, aber doch mit jenem Leben verbunden ist, das man lebt, muss sich anfänglich so unwesentlich und trivial anfühlen wie ein beginnender Zahnschmerz. Dergleichen spielt sich allerdings nah am Zentrum der Persönlichkeit ab, dort, wo das Selbstwertgefühl und der Sinn für Werte beheimatet sind.

Immer „diese Last“ tragen!

Es ist eine Entdeckung, die Kinder verachteter Minoritäten früh in ihrem Leben machen, sobald sie ihren Platz in der sozialen Ordnung wahrnehmen. Aber für manche Deutsche ist es geradezu entsetzlich, das für sich zu erkennen. Anders als Juden, Schwarze oder Türken, deren symbolische Definition ein Dilemma ist, das jeder von ihnen fortwährend abarbeiten muss, kann ein Deutscher existieren, ohne die Verstrickungen seiner symbolischen Identität überhaupt in Betracht zu ziehen. Vermutlich machen das die meisten Deutschen auch so.

Dass Deutschland jedoch noch immer „diese Last“ tragen soll, kann ja tatsächlich unzumutbar erscheinen. Die furchtbaren Dinge passierten vor langer Zeit, der größte Teil der Deutschen hat sich seither als rechtschaffen erwiesen. Warum sollen dann die Schandtaten derartig lebendig bleiben? Warum sollten die Deutschen nicht einfach sagen können: „Genug, wir haben alles getan, was uns möglich war, um unsere Sünden wieder gutzumachen. Wieso können wir jetzt nicht so sein wie der Rest der Welt?“

Die Antwort ist: Symbolisches Denken funktioniert nicht wie andere Akte des Bewusstseins. Im gewöhnlichen Denken wechseln die als falsch erkannten Dinge in die Schublade des Irrtums und werden beiseite gelegt. Aber Symbole kennen keine Begründungen. Sie sind von logischer Erklärung nicht zu fassen. Darin besteht die große Kraft des Symbolischen in Religion und Kunst. Symbole haben eine tiefere Wirkung und eine größere Intensität als Ideen. Sie sind den Analysen und rationalen Einwänden entzogen. Dante stellte die unheimliche Macht des symbolischen Denkens in seiner Göttlichen Komödie dar. Er formte unseren gesamten spirituellen Kosmos zu einem repräsentativen Reich um. Andererseits gehört es zu dem dunklen Vermögen des Geistes, lebendige Menschen zu Symbolen umzuformen. Das beeinflusst das angeblich objektive Denken sehr wirkungsvoll.

Keine Frage, die Wahrnehmung der Deutschen von heute wird durch die Vergangenheit verzerrt. Aber es ist gut, daran zu erinnern, dass sich dieses Bild der Deutschen noch tiefer eingräbt, wenn die Deutschen zu Techniken der Unterlassung und Vermeidung greifen, denn die schaffen ihrerseits wieder Symbole. Das „Dritte Reich“ verfügte über eine erschreckende Genialität, Symbole einer grimmigen Gewalt zu produzieren, bilderreich und immer noch mächtig widerhallend: die Swastika, den gelben Stern, den rosaroten und den roten, den Panzer, die Stuka, das Lager. Die Gewalt der Wörter „Herrenrasse“, „Blitzkrieg“, „Kristallnacht“ bleibt sogar in den Übersetzungen erhalten: „Master Race“, „The Night oft the Long Knives“, „Book Burning“. Daran knüpfen sich die grauenvollen Bilder aus jener Zeit, die Erinnerungen an die Unmenschlichkeit, die weiterhin erschütternde Gewalt haben: die Viehwagen, die Baracken mit Bergen Verhungerter davor, die Gaskammern, Verbrennungsöfen und Schornsteine, der Ruß und der unvergleichliche Gestank brennender menschlicher Leiber. Welches politische System wird schon allein durch Gerüche vergegenwärtigt?

Außerdem ist nie wirklich erklärt worden, wie Hitler eine hoch zivilisierte Nation dazu bewegte, derartige Ungeheuerlichkeiten zu verüben. Könnte die seltsame Anziehung, die Hitler auf die Deutschen hatte, mit der Tatsache zu tun haben, dass er sich selbst als ein symbolisches Wesen erschien? Wir wissen, dass ihm sein Körper keine Quelle der Freude war. Früh gab er jede Bindung ans bloß Körperliche auf, keine wirkliche Sexualität, kaum sinnliche Genüsse. Das könnte erklären, warum er Macht über die Deutschen erringen konnte, es könnte auch helfen, seine Obsession für die Juden zu verstehen. Die hatte er sich als seine symbolischen Gegner ausgesucht.

All diese Symbole sind inzwischen im Lexikon der historischen und moralischen Reflexion verzeichnet. Wir glauben, dass diese Bosheiten Verirrungen waren, aber zunächst einmal sind es Tatsachen. Die Menschen müssen sie erforschen, um sicherzugehen, dass unser moralisches Vorstellungsvermögen so umfassend ist, wie es sein soll. Der Zweite Weltkrieg und der Holocaust sind zu Orientierungsmarken dafür geworden, wie man angemessen auf Geschehnisse dieser Art antwortet. Sie sind für uns Exempel einer singulären Gewalt, einer unübertreffbar bösartigen politischen Habgier.

Manchmal kann die Art und Weise, wie sich die Deutschen über ihre Wahrnehmung im Ausland beschweren, einen Juden wütend machen. Es hilft ihm auch nicht, wenn die Deutschen wieder und wieder betonen, sie seien für diese Wahrnehmung nicht verantwortlich. Die Deutschen tragen ihre symbolische Last seit ein paar Generationen, während die Juden dieses Schicksal seit Jahrhunderten erleiden. Es gibt Deutsche, die ihre Probleme den Juden anlasten. „Wenn es die Juden nicht gegeben hätte“, sagte mir eine Frau mit erstaunlicher Logik, „wäre es nicht zur Vernichtung gekommen und nicht zum schlechten Namen der Deutschen. Die Juden sind unser Unglück.“

Das Bedürfnis der Deutschen nach „Normalität“ erscheint aufrichtig und plausibel. In Wahrheit ist die Sache der Normalität außerordentlich kompliziert. Der Philosoph Isaiah Berlin bemerkte einmal, normal zu sein bedeute, dass man sich nicht beobachtet fühlt. Man könnte hinzufügen, Normalität ist ein Nichtgebundensein an eine symbolische Identität. Normalität bedeutet, keine Demonstration für und kein Beweis von etwas zu sein. Normalität impliziert das Recht, jene Eigenschaften für sich zu wählen, von denen man fühlt, dass sie konstitutiv für das eigene Wesen sind. Dieses Recht nicht zu haben ist bedrückend. Manche reagieren auf das Problem radikal. Sie erkennen nicht nur ihre symbolische Identität an, sondern wollen sich auch nicht anders als genau so definieren. Die verschiedenen ultrarechten Gruppen in Deutschland, Skinheads beispielsweise, sehen sich als Wiedergänger des Faschismus: Wenn sie sowieso als Nazis gesehen werden, wollen sie auch Nazis sein.

Verzeiht uns und assimiliert euch

Die meisten Deutschen lehnen solche Extreme ab. Sie wünschen, wie andere Nationen zu sein, in Ruhe gelassen zu werden mit ihrer Geschichte. Doch liegt eine gewisse Naivität im Glauben, jedes Volk habe das Recht, die Symbole zu wählen, von denen es wünscht, dass sie ihm zugehören. Ich denke, die Deutschen, die sich nach „Normalität“ sehnen, sehen nicht, wie Geschichte funktioniert. Sie trauen auf unschuldige Weise der Geschichte eine Kraft des Verzeihens zu, die ihr nicht innewohnt.

Als Martin Walser sich mit den Juden stritt, versuchte er dieses Dilemma aus der Welt zu schaffen. Er forderte die Juden in Deutschland auf, es zu lösen. Und zwar dadurch, dass sie sich ein für alle Mal „assimilierten“. Ich glaube nicht, dass er in seiner Absicht aufzustören ganz begriff, was er da sagte. Es hieße nämlich, die Juden sollten nicht nur ihre symbolische Identität, sondern ihr Wesen verleugnen, damit die deutsche Gesellschaft sie als „wirkliche“ Deutsche anerkennen könne. Der unangenehme Subtext: Diese Anerkennung wäre lohnend für jene, die sie gewährten, denn ihre eigene symbolische Identität wäre dann ebenfalls neutralisiert.

Tatsächlich ist nicht einmal sicher, ob die Deutschen von sich aus überhaupt etwas dazu beitragen können, ihre Sehnsucht nach einer normalen Existenz zu stillen. Ob es irgendeine Art Sühne oder ein Gelübde oder eine Tat der Großherzigkeit gibt, die ein einzelner Deutscher oder die Deutschen als Nation tun könnten, um ihre symbolische Last zu verringern. Sicher, Symbole, sogar ganze Völker als Symbole, verlieren mit der Zeit ihre emblematische Eigenschaft. In der Gefühlsstruktur finden Verschiebungen statt, Wahrnehmungen verändern sich. Eine Nation oder eine Rasse oder ein Kult haben dann nicht länger die Bedeutung, die sie hatten. Doch das passiert nicht, weil die Völker dies so wollten. Es muss eine gewichtige historische Veränderung, eine Veränderung der Weltsicht stattfinden. Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass sich die Deutschen symbolisch an ein Volk gebunden fühlen, das selbst seit so langer Zeit ein Symbol ist, und zweifellos ermessen viele Deutsche, wie komplex verflochten ihr Schicksal mit dem der Juden ist. Solange die Juden als symbolisches Gebilde gekennzeichnet werden, werden die Deutschen jene sein, welche die Juden umgebracht haben. Der Jude als Opfer hat als seinen Widerpart den Deutschen als Täter, und das ist vermutlich unangenehmer für die Deutschen als für die Juden, denn Deutsche sind an solche Zuschreibungen weniger gewöhnt.

Ein Jude kann sowohl Mitgefühl als auch Genugtuung empfinden, wenn er die Deutschen damit ringen sieht, aber es kann ihm auch erbärmlich und widerwärtig erscheinen, wie die Deutschen über ihre Unfähigkeit klagen, sich aus der Verstrickung mit dem jüdischen Leid herauszuwinden. Doch jetzt, da ich dies schreibe, glaube ich, die Deutschen werden von ihrer Last, Symbol zu sein, viel eher befreit als die Juden von ihrer.

Die jüdische Symbolhaftigkeit ist so tief eingraviert in die Psyche der Welt, dass es für Juden keine Möglichkeit zu geben scheint, ganz normal zu leben. Wenn irgendetwas übrig bleibt, das die Juden von den Deutschen fordern können, dann vermutlich dies: Die Deutschen dürfen nicht aufhören, von sich aus anzuerkennen, dass ihre Geschichte am historischen Leiden der Juden teilhat. Und dass eine solche Anerkennung auch bereitwillig vollzogen werden muss.

Die Hoffnung aufs Vergessen

Güte, Hochherzigkeit und eine Anerkennung der Gemeinschaft, die durch jene, die diese Güte einfordern, konstituiert wird – das ist das Geforderte. Vielen Deutschen ist das offenbar bewusst. Doch gibt es auch deutliche Anzeichen für das Gegenteil.

Vielleicht ist die komplexeste Frage für die Deutschen nicht die, ob sie ein Symbol für den Rest der Menschheit sind, sondern die, ob sie eines für sich selbst sind. Jedes symbolische Volk hat die Aufgabe, sich neu zu definieren, seine wesentliche Identität so weit wie möglich zu realisieren. Teil dieses Projekts ist das Hervorbringen veränderter Zeichen. Man darf fragen, was die deutsche Nation dazu beitragen kann. Was wäre stark genug, die Bilder, die ins Bewusstsein der Welt und der Deutschen selbst eingraviert sind, zu ersetzen? Ich zweifle daran, dass die Errichtung von Denkmälern und Museen ausreicht, und es erscheint mir noch unwahrscheinlicher, dass solche Zeichen aus Deutschlands Selbstdarstellung als einer „normalen“ Nation von erfolgreichen Industriellen und braven Konsumenten hervorgehen könnte.

Eine Antwort auf die eingeschlagenen Scheiben in der Reichskristallnacht kann heute nicht nur in der Errichtung gläserner Bürogebäude liegen. Die Schande des gelben Sterns ist nicht durch tausend luxuriöse Modekaufhäuser auszulöschen, noch ist die Unterjochung der Rassen durch Haarspaltereien darüber beseitigt, was einen seit langer Zeit in Deutschland lebenden Türken zum legalen Staatsbürger macht. Von den Deutschen darf erwartet werden, dass sie den Wert ihrer Nation nicht nach der Effizienz ihrer Fabriken und ihres Außenhandels bemessen, sondern durch Taten belegen, zu denen andere Nationen nicht verpflichtet sind. Keine andere Nation hat eine Dialektik erfahren, die so tief in die Fundamente der sittlichen Existenz eingedrungen ist. Wenn das nicht möglich ist – das könnte sein –, müssen die Deutschen auf das Vergessen hoffen. Dann wird es nur das Vergessen sein, das ihre symbolische Drangsal lindert und ihnen erlauben wird, so moralisch normal und träge zu werden wie andere Nationen auch.

Der amerikanische Lyriker C. K. Williams, geboren 1936 in New Jersey, ist Mitglied der American Academy of Arts und Professor für Anglistik in Princeton. Im Jahr 2000 erhielt er den Pulitzer-Preis

Aus dem Englischen von Walter Thümler

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 46/2002
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