Deutscher Herbst

Wer jetzt keinen Parka hat, kauft sich schnell noch einen: Wie der Militärlook Deutschlands Straßen erobert hat

Die Thesenpapiere durften nicht nass werden. Volker hatte den Reißverschluss seines Parkas bis obenhin zugezogen und sicherheitshalber die Knöpfe darüber geschlossen. Für zusätzlichen Halt sorgte ein so genannter Tunnelzug in Höhe der Taille. Es war der Herbst 1982 und, wie immer wenn wir mit Transparenten in der Frankfurter Innenstadt standen, ging es um Frieden, Atomstrom und Nazis. Eingekesselt vor C & A – endlich konnten wir mitreden. Der Papierstapel in Volkers Bundeswehrparka bildete einen kompakten Block zwischen Arbeiterpulli und eingeknöpftem Teddyfutter, was die Bewegungsfreiheit jedoch nur unwesentlich einschränkte. Die diversen Taschen boten ausreichend Platz für die Protestausrüstung: Trillerpfeife, Palästinensertuch, Zwille und Stulle. Außer im Komfort lagen die Vorteile der deutschen Soldatenjacke in ihrer Strapazierfähigkeit und Schmutzresistenz. Es konnte ja durchaus sein, dass man – etwa bei einer Sitzblockade – mit dem Asphalt in Berührung kam. Auf den Rücken ließen sich überdies weithin sichtbare Parolen schreiben. Beliebt waren »Schieß doch Bulle« und »Anarchie ist machbar, Herr Nachbar«. Kürzer und ebenso deutlich war das eingekringelte »A«. So erkannten wir einander schon von weitem als Gesinnungsgenossen. Eigentlich war es grotesk: Wir trugen Bundeswehrparkas, die Jacke des Feindes. Über die Zweckentfremdung militärischer Kleidung aus Gründen der Demontage hatten die wenigsten von uns nachgedacht. Vermutlich wollten wir einfach nur kampfbereit aussehen.

Herbst 2002: Die Ausweitung der Kampfzone auf die Fußgängerzone

Heute, im diesem Herbst 2002, erscheint Deutschland kampfbereiter denn je. Wo man hinschaut, baumeln Nato-grüne Kapuzen zwischen Nato-grünen Schulterschlaufen, lugt ein Nato-grünes Teddyfutter aus Knopfleisten und Ärmeln.

Die Einkaufsstraßen der Großstädte ähneln neuerdings Truppenübungsplätzen, in denen versprengte US-Truppen die friedliche Koexistenz mit den heimischen Einheiten proben. Widerstand ist von den heutigen Parkaträgern ohnehin nicht zu erwarten, die uniformierten Zivilisten von 2002 haben keine Mission und keinen Feind, sie haben sich keine Peace-Zeichen aufgemalt und tragen keine Rock-gegen-Rechts-Anstecker am Ärmel. Sie demonstrieren nicht gegen den Imperialismus und auch nicht gegen die Startbahn West. Sie demonstrieren Trendbewusstsein, denn die Remilitarisierung der Kleiderschränke folgt allein den Gesetzen der Mode, Militärlook ist schick.

Nicht dass die Lust auf Manöver-Optik einfach so über Nacht gekommen wäre. Längst schon leisten Clubgänger ihre schweißtreibenden Einsätze unter Tage in Camouflage-Westen und Cargo-Hosen ab. Kopien des in so genanntem Woodland-Tarn gemusterten US-Parkas haben schleichend die Hörsäle erobert, und dandyhaftere Jungs haben nicht erst gestern den alten Mod-Parka wiederentdeckt, den mit angedeutetem Schwalbenschwanz.

Doch die schlichte Schwester des Tarnzeugs, die Soldatenjacke in banalem Olivgrün, führte jahrzehntelang ein Schattendasein. Nach den Achtzigern war die Präsenz des Bundeswehrparkas auf deutschen Straßen allmählich unter die Wahrnehmungsgrenze gedrückt worden.

1995: Parkas sind sehr beliebt bei Telefonkartensammlern

Er war zur Langweiler-Insignie verkommen, zur praktischen Allerweltsklamotte, vergleichbar mit Leggings und Poloshirts von Ralph Lauren. Menschen, die Parka trugen, sammelten auch Telefonkarten und hatten Namensbecher im Büro stehen. Weiß der Teufel, wie der Parka von hier aus ins Visier der Kreativszene geraten konnte, wie er sich nahezu unbemerkt wieder in Richtung Subkultur vorgerobbt hat. Vorreiter der Remilitarisierung war das Hamburger Design-Kollektiv Mägde u. Knechte, das bereits vor vier Jahren das Provokationspotenzial gebrauchter Truppenbekleidung nutzte, um mit aufgestickten Parolen wie »Jagd auf Arschgeigen« oder aufgedruckten Panzern (»Bis einer heult«) das Militärische spielerisch zu demontieren.

Die Parolen der Achtziger erfuhren hier eine intellektuell anmutende Neuauflage: »Revision bürgerlicher Ästhetik« statt »Schwerter zu Pflugscharen«, ein »erledigt« quer über die Deutschlandflagge gestempelt, die nun auch nicht mehr umständlich entfernt werden musste.

2001: Schwarzrotgold war jetzt eher stilvoll als patriotisch

Im Frühjahr vergangenen Jahres war dann ganz Schluss mit der Rechtfertigungsnot: Supermodel Kate Moss zeigte selbstbewusst Flagge, als sie im Bundeswehrfeldhemd auf dem Cover des englischen Avantgarde-Modemagazins i-D posierte. Plötzlich war Schwarzrotgold sexy. Designermarken wie Dolce & Gabbana oder Miu Miu zogen mit am Original orientierten Eigenkreationen nach, auch Armani schneiderte Parkaverschnitte.

Die rückversichernden Parolen, die noch wenige Jahre zuvor zur Demonstration der politisch-korrekten Haltung dienten, waren nun nicht mehr nötig.

Das deutsche Hoheitszeichen zeugte von Stil und nicht von Patriotismus. Dazu gab es die Symbole der Alternativen als Accessoires. Jetzt erschien die rote »Atomkraft? Nein danke«-Sonne auf goldenen Handtaschen – ein Schicksal, das kurze Zeit vorher bereits Che Guevara ereilt hatte (den es jetzt auch im Handtaschenformat sowie auf Zigarettenpackungen und auf Feuerzeugen gab). Von da an war es bloß noch eine Frage der Zeit, bis auch das Textil gewordene neue deutsche Selbstbewusstsein in den Kauf- und Versandhäusern ankam.

»Parka. Angesagt in der Optik, aufwändig in den Details«, preist der Otto Versand seine Vorzüge. C & A hat das Angebot mit einer Kopie des amerikanischen Fliegerparkas aufgerüstet, und Neckermann hat in dieser Saison eine »strapazierfähige Jacke aus Drell oder Popeline« im Programm.

Moment mal: Popeline? Seit wann macht man Parkas aus Opa-Textilien? Waren es nicht gerade das derbe Material, die robuste Beschaffenheit, die dem Parka stets diesen unwiderstehlichen Nahkampf-Appeal verliehen haben? Doch selbst das Original ist längst nicht mehr, was es mal war. Um die Wahrheit zu sagen, heißt der Bundeswehrparka nicht einmal Parka – »Feldjacke ist der korrekte Ausdruck«, erläutert Axel Reiser, Versorgungssachbearbeiter der Bundeswehr. Und die tritt schon seit Mitte der neunziger Jahre nicht mehr in Oliv an. Die Einführung des braun-schwarz-grünen Flecktarns, so Reiser, basiere auf »exakten Computerberechnungen. Das Ergebnis entspricht der durchschnittlichen Bewachsung in Mitteleuropa.« Der seit den sechziger Jahren üblichen Baumwolle (davor war es eine Art Filz) werden mittlerweile 20 Prozent Polyester beigemischt, das erhöht die Haltbarkeit, und die Uniformen gehen beim Waschen nicht so stark ein.

Statt der klassischen Knöpfe hat das aktuelle Manövermodell außerdem Klettverschlüsse an Ärmeln und Schultern sowie Druckknöpfe im Brustbereich, zum schnelleren Öffnen und Schließen.

Dienstuntaugliche Modelle werden mit einem großen »A« wie »Ausgemustert« versehen oder mit einem grünen Zickzackstich kenntlich gemacht und über Großhändler an Zivilisten verkauft. Vielleicht findet man in der Ärmeltasche noch einen Radiergummi oder einen Anspitzer. Die sind nötig, erläutert Oberstleutnant Wolf von der Osten, »weil Eintragungen in militärische Karten immer mit weichem Bleistift erfolgen«. Alles andere würde bei Feuchtigkeit verschmieren. In die anderen Taschen gehören, dem Regularium für Auslandseinsätze folgend, zwei Verbandspäckchen, Taschenkarten mit Handlungsanweisungen und der Truppenausweis. Gelegentlich werde auch ein Kamm mitgeführt.

Das zivile Tragen der Bundeswehrkleidung ist im Übrigen nicht verboten – vorausgesetzt, man hat davor Rangabzeichen und Flagge entfernt.

1982: Der Falschparka kam aus der Kinderabteilung von C & A

Insofern hat Kate Moss sich strafbar gemacht, doch sei das Vergehen, sagt von der Osten, so geringfügig, dass es im Regelfall nicht verfolgt werde.

In dieser Hinsicht mussten wir uns nichts vorwerfen, damals, 1982 im Kessel. Die meisten von uns hatten die aufgenähten Stickfähnchen aus ideologischen Gründen von den Ärmeln abgetrennt. Bei mir ging das nicht, weil die Nähte nur vorgetäuscht waren. Um ganz ehrlich zu sein, war mein Parka von damals gar kein richtiger Bundeswehrparka, sondern eine parkaähnliche Regenjacke aus der Kinderabteilung von ebenjener C & A-Filiale, vor der wir nun wenige Jahre später standen und Parolen in Richtung »Bullen« skandierten. Wären die Wasserwerfer tatsächlich zum Einsatz gekommen, ich wäre eindeutig im Vorteil gewesen.

 
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