Menschenrechte Gefangen in der Freiheit
Sklaverei in London? Der Bericht einer jungen Afrikanerin macht Furore
Das Buch hat alles, was einen Bestseller ausmachen kann. Es ist exotisch und schockierend, grausam und anrührend. Es arbeitet mit den Mitteln einer naiven Erzählung und stützt die Legende von der dunklen Fremde, dem undurchdringlichen Kontinent Afrika. Es berichtet vom Schicksal einer schönen jungen Frau, enthält zudem politische Elemente und bringt es fertig, die westliche Welt und die Schwarzafrikas auf einen Nenner zu bringen: Sklaverei mitten in London, Sklaverei im Sudan – und weder der Rechtsprechung einer Demokratie noch ihrer Moral scheint es zu gelingen, das Rätsel dieses tatsächlichen oder vielleicht konstruierten Falles zu lösen.
Möglich ist, dass der Leser mit brennender Anteilnahme 318 Seiten liest und wenig Reales erfährt. Das wäre normal, Erzählungen sind nicht der Wirklichkeit verpflichtet. Die Fiktion ist ihr ureigenes Element. Die Autorin Mende Nazer jedoch setzt auf enthüllende Wahrheit. Ihr Leben, ein Schlag ins Gesicht aller, die sich den Menschenrechten verschrieben haben. Eine Anklage gegen die Regierung des Sudan und einen ihrer Botschafter in Großbritannien. Ein Schock für alle Menschen, die blauäugig genug waren, die Sklaverei für ein Problem aus fernen Vergangenheiten zu halten.
Dies ist der Bericht der etwa 22 Jahre alten Mende Nazer: Sie wächst auf in den Nuba-Bergen im Sudan. Der Bürgerkrieg erreicht ihr Dorf. Arabische Milizen legen die Hütten in Brand, nehmen die Kinder gefangen und verkaufen sie als Sklaven. In der Hauptstadt Khartum muss Mende für eine Oberschichtsfamilie schuften, als Gefangene, die in einem Verschlag lebt und sich von Essensresten ernähren muss. Nach sieben Jahren wird sie nach London, in den Haushalt des Geschäftsträgers der sudanesischen Botschaft, verkauft. Auch hier ist Flucht unmöglich, auch hier wird sie ausgenutzt. Als der Botschafter Anfang Juli 2000 in den Sudan fährt, bringt er die junge Frau bei Freunden in London unter. Mende denkt erstmals an Flucht, zumal sie auf der Straße einen Jungen aus den Nuba-Bergen trifft. Ein oppositioneller Politiker aus dem Sudan schaltet sich ein, ein englischer Journalist dazu, der sie überredet, gemeinsam mit ihm ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben.
Die Autorin träumt von nichts anderem, als zu ihrer Familie heimzukehren, doch es gibt auch eine Anwältin, die, bisher vergeblich, einen Asylantrag stellt. Hier verschwimmt die Lebensgeschichte entgültig. Der Text erweckt den Eindruck, die Frau sei sehr viel länger im Haus des Botschafters gewesen als die errechenbaren drei Wochen. Schreibt hier eine Verzweifelte, oder unterlegt der Koautor den Zeilen sein Wissen über Sklaverei und Politik im Sudan? Schiebt ein oppositionelle Politiker Mende Nazer in den Wind, den er braucht? Der verdächtigte Hausherr hat sich der Hilfe eines brillanten britischen Anwalts versichert – und so das Erscheinen des Buches in England verhindert. In Deutschland konnte es indes unbeanstandet erscheinen und die Bestsellerlisten erklettern.
Was lernen wir also aus dem Buch und seiner seltsamen Entstehungsgeschichte? Möglicherweise nichts über diesen Einzelfall. Zu dubios, zu widersprüchlich, zu anfechtbar. Wir werden nur ein weiteres Mal daran erinnert, dass es nicht gelungen ist, mittelalterlich anmutende Plagen aus der Welt zu schaffen. Gesteinigte Frauen in Afghanistan, verschleppte Kinder im Sudan, Minderjährige, die als Sklaven in Mali ein desperates Leben führen, die für 4000 Dollar verkaufte Thailänderin auf dem Hongkonger Heiratsmarkt oder Berber, die sich in Mauretanien einen Schwarzen für 15 Dollar aneignen. Wir erfahren davon. Häufig, wie bei Mende Nazer, auf der Schiene der Emotion. Anteilnahme und Empörung bringen ein Thema in die Schlagzeilen, die rechte Schiene, um in westlichen Staaten Aufmerksamkeitswert zu erhalten. Doch auch ein Mittel, das die Fakten verkleistern kann. Mende Nazer braucht möglicherweise kein Mitleid und keine missionarisch in den Sudan transportierte westliche Moral. Und vielleicht auch kein Buch, das die Interessen anderer spiegelt und sie, erneut, vermarktet. Mende soll, so jüngste Meldungen, Selbstmordgedanken hegen. Im Fall der Auslieferung in den Sudan, so sagt man, drohe ihr der Tod. Ihre Situation ist, nach den Jahren der Sklaverei, nicht rosiger geworden.
Was hätte sie anders machen können? Nichts womöglich. Eine Sklavin besitzt keinen unabhängigen Kopf. Die Definition von Sklaverei heißt: die vollkommene Beherrschung einer Person durch eine andere zum Zweck wirtschaftlicher Ausbeutung. Doch was heißt das schon in Afrika. Überall werden dort westliche Vorstellungen über das, was für Kinder recht und billig sei, über den Haufen geworfen. Während des Bürgerkriegs in Eritrea brachten Eltern ihre Kinder selbstverständlich zu Familien in den Sudan, wo sie selbstverständlich mitarbeiteten. Nur Fakten, Kenntnisse, Details, können helfen festzustellen, wo die Grenzen zur Sklaverei überschritten werden. Ein Skandal, ein Bestseller helfen Mende Nazer und anderen nur bedingt.
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- Quelle (c) DIE ZEIT 47/2002
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