RomanSeliger Leinenzwang

Jürg Laederach dichtet Walter Abish nach und sitzt auf einer Säule von Jung

Simeon der Stylit – sagt Ihnen das was? Im Syrien des 5. Jahrhunderts war das einer, der meinte, Gott nur dann seine Verehrung hinlänglich zeigen zu können, wenn er sich oben auf eine Säule setzte und dort blieb. Jahrzehntelang! Erst als er tot war, fiel er runter, mit einem dumpfen Aufprall, als hätte die Erde sich über einen erschrocken, den sie längst vergessen hatte.

Simeon war nicht der Erste und nicht der Letzte, der es sich im Leben schwer machte, um leichter in den Himmel zu kommen. So mancher glaubt ganz offenbar, die vielen kleinen und die eine große Seligkeit nicht eher erreichen zu können, als bis er sich etwas scheinbar Unmögliches abverlangt hat.

Ein Wahn dieser Art sitzt wohl so ziemlich in uns allen, und in den Künstlern sowieso. Denn Kunst heißt ja immer auch: freiwillig ins Korsett, heißt, sich bestimmten Formen, Regeln und Gesetzen unterwerfen, die gar nicht äußerlich genug sein können, um, wenn sie eingehalten werden, Glück allerreinster Art hervorrufen zu können. Der Kanon des Polyklet, Vitruvs Systematik, die Fugen Bachs – überall strenges Regelwerk, dem sich die Körper und die Melodien ergeben, nicht anders als Empfindung und Erfahrung, in Versfuß, Reim und Strophenform, in Anagramm, Sonett, gar Palindrom.

So gern Herz, Seele, Fantasie auch schweifen, sie müssen, ja sie wollen an die Leine, damit Kunst werde. Und sie wird. Zum Beispiel hier bei Walter Abish, der sich für dieses Buch, das obendrein sein Erstes war im Jahre 1974, eine Spielregel von größter Einfachheit und schönster Hirnrissigkeit ausgedacht hat, und die geht so: Das Buch soll 52 Kapitel haben mit den Kapitelüberschriften A, B, C et cetera bis Z und wieder zurück von Z bis A, und in Kapitel A sollen nur Wörter vorkommen, die mit A anfangen, in B nur solche mit A und B und so weiter, bis in den beiden Z-Kapiteln alles zugelassen ist, dann aber von Kapitel zu Kapitel das Erlaubte wieder abnimmt, bis am Ende im letzten aufs Neue nur noch Wörter mit A vorkommen. Alles klar?

Klar schon, aber sitzen Sie mal 37 Jahre auf ’ner Säule. Probieren Sie mal nur eine halbe Seite ausschließlich mit Wörtern, die mit A beginnen und doch im Zusammenhang Sinn ergeben, ja der Nukleus einer sich dann breit entfaltenden Geschichte sein können. Dagegen ist, was für Prokrustes gezimmert wurde, geradezu ein Lotterbett, obwohl – etwas gewisses Lotterhaftes, das wird gleich auf den ersten Seiten klar, hat dieses Buch auch, bei aller Rigidität. Sein Wahnsinn zeigt sich nämlich gerade in der Parallelität von strengem Formsystem und delirierender Geschichte. Wir sind eben nicht nur im Alphabet, sondern auch in Afrika, wenn auch in einem unbekannten. Das Afrika in diesem Buch ist ein düster-irres Panoptikum, aus dem der Ethnologe so viel lernt wie der Volkshochschüler, das nämlich, was Walter Abish auch in seinen späteren Büchern immer wieder vorgeführt hat: den Zusammenhang, der in der allgemeinen Brüchigkeit dieser Welt begründet ist, und die Lust, aus den Splittern, die da überall herumliegen, ein Puzzle zusammenzusetzen, das nie aufgehen wird. Das Bild, das sich daraus ergeben soll, ist keins, die Geschichte nicht nacherzählbar und die Atmosphäre, so viel kann man grad noch sagen, eine Mischung von Hatari und Raymond Roussels Impressions d’Afrique. Schön.

So viel zum Buch von Walter Abish, der 1931 in Wien geboren wurde und über Shanghai und Israel nach New York kam, wo er auch heute lebt. Nun aber zu dem zweiten Buch, das sich in diesem Band findet, ein bisschen dicker als das erste und noch ein gutes Stück irr-witziger. Es ist das, was Jürg Laederach, der 1945 in Basel geboren wurde und längst einen großen Übersetzerpreis verdient hätte, daraus gemacht hat.

Laederach hatte ja nicht nur dieselben strengen Regeln zu befolgen, er hatte zudem auch noch den fertigen, danach verfertigten Text und musste dafür eine Entsprechung finden. Und das in unserem lieben, aber doch immer auch eine Spur umständlichen Deutsch. Im Englischen hat man ja mit dem ersten Buchstaben des Alphabets schon mal einen unbestimmten Artikel. Und was haben wir? Wir haben mit dem letzten immerhin einen Begleitlaut des Respekts, etwa des Inhalts: ein Wahnsinn, dieser Laederach.

Man wird sich hier vielleicht an Georges Perecs Buch Anton Voyls Fortgang erinnern, das sich durch nichts weniger auszeichnete als den Umstand, dass im ganzen Roman kein E vorkommen durfte (eine Art Flagellatio eines Autors, der in seinem Namen gleich vier E hatte und daraufhin von niemand anderem als Eugen Helmlé übersetzt werden konnte). Ich möchte nicht wissen, wie lange Jürg Laederach an dieser Übersetzung gesessen, und schon gar nicht, was er stattdessen alles nicht geschrieben hat. Er hat ja schon so manches von Abish übersetzt und uns dabei gezeigt, How German Is It – Wie Deutsch ist es (so heißt Abishs bislang bekanntestes Werk). Und immer, hier aber besonders, ist es ihm gelungen, Intelligenz und Inspiration, Wissen und Witz zu bündeln und daraus ein einzigartiges Abenteuerbuch zu machen, das in jede Bibliothek gehört, die ein wenig auf sich hält. Abteilung Säulenheilige.

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