Ein kleiner Staat, kurios zerrissen: zur einen Hälfte am Fuß der Alpen, zur anderen an der Peripherie Europas gelegen. Ein hochtrabener Name: Königreich Sardinien-Piemont. Und doch sollte genau hier, in seiner Hauptstadt Turin, im November vor genau 150 Jahren, ein neues Kapitel der europäischen Geschichte beginnen - verbunden mit dem Namen des Grafen Camillo Benso di Cavour. Im November 1852 berief ihn sein König Viktor Emanuel II. zum Ministerpräsidenten: eine Entscheidung von weitragender Bedeutung, sollte Cavour in diesem Amt doch neben Garibaldi zum Schöpfer des modernen Italien werden.Allerdings nahm damals kaum jemand in London oder Wien oder Sankt Petersburg Notiz davon, von diesem herzlich unbedeutenden Königreich und seinem herzlich unbekannten Ministerpräsidenten. Europa blickte in jenen Wochen nach Paris, wo Staatschef Prinz Louis Napoleon, der Neffe des großen Korsen, per Plebiszit die Wiedereinführung des Kaisertums beschließen ließ und am 2.Dezember 1852 als Napoleon III. den Thron bestieg. Doch sollte just jener parvenühafte Kaiser in der weiteren Geschichte des kleinen Königreichs Sardinien, seines Ministerpräsidenten und damit ganz Italiens noch eine schicksalshafte Rolle spielen...Es war ja tatsächlich ein seltsames Staatsgebilde, dieses Königreich Sardinien-Piemont. Außer der bitterarmen Mittelmeerinsel bestand es aus dem Fürstentum Piemont, dem westlich angrenzenden Savoyen (dem Stammgebiet der herrschenden Dynastie) und der ehemaligen Republik Genua. Otto von Bismarck, damals preußischer Gesandter beim deutschen Bundestag in Frankfurt am Main, bereiste 1853 Piemont. Sein Eindruck war niederschmetternd: "Die öffentlichen Straßen und zwar die großen Heerstraßen ... sind so, daß Extrapost mit leichtesten Wagen auf wenigstens dem halben Theil durch kein Trinkgeld aus dem kurzen Schritt gebracht werden kann. Die Posteinrichtungen sind unglaublich liederlich und keine Möglichkeit der Beschwerde. Der Postmeister in Susa, den ich mit den klarsten Artikeln des vom König unterschriebenen und höchst constitutionell contrasignirten regolamente sulla posta-cavalli gegenübertrat, lachte mich aus, und meine Drohung, mich in Turin zu beschweren, erfüllte ihn mit aufrichtiger Heiterkeit. Ich bin wahrhaft erstaunt, ein wie großer Abstand in puncto Europäischer Civilisation zwischen Zuständen nicht bloß bei uns [in Preußen], sondern in jedem Deutschen Staate und denen des ‰cultiviertesten' Italiänischen liegt."Den Namen des neuen Ministerpräsidenten erwähnt Bismarck an keiner Stelle, anscheinend hielt er es nicht der Mühe wert, sich für das bis dato rasch wechselnde politische Personal des kleinen Fürstentums näher zu interessieren. Dabei hätte es zwischen den beiden adeligen Herren, die nur ein Altersunterschied von fünf Jahren trennte, gewiss keine Verständigungsschwierigkeiten gegeben, in mancher Hinsicht sogar Übereinstimmungen - aber eben auch einige Differenzen grundsätzlicher Natur.Cavour, geboren am 10. August 1810 in Turin, wuchs ganz in französischer Atmosphäre und Kultur auf. Französisch war seine erste und eigentliche Muttersprache. Er schrieb - und dachte - zeit seines Lebens französisch, und noch seine Parlamentsreden musste er sich überarbeiten lassen, um im Italienischen keine Schnitzer zu machen. Sein Vater, ein Mann aus altem Piemonteser Adel, erzählte zwar, Camillo habe schon als Junge Verse von Dante und Petrarca rezitiert, doch in seinen Tagebüchern und Briefen finden sich eher Spuren der Lektüre Molières, La Bruyères, Byrons und Shakespeares als der großer italienischer Dichter. Cavour hing nicht einmal jener geistig-kulturellen Fiktion von Italien an, die seit Dante die Elite der Halbinsel einte. Es gehört zu den vielen Paradoxien der Einigungsgeschichte Italiens, dass einer ihrer wichtigsten Mitgestalter kaum Italiener war.Nicht Rom - London ist für ihn die "Stadt der Sonne" Denn vor allem war Cavour Europäer, adeliger Bürger des neuen, fortschrittlich-liberalen Europa. Er liebte die Schweiz, orientierte sich an Frankreich, Belgien und vor allem an Großbritannien. Nachdem eine Militärkarriere an der rebellischen Unruhe des jungen Kadetten gescheitert war, hielt sich Cavour lange im weltoffenen Genf, der Stadt seiner Mutter, in Paris und in London auf. Er genoss das gesellschaftliche und kulturelle Leben, besuchte aber auch Universitäten und Akademien, besichtigte Gefängnisse, Krankenhäuser und Armenviertel, Eisenbahnprojekte und Fabriken. Angeregt durch eine entsprechende englische Enquete, verfasste er 1834 eine Studie über die Armut in den Staaten des sardischen Königreichs und schrieb 1845 einen viel beachteten Aufsatz über die Bedeutung des Eisenbahnwesens für die Entwicklung seines Landes. Diese umfassenden theoretischen und praktischen Kenntnisse ließen Cavour sehr wohl den Abstand seines Landes zur "europäischen Civilisation" ermessen. Er empfand sein Vaterland als "malheureuse" und hätte wohl dem vernichtenden Urteil Bismarcks über die Rückständigkeit Piemonts in jeder Hinsicht beigepflichtet. Im Übrigen kannte Cavour das weitere Italien kaum und wollte es auch zeit seines Lebens nicht kennen lernen. London, ausgerechnet, erschien ihm als die "Stadt der Sonne" - nicht Rom, Neapel oder gar Palermo. Dennoch war Italien für ihn mehr als nur ein"nom géographique" , wie Fürst Metternich es zur Zeit des Wiener Kongresses einmal spöttisch genannt hatte. Cavour sah, dass der Süden - der päpstliche Kirchenstaat und das Königreich Neapel - noch unendlich viel weiter hinter der "europäischen Civilisation" herhinkten als sein heimatliches Piemont und auch das unter direkter oder indirekter Habsburger Herrschaft stehende übrige Ober- und Mittelitalien. Er verspürte Verantwortung für dieses Italien, das zum europäischen Problem zu werden drohte. Unter welchen Bedingungen die Rückständigkeit überwunden werden konnte - diese Frage allerdings wäre wohl von Bismarck grundsätzlich anders beantwortet worden als von Cavour. Das politische Klima in Piemont gefiel Bismarck noch weniger als die Infrastruktur. In der Presse herrsche, so berichtete der preußische Gesandte 1853 weiter, der "rohste Styl rother Demokratie. Amerika gegen ein Russisches Europa ist der Schlußgedanke, den ich auch in Deutschen rothen Blättern gefunden habe, und schließlich die ‰Vereinigten Staaten von Europa'." Unter die "rothen Blätter" rechnete Bismarck ohne Zweifel auch die von Cavour zusammen mit Cesare Balbo seit Ende 1847 herausgegebene Zeitschrift Il Risorgimento (Das Wiedererstehen), die dem gesamten Prozesss der italienischen Einigung den Namen geben sollte. Mit diesem Blatt griff Cavour, der schließlich die Karriere eines Geschäftsmannes eingeschlagen hatte, kurz vor Ausbruch der 48er Revolution in die politische Diskussion seines Landes ein. Sein Ziel war es, dem Liberalismus des Justemilieu Gehör zu verschaffen. Cavour war durch die Verwandten seiner Genfer Mutter schon früh mit republikanischen und demokratischen Ideen in Berührung gekommen. Im Palazzo Cavour im Herzen Turins herrschte die Atmosphäre eines freisinnigen Salons. Sein Genfer Cousin Auguste de la Rive charakterisierte Cavour deshalb als "von Natur und Geburt aus liberal, genauso wie er blond, lebhaft und geistreich war". Fortschritt blieb für ihn - anders als für Bismarck - untrennbar mit bürgerlichen Freiheiten verbunden.Allerdings war er ein konsequenter Liberaler, kein radikaler Demokrat. "Ich war", schreibt er an de la Rive, "lange Zeit unentschlossen zwischen diesen Strömungen. Der Verstand drängte mich zur Mäßigung; aber der tiefe Wunsch, unsere Reaktionäre auf den Weg des Fortschritts zu bringen, drängte mich auf die Seite der revolutionären Bewegung. Nach heftigem, gewaltsamem Hin- und Herschwanken habe ich mich selbst im juste-milieu eingependelt. Daran halte ich ehrlich fest, das heißt, ich wünsche, erhoffe und erstrebe den gesellschaftlichen Fortschritt, jedoch nicht um den Preis einer vollkommenen politischen und gesellschaftlichen Umwälzung."Die Revolution von 1848 scheitert auch in Italien Nachdem die 48er Revolution in ganz Europa genau dieses Gespenst einer radikalen Umwälzung heraufbeschworen hatte, zeigte die Errichtung des zweiten Kaiserreichs in Frankreich durch Louis Napoleon 1852 an, dass das Pendel in die andere Richtung auszuschwingen begann. In Italien waren die republikanisch-demokratischen Erhebungen, mit dem radikalen Republikaner Giuseppe Mazzini an der Spitze, 1848/49 ebenso kläglich gescheitert wie die Versuche, Ober- und Mittelitalien von der österreichischen Fremdherrschaft zu befreien. Noch heute bedeutet der Ausdruck fare un quarantotto (ein 48 machen) so viel wie "ein heilloses Durcheinander veranstalten". Die Hoffnung, dass aus der demokratischen Revolution unmittelbar die nationale Einigung erwachsen würde, hatte sich als Trugschluss erwiesen, genauso wie das Versprechen des sardischen Königs Karl Albert, des Vaters Viktor Emanuels, Italien werde seine Probleme aus eigener Kraft lösen ("Italia farà da se"). Politische Freiheit, Unabhängigkeit und nationale Einheit waren, wenn überhaupt, nur durch die Verbindung innerer Reformen und geschickter Außenpolitik zu erhoffen. Und wenn auch ganz am Ende, 1861, ein Staat stand, der drei Königreiche (Sardinien-Piemont, Lombardo-Venetien und Sizilien) und vier Mittel- oder Kleinstaaten (Teile des Kirchenstaats, Toskana, Parma und Modena) umfasste, so zögert man doch, im Falle Italiens von einer Reichsgründung zu sprechen, denn zu widersprüchlich war der Prozess und zu problematisch das Ergebnis. Noch weniger zutreffend sind allerdings die Begriffe, die sich in Italien selbst eingebürgert haben: Weder handelte es sich um ein risorgimento, um ein Wiedererstehen, denn ein irgendwie ähnliches Staatsgebilde hatte es zuvor nie gegeben, noch kann von Einigung unter einigermaßen gleichberechtigten Partnern die Rede sein. Verschwiegene Amouren und RomanzenAm treffendsten hat vielleicht der Pisaner Historiker Luciano Cafagna die Entstehung des italienischen Nationalstaats beschrieben und die Rolle, die Cavour dabei spielte. In seiner 1999 erschienenen Cavour-Biografie vergleicht er diesen Prozess mit der Produktion eines Filmes frei nach Federico Fellini: Bei der Vorstellung des Drehbuchs herrscht große Begeisterung, aber sobald die Dreharbeiten beginnen sollen, läuft alles schief. Dem Produzenten geht das Geld aus, die Schauspieler sind nur mit sich selber beschäftigt, das Studiopersonal tritt wochenlang in den Streik, und der Regisseur droht mehrmals damit, alles hinzuschmeißen. Schließlich hält er, entnervt und deprimiert, doch durch, und der Film kommt irgendwie zustande. Bei der Premiere liegen sich alle Beteiligten jauchzend und zu Tränen gerührt in den Armen - streben dann aber, kaum dass die Vorführung zu Ende ist, in alle Richtungen davon. Der Regisseur bleibt allein vor der Leinwand zurück und fragt sich, ob er nicht alles hätte anders machen sollen. Die Rolle des Regisseurs: Das war Cavours Rolle. Er, der noch vor seiner politischen Karriere 1849 zum Direktor der Turiner Bank und der Turin-Genueser Eisenbahnverwaltung aufgestiegen war, hatte die Kraft und die Souveränität zu vermitteln. Er war vorurteilsfrei bis zur Skrupellosigkeit - übrigens auch im privaten Leben, wo er, sehr zum Ärger der Familie, statt in den heiligen Stand der Ehe zu treten, sich lieber in allerlei verschwiegenen Amouren und Romanzen vergnügte. In den entscheidenden politischen Fragen aber war er unverrückbar und prinzipienfest bis zum Starrsinn. Zudem schien die Turiner Ausgangsposition günstig, war doch das Königreich Sardinien der einzige Staat in Italien, in dem die Verfassung nach 1849 nicht zurückgenommen worden war. Zwar drohte das so genannte Statuto durch die unversöhnlichen Gegensätze zwischen den royalen und klerikalen Konservativen und den radikalen Demokraten zerrieben zu werden, aber Cavour, 1850 erstmals zum Minister berufen, schuf eine Art neue Mitte - ein Bündnis aus der gemäßigten Linken und der gemäßigten Rechten, um in Piemont grundlegende Reformen durchzuführen. Mithilfe dieses so genannten connubio (Ehebund) verwandelte sich das Königreich von einer konstitutionellen in eine parlamentarische Monarchie und wurde zu einem Anziehungspunkt für alle fortschrittlichen Geister in ganz Italien. Umsichtig vermittelnd, auf Koalitionen bedacht, nicht ohne den einen oder anderen Schleichweg zu nehmen, kam der Ministerpräsident auch in der italienischen Frage voran. Vor allem musste er Napoleon III. für ein Bündnis gegen Österreich gewinnen. Cavours Meisterstück war das Geheimtreffen in dem französischen Thermalbad Plombières im Juli 1858, bei dem die Erweiterung des Königreichs Sardinien-Piemont bis zum Apennin und die Bildung zweier weiterer Königreiche unter französischem Einfluss vereinbart wurde. Dafür scheute sich Cavour nicht, seinen König so lange unter Druck zu setzen, bis dieser der Verheiratung seiner 15-jährigen Tochter Klothilde mit dem als Weiberheld und Trunkenbold bekannten Cousin des Kaisers zustimmte. Als kleine Dreingabe sollte Frankreich zudem die Stammlande des Königshauses in Savoyen und die Hafenstadt Nizza erhalten.Cavours Schachzug war auf den ersten Blick nicht besonders originell. Immer wieder, seit 1494, seit den Tagen Ludovico Sforzas, hatten Italiens Fürsten und Fürstlein fremde Herrscher zu Hilfe geholt, um Italiens Eigenständigkeit zu garantieren - mit dem immergleichen verheerenden Ergebnis: Statt zur Befreiung Italiens beizutragen, wechselten die fremden Mächte einander in der Herrschaft über Italien ab. Auch diesmal schien es nicht anders zu verlaufen, als Frankreich, nachdem sich Österreich im Sommer 1859 endlich zu einem Krieg in Oberitalien hatte provozieren lassen, nach den grausigen Schlachten von Magenta und Solferino, am 12. Juli 1859 unerwartet den Vorfrieden von Villafranca schloss, ohne die Vereinbarungen von Plombières zu erfüllen. Cavour trat zurück. Doch da kam ein weiterer Verbündeter Cavours ins Spiel, eine Macht, die erst im 19. Jahrhundert die politische Bühne betreten hatte und die er raffiniert für seine Ziele einzusetzen verstand: die öffentliche Meinung. Denn ebenso intensiv und ebenso heimlich, wie der piemontesische Ministerpräsident seine Kontakte zum Clan der Napoleoniden pflegte, war er auch an der Gegenfront engagiert. Wie von selbst war auf dem Humus der liberalen Reformen Cavours 1857 eine neue Organisation entstanden, die Società Nazionale. In ihr fanden sich führende Demokraten und ehemalige Anhänger Mazzinis zusammen, darunter der Volksheld Giuseppe Garibaldi; in ihrem Programm indes war kaum noch etwas von den demokratischen Ideen aus der Zeit vor 1848 übrig geblieben. Statt dessen lautete die Losung nun "Vittorio Emanuele, re d'Italia!" ("Vittorio Emanuele, König Italiens"), abgekürzt "Verdi". Cavour zögerte keinen Augenblick, mit dieser neuen politischen Gruppierung heimlich in Beziehung zu treten, und er hatte auch nichts dagegen, als sich die Mauern in ganz Ober- und Mittelitalien mit der Parole "Viva Verdi!" bedeckten, die auf den ersten Blick nur dem beliebten Komponisten zu huldigen schien. Noch während des Krieges in Oberitalien hatten die Patrioten der Società Nazionale die Regierungen der mittelitalienischen Staaten gestürzt und verhinderten nach dem überraschenden Vorfrieden von Villafranca nun die dort vereinbarte Restauration. Die provisorischen Parlamente der Toskana, von Modena, Parma und der Emilia-Romagna sprachen sich für den Anschluss an das Königreich Sardinien aus - Voraussetzung für die Verwirklichung der in Plombières geplanten Erweiterung bis an die Grenzen des Kirchenstaats.Kaum jedoch war Cavour nach diesem Erfolg auf seinen Posten als Ministerpräsident zurückgekehrt, begannen die Patrioten ihrerseits, sich seiner Führung zu entziehen und auf eigene Faust zu handeln. Um Aufständischen in Sizilien zu Hilfe zu kommen, brach Garibaldi mit seinem "Zug der Tausend" in den Süden auf und fegte zum fassungslosen Erstaunen Europas das verrottete Bourbonen-Regime im Nu hinweg. Nach nur sechs Monaten stand er 7. September 1860 als Diktator in Neapel. Anders als bei dem radikalen Republikaner Giuseppe Mazzini hatte Cavour die Leistung und Bedeutung Garibaldis bald anerkannt. "Garibaldi", schrieb er an den Vertrauten Costantino Nigra, "hat Italien den größten Dienst geleistet, dessen ein Mensch fähig ist: Er hat den Italienern Selbstvertrauen gegeben und hat Europa gezeigt, dass die Italiener auf dem Schlachtfeld zu kämpfen und zu sterben verstehen, um sich ihr Vaterland zu erobern."Der König kommt nach Sizilien - Garibaldi dreht beiTrotz dieser Wertschätzung konnte und wollte Cavour weder dulden, dass im Süden ein eigenständiges Reich entstand und so "die Fahne der Revolution neben derjenigen des Königs wehe", noch dass die Revolution ihren Siegeszug gen Norden fortsetzte. Unter einem fadenscheinigen Vorwand schickte der Ministerpräsident deshalb seinen wackeren Viktor Emanuel an der Spitze eines Heeres in den Süden. Dass es dort, bei dem Städtchen Teano, nur zu einer frostig-friedlichen Begegnung zwischen dem künftigen König Italiens und dem amtierenden Diktator über fast die Hälfte des späteren italienischen Territoriums kam und nicht zum blutigen Zusammenstoß, ist allein der bitteren, aber weisen Selbstbescheidung Garibaldis zu danken. Am 14. März 1861 erklärte das neu gewählte gesamtitalienische Parlament in Turin Viktor Emanuel per Gesetz zum "König von Italien" - Cavour hatte es formuliert und eingebracht.Trotz eines heftigen, von Garibaldi ausgelösten Eklats im neuen Parlament versöhnte sich Cavour in einem Gespräch unter vier Augen wenigstens vordergründig mit ihm. Denn er war sich allzu schmerzlich der Tatsache bewusst, dass der in nur zwei Jahren entstandene Staat neue Probleme geschaffen hatte. Zudem war die italienische Frage noch nicht wirklich gelöst, solange Venedig unter österreichischer Herrschaft stand und der mittelalterliche (inzwischen auf die Stadt Rom und Latium geschrumpfte) Kirchenstaat des Papstes wie ein Stachel im Fleisch des neuen Italien steckte. Cavour betrachtete die "römische Frage" als vorrangig, setzte aber auf die Wirkung der Zeit, denn er war überzeugt: "Im nächsten Jahrhundert wird die Trennung von Kirche und Staat eine von allen Parteien anerkannte, vollzogene Tatsache sein." Cavour selbst konnte dafür nur noch wenig tun. Am 6. Juni 1861 erlag er im Alter von 50 Jahren in seiner Heimatstadt Turin einem heftigen Malariaanfall - da sollte in Deutschland Bismarck sein Einigungswerk durch Eisen und Blut gerade erst beginnen.