Krimi Im Mailänder Dschungel

Wiederentdeckt: Giorgio Scerbanencos großartige Noir-Krimis um Duca Lamberti

Lange Zeit hatte Giorgio Scerbanenco das Dasein eines literarischen Chamäleons und Outcasts geführt. Als Autor erotischer Erzählungen und sargschwarzer Gruselgeschichten sowie einer ganzen Reihe von Kriminal- und Spionageromanen war der Italo-Ukrainer den tonangebenden Kritikern suspekt geblieben. Zu Recht berühmt aber machte ihn schließlich die kurz vor seinem Tod vollendete Tetralogie um den Mailänder Ex-Arzt Duca Lamberti. Darin schwingt sich der 1911 als Sohn eines ukrainischen Offiziers und einer Italienerin in Kiew geborene und 1969 verstorbene Vielschreiber zu erstaunlicher literarischer Qualität auf.

Scerbanenco, der sich zunächst als Buchhalter, als Dreher in einer Weckerfabrik und Klatschreporter versuchte, bildete schon in seinen frühen, von ihm so genannten Schundromanen einen staubtrockenen Stil aus, etwa in dem Science-Fiction-Roman Mailand wird wieder aufgebaut von 1963 oder in Todsünden, einer Sammlung lasterhafter Geschichten (1974). Diese Bücher waren mehr als bloße Vorarbeiten; versessen auf die Beschreibung des Zwielichtigen im Menschen, erwies Scerbanenco sich schon in seinen frühen Texten als literarischer Exorzist.

In den Lamberti-Romanen gewinnen seine Einsichten ihren gültigen literarischen Ausdruck. Ihr Schauplatz ist das Mailand der kleinen Leute Anfang der fünfziger Jahre, das seine Unschuld verliert und geprägt wird von bedrohlicher Anonymität. Der sympathische Kleinganove verkommt zum eiskalten Drogendealer und das kokette Mädchen zur billigen Prostituierten. Scerbanancos Bücher lesen heißt: Mailands innerste Topografie lesen.

Den Auftakt der deutschen Neuedition seiner Lamberti-Romane bildete 2001 Das Mädchen aus Mailand von 1966, in welchem der ehemalige Arzt, der seine Zulassung wegen erteilter Sterbehilfe verlor, Italiens ersten internationalen Prostitutionsring aufdeckt. In seinem zweiten, im Frühjahr 2002 erschienenen Fall Die Verratenen legt Lamberti einer Gruppe von Waffenschiebern und Drogendealern das Handwerk. Weil sich die Schmuggler Zug um Zug gegenseitig aus dem Weg räumen, bedarf es der ganzen Kombinationsgabe des findigen Schnüfflers, um das Puzzle immer neu verübter Doppelmorde zu rekonstruieren. Scerbanencos erzählerisches Credo lautet: keine Erklärungen, keine Kompromisse. Und vor allem: kein makelloser Held!

Der Leser taucht ein in die dämmrige Welt der Außenseiter und Durchgedrehten; in einen zwielichtigen Mailänder Dschungel, in dem jenes Konfliktgemisch brodelt, das die Stadt bis heute bestimmt: Kultur, Strebsamkeit und Weltoffenheit auf der einen, Gier und unverstellte Brutalität auf der anderen Seite. Das Resultat sind atmosphärisch dichte Noir-Romane, die auf die Trennlinie zwischen Literatur und Unterhaltung pfeifen.

So missbraucht im dritten und vielleicht besten Lamberti-Roman Der lombardische Kurier eine blindwütige Prostituierte eine Gruppe halbwüchsiger Schüler für ihren Rachefeldzug gegen deren Lehrerin, die sie für die Verantwortliche für den Tod ihres Mannes hält. Unter den Hieben und sexuellen Misshandlungen der vom Alkohol aufgeputschten Meute kommt die Lehrerin auf bestialische Weise um. Wie es Scerbanenco im Folgenden versteht, seinen Ermittler das Geflecht aus fehlgeleiteten Rachegefühlen, Angst und kollektiver Vertuschung entwirren zu lassen, das erinnert an die langsamen, sich wie in Zeitlupe abrollenden Plots Simenons. Illusionslos schildert er eine in Auflösung befindliche, von Terror und Gewalt unterwanderte Welt. Und er zeichnet Charaktere, die in ihrer unterschiedslos prekären Lage eine Mauer des Schweigens errichten, sodass es Lamberti lange unmöglich scheint, den wahren Täter zur Strecke zu bringen.

 
  • Serie rezension
  • Quelle (c) DIE ZEIT 47/2002
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