Film Liebe im Container

Seit zwei Jahrzehnten ringen Aki Kaurismäkis Helden der harten Wirklichkeit ihren eigenen Stil ab. Auch in seinem neuen Film „Der Mann ohne Vergangenheit“

Eine merkwürdige Heldenfamilie hat sich da im Laufe der Jahre unter die Obhut eines finnischen Schutzheiligen begeben. Schwere Trinker und leichte Mädchen, Vagabunden und Verbrecher, Müllmänner und arbeitslose Kohlekumpel. Auf der Leinwand mögen Aki Kaurismäkis Figuren noch als melancholische Outlaws erscheinen, doch in der Erinnerung werden sie zu dem, was sie wirklich sind: Glücksritter und stolze Stehaufmännchen, die sich immer wieder in einen Kampf werfen, von dem sie wissen, dass er nicht zu gewinnen ist. Sie bewegen sich ruhig und bedächtig, verrichten schicksalsergeben ihre Arbeit, hängen versonnen an der Theke, doch ihren Guerillakampf führen sie entschlossen. Es ist ein langsamer Stellungskrieg gegen die Schwerkraft der Verhältnisse. Eine ungemein zähe Schlacht, bei der selten etwas gewonnen, aber sehr viel verteidigt wird. Mal ist es die eigene Würde, mal die letzte Zigarette, die genauso geteilt wird wie alles andere in diesem Kino.

In Kaurismäkis neuem Film gibt es eine wunderbare Szene, die zeigt, mit welch einfachen Mitteln seine Figuren immer wieder die unbarmherzige Wirklichkeit unterwandern: Ein Mann kommt in ein Restaurant, erbittet eine Tasse heißes Wasser und setzt sich an einen Tisch. Unter dem neugierigen Blick der Wirtin holt er aus seiner Jacke eine Streichholzschachtel und zieht einen gebrauchten Teebeutel hervor. Vorsichtig lässt er ihn in die Tasse gleiten und trinkt mit bedächtigen Schlucken. In dieser Einstellung liegt schon das ganze Anliegen eines Regisseurs, der immer wieder von denen erzählt, die wenig oder gar nichts haben. Von Leuten, die an den unteren Rändern der Gesellschaft ihre Überlebensstrategien finden und in seltsamen Nischenexistenzen herumwurschteln. Nie käme es ihnen in den Sinn, sich gegen das große Ganze aufzulehnen. Manchmal revoltieren sie diskret wie das Mädchen aus der Streichholzfabrik, das in wenigen Filmminuten seine Eltern, einen skrupellosen Verführer und alle, die ihm je etwas angetan haben, mit Rattengift aus dem Weg räumt. Ansonsten aber geht es in diesem Kino eher um ein notgedrungenes Einrichten im Gegebenen. Gegeben sind die unwirtlichen Industriegegenden und Fabriken, Lagerhallen und ärmlichen Wohnungen – triste Welten, denen Kaurismäkis sanfte Partisanen dennoch einen entschieden eigenen Stil abringen. So wie die einsame Jungfer aus der Heilsarmee, die in Kaurismäkis neuem Film zum Einschlafen laute Rock-’n’-Roll-Musik aus dem Kassettenrekorder hört. So wie der Mann im Restaurant, dessen Teebeutel auch ein kleines Ausrufungszeichen gegen die Wegwerfgesellschaft ist.

In Der Mann ohne Vergangenheit mutet Kaurismäki seinem Helden mehr zu als je zuvor. Gleich zu Beginn wird er in einer fremden Stadt von einer bösen Bande fürchterlich zusammengeschlagen, verliert Hab und Gut und noch dazu sein Erinnerungsvermögen. Ein Mann aus der Gosse, ohne Namen, ohne Arbeit und Zuhause. Ein Mensch, der aus allen symbolischen und sozialen Systemen gefallen ist – und damit ein idealer Held für einen Regisseur, der die Schattenseiten des Kapitalismus schon immer auf ihren zeichenhaften Kern reduziert hat. Also schaut man dem geheimnisvollen Obdachlosen zu, wie er ganz für sich alleine ein paar zivilisatorische Grundtaten vollbringt. Er sucht sich ein Obdach (einen verrotteten Container), bestellt ein Feld (vier Kartoffeln in einer Industriebrache), findet Arbeit und lernt bei der Heilsarmee die Frau seines Lebens kennen. Dieser Mann tut also ungefähr das, was man tun muss, um in einer Industriegesellschaft nicht als namenloser Obdachloser unterzugehen, und geht gleichzeitig die entscheidenden Schritte der Helden aller populärer Kinomythen: Er erobert sich eine Geschichte.

In dieser ungebrochenen Bewegungsenergie und einem Pioniergeist, der an einsame Westerner denken lässt, ähneln sich fast alle Kaurismäki-Helden. Die stoische Unbedingtheit, mit der sie lieben, leben, arbeiten und ihren kleinen Vorlieben nachgehen, scheint aus der Filmgeschichte selbst zu kommen. Als seien sie alle ohne Vergangenheit, Zeitreisende aus einer anderen, früheren Kino-Epoche, die sich zwar nicht an ihre Herkunft erinnern können, in ihren Gesten und Vorlieben aber unbewusst daran anknüpfen. In Ariel fährt ein junger Gelegenheitsarbeiter in einem alten Cadillac, der irgendwie auch sein Pferd sein könnte, durch graue Hafengegenden. Aus seinem Kofferradio tönt der Swing, und die brennende Öltonne, an der er sich wärmt, könnte auch ein Lagerfeuer sein. In Schatten über dem Paradies erledigt ein Müllmann seinen harten Job mit der nüchternen Coolness eines Cowboys, und in Kaurismäkis neuem Film erinnert der weite Horizont hinter der Container-Siedlung an die unendliche Prärie.

Rocker mit Zahnpasta im Haar

Wahrscheinlich gibt es keinen anderen Regisseur, der seinen Outlaws so selbstverständlich Glamour gibt, indem er ihre raue Welt mit den Insignien der modernen Popkultur versieht. Das immergleiche silbrig verkratzte Kofferradio verbreitet seinen Sound gleich in mehreren Kaurismäki-Filmen, und das Erste, was sich der Mann ohne Vergangenheit in seinen kargen Container stellt, ist eine Musicbox vom Sperrmüll. Meistens suchen sich Kaurismäkis Helden solche visuellen Schlüsselreize mit schlafwandlerischer Stilsicherheit zusammen, doch manchmal dringt das Styling auch ganz slapstickhaft in die Bewusstseinsebene der Figuren. Etwa wenn der Gelegenheitsarbeiter aus Ariel, eben erst im Obdachlosenheim angekommen, schon wieder vor dem Spiegel steht. Mangels Gel schmiert er sich ein bisschen Zahnpasta in die Haare, um abends im Club zwischen Bier und Zigarettenschwaden den coolen Rocker zu geben. Egal, was das Leben diesen Typen zumutet, innerlich sind sie alle Rock ’n’ Roller, und die wahnsinnigen Ami-Schlitten, mit denen sie so gerne durch die Gegend kurven, scheinen eher ein nach außen gekehrter Aspekt ihrer Persönlichkeit als reales Gefährt.

Dabei decken die Anspielungen auf große Kinomythen die schmuddeligen Welten und miserablen Lebensbedingungen, von denen diese Filme ganz ausdrücklich erzählen, keineswegs zu. Im Gegenteil, der utopische Impuls von Kaurismäkis Kino beruht auf einer Ästhetik, die sich hartnäckig weigert, mit dem Elend zu kollaborieren. Paradoxerweise ist es gerade die entschiedene Künstlichkeit, die den Filmen des Finnen ihre Wahrhaftigkeit verleiht – was in einer Kinoepoche, deren Autorenstrategien permanent nach Realität, Authentizität und Direktheit schreien, ziemlich quer zum Zeitgeist steht. Vielleicht nimmt Kaurismäki die so genannte Wirklichkeit sogar umso ernster, indem er sie von vornherein als genuine Kinokonstruktion behandelt, mit nostalgischen Farben und stummfilmhaften Arrangements, die den Figuren ein größtmögliches Maß an Würde verleihen. In Der Mann ohne Vergangenheit bleibt ein schlafender Obdachloser, der sorgfältig ausgeleuchtet ist, trotzdem ein schlafender Obdachloser. Die satten Farben des Containers, den der Namenlose bezieht, passen wunderbar zu dessen Hemd und zum blauen Himmel, und trotzdem ist die Behausung ein armseliges Loch. Kati Outinens gelbe Bluse mag beim ersten Rendezvous einen stilistischen Dialog mit dem Licht der Musicbox beginnen, dennoch bleibt die Szene ein Rendezvous zwischen zwei schüchternen Außenseitern. Gerade weil die Bilder die Misere nicht verdoppeln, stellen sie sich mit einem gewissen Trotz gegen die Schicksalhaftigkeit der Verhältnisse.

Vielleicht rührt daher auch Kaurismäkis Dramaturgie des Unerwarteten, denn es gibt nichts, was man seinen Figuren nicht zutrauen sollte. In Das Mädchen aus der Streichholzfabrik spielt seine Lieblingsschauspielerin Kati Outinen eine Stunde lang mit hängenden Schultern und nahezu unbewegtem Gesicht den duldsamen Elendsengel, bis sie mit dem Giftfläschchen zum umfassenden Gegenschlag ausholt. In Der Mann ohne Vergangenheit ist Outinen Irma, die sorgende Seele aus der Heilsarmee. Wenn sie dem Mann ihres Lebens bei der Essensausgabe begegnet, verrät sich das emotionale Erdbeben nur durch zwei winzige seismische Zeichen auf ihrem Gesicht. Ein Zucken des Mundwinkels und eine kaum wahrnehmbare Verlangsamung der Schöpfkelle – Liebe auf den ersten Blick. Auch später wird sich in diesem Gesicht wenig mehr abspielen, und trotzdem haben wir eine völlig andere Frau vor uns, die irgendwie innerlich zu leuchten scheint.

Dass im Menschen immer auch die Möglichkeit von etwas anderem angelegt ist, dass jedes Wesen einen zweiten, wenn nicht dritten Blick verdient hat, ist vielleicht der zärtlichste Grundgestus dieses Kinos. Und dafür braucht es keineswegs immer die Liebe. Weshalb besucht der abgearbeitete Müllmann aus Schatten im Paradies abends einen Sprachkurs, bei dem er brav die Grammatikübungen aus dem Kopfhörer nachspricht? Zur Fortbildung? Weil er auswandern will? Wir werden es nie erfahren. In Der Mann ohne Vergangenheit geht Kaurismäkis Vorliebe für das Unerwartete sogar um einiges weiter und gönnt ausgerechnet der unauffälligsten Figur des Films eine glamouröse Metamorphose. Ganz überraschend verwandelt sich Irmas vertrocknete Kollegin aus der Heilsarmee in eine leidenschaftliche Tangosängerin, deren Lieder der täglichen Armenspeisung unverhofften Pep verleihen. Mag sein, dass es im Blick der Frau schon zuvor eine unbestimmte Sehnsucht gab. Vielleicht kann selbst die treueste Gottessoldatin die christliche Liederleier irgendwann nicht mehr ertragen. Vor allem aber scheinen die Tangotexte Kaurismäki aus dem Herzen zu sprechen.

„So klein ist des Menschen Herz,

ein so unergründlich weites Land,

darin die größten Träume sind.“

So schön solche Szenen auch sind, bei denen sich Kaurismäki für einen Augenblick in Melancholie und hemmungslosem Weltschmerz verliert – man sollte sich nicht vom Offensichtlichen täuschen lassen. Häufig verbergen sich die größten Sehnsüchte und Utopien dieses Filmemachers nämlich hinter lakonisch miterzählten Details. Auch in Der Mann ohne Vergangenheit gibt es eine Szene, deren revolutionäres Potenzial sich erst beim genauerem Hinsehen erschließt. Sie zeigt den Helden in der Eisenbahn beim Essen, in einem Waggon, dessen Kargheit etwas Realsozialistisches hat. Die Räder rattern, im Hintergrund wuselt der Kellner, und fast hätte man angesichts der spärlichen Beleuchtung übersehen, was sich da Unglaubliches auf dem Tisch befindet: Stäbchen, Schüsselchen, kleine Rechtecke aus Fisch und Reis. Ein Regisseur, der Sushi im Zugrestaurant so beiläufig ins Bild setzt, muss wirklich an eine bessere Welt glauben.

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 47/2002
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