Roman V-Mann des Zeitgeistes

Ulrich Woelk wedelt mit dem Mantel der Geschichte

Es war einer jener Herbsttage, die über Stunden bleiben, wie sie sind: Sie kommen, ziehen sich hin und gehen dann wieder. „Herbsttage sind wie manche Herbstbücher. Auch die kommen, ziehen sich hin und verschwinden dann wieder. Vielleicht liegt es an solchen Sätzen, wie Ulrich Woelk sie schreibt. An Sätzen wie diesem: „Ihrer Art, sich zu verschließen, haftete etwas Dichtes an.“ Oder diesem: „Jedes Mal, wenn die Tür sich öffnete, wehte die Kälte herein wie ein Stück vom Umhang der Nacht.“ Sätze, so schwer, so grau und schleierhaft wie in Kunstharz gegossener Nebel. Vielleicht dürfen wir ihre dunkle Botschaft so verstehen: In einer Spätzeit, in der sich nichts mehr bewegt, halten die Menschen dicht wie Geheimdossiers, und die Herzenskälte pfeift durch alle Ritzen wie ein Stück vom Mantel der Geschichte. Oder so ähnlich.

So war es noch jedes Mal, wenn Ulrich Woelk das Portal eines Romans eröffnete – wusch, wehte er herein, der Mantel der Geschichte. Er flattert auch im neuen Woelk-Roman Die letzte Vorstellung wieder heftig durch die Flure seines Erzählens. Ein Mord ist geschehen. Morde geschehen ja derzeit dauernd im deutschen Roman, meist gleich am Anfang, als Muntermacher. Danach erwartet uns natürlich kein schnöde spannender Krimi, sondern der ganz besondere Thrill sentimentaler deutscher Selbstzerknirschungsprosa.

Woelk eröffnet also mit einem Mord. Die Leiche wurde schon vor Romanbeginn hergestellt, ist also gleich fertig da. Ein Exterrorist der RAF, ein kleiner Fisch mit typischer Aussteigerkarriere: in den späten Siebzigern untergetaucht in der DDR, bis zur Wende von der Stasi betreut, verhaftet, als Kronzeuge wieder freigelassen und nun an den Stuhl gefesselt und totgeschossen aufgefunden in seinem Haus im norddeutschen Flachland.

Eine ziemlich verspätete deutsche Geschichtsleiche. Das sehen die beiden Ermittler, die sich den Fall teilen müssen, genauso. Er: Polizist von der Kripo Niebüll, ein blasser, wortkarger Typ mit notorischem Ehefrust, sie: BKA-Beamtin, „im Osten aufgewachsen“ und als forsche, ehrgeizige Aktenlöwin nun zum ersten Mal auf der Pirsch vor Ort im Einsatz. Die RAF ist ziemlich mausetot, die Leiche vor ihnen aber auch. Hatte da jemand eine offene Rechnung zu begleichen, ein verbitterter Genosse vielleicht? Oder wusste der Tote zu viel?

Gezieltes Stochern im norddeutschen Nebel

Es beginnt, was der Autor eine „Hommage an den Whodonit-Roman“ à la Agatha Christie nennt, also gezieltes Stochern im (norddeutschen) Nebel und Fischen im Trüben der deutsch-deutschen Geschichte. Er schickt das paritätisch ost-west-besetzte Ermittlerteam auf Achse, lässt alle Tatverdächtigen vernehmen. Zuerst die Ex-Frau des Ermordeten, die ihren Mann für die Stasi bespitzelte und daran nichts Schlimmes finden kann, da ihre Berichte eine unschädliche, aber hilfreiche „Form der Besinnung“ gewesen seien. Dann den 68-er WG- und Weggenossen des Ermordeten in Berlin-Kreuzberg. Der hat eine prächtige Karriere und viel Moos als trendiger Szene-Fotograf gemacht und steht dazu, dass er sich nebenher ein paar Brötchen als Informant beim Verfassungsschutz verdiente. Der ehemalige Stasi-Oberst und Führungsoffizier des Ermordeten wiederum hat heute viel zu gute und „präzise“ Geschäftskontakte zu Russland, um von Geheimdiensten noch eine gute Meinung zu haben. Dann ist da noch ein bockiger Informatnt des BKA aus der links-extremistischen Szene, der ein fiebriges, radikal nihilistisches Kolleg à la Baserow in Turgenievs Väter und Söhne vom Stapel lässt. Er hat einen Mordshass auf die verspießerten RAF-Aussteiger und kündigt härtere Zeiten an. Keiner von ihnen kommt – um es gleich zu sagen – als Täter infrage. Es sind, wie wir alle, nur Meinungstäter, die ihre Lebenslüge, ihren segensreichen Opportunismus und moralischen Pragmatismus als Lebensleistung verbuchen und scharfsinnig verteidigen.

Bleiben noch der kreuzbrave Polizist, in den der Autor viel seelisches Eigenkapital investiert hat, und seine an der Lösung des Falls auffallend desinteressierte Gegenspielerin vom BKA. Die deutsch-deutsche Problematik als deutsch-deutsches Ermittlerproblem. Man hofft vergebens, dass sie die Wiedervereinigung wenigstens im Bett vollziehen. Da wächst nichts zusammen, im Gegenteil, die Mauer wird noch mal dramatisch hochgezogen zwischen den beiden, die sich von Anfang an zwar nicht riechen können, aber mit gutem Riecher gegenseitig beschnüffeln und über der Leiche, die einer von ihnen im Keller hat, heftig die Klingen kreuzen. Sie wissen denn auch längst Bescheid, während unsereins noch lange im Dunkeln tappt, bis am Ende in einem psychodynamischen Showdown zwischen Ossi und Wessi dann nur noch eine Figur im Netz zappelt, in der das ganze sinnlose Elend der deutschen Teilung sich zur persönlichen Misere auswuchs und in einem sinnlosen Verbrechen kulminierte. Wahnsinn.

Die Auflösung ist krimitechnisch so geschickt herbeigeführt wie an den Haaren herbeigezogen, die Tat selbst ein Opfer, ein Sacrificium Intellectus nämlich der originellen Botschaft zuliebe, dass über die deutsche Wunde noch längst kein Gras gewachsen ist.

Eine ziemlich pathetische, von säuerlichem Protestantismus umwoelkte Räuberpistole. Woelk lässt alles, was er immer schon mal sagen wollte und was in Talkshows und Nachtstudios ja auch immer schon mal gesagt und geklagt wurde in den letzten Jahren, in diesem Romanfeuilleton verhandeln. Immer schön paritätisch pro und contra, geradezu kanzlerduellmäßig korrekt, kommen alle Positionen zu Wort. Wobei die fromme Botschaft wohl lautet, dass alle Standpunkte in der Welt irgendwie verständlich und berechtigt sind und man die Widersprüche eben aushalten können sollte.

Das schaffen wir zur Not. Was wir aber nur schwer aushalten, ist die überwältigende Trockenheit und bigotte Korrektheit, ja Pedanterie dieses Erzählers. Da werden nicht nur Leute vernommen, da „vernehmen“ die Leute auch ganz gewöhnliche Nachrichten und sogar ihren eigenen Atem beim Laufen. Wenn die Exfrau des gemordeten Exterroristen in Würde zu altern versteht, sieht Woelk „in ihrer Art eine gewisse Akzeptanz des Alterns“. In welcher Wohnküche, und sei es in Niebüll oder Timmersiek, streitet man so erbaulich diskursiv: „,Ich will wissen, was du denkst.‘ … Er sagte: ,Ich denke nichts. Jedenfalls nichts, was für unsere Ehe irgendwie von Bedeutung wäre.‘ – ,Für eine Ehe ist alles von Bedeutung. Das ist es, was du nicht zu verstehen scheinst… Es ist trostlos.‘– ,Nein, das ist es nicht. Es ist das Leben.‘“

Wenn etwas trostlos ist, dann ist es die Feier des Trostlosen. Dann ist es diese Sprache, dieses triste Okular, sind es diese steifleinernen, uncharmanten Dialoge, ist es die hemmungslose Verwendung von Nachrichten-Vokabeln wie erneut, die schon bei einmaliger Verwendung einen Erzähltext beinah ruinieren können wie eine faule Kaffeebohne ein ganzes Päckchen. Vom Atmosphärischen, der peniblen Lichtregie für jede Szene, gar nicht zu reden. Die reine Sonntagsmalerei. Selten jedenfalls kam einem die norddeutsche Provinz so platt, der Himmel so leer und das in Glas und Marmor protzende Berlin so hölzern vor wie in Woelks Stadtbegehungen.

Fassen wir unsere Ermittlungen zusammen. Der neue Roman von Ulrich Woelk, der uns auf den Sektionstisch flatterte, ist wieder ein typischer Woelk. Alles, was in eine Spiegel-Ausgabe reingeht, ist drin: Achtundsechziger-Vergangenheit, Verfassungsschutzskandal, Stasi-Erbe, Russengeschäfte, Berlin-Rummel… Der Autor ist seit den achtziger Jahren einschlägig bekannt mit Romanen, in denen er sich als V-Mann des Zeitgeistes alle gerade brennenden Feuilletonsorgen machte, alle medial durchgekauten Themen noch einmal zu intellektuell getunten Seifenopern aufplusterte. Der Fall beschäftigte die Kritik: „Bemühtes Konstrukt“, „präzise Sprache“ „Traktätchen zum Menschen“, „kraftlose Sprache“, „avancierte Anspruchslosigkeit“, „faszinierend“… hieß es da in gewohnt bunter Meinungsvielfalt. Wahrscheinlich trifft alles irgendwie ins Schwarze, wie der neue Woelk zeigt: ein faszinierend bemühtes, kraftlos präzises Traktätchen zum Menschen in seiner ganzen avanciert anspruchslosen Konstrukthaftigkeit.

π Ulrich Woelk:

Die letzte Vorstellung

Hoffmann und Campe, Hamburg 2002; 303 S., 19,90 Euro

 
  • Serie rezension
  • Quelle (c) DIE ZEIT 47/2002
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