Architektur

Warnung vor einer Architektur des Spektakels: Sie nutzt sich rasch ab und dient nur den Interessen der Stadtvermarkter

Architektur als Menschenfänger: Mehr als jedes andere Gebäude zuvor zog das Guggenheim-Museum in Bilbao die Neugierigen in seinen Bann, allein in den ersten zwei Jahren nach der Eröffnung 1997 kamen mehr als vier Millionen Besucher in die ehedem triste Industriestadt, gelockt von den funkelnden Formen des Architekten Frank O. Gehry. Heute kommen zwar nur noch 500000 pro Jahr, denn wer den großen Silberfisch gesehen hat, der wird sich kaum ein zweites Mal auf die Reise machen. Doch seinen Zweck hat das Museum erfüllt: Bilbao ist nicht länger ein blinder Fleck auf der Kulturlandkarte Europas, ja, es ist sogar zum Synonym geworden für eine neue Form gebauter Sensationsmache. Bilbao hat die Architektur zum Leitmedium der Stadtvermarkter gemacht.

Überall auf der Welt versucht man seither verstärkt, die Sinne der Touristen zu kitzeln und ihr Verlangen nach der Fremde und dem Exotischen zu entsprechen – mit fremden, exotischen Bauten. In London gelang dies den Architekten Herzog & de Meuron, indem sie ein Kraftwerk in die Tate Modern verwandelten. Berlin bekam das dramatische Zickzack des blitzeschleudernden Daniel Libeskind beim Jüdischen Museum: ein Publikumsrenner, schon bevor es überhaupt als Museum eingerichtet war. Und selbst in Luzern setzte man auf die Aufmerksamkeitsmaschine namens Architektur und ließ den französischen – ja, natürlich: „Star“-Architekten Jean Nouvel ein neues Kongresszentrum entwerfen, in der Hoffnung, dass sich das messerscharf geschnittene, schwarz-stählerne Dach über dem Kulturhaus als Ikone erweisen würde. Von einem bestimmten Punkt aus fotografiert, wirkt es als dünne, schwarze, horizontale Linie gegen die beliebten Schweizer Berge – entmaterialisiert, ohne erkennbare konstruktive Mühe haltend, atemberaubend. Der Bau darunter, der immerhin rund 230 Millionen Franken gekostet hat, ist dagegen allenfalls ein schwarzer Fremdkörper am See, und die Rückseiten sieht man am besten gar nicht an. Doch das ist für den medialen Erfolg dieser Architektur auch nicht entscheidend: Hauptsache, es macht sich gut in den Medien. Entscheidend ist nicht mehr, wer den besten Entwurf einreicht, sondern wer als „Star“ verkauft werden kann. In Luzern wurde der erste Preis im Wettbewerb nicht gebaut, weil er als unspektakulär galt – und Nouvel, der nicht am Wettbewerb teilgenommen hatte, kam zum Auftrag, weil er immer für Spektakel sorgt.

Was wir in den Beispielen erleben, ist die ultimative Funktionalisierung von Architektur und Event: Ein Markenzeichen wird gesucht, das branding. Natürlich wurde auch früher schon versucht, die Aufmerksamkeit einer großen Öffentlichkeit zu erregen. Immer schon galt das im buchstäblichen Sinn „Herausragende“, das Monument, als ein notwendiger Bestandteil der Architektur. Die ägyptischen Pyramiden waren nicht eben dafür bekannt, sich harmonisch in die bestehende Umgebung einzufügen. Und der antike Koloss von Rhodos wurde nicht nur wegen seiner strammen Waden gebaut. Tourismus und Stadtmarketing gibt es also nicht erst seit Erfindung der Begriffe. Doch anders als früher gerät heute das Exzentrische zum allein selig machenden Maßstab. Ein Frank O. Gehry wurde nicht berühmt, weil er wunderbare Innenräume entwirft – was er übrigens tut –, sondern weil außen alles so schön schief ist. Wenn er beschlösse, ab morgen nur noch klare Quadrate zu bauen, dann wäre seine Karriere am Ende. Das Schräge wird zur alleinigen Qualität.

Hingegen erhielten die Pyramiden oder die gotischen Kathedralen ihre Bedeutung aus der Beziehung zu anderen Bauten. Sie waren nicht für die Sensation, sondern für die Ewigkeit gebaut und Ausdruck einer gesellschaftlichen Anstrengung. Heute dagegen dient die Extravaganz nicht mehr dem Selbstverständnis einer Gesellschaft, sondern dem Verkauf einer Stadt als touristische Sensation. Nur die wenigsten Kulturtempel, Kongresshäuser, Mega-Malls oder Riesenhotels werden ja für die eigene Bevölkerung gebaut, nur 14 Prozent der Besucher des Guggenheim-Museums in Bilbao kommen aus der Region. Zwar mag die ortsansässige Bevölkerung davon profitieren, dass die Besucher Tapas und vino tinto konsumieren sowie eine Nacht im Hotel verbringen. Aber von was für einem Kulturbegriff reden wir, wenn der nur der Torismusindustrie dient? Die Kultur als, Pardon, Klitoris der Stadtsanierung, und der Star-Architekt als passende Viagra-Pille?

Was auf den ersten Blick wie ein vulgärer Vergleich wirkt, enthält einiges an Wahrheit. Denn die Events folgen in einer erhitzten Atmosphäre immer schneller aufeinander, sie werden künstlich stimuliert, das Publikum schreit Ah und Oh, und wie ein guter Orgasmus klingen sie schon nach kürzerer Zeit ab. Ob sie allerdings ein Gefühl von Befriedigtsein hinterlassen, ist eher zweifelhaft. Häufig bleibt nur ein Kater: post Kulturspektakel omne animal triste. Denn die Kosten für die Stadt bleiben, auch wenn die Touristen längst weitergezogen sind.

Für Luzern zum Beispiel scheint das spekulative Spiel mit der Architektur nicht aufzugehen. Die Kostenmiete allein für den Konzertsaal soll bei rund 20000 Franken liegen – genaue Zahlen sind nicht zu bekommen –; um einer hohen Auslastung willen aber werde er auch schon mal für 1000 lumpige Fränkli geöffnet, so heißt es. Wenn man die Pressestelle dazu fragt, dann bekommt man zur Antwort, man habe die Kostenmiete, zwei Jahre nach der Eröffnung, „noch nicht errechnet“ – wird aber noch geschehen. „Wir vermieten den Konzertsaal zu Marktpreisen.“ So ist man in Luzern zwar stolz darauf, ein renommiertes Festival ausrichten zu können; damit aber eine so teure Investition sich ganzjährig trägt, brauchte die Stadt einen weit größeren Einzugsbereich. Weshalb man versucht, dem 50 Kilometer entfernten Zürich einen Konzertsaal, die Tonhalle, abzujagen: eine Art von Kulturkannibalismus. Eine andere Strategie bleibt wohl nicht, wenn der kulturtouristischen Fixstern zu verblassen beginnt.

Dies ist die dunkle Kehrseite der Aufmerksamkeitsarchitekturen: Rasch verliert sich ihre Extravaganz, man gewöhnt sich an sie. Das Fremde wird Normalität und verliert seine Anziehungskraft. Nur wenn, wie im Falle der spektakulären Grands Projêts in Paris, die in den letzten 20 Jahren gebaut wurden, tatsächlich eine dauerhafte Sanierung von ganzen Stadtquartieren gelingt, kann man die gewaltigen Kosten der Bauten rechtfertigen.

Im Regelfall aber eignet sich die Architektur nicht für die tägliche Sensation, diese sollte man den einschlägigen Zeitungen überlassen. Die scheinbare Dauererregung widerspricht einem Medium, das traditionell auf Dauer angelegt ist. Die Qualität von Architektur zeigt sich nicht im Spektakel, das sie in den Medien macht, oder in der Zahl der Touristen, die sie anlockt. Beides ist schön, aber nicht entscheidend. Das erkennt man spätestens bei der Überlegung, wo denn die nächste Sensation steht. Vor einiger Zeit zum Beispiel war geplant, dem CentrO in Oberhausen, Deutschlands größtem Einkaufszentrum, die Schau zu stehlen. In Dortmund sollte über dem Hauptbahnhof eine Art Ufo mit integrierter Shopping-Mall entstehen, 250 Meter im Durchmesser, acht Geschosse hoch. Wäre dieses tatsächlich gebaut worden, hätte das CentrO einpacken können, zumindest was seinen medialen Wert angeht.

Eine Architektur aber, die sich mit dem Ort auseinandersetzt und nicht nur mit einer abstrakten Summe von Menschen und Kaufkraft, hat auch dann Erfolg, wenn der Inhalt wegfällt oder sich ändert. Das kann man an zahlreichen Um- und Weiterbauten sehen, die gerade in den letzten Jahren entstanden sind: Die Internationale Bauausstellung Emscher Park war ein Musterbeispiel dafür, dass man durch neue Nutzungen in alten Bauten sogar den Menschen dort wieder neues Selbstvertrauen vermitteln kann, weil man ihnen zeigt, dass ihre Vergangenheit Zukunft hat.

Das klingt schrecklich altmodisch. Muss aber nicht deshalb schon falsch sein. Die fiebrige Dauererregung hingegen führt nigends hin. Außer in die Langeweile.

Prof. Dr. Gert Kähler ist Architekturpublizist in Hamburg

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 48/2002
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