Roman Trümmerliteratur

Das Beste aus der DDR: Reinhard Jirgls grandiose Trilogie „Genealogie des Tötens“ aus den achtziger Jahren ist endlich veröffentlicht

Die Schreibtischschubladen Reinhard Jirgls waren lange Zeit ein großes Geheimnis. Da müssen sich im Lauf der Jahre ungeheure Papiermassen angesammelt haben, denn Jirgl schrieb und schrieb, seit er 1978 seine Stellung aufgegeben hatte und sich als 13. Beleuchter bei der Ost-Berliner Volksbühne über Wasser hielt. Er schrieb die ganze DDR entlang, ohne dass sich von seinen Stapeln etwas abgetragen hätte.

Als 1995 Jirgls Roman Abschied von den Feinden erschien, war plötzlich ein Autor kenntlich, mit dem keiner mehr gerechnet hatte. Im Gegensatz zu Wolfgang Hilbig, der ansonsten der Einzige ist, mit dem er in seinen DDR-Endzeitvisionen verglichen werden könnte, stellt Jirgl lauter Barrikaden zwischen sich und den Leser, Barrikaden aus Satzzeichen und Buchstabenattacken; er entfernt sich weit von der landläufigen Rechtschreibung. Vermutlich hat das etwas damit zu tun, dass er nicht aus dem proletarisch Vollen schöpfte, sondern aus der Familienhölle der wie auch immer Angestellten. Jirgls Hölle ist die des Kleinbürgertums der DDR, und das ist etwas äußerst Zähes, Pechfarbenes, das ziemlich verzerrt und verrenkt nach seinem Ausdruck schreit.

Jirgl trat 1995 einem breiteren Publikum als ein Autor gegenüber, der seinen Stil bereits gefunden hatte. Man wusste aber nichts von dem, was zu DDR-Zeiten geschah. Der Hanser Verlag hat nun endlich die Schubladentexte aus den achtziger Jahren im Typoskript als dreibändige Kladde herausgebracht, und der Deutsche Taschenbuch Verlag hat erfreulicher Weise nur wenige Monate später eine erschwingliche Ausgabe daraus gemacht.

Die vorliegende Jirglsche Kladde ist eine unbändige Materialsammlung. Sie erscheint als eine Trilogie, die sich Genealogie des Tötens nennt, doch bereits der erste Text zerfällt in mehrere Einzelteile, die nur assoziativ miteinander zu verbinden sind und sich den klassischen Genrezuweisungen entziehen. Klitaemnestra Hermafrodit hat viele Berührungen mit den Theatertexten Heiner Müllers: das Springen zwischen Prosa und Sprechtexten, das zeitweilig hohe Pathos aufklärerischer Aneignung der alten Griechen, durchbrochen von Gossensprache und Dialekt. Dass das „Töten“ der geheime Bezugspunkt aller hier versammelten Jirglschen Texte der achtziger Jahre ist, dürfte sich erst im Lauf der Zeit herausgestellt haben; es ist der Motivkomplex, der die angeschlagenen Themen familiärer und gesellschaftlicher Zerrüttung zusammenführt. Es geht um das Töten als eine Konsequenz, die nicht entschuldigt, aber konstatiert wird.

Klytämnestra, die ihren Gatten Agamemnon umbrachte, bildet im ersten Teil der Trilogie, mit gebundener Rede auf der Rampe, den geschichtlichen und dramatischen Kern. Er wird mit mehreren Episoden aus der DDR-Gegenwart sowie einem „Tribunal de Sade“ aus der hochbürgerlichen Aufklärung durchschossen. Das Prosastück Heart of Clay zeigt dabei, dass die DDR-Erfahrung zwar der Ausgangspunkt für diese literarischen Exaltationen ist, dass sie aber auch weit darüber hinausgehen.

Ein Beamter auf Dienstreise gerät in eine traumentrückte, fahle Großstadtszenerie und stößt in einer Bar auf eine Frau, die ihn an etwas Früheres erinnert: „Mit ihrer dunklen, ruhigen Stimme sagt sie, ich solle zu einem Haus gehen, das DIE ZENTRALE heißt. Dort müsse ich, im Keller beginnend, bis hinauf zur obersten Etage, DIE CHEFS erschießen.“ Dieses Töten anscheinend aus dem Nichts heraus kann an ein Erfurter Gymnasium oder ein Bezirksparlament in der Schweiz genauso erinnern wie an ohnmächtige Fantasien im DDR-System. Und ebenso verblüffend ist die Feststellung, dass der mit Klitaemnestra Hermafrodit korrespondierende Text Mamma Pappa Tsombi schon 1985 entstanden ist: eine Kleinfamiliengroteske aus Ost-Berlin, in der der Mann stundenlang von Verwandten aus dem Westen mitgebrachte Horrorvideos schaut und die behinderte kleine Tochter nur die drei Wörter Mamma Pappa Tsombi kennt. Es ist ein Hyperrealismus, mit der hier der bis ins kleinste intime Detail zerstörte Alltag geschildert wird, die Sprache ist weder satirisch noch analytisch, noch moralisch, aber sie bildet auch nicht einfach bloß ab. Es ist ein Sprechtext mit vier Rollen, und das Sprechen geschieht im Textbild simultan: Libretto für Stimmen und Vocoder lautet der Untertitel und nimmt alles voraus, was Frank Castorf dann Anfang der neunziger Jahre an ebendieser Volksbühne auf die Bühne stellte, an der Jirgl Beleuchter war.

Den zweiten Teil der Trilogie, MER – Insel der Ordnung, kann man als DDR-Schlüsseltext lesen. MER ist eine Anspielung auf das Mitteleuropäische Reisebüro, das in der NS-Zeit die Judendeportationen organisierte, und erzählt wird aus den Perspektiven dreier Männer, die auf die Insel Hiddensee in Urlaub fahren, la mer – die Zuspitzung der in der DDR real einlösbaren Sehnsüchte. Bald vermehren sich die Gerüchte, dass auf dem Festland ein Atomkrieg ausgebrochen ist, und auf der Insel entsteht der DDR-Gesellschaftsapparat im Kleinen: Die Urlauber müssen in den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften arbeiten, es gibt Unterhaltungsangebote, die das Farcehafte der DDR auf den Punkt bringen, es entstehen Schwarzmärkte und Tauschhandel. Eine Urlaubsinsel verwandelt sich in ein KZ. Dass die Essensversorgung durch gefangen genommene Menschen gewährleistet wird, stellt sich durch ein Theaterspektakel im Freien heraus, eine Persiflage auch auf die Rolle der Kunst im Staat. MER – Insel der Ordnung ist mehr als einfach eine schwarze Utopie. Es ist die radikalste Tabula rasa, die es in der DDR-Literatur gibt.

Im Satyrspiel genannten dritten Teil der Trilogie, Kaffer. Nachrichten aus dem zerstörten=Leben, befinden sich ein desolater Alter und sein Bewacher aus der Psychiatrie in einem Sprachkampf, der minuziös vorgeführt wird, und nicht einmal die traditionelle literarische Vorstellung, dass durch die Bannung des Nichts in der Sprache dieses Nichts aufgehoben werden könnte, kann Platz greifen. Jirgls Ästhetik ist hier im wilden Urzustand zu besichtigen: eine Sprachwüste, in der sich Zeichenschichten herausarbeiten. Die ausdifferenzierten Sprechsituationen der späteren Romane fußen auf dieser Basis, ein nihilistisches, alles zersetzendes Theater – Trümmermonologe, die sich keiner dramaturgisch gängigen Form mehr fügen wollen. Das machte Jirgl in der DDR undruckbar und hielt ihn von allen Fährnissen staatlich geduldeter Opposition fern. Mit seinen Sprachmonolithen, die völlig abseitig zeitgenössisch sind, entzog er sich dem staatlichen Zugriff von vornherein. In landläufiger Prosa, in realistisch und psychologisch vorgeformten Erzählhaltungen konnten in der DDR durchaus kritische Inhalte verbreitet werden. Jirgls Inhalt aber war die Form. Und ihre Sprengkraft wirkt bis heute.

Reinhard Jirgl: Genealogie des Tötens

Trilogie. Klitaemnestra Hermafrodit & Mamma Pappa Tsombi; MER – Insel der Ordnung; Kaffer. Nachrichten aus dem zerstörten Leben
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2002; 835 S., 28,- Euro

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 47/2002
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service