Politisches Buch Im Raum der Einsamkeit
Das „Denktagebuch“ der großen Philosophin Hannah Arendt erscheint in einer hervorragenden Edition
Vielleicht kommt dieses Buch gerade zur rechten Zeit. In den vergangenen Jahren ist uns Hannah Arendt gefährlich nahe gerückt. Ihre Arbeiten sind unter die Akademiker gefallen, und die Öffentlichkeit denkt an Eichmann oder an Heidegger, wenn ihr Name fällt. Und nun dieses Buch. Ihr Denktagebuch, in einer ganz hervorragenden Edition. Was aber ist ein Denktagebuch? Zwischen 1950 und 1973 füllte Hannah Arendt insgesamt 28 Notizbücher und dazu ein „Kantheft“, mal in dichter Folge, mal mit großen Lücken. Zur Datierung ihrer Eintragungen verzeichnete sie Monate, nie einzelne Tage. „Monatsbücher“ kennen wir nicht, während Tagebücher eine lange Tradition haben. Bereits dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass wir es mit einem ungewöhnlichen Text zu tun haben.
Hannah Arendts Denktagebuch ist ein fremdes, ein einsames Buch. Wer hat es geschrieben? Sicher nicht die Autorin der großen politischen Bücher wie Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft oder Über die Revolution, denn beide zeigen einen leidenschaftlichen Schreibgestus. Es kann auch nicht die Verfasserin der zahllosen und oft sehr scharfen politischen Artikel gewesen sein, die sich ins Gemenge der Zeit begab. Und ebenso wenig stammen die Texte aus der Feder jener Briefschreiberin, der wir in den vergangenen Jahren im Gespräch mit Karl Jaspers, Hermann Broch, Mary McCarthy, Heinrich Blücher und Martin Heidegger kennen lernen konnten. Am ehesten ähneln die Aufzeichnungen noch der Vita Activa und den Arbeiten aus dem Nachlaß. Aber auch wieder nicht. Denn dies waren durchweg diskursivierte Texte, während wir hier eine Mischung aus Lektüren und Reflexionen, aus aphoristischen Aufzeichnungen und Gedichten finden.
Was fehlt, sind Hinweise auf das alltägliche, persönliche, berufliche und politische Leben der Schreiberin. Es ist kein psychisch konstituiertes Ich, dem wir hier über die Schulter schauen. Geschrieben wurde das Denktagebuch von einer Instanz, die nur einen Raum bewohnt, den zeitlosen Raum des Denkens. „Das alterslos denkende Ich: Für die Denkerfahrung gibt es keine Zeit“, so heißt es an einer Stelle. Ein dialogischer Raum, denn im Denken spricht das Ich mit sich selbst. Als Gedachtes ist das Denken immer schon sprachlich. Das Denktagebuch ist daher auch kein Experimentierfeld für Ideen. Hier wird nicht herumprobiert an Gedanken und Formulierungen. Hier stehen fertige Sätze. Präzise und schmucklos. In sicherem Ton.
Man könnte das Denktagebuch als Archiv eines großen Projekts bezeichnen. Es geht mit der Frage um, wie nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts noch politisch gedacht und gehandelt werden kann. „Der Bruch war vorgezeichnet im Generationsbruch nach dem Ersten Weltkrieg, aber nicht vollzogen, insofern das Bewusstsein des Bruches noch das Gedächtnis an die Tradition voraussetzte und den Bruch prinzipiell reparabel machte. Der Bruch erfolgte erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als er als Bruch gar nicht mehr notiert wurde“, heißt es in einer Eintragung vom Januar 1953. Das Denktagebuch ist kein Raum des Rückzugs aus der Welt. Sich dahin zu begeben, wo die Zeit nicht mit der Welt synchron geht, ist riskant. Es ist ein Sichaussetzen. Die Differenzen zu anderen Gedanken und zu den Gedanken anderer gewinnen dort eine Schärfe, die anderswo nicht zu halten wäre. Und doch ist es ein kommunikativer Raum: „Das Interpretieren, das Zitieren – doch nur, um Zeugen zu haben, auch Freunde.“
Gibt es ein Denken, das nicht tyrannisch ist?
Wer sind diese Zeugen, wer die Freunde? Gelesen werden die Texte, die am Beginn der europäischen Geschichte stehen, vor allem Platon und Aristoteles. Cicero wird aufgeschlagen und später auch Montesquieu. Über Kant und Hegel bewegen sich die Lektüren zu Marx und Nietzsche, die öfter ins Gespräch darüber verwickelt scheinen, wie die zerbröselnde bürgerliche Gesellschaft zu denken sei. Während Heideggers Texte ausführlich exzerpiert und kommentiert werden, ist Jaspers ein Freund, mit dem die Schreiberin am gleichen Strang zieht. „Ohne dass er es ganz weiß“, sei er immer der einen Frage nachgegangen: „Gibt es ein Denken, das nicht tyrannisch ist.“ Das ist auch die Frage, die für Hannah Arendt im Zentrum des Denkens steht.
Bei der Analyse des Denkverhältnisses von Arendt und Heidegger können wir getrost noch einmal von vorn anfangen. „Dies ist der Irrtum von Sein und Zeit“, so heißt es einmal ganz apodiktisch oder – an einer anderen Stelle – „Heidegger hat unrecht.“ Doch die Lektüre seiner Texte ist nicht im Gestus der Abgrenzung abgefasst; sie dient vielmehr als Anregung, wie folgende Passage vom April 1951 zeigt: „Heidegger – Gang durch Sein und Zeit, p. 16: ,Das Selbe ist nicht das Einerlei des Gleichen, sondern das Einzige im Verschiedenen und das verborgene Nahe im Fremden.‘ Von hier aus wäre ein neuer Gleichheitsbegriff zu entwickeln, der den Schrecken, die ursprüngliche Angst vor der Menschheit sowohl wie die Notwendigkeit ihrer bewahren könnte. Wir können uns mit der Nähe (dem Gemeinsamen) nur abfinden, weil sie im Fremden verborgen ist und als Fremdes sich präsentiert. Wir können uns mit dem Fremden nur abfinden, weil es Nahes verbirgt, Gemeinsames ankündigt.“
Ein überraschender Zugriff: Sein und Zeit wird zum Ausgangspunkt für neu gedachte politische Begriffe, die nach dem Traditionsbruch Gültigkeit erlangen können. Begriffe, die in einem Bereich Schärfe erlangen, für den sie nicht entwickelt wurden. Diese Passage zeigt Hannah Arendts Lektüren wie in einem Brennspiegel. Im Raum des Denkens hat Kritik kein Bleiberecht. Hier taugt nur der Dialog. Texte können nur dann Einlass erlangen, wenn sie sich für die Fragen der Zeit öffnen lassen. Wenn sie anregen. Alles andere steht in Klammern: „(Dies ist eigentlich die Lösung des Problems Heidegger. Er hat – nicht die Einsamkeit, sondern – die Verlassenheit produktiv gemacht. Daher die ungeheure Attraktion.).“
Einsamkeit, Verlassenheit, Gespräch. Mit Reflexionen über Liebe, Ehe, Freundschaft begibt sich die Schreiberin nicht in einen privaten Raum, der keine Verbindungstüren zu dem der politischen Theorie hätte. Im Gegenteil. Wie Hannah Arendt mehrfach ausführt, sind Bewohner des Reiches der Demokratie auf Freundschaft angewiesen. Auf allen Ebenen. Die Machthaber brauchen Freunde, die ihnen sagen, wo sie demokratische Prinzipien verletzen; alle anderen brauchen Freunde, um mit ihnen zu kontrollieren, ob diese Prinzipien gewürdigt oder missachtet werden. Alle aber leben gleichzeitig in einer ganz anderen Welt. In der Welt der Liebe. Sie ähnelt der Welt des Denkens, auch in ihr existiert keine Zeit. „Zur Abgrenzung: Gefühle habe ich; die Liebe hat mich. Freundschaft ist wesensmäßig abhängig von ihrer Dauer – eine zwei Wochen alte Freundschaft existiert nicht; die Liebe ist immer ein ,coup de foudre‘.“
Liebe ist daher kein „Thema“ des Denktagebuchs, das in merkwürdiger Heterogenität zum Nachdenken über die Welt und damit auch zur Politik stünde. Im Gegenteil: „Wir verstehen einander gewöhnlich nur in einem Zwischen, durch die Welt und um der Welt willen. Wenn wir einander direkt, unvermittelt, ohne Bezug auf ein zwischen uns liegendes Gemeinsames verstehen, lieben wir.“ Lieben ist damit zusammen mit Arbeiten und Denken ein Modus ohne „Zwischen“, ein Modus des „schieren Lebens – weltfeindlich, anti-politisch.“ Leben wäre nach diesen Bestimmungen ein Hin und Her, wäre angewiesen auf die Welt und das Andere dieser Welt. Die Differenz der beiden Reiche muss geschützt und verteidigt werden, jede Verwischung bedeutet eine Gefahr. In vielen Aufzeichnungen wird sie von beiden Seiten aus beleuchtet: Die Liebe verbrenne das „Zwischen“, so heißt es, sie sei das „Menschlichste“. „Wer nie diese Macht erlitt, lebt nicht, gehört nicht zum Lebendigen.“ Verbrennen und leiden sind starke Verben; ganz entschieden lösen sie die Liebe aus ihrer bürgerlichen Bestimmung als Gefühl: „Liebe ist ein Ereignis, aus dem eine Geschichte werden kann oder ein Geschick… Inzwischen ist die Ehe zur Institution der Liebe geworden, und als solche ist sie noch um ein weniges hinfälliger als die meisten Institutionen der Zeit. Die Liebe wiederum ist seit ihrer Institutionalisierung ganz und gar heimat- und schutzlos geworden.“
Vor allem in Amerika sieht Hannah Arendt eine damit verbundene Gefahr. Dort wird die Liebe nicht nur zum Gefühl gezähmt und damit in die Welt des „Zwischen“ gezerrt. Dort wird „die Familie als die Urform der menschlichen politischen Gemeinschaft gesetzt… Und daraus entspringt dann der ganze Höllenspektakel – d.h. die gleichzeitige Perversion der politischen Verhältnisse und der ,Liebes‘- und Familienverhältnisse.“ Nietzsches Wort „Die Wüste wächst“ bekommt hier plötzlich noch eine ganz andere Bedeutung zugeschrieben: „Durch die Flucht aus der Politik verschleppen wir die Wüste überall hin – Religion, Philosophie, Kunst. Wir ruinieren die Oasen!“
Das dialogische Ich ist auf ein Du angewiesen
Eingestreut in diese Theoretisierungen sind Gedichte. Da die Schreiberin sie gleichberechtigt mit anderen Schreibweisen in ihrem Denktagebuch aufzeichnet und überliefert, bleibt die Anforde-rung, sie zu lesen. Voreilige Qualitätsurteile sind da wenig hilfreich. Im Juni 1951 schreibt sie, wie meist ohne Titel: „Die Gedanken kommen zu mir, / ich bin ihnen nicht mehr fremd. / Ich wachse ihnen als Stätte zu / wie ein bebautes Feld.“ Die Funktion lyrischen Schreibens mitten im Denkprozess wird hier ganz deutlich: Was im theoretischen Schreiben als Dialog eines Ich mit sich selbst bezeichnet wird, kippt im Gedicht ins Metaphorische: „Wie ein bebautes Feld“ sei das Ich. Bebaut von Gedanken, die von außen kommen. Was der Dialog in eine Folge zerlegt, kann das Gedicht als Gleichzeitigkeit denken, in der sich Vergangenes und Künftiges kreuzen. In vier kurze Verse komprimiert, die rhythmisch leicht stolpern, artikuliert ein Ich auch seine Furcht: vor dem Fremden, das im Denken auf es zukommt. Davor, dass es von etwas außer ihm selbst gemacht, bebaut wurde. Das Denktagebuch – kein Ort des Rückzugs.
Hannah Arendts Aufzeichnungen enden 1970 – ganz entgegen der sonstigen Schreibpraxis – mit einem präzisen Datum: „den 25. November. Am 31. Oktober ist Heinrich gestorben, sehr plötzlich, sehr schnell in siebeneinhalb Stunden. Am 4. November war die Trauerfeier, am 15. die Beisetzung der Urne in Bard.“ Der Tod Heinrich Blüchers zerstört die Schreibkonstellation. Die Schreiberin beginnt zwar noch ein neues Heft: 1971. Ohne Heinrich. Doch anders als alle anderen Hefte enthält dieses fast nur noch Reiserouten. Auch das dialogische Ich des Denktagebuchs war auf ein Du verwiesen. Auf ein Gespräch, nicht nur mit der inneren Stimme, sondern mit der Stimme eines anderen Menschen. Nach dessen Verstummen verstummt auch das Ich.
Es ist ein Glücksfall, dass Ursula Ludz und Ingeborg Nordmann die Herausgabe dieser Notizhefte übernahmen. So sorgfältig und zurückhaltend muss diese Art von Arbeit getan werden. Ganz im Dienst des Textes, um den es geht. Das ist nur möglich, wenn alle, auch die kleinsten editorischen Entscheidungen theoretisch genau durchdacht sind. Anders wäre dieser Teil von Hannah Arendts Schreibprojekt nicht deutlich geworden. Im Nachwort wird dieses – en passant – auf eine Weise entworfen, dass ganze Stapel von Sekundärliteratur sehr verstaubt wirken. Das Denktagebuch wird nicht in dieses belanglose Ballett von Falsch und Richtig, von Wichtig und Unwichtig, von Widersprüchlich oder Widerspruchslos aufgespannt. Ganz unaufwändig und ganz selbstverständlich legen Lutz und Nordmann etwas anderes frei: das hartnäckige und manchmal fast verzweifelte Bemühen einer Intellektuellen, eine angemessene Denk- und Schreibweise für die Zeit nach dem Traditionsbruch zu finden. Oder anders gesagt: Im Nachwort ist ein großes Buch über Hannah Arendt versteckt. So etwas leisten sich nur die, denen es – recht altmodisch – um die Sache geht. Jede Annäherung an das Buch steht daher nicht nur in der Schuld der Herausgeberinnen, sondern auch der Verfasserinnen des Nachworts.
π Hannah Arendt: Denktagebuch
1950–1973; 2 Bde., hrsg. v. Ursula Ludz und Ingeborg Nordmann; Piper Verlag, München/Zürich 2002; 1231 S., 118,– Euro
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- Serie rezension
- Quelle (c) DIE ZEIT 47/2002
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