bildung Allround-Experten fürs Soziale
Deutsche Kindergärtnerinnen sind schlecht ausgebildet und werden miserabel bezahlt
Leipzig wartet nicht auf bessere Zeiten. Leipzig fängt jetzt einfach an. Als erste Kommune in Deutschland schickt die Sachsenstadt ihre Kindergärtnerinnen noch einmal auf die Schulbank. Ob 19-jährige Berufsanfängerin oder 60-jährige Kita-Leiterin: Niemand wird sich der „Qualifizierungsoffensive“ entziehen können. Die Erzieherinnen werden sich mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen aus Entwicklungspsychologie und Familiensoziologie auseinander setzen. Sie erfahren, was Vorschulkinder bereits wissen sollten, und erproben praktisch, welche modernen Lernmethoden die Frühpädagogik entwickelt hat. „Wenn niemand den Mut hat, die Ausbildung der Erzieher stärker an die Wissenschaft zu binden, müssen wir eben nachschulen“, sagt Projektleiterin Marion Musiol. „Sonst wissen die Kinder bald mehr als ihre Erzieher.“
Längst ist die Pisa-Debatte in den Kindergärten und bei ihrem Personal (98 Prozent der Erzieher sind Frauen) angekommen. Rund 4000 Stunden verbringt ein Kind vor seiner Schulzeit in einem Kindergarten. Was tut es in dieser Zeit eigentlich?, fragen sich Eltern und Politiker gleichermaßen. In den ersten Jahren bis zum fünften Geburtstag, so haben Neurowissenschaftler herausgefunden, werden die wichtigsten Weichen gestellt für die Entwicklung des Gehirns. Erzieherinnen könnten damit zu Schlüsselfiguren in den Bildungsbiografien unserer Kinder werden. Doch werden sie dieser Rolle gerecht? Dürfen Kindergärten weiterhin „bildungsfreie Räume“ bleiben, in denen zwar viel gebastelt, gespielt und gekuschelt wird, aber wenig gelernt? Schon fordert Bundeskanzler Schröder ein „Recht auf Bildung für die Drei- bis Vierjährigen“ (ZEIT Nr. 27/02), kündigt das Berliner Familienministerium einen nationalen Bildungsplan für Kindergärten an.
Bayern und Bremen preschen vor und erarbeiten verbindliche Rahmencurricula für ihre Kleinsten. Sie sollen festlegen, was Eltern für ihren Nachwuchs erwarten dürfen. Zum Bildungskanon für das Vorschulalter gehören erste Erfahrungen mit Buchstaben ebenso wie kleine naturwissenschaftliche Experimente. Die Kinder sollen wissen, wozu Zahlen gut sind, verstehen, wenn etwas größer oder kleiner ist, und eine Vorstellung entwickeln von heute und morgen, früher und später. Rollenspiele gehören ebenso zum Kindergartencurriculum wie die Erfahrung, dass es andere Sprachen gibt, die man lernen kann.
Die Kindergärten, so die Idealvorstellung, sollen zu kleinen Laboratorien und Ateliers werden, wo das Beschäftigen mit Kunst, Musik, Theater dazu gehört wie der tägliche Morgenkreis. In manchem deutschen Kindergarten passiert das längst. Doch es ist oft dem Zufall und dem punktuellen Engagement einzelner Erzieherinnen überlassen, wie viel Anregung sie den Kindern bieten – oder ob sie sie nur für einige Stunden verwahren.
So müssen sich deutsche Kindergärtnerinnen die Frage gefallen lassen: Seid ihr überhaupt gebildet genug, um unsere Kinder schlau zu machen? In allen europäischen Ländern müssen angehende Kindergärtnerinnen das Gymnasium besucht haben, in Deutschland genügt der Realschulabschluss. In allen Nachbarstaaten (außer Österreich) werden Erzieher zu Experten für das frühe Lernen ausgebildet. Sie erfahren, auf welche Weise das Gehirn von Vorschulkindern Neues verarbeitet und wie man Entwicklungsverzögerungen diagnostiziert. An einer Fachhochschule oder Universität lernen sie, wie man Kindern aus fremden Kulturen die Sprache des Landes beibringt oder wie Vier- oder Fünfjährige mit dem Computer vertraut gemacht werden.
Politiker ignorieren das Problem
Hierzulande begnügt man sich dagegen mit einer „Breitbandausbildung“ an einer Fachschule. Die staatlich geprüften Allrounder fürs Soziale können sich anschließend in der Jugendarbeit bewerben, mit Drogenabhängigen und Behinderten arbeiten – oder eben im Kindergarten. Hier jedoch fehlt ihnen das spezielle Wissen: So richten viele Kindergärten zurzeit Computerinseln ein, doch nur wenige Erzieherinnen wissen mit den neuen Apparaten etwas anzufangen. Weiteres Beispiel Musik: Zwar steht das Musizieren bei vielen Fachschulen als Wahlfach auf dem Stundenplan, doch zu mehr, als ein paar Kinderlieder auf der Gitarre zu begleiten, reicht es am Ende nicht.
Mit solch einem Abschluss kommen deutsche Erzieherinnen in finnischen oder schwedischen Kindergärten höchstens als Hilfskräfte infrage. „Deutschland verpasst den Anschluss an Europa“, sagt Wassilios Fthenakis vom bayerischen Staatsinstitut für Frühpädagogik. Schließlich habe der internationale Leistungsvergleich gezeigt: Pisa-Spitzenreiter waren jene Länder, die ihre Kinder schon lange vor der Schule lernen, forschen und experimentieren lassen – und dafür entsprechend in die Ausbildung der Vorschulpädagogen investieren.
Deutschlands Kultusminister scheint das bislang nicht zu stören. Eine EU-Empfehlung von 1996, die fordert, dass Erzieherinnen zumindest das Abitur in der Tasche haben sollten, wird ebenso ignoriert wie die regelmäßigen Forderungen von Wissenschaftlern und Kleinkindexperten, die Ausbildung stärker an Forschung und Wissenschaft zu binden. Denn gut ausgebildete Spezialisten kosten Geld. Und genau da enden alle Reformbemühungen. So viel sind sie uns dann doch nicht wert, die lieben Kleinen.
Trotz Pisa gilt bei deutschen Bildungspolitikern nach wie vor das Prinzip: Je älter das Kind, umso mehr ist es der Gesellschaft wert – und umso mehr dürfen die Menschen kosten, die sich um seine Bildung und Erziehung kümmern. Kindergärtnerinnen verdienen weniger als die Hälfte des Gehalts einer Grundschullehrerin. Und genau das wird auch in Zukunft so bleiben. Denn die meisten Städte und Gemeinden sind schon damit überfordert, das 1996 gegebene Versprechen einzuhalten, für alle Jungen und Mädchen über drei Jahre einen Kindergartenplatz zu finanzieren. Nun auch dem Personal das Gehalt zu verdoppeln, gleicht einer sozialen Utopie. Dass Bundeskanzler Schröder noch im Frühsommer versprach, bei einer Bildungsreform im Vorschulbereich „die Kommunen nicht allein zu lassen“, zeigt bisher wenig Wirkung. Laut Koalitionsvertrag können sie sich nun zumindest mal auf eine Einladung zum „Bildungs- und Betreuungsgipfel“ freuen.
Melanie Schunke erfährt jeden Monat, wie wenig die Arbeit mit Kindern diesem Land wirklich wert ist: 1265 Euro netto. Die 26-Jährige erfüllt einen ganz besonderen Bildungsauftrag: ausländische Kinder mit der deutschen Gesellschaft und der deutschen Sprache vertraut zu machen. Die Kinder der Kita in der Hamburger Mennonitenstraße stammen aus 16 Nationen. Manche kommen mit drei oder vier Jahren in die Gruppe und schweigen ein halbes Jahr, so ungewohnt ist für sie eine Deutsch sprechende Umgebung. Melanie Schunke will ihr Augenmerk in den nächsten Jahren auf die Sprachförderung legen. Jede Erzieherin in der Kita Mennonitenstraße wird sich in den kommenden Jahren gezielt weiterbilden, um so ein eigenes Bildungsprofil zu erlangen. Die eine tanzt, die andere tischlert, die dritte weiß, wie man Kindern den Spaß am Sprechen und Erzählen vermittelt. Vorbei die Zeit des Zehnkämpfertums, da jede Kindergärtnerin alles können sollte. Die neuen Anforderungen, das haben die meisten Einrichtungen erkannt, können nur als Team bewältigt werden. Melanie Schunke hätte nichts dagegen, sich noch mal für längere Zeit in einen Hörsaal zu setzen. „Wenn mir ein Studium inhaltlich etwas Neues und Interessantes bieten kann, warum nicht?“
So schnell wird sie sich nicht entscheiden müssen. Es gibt kein Studium für Erzieherinnen, nirgends. Vor fast drei Jahren hat die Berliner Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialpädagogik als Erste einen Modellstudiengang entwickelt. Künftige Erzieher sollen durch ein vierjähriges FH-Studium den Titel Bachelor of Education erhalten. Dreimal wurde der Antrag von der Bund-Länder-Kommission bisher zurückgewiesen, zuletzt am 5.September. „Es geht zunächst um einen Versuch mit 25 Studenten, das ist alles. Aber selbst dafür fehlt der Mut“, sagt die Berliner Sozialwissenschaftlerin Hilde von Balluseck.
Denn die meisten Bundesländer setzen darauf, die „Fachschulen aufzuwerten, anstatt sie abzuschaffen“, sagt Georg Seletzky, der Vorsitzende des Unterausschusses berufliche Bildung der Kultusministerkonferenz (KMK) – und zwar aus finanziellen Gründen. Die Diskussion um eine Reform der Erzieherausbildung sei sehr „lohngeleitet“, hört man bei den zuständigen Ländervertretern. Die Angst vor einem neuen Tarifgefüge für die Berufsgruppe ist groß.
Zwar hat die KMK vor zwei Jahren beschlossen, dass Bewerber für eine Erzieherausbildung neben dem Realschulabschluss in Zukunft eine berufliche Vorbildung vorweisen müssen. In Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen zum Beispiel müssen sie in Zukunft neben der mittleren Reife ein einjähriges Praktikum vorweisen. Dort beginnen die Erzieherinnen dann mit gerade einmal zwanzig Jahren ihren Job – und sollen Gespräche über Erziehungsvorstellungen und Bildungskonzepte mit Müttern führen, die mitunter doppelt so alt sind wie sie. „Zu jung und mental noch nicht reif für diesen Beruf“, seien die jungen Erzieherinnen sagt Ilse Wehrmann, Vorsitzende der Bundesvereinigung Evangelischer Kindertageseinrichtungen.
Wenig Geld, geringes Ansehen
Die Hamburger Fachschulen haben ihre Zugangsbedingungen schon vor vier Jahren verschärft. „Wir haben reformiert, was wir konnten. Wir haben neue Inhalte, und trotzdem kommen wir an unsere Grenzen“, sagt Rainer Schulz, Leiter der Fachschule Wagnerstraße. „Unsere Schüler beginnen die Ausbildung nun zwar höher qualifiziert, aber das bringt noch nicht die Generation an Erziehern hervor, die wir uns wünschen.“ Barbara Schmitt-Wenkebach, Studiendirektorin an der Fachschule des Pestalozzi-Fröbel-Hauses in Berlin, formuliert es noch deutlicher: „In unseren Klassen sitzen vor allem Leute mit minderem Bildungsstand, das spürt man an Grundfertigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Allgemeinbildung ist kaum vorhanden, historisches Wissen schon gar nicht.“
Für Abiturienten jedoch ist der Beruf finanziell zu unattraktiv, das Image zu schlecht. Viele der angehenden Erzieher hätten Schule immer als Last und Zeitverschwendung empfunden, sagt Schmitt-Wenkebach: „Nun kommen sie an die Fachschulen und setzen ihre negativen Schulerfahrungen fort.“ Es gibt Klassenarbeiten, Anwesenheitslisten, Noten in mündlicher Mitarbeit. „Selbstständigkeit wird regelrecht verhindert“, kritisiert Schmitt-Wenkebach.
Deutschsprachigen Erzieherinnen, die mehr lernen möchten, bleibt bislang nur der Weg nach Südtirol. Physik, Mathematik und Informatik, Zeichnen und Musik, Geografie und multikulturelle Pädagogik – alles, was an den deutschen Fachschulen nicht oder nur mangelhaft unterrichtet wird, steht seit vier Jahren auf dem Lehrplan für Kindergärtnerinnen an der Freien Universität Bozen. Der Studiengang Bildungswissenschaften für den Primarbereich hat im Sommer die ersten Absolventen entlassen. Kindergärtnerinnen und Grundschullehrerinnen werden im Grundstudium gemeinsam ausgebildet und spezialisieren sich dann noch zwei weitere Jahre. Das nimmt den Lehrern ihren Standesdünkel und ermöglicht eine Durchlässigkeit der Berufsgruppen. Das Universitätsstudium „wertet die gesamte Berufsgruppe auf“, sagt der Dekan Gerwald Wallnöfer. Kindergärtnerinnen werden nun als Akademiker eingestuft und bekommen die gleichen Gehälter wie Grundschullehrer. Das zieht wiederum mehr junge, motivierte Leute in den Beruf. Eine Deklassierung der bisherigen Erzieher findet trotzdem nicht statt. Viele erfahrene Erzieher werden als Tutoren in die Ausbildung einbezogen. Und es gibt die Möglichkeit, das Studium berufsbegleitend zu absolvieren. Wer im deutschen Reformstau nicht auf andere Zeiten warten will, den lädt Wallnöfer nach Bozen ein. Schließlich wird der Studiengang dreisprachig angeboten: Italienisch, Ladinisch und Deutsch.
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- Quelle (c) DIE ZEIT 47/2002
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