Essay Von Oberpfaffenhofen zum Mond
Rock ’n’ Roll oder Raubtierkapitalismus? Wir Nachkriegsdeutschen und unser Amerika
Über Amerika weiß jeder alles. Wer nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland geboren wurde, kennt kein Leben ohne jene „Amerika“ genannte Luftspiegelung, die ihn dauernd begleitet. Er nimmt unterschiedliche Haltungen zu ihr ein, verliebt sich in sie, demonstriert gegen sie, versucht sie zu ignorieren, himmelt sie an. Sie aber ist einfach immer nur da. Sie ist eine Art virtuelles Mosaik aus all jenen Bildern, die uns je in Lektüren, Erzählungen, Filmen und im Fernsehen begegnet sind. Natürlich spielen auch ein paar Wochen Amerika-Urlaub, vielleicht auch ein Auslandssemester oder sogar ein befristeter Job dort eine Rolle, aber die reale Intensität dieser Erinnerungen scheint sich nicht mit der ätherischen Qualität jenes Fantasiegebildes zu berühren, das wir vor Augen haben, wenn wir „Amerika“ sagen. Auch wer die Gelegenheit hat, am Drehort eine Filmkulisse zu betreten, wird feststellen, dass er der Aura des Films, den er im Kino sieht, dadurch nicht näher kommt.
Wie uns diese Luftspiegelung, genannt Amerika, erscheinen will, hängt im weitesten Sinne des Wortes von den Nachrichten ab, die wir empfangen, und wie sie auf uns wirken.
Was ich Luftspiegelung und virtuelles Mosaik genannt habe, ist zwar eine allgemeine Erscheinung, aber doch eine höchstpersönliche Sache, denn jeder weist den eigenen Erlebnissen selbstverständlich den höchsten Grad an Authentizität zu. Zu solchen Erlebnissen rechne ich auch Erzählungen, die man als Kind oder Jugendlicher gehört hat. Sie geben, wenn man so will, die Grundierung oder doch wenigstens die ersten Bildbestandteile jenes Mosaiks ab.
Eine solche Erzählung stammt von meinem Vater. Sie spielt in dem Dorf Wessling im oberbayerischen Fünf-Seen-Land, aus dem wir kommen. Im April oder Mai 1945 stand der Sechsjährige am Fenster der elterlichen Wohnung im ersten Stock eines Hauses an der Dorfkreuzung, als amerikanische Panzer heranrollten. Ich stelle mir Sherman-Panzer mit dem weißen Stern vor, wie es sie später als Spielzeug gab und wie sie in unzähligen Filmen zu sehen sind. Einer dieser Panzer richtete im Vorbeifahren sein Geschütz auf das Fenster im ersten Stock, aus dem der kleine Junge in die Mündung sah, bis sie endlich verschwand, nachdem der Panzer vorübergefahren war.
Es ist vor allem die Ambivalenz dieses Bildes, die sich mir eingeprägt hat. Die Befreier erscheinen zugleich auch als Bedrohung, und es muss sich erst herausstellen, ob es Frieden geben kann.
In der nächsten Erzählung ist dies längst entschieden. Sie handelt von dem 15-Jährigen, der Röhrenjeans trägt, mit der Tochter eines amerikanischen Offiziers befreundet ist und von ihr Kaugummis und Zigaretten bekommt, die er auf dem Schulhof vertickt. Und sie symbolisiert das merkwürdige Nebeneinander von Militär und Ökonomie das, besonders wenn es ernst wurde, unser Verhältnis zu Amerika immer geprägt hat.
Das Grundgefühl gegenüber Amerikanern und Amerika, das – sicher nicht nur – meine Kindheit beherrschte, war die Bewunderung ihrer Stärke, die ins Sagenhafte gesteigert schien. Die Amerikaner konnten sogar zum Mond fliegen. Sie taten es von Cape Kennedy aus, doch das Raumfahrtzentrum Oberpfaffenhofen spielte bei der Angelegenheit eine für mich zwar unverständliche, nach allgemeiner Einschätzung aber wichtige Rolle. Oberpfaffenhofen war damals ein Nachbardorf und ist heute ein Ortsteil Wesslings, und es war deshalb nur folgerichtig, wenn wir die erste Mondlandung letztlich als Dorfangelegenheit betrachteten, zugegeben: unter Leitung der Amerikaner, aber immerhin.
Es dauerte noch eine ganze Weile, bis mir dämmerte, dass es eine unsichtbare Grenze zwischen den Amerikanern und mir gab. Weder Militär noch Ökonomie hatten damit zu tun, sondern, seltsam genug, der Rock ’n’ Roll. Für die Vätergeneration war diese Musik ein ungeheuer drastisches Mittel gewesen, vom deutschen Wesen zu genesen und ja zur modernen Welt zu sagen. Berichtet wird von einem der Alten, der während der ersten Rock-’n’-Roll-Party Wesslings Mitte der fünfziger Jahre kopfschüttelnd auf der Holzbank vor dem aus allen Nähten platzenden Dorfcafé saß und fassungslos die Jugend für verrückt erklärte. Ähnliches konnte man sicher auf der ganzen Welt erleben, Amerika eingeschlossen, aber in Deutschland bedeutete Rock ’n’ Roll auch eine Absage an die Naziwerte der vorangegangenen Generation.
Für meine Generation war Rock ’n’ Roll schon eine Selbstverständlichkeit; uns beschäftigte, wie etliche amerikanische Jugendliche zur gleichen Zeit, nicht so sehr, wie wir zu Rock ’n’ Roll tanzen sollten, sondern wie wir Rock ’n’ Roll werden konnten. Das Bild dazu ist der von mir in einer frühen Phase meines Lebens gottähnlich verehrte Sohn des damaligen Wesslinger Bürgermeisters, den ich als lebensechte Kopie von Dennis Hopper in in Erinnerung habe, mit eigenem Stars-and-Stripes-Harley-Chopper, versteht sich.
Wie Millionen anderer Jugendlicher träumte ich mich Mitte der siebziger Jahre in eine längst untergegangene, aber auf Vinyl, Zelluloid und Papier konservierte Gegenwelt hinein, deren kultisches Zentrum Woodstock war. Wie wohl den meisten Kindern der Post-Achtundsechziger-Generation erschien mir „Protest“ vor allem als soziale Ausdrucksform, weniger als politisches Mittel.
Wir waren unbewusste Nostalgiker, die glaubten, sie seien die Avantgarde. Das, was wir für Protest hielten, war Mimikry, die wir uns von den einschlägigen Popkulturerzeugnissen abgeschaut hatten. Die schmerzliche Grenze aber, die wir erst später erkannten, war, dass wir keine Amerikaner waren. Keinem Deutschen würde es je vergönnt sein, so sexy und revolutionär über die Kanäle zu flimmern wie Jim Morrison, der ohnehin längst tot war, als wir noch übten. Jeder amerikanische Teenager konnte mit vollem Recht darauf hoffen, einmal ein Popstar zu werden, und manchen gelang es. Ein deutscher Popstar war zu jener Zeit einfach nur lächerlich. Das war nur zu deutlich an den erbarmungswürdigen Supergruppen-Kopien zu sehen, die am Wochenende mit selbst gebauter Trockeneisnebelanlage im Jugendzentrum auftraten. (Um zu erfahren, wie gruselig deutsche Popstars mit revolutionärem Gestus wirklich sind, mussten wir freilich erst auf BAP warten.)
Mein meistgeliebtes Kleidungsstück war damals ein olivgrüner US-Army-Parka mit einem Peace-Anstecker, den ich noch bei den Demonstrationen gegen die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen trug. Als die Sowjets 1979 in Afghanistan einmarschierten, saß ich auf der sonnenbeschienenen Terrasse meines Elternhauses, hörte Bob Marley und hielt den Weltuntergang für eine ausgemachte Sache. Zähneklappernd erwartete ich den atomaren Erstschlag der Amerikaner und verfluchte sie insgeheim. Warum diese Prinzipienreiterei? Lasst doch den Russen Afghanistan! Wir waren es gewohnt, unser Land in der Rolle des weltpolitischen Zaungastes zu sehen. Mehr noch: Deutschland hatte die Weltgeschichte hinter sich gelassen. Man hatte ja gesehen, was dabei herauskommt, wenn wir uns einmischen. Also war die einzig legitime Haltung die der untätigen Bündnistreue. In vorauseilendem Gehorsam erschien uns deshalb prinzipiell jeder weltpolitische Aktivismus verdächtig, selbst wenn er von den Amerikanern stammte. Viele konnten sich einfach nicht vorstellen, dass etwas anderes als eine Katastrophe dabei herauskommen würde.
Wider Erwarten ging die Welt dann doch nicht unter, und in den achtziger Jahren, nach dem Ende der Friedensbewegung, begann jenes bis heute andauernde Projekt der globalen Vernetzung und Ökonomisierung, dessen Symbole die Börse, der PC, MTV, CNN und später das Internet wurden. Die Wiedervereinigung ließ Deutschland endgültig und vollständig im Westen ankommen. Was Rock ’n’ Roll und Protestbewegung nicht vermochten, nämlich uns zu Amerikanern werden zu lassen, schien durch die Verheißungen des neuen Ökonomismus plötzlich möglich. Selbst der Golfkrieg wurde da nicht mehr als ernsthafte Zäsur erlebt. Das Erstaunen der deutschen Medien über das Ausbleiben einer neuen Friedensbewegung war ein Indiz für den Paradigmenwechsel, der sich bereits vollzogen hatte. Die Zeit des Antiamerikanismus schien endgültig überwunden.
Was wir Ende der Neunziger New Economy nannten, war eine Wiederentdeckung des Selfmademan, der bei uns von jeher zu den großen Mythen aus Amerika zählt. Jeder, der einmal mit dem Auto in einer amerikanischen Stadt unterwegs war oder einen Film darüber gesehen hat, kennt die Männer in Lumpen, die sich an Straßenkreuzungen einen Dollar verdienen wollen, indem sie ungefragt die Windschutzscheibe wischen. Diese Männer haben es zu Kinoruhm gebracht, weil sie eine Urszene des Amerikanischen Traumes verkörpern. Objektiv ist ihre Lage verzweifelt, doch statt aufzubegehren, glänzen auch sie noch mit einer Geschäftsidee.
Nur, wer „im Geschäft“ ist, kann auf Teilhabe hoffen. „Now you’re in business again“ meint als Redewendung auch: „Jetzt gehörst du wieder dazu.“ Wer nicht „im Geschäft“ ist, ist draußen. Also behauptet jeder von sich, „im Geschäft“ zu sein. Die persönlichen Beziehungen werden ökonomisiert, aus Liebenden werden Partner, und aus Bekannten Kunden. Wehe dem, der Vertrautheit zum Anlass nimmt, sich zu offenbaren, Misserfolge oder Versagensängste zu gestehen. Diese Dinge sind Geschäftsgeheimnisse, ihr Verrat wird bestraft. Nur vom Erfolg dürfen wir sprechen, und zwar nicht von dem der anderen, sondern von unserem eigenen. Ihn müssen wir erzählen, noch und noch, auch wenn es ihn gar nicht gibt.
Fast schon hatten wir vergessen, dass es von den Nachrichten abhängt, wie uns unsere Luftspiegelung, genannt Amerika, erscheinen will. Seit dem 11. September 2001 hat sie sich verfinstert. Das überströmende Mitgefühl der deutschen Fernsehzuschauer für die Amerikaner wandelte sich in furchtsame Skepsis, als diese ihre Absicht zu handeln verkündeten. Amerika befindet sich im Kriegszustand, und das belebt hierzulande schon vergessen geglaubte Ressentiments. Wieder sind es Militär und Ökonomie, die im Brennpunkt stehen, wie immer, wenn es verbindlich wird. In der Krise ist die deutsche New-Economy-Begeisterung dem Lamento über den „Raubtierkapitalismus“ gewichen – als wäre die Globalisierung eine amerikanische Schnapsidee gewesen, unter der wir nun zu leiden hätten.
Seit dem 11. September werden in den Vereinigten Staaten jene Mythen beschworen, mit denen Europäer, und die Deutschen zumal, besondere Schwierigkeiten haben. Es sind der Patriotismus und der Mythos der Selbsterneuerung in Krisenzeiten. Das damit verbundene eigentümliche Pathos legte uns schon immer ein herablassendes, wenn auch nicht ganz liebloses „die Amis“ auf die Zunge. Wir verstehen nicht ganz, was es etwa mit der kultischen Verehrung der New Yorker Feuerwehrmänner auf sich hat. Natürlich sehen wir, dass sie Großartiges geleistet haben und bewundern sie dafür. Den Amerikanern aber wurde ihr Einsatz zum nationalen Symbol.
Hätte man sich hierzulande beispielsweise eine ähnliche öffentliche Reaktion auf die Leistung der Sanitäter in Eschede vorstellen können? Wer anlässlich dieser oder einer anderen Katastrophe die Deutschlandfahne aus dem Fenster gehängt hätte, wäre vermutlich einfach für ein bisschen bekloppt gehalten worden. Die Fahne darf nur am 3. Oktober und zu Fußballspielen aus dem Schrank. Die Amerikaner präsentieren ihre Stars and Stripes hingegen zu jeder Gelegenheit. Als jüngst vom Kongress nach den Betrügereien von Worldcom und anderen strengere Gesetze gegen Bilanzfälschung erlassen wurden, ging ein Foto von George W. Bush um die Welt, das Symbolkraft hatte. Vor einer amerikanischen Flagge blickte der Präsident stählern und entschlossen nach links oben in die Ferne. Über seinem Kopf prangte der Slogan Beim Anblick dieses Bildes dürften sich Bilanzfälscher gern schon mal als die Taliban der Stunde fühlen.
Einen derart offensiven Umgang mit der eigenen nationalen Identität würde man in Deutschland wenn nicht für gefährlich, so doch jedenfalls für peinlich halten. Stolz darauf, Deutsche zu sein, sind wirklich nur die Dümmsten. Stolz darauf, Amerikaner zu sein, sind aber selbst noch die schärfsten Kritiker amerikanischer Politik wie Susan Sontag und Noam Chomsky, die ihre Attacken gegen die Regierung eben als Patrioten vorbringen.
Von der Fähigkeit zur Selbsterneuerung handelt ein anderer amerikanischer Mythos, und er hängt eng mit dem Patriotismus zusammen. Die erzählerische Grundfigur liegt auch unzähligen Hollywood-Filmen zugrunde: Ein scheinbar unüberwindliches Problem taucht auf. Einige versuchen es zu vertuschen, weil sie davon profitieren, andere haben sich damit abgefunden, weil sie zu feige sind, etwas zu unternehmen. An dieser Stelle kommt der Held ins Spiel, er wagt das scheinbar Aussichtslose – und eben deshalb gelingt es ihm, das Problem zu lösen. Und für wen hat er das getan? Für Amerika. Ob die zusammengestürzten Twin Towers, Osama bin Laden, Enron, al-Qaida, Saddam Hussein oder sonst jemand oder sonst etwas – die Dramaturgie der Problemlösung ist immer die gleiche, und die fahnenschwenkende Masse jubelt dem Helden dabei zu. Dazu gehört natürlich auch, dass das Publikum einem Auserkorenen die Heldenrolle gönnt.
In Deutschland haben wir nichts, was dem entspräche. Vielleicht aber wird uns irgendwann ein eigener, ungezwungener Patriotismus nach amerikanischem Vorbild möglich sein. So ganz abwegig ist das nicht. Es gibt ja kaum fruchtbare europäische und schon gar keine deutschen Überlieferungen, auf die man sich ohne Willkür noch berufen könnte. Amerika ist für Deutschland eine der wenigen gangbaren Brücken zur eigenen präfaschistischen Tradition. Unter den demokratischen Fürsprechern der Weimarer Republik waren viele, die die Vereinigten Staaten zum wirtschaftlichen und sozialen Modell nehmen wollten, und dieser Weg wurde nach dem Zweiten Weltkrieg fortgesetzt. Vielleicht kann sich aus dem doch recht kindlichen Wunsch, selbst Amerikaner zu werden, eines Tages das Bewusstsein entwickeln, dass wir einer eigenen Tradition folgen, indem wir uns weiterhin an der amerikanischen Kultur orientieren.
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 47/2002
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




