onlineUrknall im Zeitschriften-Universum

Mit digitalen Archiven wollen Uni-Bibliotheken die Macht der Verlage brechen. Aber wie soll die wissenschaftliche Qualität gesichert werden? von 

Eigentlich suchen String-Theoretiker nach der Formel für den Urknall. Doch ihren größten Erfolg können die kopflastigen Forscher derzeit auf einem ganz praktischen Gebiet vorweisen: Ein unscheinbarer Computer, der lange Zeit unter dem Schreibtisch des String-Theoretikers Paul Ginsparg vor sich hin surrte, versetzt Wissenschaftler in Entzücken und Verlage in Aufregung. Ginsparg wollte ursprünglich seinen Kollegen eine Plattform bieten, um schnell Manuskripte auszutauschen. Doch innerhalb von zehn Jahren mauserte sich sein Server zur erfolgreichsten Drehscheibe für wissenschaftliche Publikationen aus der gesamten Physik, der Informatik und der Mathematik.

Nun steht das wissenschaftliche Publizieren vor dem Neubeginn, nicht die Physik. Unter www.arxiv.org zählt Ginsparg jede Woche eine Million Zugriffe, jeden Monat 3000 neue Arbeiten. Weder Leser noch Autoren zahlen dafür Geld. Für die Verlage ist das Ginsparg-Modell eine ähnliche Bedrohung, wie es die Tauschbörsen à la Napster für die Musikindustrie sind. Die Apologeten des elektronischen Publizierens haben Ginsparg zum Gutenberg des 21. Jahrhunderts ernannt und zum Sturz der traditionellen Fachzeitschriften aufgerufen.

Universitäten, Wissenschaftler und Bibliotheken leiden unter steigenden Preisen für wissenschaftliche Fachblätter in Zeiten schrumpfender Etats. Die Hochschulen müssten für Zeitschriften „teilweise exorbitante Beträge zahlen“, klagte der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Klaus Landfried, in der vergangenen Woche. Bei ihrer Vollversammlung in Bonn hatten die Hochschulrektoren ein klares Feindbild vor Augen: die „kommerziellen Interessen von Großverlagen“. Schützenhilfe bekommen sie vom niedersächsischen Wissenschaftsminister Thomas Oppermann. Der hat das Kartellamt aufgefordert, die monopolistische Preispolitik der Fachverlage zu prüfen. Auf Nachfrage des Kartellamts sammeln Oppermanns Beamte gerade Beweismaterial.

Hans-Joachim Wätjen, Bibliotheksdirektor der Universität Oldenburg, versorgt den Minister mit Munition. „Wir hatten vor zehn Jahren noch 5000 laufende Abos“, sagt Wätjen, „jetzt haben wir noch rund 3000, obwohl die Ausgaben gestiegen sind.“ Für eine Topzeitschrift wie Brain Research, auf die Hirnforscher nicht verzichten können, muss eine Bibliothek heute mehr als 18000 Euro pro Jahr hinblättern.

Als der Elsevier-Verlag nach Protesten vor zwei Jahren versprach, den Preisanstieg, gemittelt über seine mehr als 1500 Titel, künftig unter 10 Prozent pro Jahr zu halten, war es schon zu spät. Die Public Library of Science sammelte 28000 Unterschriften für den Boykott von Verlagen, die ihre Artikel nicht kostenlos ins Web stellen. Ein Verbund deutscher Universitätsverlage will im nächsten Frühjahr elektronische Do-it-yourself-Zeitschriften starten. In einigen Jahren, so die Vision, soll ein Großteil der Fachliteratur kostenlos zu haben sein, verteilt und archiviert von den Hochschulen selbst.

Trotz der wachsenden Beliebtheit von Gegenmodellen wie Ginspargs virtuellem Archiv sind zwei wichtige Fragen ungeklärt. Erstens: Was passiert, wenn der Physiker die Leitungen kappt, weil sein Arbeitgeber, die Cornell-Universität, ihm kein Geld mehr gibt? Hunderttausende von digitalen Manuskripten wären unauffindbar, Millionen von Links führten ins Nichts. Bibliothekare reden vom „Alexandria-Problem“. Zweitens: Wie kann man gute Wissenschaft von Scharlatanerie unterscheiden, wenn jedermann beliebig Artikel hochladen kann?

Bislang sorgen die Verlage für die Qualitätskontrolle, indem sie jedes Manuskript an zwei bis drei Experten, so genannte peers, zur Begutachtung schicken. Allerdings ist das Peer-Review-System durch die jüngsten Fälschungsfälle unter Beschuss geraten. Der Physiker Jan Hendrik Schön publizierte zehn Artikel mit gefälschten Daten allein in Science und Nature. Und die pseudophysikalischen Theorien der Bogdanov-Brüder wurden von einem der Gutachter sogar ausdrücklich gelobt (ZEIT Nr. 46/02).

„Der Peer-Review-Prozess spielt nach wie vor eine wichtige Rolle in der Qualitätssicherung“, sagt Jürgen Renn, Direktor des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, „er zementiert aber auch den aktuellen Konsens.“ Vom Internet verspricht sich Renn eine offenere Begutachtung als Alternative zur anonymisierten „Ja-Nein-Entscheidung“. Manuskripte werden auf einem „Preprint-Server“ abgelegt und von der Community diskutiert, lange bevor sie die mehrwöchige Begutachtung durchlaufen haben. Außerdem können Forscher ihre Originaldaten, Computersimulationen und Details der Experimente online zur Verfügung stellen.

Hubertus von Riedesel, Verlagsleiter Naturwissenschaft und Technik im akademischen Springer-Verlag, verweist dagegen auf die verdeckten Kosten, wenn Wissenschafter das Publizieren selbst in die Hand nehmen. „Die sitzen an Instituten, wo sie weder Heizung noch Licht noch Rechnerleistung bezahlen müssen.“ Außerdem zitieren die Verleger gern eine Studie, nach der mehr als zwei Drittel der Bibliotheksetats für Verwaltung ausgegeben werden. Und warum, so fragen sie, schrumpfen die Etats, wenn die Forscher immer mehr Manuskripte produzieren?

Eines der ehrgeizigsten Projekte im elektronischen Publizieren ist derzeit die Open Archives Initiative (OAI), ein Zusammenschluss von Universitätsbibliotheken aus aller Welt. Ihre Vision ist eine dezentralisierte virtuelle Bibliothek, in der weltweit alle wissenschaftlichen Veröffentlichungen erfasst werden. In der Praxis soll jede Forschungseinrichtung einen eigenen Datenserver betreiben, auf dem Wissenschaftler ihre Artikel ablegen. Jedes Dokument wird nach einem einheitlichen Standard mit Metadaten versehen, darunter Autor, Thema, Fachgebiet. Suchmaschinen bündeln die Metadaten systematisch zu digitalen Katalogen.

Auch zwölf deutsche Universitäten betreiben inzwischen eine solche „e-collection“, die Max-Planck-Gesellschaft baut auf Anraten von Jürgen Renn gerade einen eigenen Server auf. Wie die Qualitätskontrolle organisiert wird, ist allerdings noch offen. Auch um die Gunst der Wissenschaftler müssen die Bibliotheken werben. Denn die vertrauen den elektronischen Archiven offenbar noch nicht ganz: 70 Prozent der Artikel auf dem Ginsparg-Server erscheinen früher oder später auch in gedruckten Zeitschriften.

[Abstract]

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