Hirnrissig
Warum der Schädelinhalt großer Untäter so begehrt ist
Über Kannibalen wird erzählt, sie fräßen am liebsten das Gehirn ihrer Opfer auf, um sich ihre Geisteskräfte einzuverleiben. Auch in der modernen Neurologie gibt es Spezialisten, die ganz versessen auf anderer Leute Schädelinhalt sind.
So zum Beispiel der Tübinger Rechtsmediziner Pfeiffer, der 1976 den Leichnam der Terroristin Ulrike Meinhof obduzierte und, wie man jetzt erfuhr, ihr Hirn für sich behielt. War er doch einer Entdeckung auf der Spur, nach der die Geschichte der Bundesrepublik neu geschrieben werden müsste. Durch eine Tumoroperation 1962 sei sie aggressiv geworden - und daher im Grunde schuldunfähig gewesen.
Der Terrorismus, bloß ein Hirndefekt? Meinhof war nicht die erste Revolutionärin, der man an die Gehirnwindungen wollte. Auch dem toten Lenin wurde das bewusste Organ entnommen, um es in einem geplanten Hirn-Pantheon der Revolution aufzubahren. Doch erst einmal machte sich der deutsche Neurologe Vogt in Moskau auf der Suche nach Genie-Zellen über die graue Masse her. Später wollte Nazi-Ideologe Rosenberg ein paar Proben haben, um den Geist des Bolschewismus zu suchen. Irgendwann ging das Superhirn dann im Dunkel der Geschichte verloren, angeblich in Freiburg. Das letzte Foto zeigt ein stark geschrumpftes, pampelmusengroßes Organ.
Der Kommunismus wird damit nicht erklärt, auch nicht das Geheimnis des Übermenschentums. Es bleibt die Erkenntnis, dass Magie und Wissenschaft oft nicht weit auseinander sind - und der große Gehirnklau am Ende nichts als üble Totenschändung war.
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT /
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




