wissenschaft Expertise in der Krise
Ein Gespräch über Kontrolle, Freiheit und Betrug in der Wissenschaft
Gutachter sind fehlbar. Das jüngste Beispiel lieferte der Fälschungsskandal um den Physiker Jan Hendrik Schön: Mehr als 100 manipulierte Veröffentlichungen rutschten durch die Qualitätskontrolle der Fachblätter. Zweites Beispiel: In dieser Woche verabschiedet der Wissenschaftsrat seine Empfehlungen zu Big Science, der künftigen Großforschung in Deutschland. Die Physiker in Deutschland wünschen sich neue Riesenmagnete, Teilchenbeschleuniger und Röntgenlaser. Doch das Geld reicht nicht für alle. Nach einer Vorabstellungnahme des Wissenschaftsrats kam es im Juli zum Eklat. Einige Gutachter distanzierten sich von ihrer veröffentlichten Meinung und warfen dem Wissenschaftsrat Manipulation vor. Drittes Beispiel: Gutachter der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) – Durchschnittsalter 58, meist männlich – bevorzugen, statistisch gesehen, Antragsteller ihrer Altersgruppe und ihres Geschlechts.
Steckt das Gutachterwesen in einer Krise? DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker und Karl Max Einhäupl, Vorsitzender des Wissenschaftsrats, diskutieren über Freiheit und Kontrolle der Forschung.
die zeit: Der Wissenschaftsrat berät in diesen Tagen über neun Großforschungsgeräte, die insgesamt sieben Milliarden Euro kosten würden, darunter ein Teilchenbeschleuniger, der allein vier Milliarden Euro teuer ist. Bei welcher Summe ist in der Forschungsfinanzierung eigentlich Schluss?
Ernst-Ludwig Winnacker: Wir nähern uns dem, was die internationale Gemeinschaft der Wissenschaftler fordern kann. In den USA haben die Forscher diese Grenze bereits schmerzhaft erfahren müssen: Vor einigen Jahren stoppte der Kongress den Bau eines Teilchenbeschleunigers, obwohl schon zwei Milliarden Dollar investiert worden waren. Der Beschleuniger wurde immer teurer und sollte zuletzt elf Milliarden Dollar kosten.
zeit: In Deutschland steht nicht nur ein Teilchenbeschleuniger auf der Wunschliste der Wissenschaftler. Es geht um die Grundsatzfrage: Welche Forschung wollen wir? Wer kann diese Frage überhaupt beantworten?
Karl Max Einhäupl: Wir müssen lernen, Prioritäten zu setzen. Die Entscheidungen, wofür wir Steuergelder ausgeben, betreffen nicht nur Wissenschaft und Politik, sondern die ganze Gesellschaft. Und deshalb sollten darüber nicht nur Wissenschaftler und Politiker entscheiden, sondern auch Repräsentanten des öffentlichen Lebens, wie sie im Wissenschaftsrat vertreten sind.
zeit: Dabei schreckt doch gerade der Wissenschaftsrat davor zurück, ein Ranking notwendiger Großgeräte zu verabschieden. Auch nach den Beratungen in dieser Woche soll es keine Prioritätenliste geben. Warum trauen Sie sich nicht?
Einhäupl: Was heißt hier nicht trauen? Wir haben die Projekte in drei Gruppen eingeteilt: von „ohne Vorbehalt förderungswürdig“ bis „erneute Begutachtung erforderlich“. Diese Einteilung soll jetzt als Empfehlung verabschiedet werden. Der nächste Schritt wird sein, überarbeitete Anträge erneut zu prüfen und dabei zwischen unterschiedlichen Feldern wie Umweltforschung, physikalischer Grundlagenforschung und Lebenswissenschaften abzuwägen. Und schließlich: Die Bundesregierung hat beim Zustandekommen und vor allem bei der Umsetzung der Empfehlungen ein gewichtiges Wort mitzureden.
zeit: Wie beurteilt man denn die Notwendigkeit der Suche nach einem exotischen Elementarteilchen, das Physiker in Hamburg mit Milliardenaufwand aufspüren wollen?
Winnacker: Nicht nur unter Physikern, auch in der Bevölkerung gibt es ein Interesse an diesen Fragestellungen. Nehmen wir die Bücher von Stephen Hawking. Sie sind für die meisten Menschen zwar unverständlich, aber doch faszinierend genug, um zu Bestsellern zu werden. Die Öffentlichkeit ist durchaus bereit, auch scheinbar esoterische Forschung zu finanzieren.
zeit: Molekularbiologen sagen, man solle das Geld lieber in die Genforschung stecken. Dann hätten die Menschen viel mehr davon.
Einhäupl: Seit ich Mediziner bin, verspricht man in Forschungsanträgen neue Gentherapien. Aber nennen Sie mir einen einzigen Bereich, in dem heute eine Gentherapie funktioniert. Ich rate den Wissenschaftlern sehr dazu, der Gesellschaft nicht immer Dinge in Aussicht zu stellen, die sie nicht auch in absehbarer Zeit erfüllen können.
zeit: Die jetzt beantragten Großgeräte haben einen Planungshorizont, der fünf Jahre deutlich überschreitet. Was man heute plant, kann morgen schon veraltet sein. Wie lässt sich das Risiko minimieren?
Winnacker: Das kommt auf die Art der Projekte an. Ich habe gerade das weltgrößte Teleskop in Chile besucht, das unter anderem von den Europäern finanziert wird. Dort denkt man in Zeitspannen von 20 Jahren. Zehn Jahre Entwicklung, zehn Jahre Forschung. Die Aktualität wird dadurch gewährleistet, dass ein internationaler Ausschuss alle sechs Monate die besten Projekte auf dem Stand der Forschung auswählt.
Einhäupl: Je weiter die Perspektive in einer dynamischen Wissenschaft reicht, desto risikoreicher sind unsere Entscheidungen und desto exakter müssen wir sie treffen. Und umso vehementer drängen wir darauf, dass die Begründung für eine solche Investition Hand und Fuß hat.
zeit: Die Begründung für die 1,5 Milliarden Euro teure Europäische Spallationsneutronenquelle (ESS) reichte Ihnen offenbar nicht aus, obwohl man damit Proteine, Materialien und Medikamente erforschen könnte. Woran mangelte es?
Einhäupl: Es genügt nicht zu sagen, wir haben eine Idee, und die ist gut. Dass die Community die Idee gut findet, ist selbstverständlich. Aber oft gibt es ja Alternativen. Ein guter Antrag muss diskutieren, inwieweit mit anderen Methoden dieselben Fragen beantwortet werden können, und das möglicherweise einfacher und billiger. Die Neutronenforscher haben zu wenige überzeugende Argumente in dieser Richtung gebracht. Je höher der Einsatz und je weiter der Vorausblick, umso intensiver müssen diese Dinge auch im Sinne der Steuerzahler eingefordert werden.
zeit: Nachdem Sie die Stellungnahme veröffentlicht hatten, wehrten sich sieben von 15 Gutachtern in einem offenen Brief gegen die Interpretation ihres eigenen Gutachtens. Was ist schief gelaufen?
Einhäupl: Diesen Meinungswandel kann ich nicht nachvollziehen, weil fünf von diesen sieben Mitgliedern explizit zugestimmt hatten. Dass sie nachträglich von dieser Haltung zurückgetreten sind, ist mir vollkommen unverständlich. Das ist ein einmaliger Vorgang in der Geschichte des Wissenschaftsrats.
zeit: Die Gutachter werfen dem Wissenschaftsrat Manipulation vor.
Einhäupl: Das weise ich entschieden zurück. Dieses Verfahren ist gelaufen wie alle anderen auch. Insgesamt haben mehr als 50 Experten die Großgeräte begutachtet, und in einer zweiten Runde hat der Wissenschaftsrat eine wissenschaftspolitische Bewertung verfasst. In einem solchen Verfahren gibt es immer wieder die Tendenz, im Nachhinein eine Entscheidung nicht zu akzeptieren, weil sie den Wissenschaftlern nicht willkommen ist.
zeit: Hat die Europäische Neutronenquelle in Deutschland noch eine Chance?
Einhäupl: Die Neutronenforscher haben die Möglichkeit, einen neuen Antrag zu stellen, der dann auch erneut begutachtet wird.
zeit: Bei dem Streit ging es auch um die Besetzung der Kommission. Inwieweit nimmt man mit der Auswahl der Gutachter das Ergebnis vorweg?
Einhäupl: In der Regel sind Fachkollegen davon überzeugt, dass ein Großprojekt aus ihrem Spezialgebiet das Wichtigste der Welt ist. Aber im Vergleich mit anderen Feldern kann man das nur aus übergeordneter Perspektive beurteilen. Daher bestellen wir selbstverständlich auch solche Gutachter, die mit angrenzenden und komplementären Methoden arbeiten.
zeit: Wie löst die Deutsche Forschungsgemeinschaft das Problem, dass Gutachter durchaus auf einem Auge blind sein können?
Winnacker: Wir haben gerade unser Gutachtersystem angepasst. Wenn ein Wissenschaftler Fördergelder beantragt, werden zunächst Spezialisten um ihre Meinung gebeten. In einer zweiten Stufe bewerten dann gewählte Gutachter mit einem großen Überblick deren Entscheidungsvorschläge. In einigen Verfahren ist es üblich, auch fachferne Berichterstatter hinzuzuziehen. Da kann es vorkommen, dass ein Historiker ein Projekt aus der Astrophysik gemeinsam mit den Fachgutachtern vorgestellt bekommt. Das ist sinnvoll, weil es über die Fächergrenzen hinweg Kriterien für Exzellenz gibt. Die Bewertung von Wissenschaft ist ein schwieriges Verfahren, aber es gibt keine Alternativen. Deshalb muss man Kontrollen einbauen, um Schwächen des Systems auszugleichen.
zeit: Steckt das System, Experten durch Experten bewerten zu lassen, nicht in einer grundsätzlichen Krise? Kontrollen soll es ja auch bei der Begutachtung von Fachpublikationen geben. Doch bei den jüngsten Fälschungsfällen in der Physik hat dieses System grandios versagt.
Winnacker: Das stimmt leider. Im Fall des Physikers Jan Hendrik Schön sind mehr als 16 Veröffentlichungen mit manipulierten Daten in renommierten Zeitschriften erschienen. Die Entschuldigung der Physiker, sie hätten die Fälschungen schließlich selber entlarvt, halte ich für nur teilweise befriedigend. Denn hier haben gleich mehrere Verantwortungsebenen versagt: erstens die Koautoren. Sie sind nach den Grundsätzen guter wissenschaftlicher Praxis der DFG, und ich teile diese Sicht, voll verantwortlich. Zweitens die Qualitätssicherung in Schöns Forschungslabor, den Bell-Labs. Und drittens sind die Gutachter und Herausgeber der Zeitschriften mit den Namen und Themen offenbar in ziemlich blindem Vertrauen umgegangen.
zeit: Der Kodex für wissenschaftliches Fehlverhalten ist in Deutschland sehr streng. Doch Sanktionen sind nur schwer durchzusetzen. Warum?
Winnacker: Sanktionen sind bei uns durch die Strafgesetze und das Dienstrecht und das Privatrecht geregelt. In der Tat müsste das Dienstrecht adaptiert werden, um wissenschaftliches Fehlverhalten schärfer fassen zu können…
zeit: …um im Extremfall zu kündigen?
Winnacker: Natürlich. Ich finde es das falsche Signal, dass jemand wie Roland Mertelsmann, der als Koautor auf vielen zweifelhaften Veröffentlichungen steht, ärztlicher Direktor einer Universitätsklinik, einer Forschungsklinik, bleiben kann.
zeit: Wissenschaftler betrügen, Gutachter schlam-pen, Professoren intrigieren – ist die Wissenschaft im wirklichen Leben angekommen?
Winnacker: Der Wettbewerb ist größer, die Wissenschaft öffentlicher geworden. Ein Grund dafür ist die Tatsache, dass wir in einer hoch technisierten Welt leben, in der Wissenschaft eine zentrale Rolle spielt. Wenn etwas in der Wissenschaft schief läuft, auch wenn das selten vorkommt, findet es daher heute mehr Beachtung als früher.
Das Gespräch führten Max Rauner und Andreas Sentker
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 47/2002
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