umwelt Salto rückwärts in den Ofen
Kompost enthält Schwermetalle. Deshalb will die Bundesregierung strenge Grenzwerte festlegen. Mit Bioabfall darf dann nicht mehr gedüngt werden
Wer nach der schlimmsten Herausforderung für seine Nase sucht, geht im Hochsommer in seinen deutschen Garten. Dort lüpft er mit den Fingern einen Spaltbreit den Deckel seiner Biotonne und ist umgehend von Sinnen. Was er vor Tagen hineingeworfen hat – Kartoffelschalen, Essensreste, Teebeutel, verwelkte Schnittblumen –, ist zu einem bestialisch stinkenden Matsch geworden, von Maden durchzogen, von Fliegen umschwärmt. (c) ZEIT-Grafik©
Den Deutschen scheint das zu gefallen. 100 Kilogramm organische Abfälle trennen und sammeln sie pro Kopf und Jahr. In der Summe macht das 9 Millionen Tonnen Biomüll – so viel, wie alle anderen EU-Länder zusammen einsammeln. In mehr als 800 Kompostierungsanlagen wird der gärende Grünzeugmatsch zu 4,5 Millionen Tonnen Kompost verarbeitet. Der landet schließlich als Dünger wieder auf Äckern und Gartenböden.
Doch tun wir der Umwelt damit einen Gefallen? Ausgerechnet das Bundesumweltministerium ist sich da nicht mehr so sicher. Bioabfall ist nämlich nicht nur geruchsintensiv, sondern auch ein guter Speicher. Wasser und ein Teil der organischen Substanz gehen beim Kompostieren verloren – nicht aber Blei, Cadmium, Quecksilber, Zink, Nickel, Chrom und Kupfer. Diese Schwermetalle finden sich im Kompost in Konzentrationen, die erheblich über denen in Landwirtschaftsböden liegen.
Die Rechnung, die sich daraus ergibt, ist einfach. Landet solcher Kompost auf dem Acker, erhöht sich zwangsläufig der Schwermetallanteil: im Boden, in den Pflanzen, auf dem Teller. Eine akute Gefahr bedeutet das zwar weder für die Gesundheit noch für die Landwirtschaft. Damit aber künftige Generationen Gesundes auf deutschen Äckern erzeugen können, müssten heute „Strategien zur Minimierung des Schadstoffeintrags festgelegt werden“, heißt es in einem Konzept der Ministerien für Umwelt und Verbraucherschutz. Es soll nach dem rot-grünen Wahlsieg schnell umgesetzt werden.
Schwermetall-Grenzwerte für Kompost und andere Düngemittel gibt es bereits. Die aber sind großzügig bemessen. Künftig sollen sie nach dem einfachen Prinzip „Gleiches zu Gleichem“ festgelegt werden: Organische Düngemittel wie Kompost, Gülle oder Klärschlamm dürfen nicht mehr Schwermetalle im Boden hinterlassen, als dort vorher schon vorhanden waren.
Das klingt so schlicht wie sinnvoll: Boden vergiften verboten! Doch der Plan stößt von der Kompostbranche über den Bauernverband bis zum Deutschen Städte- und Gemeindebund auf helle Empörung. Denn letztlich kommt er einem Verbot des Düngens mit Abfallstoffen gleich. Der Inhalt der Biotonne dürfte nicht mehr aufs Feld. Jede Pflanze legt nämlich beim Wachsen eine natürliche Eigenschaft an den Tag: Sie reichert Inhaltsstoffe an. Nach den neuen Regeln, hat der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft ausgerechnet, dürften viele Biohöfe den eigenen Kompost nicht mehr verwenden, obwohl der ja nur Schwermetall enthält, das auch vorher schon im Boden vorhanden war. Das Prinzip „Gleiches zu Gleichem“ sei absurd: „Dünger, der sich hinsichtlich seiner Inhaltsstoffe nicht vom damit zu düngenden Boden unterscheidet, wird man wohl kaum als solchen bezeichnen können“, lästert der Verband Kommunale Abfallwirtschaft. In seinem Mitteilungsblatt macht er genüsslich eine Rechnung auf, nach der unter Einhaltung der geplanten Grenzwerte weder Weizen noch Mais, Bohnen, Erbsen, Kartoffeln, Zuckerrüben, Spinat oder Salat kompostiert werden dürften. Pflanzen hätten eben die Eigenschaft, Nährstoffe und Spurenelemente anzusammeln – gerade deswegen seien sie ja als Lebensmittel geeignet. „Sondermüll sind die von Natur aus so reichhaltig ausgestatteten Pflanzen eigentlich nicht“, heißt es in dem Artikel, „deshalb empfehlen uns Ernährungsphysiologen auch schlicht das Aufessen.“
HumMuss, die Zeitung der Bundesvereinigung Humus- und Erdenwirtschaft, macht darauf aufmerksam, dass vor uns die Dänen ein ähnliches Eigentor geschossen haben. Sie senkten den Cadmium-Grenzwert so deutlich, dass viele Komposte die Werte nicht mehr einhalten: „Es fehlt nun das Produkt für den Markt.“ Ähnliches drohe in Deutschland. 25000 Arbeitsplätze seien gefährdet, Milliarden-Investitionen in Abfalltrennung und Recycling vergeudet. Auf den norddeutschen Sandböden könnten nach dem Prinzip „Gleiches zu Gleichem“ nur noch 10 Prozent der Bioabfälle als Kompost verwertet werden. Für die restlichen 90 Prozent bedeute dies das Ende der Kreislaufwirtschaft und einen „Salto rückwärts in den Ofen“.
Ein Großteil der Klärschlämme und ein Teil des Biomülls werden diesen Weg gehen. Das bestreitet auch das Bundesumweltministerium nicht. Die von der Entsorger-Branche genannte Ausschussquote von 90 Prozent sei jedoch maßlos übertrieben, sagt Claus Bergs, der als Referatsleiter im Umweltministerium das Konzept „Gleiches zu Gleichem“ mitentwickelt hat. Vielmehr sei es so, dass bei 90 Prozent der Kompostierungsanlagen hin und wieder eine Überschreitung der künftigen Grenzwerte vorkomme. Nicht solche „Ausreißer“ seien entscheidend, sondern die Einhaltung der Grenzwerte „im gleitenden Durchschnitt“. Deshalb würden künftig wahrscheinlich nicht einmal die Überreste von schwermetallreichem Gemüse im Verbrennungsofen landen. „Bioabfall ist ja immer eine Mischung und kein reiner Salatkompost.“
Martin Dörhage kann davon ein Lied singen. Er ist Betriebsleiter der Kompostierungsanlage an der Bremer Mülldeponie. Was die weißen Laster der Entsorgungsbetriebe bei ihm anliefern, ist keineswegs nur Grünzeug. Plastiktüten finden sich darin, Babywindeln, Styroporverpackungen, Metallteile. Was der Fachmann „gröbere Fehlchargen“ nennt, kann mit Sieben und Magneten aussortiert werden. „In manchen Laster gucken wir aber nur kurz rein und schicken ihn gleich weiter zur Müllverbrennung“, sagt Dörhage. Vor allem der Biomüll aus Hochhausvierteln ist oft kaum vom Restmüll zu unterscheiden.
Der brauchbare Grünabfall gelangt über Förderbänder in eine geschlossene Halle. Dreieinhalb Wochen lang gärt er dort. Die heiße Abluft wird durch Geruchsfilter geblasen. Ist der Gestank abgeklungen, darf der Biomüll an der freien Luft weiterrotten. Das Endprodukt heißt – weil aus Biomüll gewonnen – Biokompost. Trotz des schönen Namens lässt er sich nicht verkaufen. Vertriebsleiter Carsten Christgau ist schon froh, wenn er genug Landwirte findet, die sein Produkt abholen. „Das Image ist schlecht“, sagt er, „und es gibt ein Überangebot auf dem Markt.“
In Braunschweig wird der Biokompost den Bauern deshalb kostenlos auf den Acker gefahren. Die dortige Kompost GmbH kann sich das leisten, weil sie den Müll aus der grünen Tonne zuvor für sich arbeiten lässt: in einer Biogasanlage. Dabei entstehen rund 200 Kubikmeter Methangas pro Stunde, die zum Betrieb der Pumpen und Quirle in der benachbarten Kläranlage in einem Blockheizkraftwerk zu Strom verbrannt und mit rund 10 Cent je Kilowattstunde subventioniert werden. Biomüllverwertung ist ein Geschäft der besonderen Art. Das Produkt wird verschenkt, dafür gibt es ordentlich Geld für die Annahme des Rohstoffs. 102 Euro kostet die Braunschweiger Gebührenzahler jede Tonne, die der Kompost GmbH geliefert wird.
In Bremen bekommt die Kompostierung Nord GmbH 75 Euro je Tonne Biomüll, die Verbrennung in der benachbarten MVA wäre sogar 50 Cent billiger. Doch seit das Kreislaufwirtschaftsgesetz im Oktober 1996 in Kraft getreten ist, sind Trennen und Wiederverwerten erste Pflicht beim Müll. Ein sicheres Geschäft für die weitgehend privatisierte Biomüll-Branche. Kein Wunder, dass die lauthals gegen eine Verschärfung der Grenzwerte protestiert. Unterstützung bekommt sie vom Verband der Landwirtschaftlichen Untersuchungs- und Forschungsanstalten. Dessen Präsident Volker Potthast fordert, die Verwendung von Kompost in der Landwirtschaft nicht nur unter dem Aspekt der Schwermetallbelastung zu beurteilen, sondern seinen Nutzen bei der Verbesserung des Bodens zu bewerten. „Wir düngen ja nicht zur Abfallentsorgung, sondern zur Nährstoffanreicherung“, sagt er. Nach der „Gleiches zu Gleichem“-Logik müssten auch die Komposthaufen in Privatgärten verboten werden. Auch hier erhöht die Kompostierung den Schwermetallgehalt des Bodens. Tatsächlich, sagt Potthast, bestehe jedoch keinerlei Handlungsbedarf. „Wir können noch 2400 Jahre so weitermachen wie bisher, ohne die geltenden Bodenschutzgrenzwerte zu überschreiten.“
Auch das bestreiten weder das Umwelt- noch das Verbraucherschutzministerium. Der Referatsleiter im Umweltministerium, Claus Bergs, widerspricht jedoch der Vorstellung, dass es sich beim Einsatz von Biokompost in erster Linie um Düngung handele: „Kompostierung ist Abfallverwertung.“ Deshalb sei es besser, übermäßig mit Schwermetall belasteten Biomüll zu verbrennen. So weit müsse es jedoch nur im Extremfall kommen. „Wir werden die neuen Grenzwerte nicht im Hauruck-Verfahren verordnen, sondern mehrjährige Übergangsfristen schaffen“, verspricht Bergs. Der Staatssekretär im Bundesumweltministerium, Rainer Baake, hofft, dass „die Kompostwerkbetreiber weitere Anstrengungen zur Reduzierung der Schadstofffrachten unternehmen können“. Würde der Biomüll genauer kontrolliert, hätte man weniger Ärger mit Schadstoffen.
Das Schwermetall komme vor allem mit den Lebensmittelresten in die Biotonne, behauptet dagegen die Kompost-Branche. Also müsse die Belastung der Lebensmittel verringert werden. Es gehe doch nicht an, dass Spinat mit einer Cadmiumbelastung von 5 Milligramm pro Kilo Trockenmasse als Lebensmittel verkauft werden darf, Kompost aber bereits mit einem Zehntel dieses Gehalts in die Müllverbrennungsanlage wandern soll.
„Wir essen ja zum Glück nicht nur Spinat“, hält das Umweltministerium dagegen. Für die Gesundheit entscheidend sei die Schadstoffbelastung in der Summe aller Lebensmittel, sagt Bergs. Genauso beim Kompost. Und wenn der zu viel Schwermetall enthält, sei er eben durch Verbrennung aus dem Verkehr zu ziehen. Nur so bringt der Kreislauf durch die stinkenden Biotonnen wirklich ökologischen Nutzen, meint Umweltminister Jürgen Trittin und hofft: „Sind die Böden sauber, brauchen wir uns um immer weitere Grenzwerte für noch mehr Schadstoffe weniger Gedanken zu machen.“
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- Quelle (c) DIE ZEIT 47/2002
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