zeit-forum Willenlos
Die Hirnforschung demontiert das Ich
Wurde Ulrike Marie Meinhof nur aufgrund eines Hirnschadens zur Terroristin? Hatte eine Operation, der sich die damals 26-Jährige wegen einer gutartigen Geschwulst unterziehen musste, ihr emotionales Kontrollzentrum an der Schädelbasis beschädigt? War sie überhaupt zurechnungsfähig?
Der Magdeburger Hirnforscher Bernhard Bogerts würde heute ebenso wie sein emeritierter Tübinger Kollege Jürgen Pfeiffer auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren. Das Gehirn war der Terroristin nach ihrem Selbstmord in Stammheim entnommen worden. Elf Jahre lang lagerte es, in Formalin eingelegt, in einem Tübinger Keller. Dann schickte Pfeiffer es nach Magdeburg – ohne Wissen der Angehörigen, die das Organ längst beerdigt glaubten. Kollege Bogerts ließ es noch einmal vier Jahre lang im Schrank stehen, bevor er Teile davon in dünne Scheiben schnitt. Erst jetzt treten die beiden mit ihrem gemeinsamen Befund an die Öffentlichkeit: Meinhofs Aggressivität sei pathologisch gewesen.
Der Spiegel wollte die Geschichte des Terroristenhirns exklusiv veröffentlichen, Meinhofs Tochter Bettina Röhl kam dem Magazin vergangene Woche in der Magdeburger Volksstimme zuvor. Während die Tochter den würdelosen Umgang mit dem Leichnam ihrer Mutter beklagt, erhält die Grundsatzdebatte um Hirnforschung und Schuldfähigkeit neue Nahrung.
Der freie Wille? „Eine Illusion“, behauptete der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth vor zwei Wochen auf dem ZEIT Forum der Wissenschaft in Berlin. Er stützt sich dabei auf neurologische wie psychologische Daten, die im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte zusammengetragen wurden. Auch Roths Frankfurter Kollege Wolf Singer verficht die These, unser Gehirn gaukele uns den freien Willen nur vor. Beide fordern, die Rechtswissenschaft müsse sich den gewichtigen Erkenntnissen endlich stellen und Begriffe wie Schuld und Verantwortung neu diskutieren.
Dieser Forderung mochte der Frankfurter Rechtsphilosoph Klaus Günther auf dem Berliner Podium nicht folgen. Die Rechtsprechung werde von der Debatte um die Illusion des Ichs nicht berührt. Sie baue weiterhin auf das Konzept einsichtsfähig handelnder Personen, und das sei von der Frage echter oder nur vermeintlicher Willensfreiheit nicht berührt. Es sei die Gesellschaft, die die Rechtsnormen definiere und Verantwortung zuweise, nicht der Erkenntnisfortschritt der Forscher.
Gerhard Roth sieht seine These von der eingeschränkten Schuldfähgkeit durch diesen Einwand nicht widerlegt. „In den Gehirnen vieler Mörder findet man deutliche Veränderungen.“ Dabei spiele vor allem das limbische System in den Tiefen des Gehirns eine wichtige Rolle. Diese Struktur – und nicht die bewusst arbeitende Großhirnrinde – führe im Hirn das Kommando.
Genau dort, an der Basis des Schädels,soll die Persönlichkeit von Ulrike Meinhof zerstört sein. Die Geschichte der RAF erklärt der Befund jedoch nicht.
Der Sender Phoenix sendet eine Aufzeichnung des ZEITForums „Hirnforschung und der Verlust des freien Willens“ am 16. November 2002 um 22.15 Uhr. Das nächste ZEITForum der Wissenschaft beschäftigt sich am 9. Dezember 2002 in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften mit der Grünen Gentechnik
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- Quelle (c) DIE ZEIT 47/2002
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