Eine Minute maximal, länger dauert es nicht, bis wieder einer um die Ecke gebogen kommt, Koffer in der Hand, schlurfenden Schritts unterwegs zu anderen, die ebenso gehen und ebensolche Koffer haben. Ein ganz gewöhnliches Bild an einem Tag im Oktober. Man nimmt die Prozession kaum mehr wahr, wenn man von den Tischen der Cafés aus die AvenueA hinunterschaut.

Nicht umsonst gilt die Quadratmeile rund um den Tompkins Square Park als Ort mit der höchsten Gitarristendichte der Welt. Scherzhaft, aber auch ein wenig stolz haben lokale Zeitungen davon gesprochen, und stimmt es etwa nicht? Die Gitarre wird hier herumgetragen wie anderswo Plastiktüten. In den Secondhand-Shops können junge Talente die Instrumente derer erstehen, die in ein bürgerliches Leben zurückgekehrt sind. Die Plattenläden verkaufen, was der moderne Rock ’n’ Roller sonst noch braucht: von Joey-Ramone-Püppchen bis hin zu handsignierten Punk-Singles aus den Siebzigern.

Man könnte sie freilich auch für Devotionalienhandlungen halten und die Koffernomaden für Darsteller in einem Film. Ein Zug von Folklore umgibt die pittoreskeren Ecken des Viertels, St.Mark’s Place mit seinen T-Shirt-Ständen und Restaurants im Westen. Südlich, vor dem legendären CBGB’s, wo die Ramones und die Talking Heads ihre ersten Konzerte gaben, lassen sich Mädchen mit grünen Strähnen im Haar von ihrer Mutter beim Anderssein fotografieren. Schaulustige, die die Tour in Richtung Osten machen, um spätestens vor den tristen Wohnblocks der AvenueD kehrtzumachen, blättern unterdessen in Reiseführern, angestrengt auf der Suche nach dem bohemischen Dorf von früher.

Konspiration auf der Hinterbühne

Hier hat alles angefangen. Nicht nur maßgebliche Erneuerungsbewegungen der Popkultur, auch Avantgardedichtung, experimentelles Theater und Malerei keimten im New Yorker East Village – wenn sie nicht aus Greenwich Village kamen, seinem Zwilling im Westen. Pazifismus, Neomarxismus, Neofreudianismus, Schwulenbewegung, Women’s Lib: In einer Kulturgeschichte des Nonkonformismus müssten die beiden Stadtdörfer zwischen Finanzdistrikt und den besseren Wohngegenden uptown ein Riesenkapitel bilden mit all ihren Exzentrikern, die ihre Überzeugungen am eigenen Leib erprobten, ganz im Sinne des berühmten Satzes von Djuna Barnes, nur ein Leben, das man sich selbst erfunden hat, gehöre einem wirklich.

Heute ist Greenwich Village ein Hochglanzprospekt, zumindest für New Yorker Verhältnisse, und das stets etwas verrufenere East Village nahezu clean. Mit dem Großteil der Obdachlosen – durch die Politik des Altbürgermeisters Giuliani in die Außenbezirke verbannt – sind auch die Hausbesetzer verschwunden und mit den Hausbesetzern erschwinglicher Wohnraum, sodass von den vielen Bars mit Bühnen, für die das Viertel einmal bekannt war, nur wenige geblieben sind.

Ganz allerdings ist die Szene nicht bereinigt. In letzter Zeit gab es Gerüchte, da käme wieder was: eine neue Boheme, eine Sammlungsbewegung der Unangepassten. Folk spielten sie wie in den Sechzigern, allerdings auf halb kaputten, scheppernden Instrumenten. Das Haar stünde ihnen zu Berge, aber aus Prinzip: Nichts juckt den Durchschnitts-New-Yorker bis heute mehr als Fragen der Körperbehaarung.

Dass das Sidewalk Café ein konspirativer Ort ist, würde man nicht vermuten. Von außen unterscheidet es sich kaum von den anderen Etablissements: studentisches Publikum, ein paar Tische im Freien, die dem Bürgersteig abgetrotzt wurden. Erst tief im Innern öffnet der handtuchbreite Raum sich zu einer Höhle, in deren hinterstem Winkel ein Podest steht. Montags aber, pünktlich um acht, drängeln sich bis zu drei Dutzend Auftrittswillige um den Platz am Mikro. „Acht Minuten oder zwei Nummern“, kräht ein gewisser Lach vom Mischpult aus, „und Geduld, Leute! Spätnachts, ohne die ganzen Touristen, wird’s oft erst richtig lustig.“