Italien Club der Gesitteten
Erst Revolutionäre, jetzt Reformer: Die Antiglobalisierer vollziehen eine Wende
Florenz
Über dem Eingang zum Tagungszentrum in der Fortezza da Basso hing ein großes Poster: ein junger Mann in graublauem Trainingsanzug mit drei markanten Streifen, lebenslustig, lächelnd. In der rechten unteren Ecke ein Schriftzug im Coca-Cola-Look: „Carlo“. Eine adidas-Werbekampagne? Ein Benetton-Poster? Gar eine neue Marke? Der Mann auf dem Foto ist Carlo Giuliani, der Demonstrant der im vergangenen Sommer am Rande des G-8-Gipfels in Genua von einem Carabiniere erschossen wurde.
Jedenfalls ist Carlo eine erfolgreiche Marke: Zum Europäischen Sozialforum (ESF), dem ersten Europatreffen der Globalisierungskritiker vergangene Woche in Florenz, hatten die Veranstalter 18000 Menschen erwartet. Doch schon am ersten Abend waren die Programmhefte vergriffen. Insgesamt 60000 Teilnehmer strömten in Konferenzen, Workshops und Seminare, wälzten sich durch die Hallen mit Infoständen. Die friedliche Abschlussdemonstration am Samstag mit Hunderttausenden Menschen übertraf alle Erwartungen und widerlegte das Schauermärchen von gewalttätigen Vandalen, mit dem die Regierung Berlusconi wochenlang die Stimmung angeheizt hatte.
Der Aufschwung der globalisierungskritischen Bewegung jedenfalls scheint ungebrochen. Attac Deutschland hat gerade sein 10000. Mitglied aufgenommen. Florenz war die erste europäische Großveranstaltung, die kein Gegen gipfel zu einem Treffen von G-8, Nato oder EU war. Erstmals kamen sogar einige hundert Delegierte aus Osteuropa, womit die Bewegung nun wirklich paneuropäisch wird. Und alle Teilnehmer, egal woher sie kamen und welcher Gruppe oder Fraktion sie angehörten, fanden in Florenz ein sie einendes Thema: den drohenden Irak-Krieg.
Der größte Fortschritt dieses Treffens war, dass Militante und Radikale Randfiguren blieben. Natürlich waren auch sie gekommen und bauten ihre Büchertische auf. Selbstverständlich hatten auch baskische, kurdische und palästinensische Aktivisten ihren Auftritt und veranstalteten Workshops. Unbehelligt trug ein Trupp Bolschewisten auf der Demo ein Stalin-Porträt spazieren. Doch sie beherrschten nicht die Szene. Eindeutig gaben dieses Mal die gemäßigten Globalisierungskritiker den Ton an. Auf den Podien waren keine Brandreden mehr zu hören für die Abschaffung von Welthandelsorganisation (WTO), Weltbank oder Internationalem Währungsfonds (IWF). Es ging in Florenz auch nicht um die Weltrevolution. Sondern fast so gesittet wie in einem englischen Debattierclub stritt man um Reformen. Die große Mehrheit der Teilnehmer hatte erkannt, dass sie Veränderungen eher durch politischen Druck auf die nationalen Regierungen bewirken kann – und nicht durch rabiaten Protest gegen die Weltinstitutionen.
Nachdem Weltbank und IWF inzwischen selbst von Reformen reden, werden sich die Globalisierungskritiker in den kommenden Monaten auf die Politik der WTO konzentrieren. Deren Mitgliedsstaaten sind derzeit dabei, hinter verschlossenen Türen die Privatisierung ihrer öffentlichen Dienste auszuhandeln. Die Seminare in Florenz zu diesem Thema waren hoffnungslos überfüllt. Da kauerten junge Leute, 17, 18 Jahre alt, stundenlang auf dem Fußboden, ließen sich geduldig in die Details des GATS (des General Agreement on Trade in Services) einweisen, schrieben fleißig mit, fragten genau nach und verabredeten gemeinsame Aktionen.
Ein halbes Dutzend „Netzwerke“ hat sich in Florenz gegründet – gegen Wasserprivatisierungen, gegen Kürzungen im Gesundheitswesen, gegen Steuerflucht (in den Vorstand des letzten Netzwerkes wurde übrigens der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Detlev von Larcher gewählt).
Aus Genua fuhren die Globalisierungskritiker im vergangenen Jahr frustriert und wütend nach Hause. Aus Florenz kommen sie voller Hoffnung und Euphorie.
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 47/2002
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