Interview „Lehrern fehlt der Leistungsmaßstab“

Warum Studienräte Kritik schlecht vertragen. Ein Gespräch mit dem Pädagogikprofessor Ulrich Herrmann

die zeit: Über das, was Lehrer alles tun sollen, wird viel geredet. Sie haben in einer Studie untersucht, wie Gymnasiallehrer sich selbst und ihren Beruf sehen. Warum haben die befragten Lehrer den Beruf denn gewählt?

Ulrich Herrmann: Im Allgemeinen aus Interesse und Begeisterung für ihr Fach – und weil sie diese Begeisterung weitergeben wollten. Männer suchten einen Beruf ohne Risiko, Frauen wollten Beruf und Familie verbinden können. Mit anderen Worten: In den meisten Fällen trafen sie keine bewusste Entscheidung für die Arbeit als Pädagoge.

zeit: Verstehen Gymnasiallehrer sich also als Fachleute und nicht als Pädagogen?

Herrmann: Meist bekommt man auf die Frage nach dem Beruf in der Tat die Antwort, der Betreffende sei Mathematiker oder Romanist. Erst bei näherem Nachfragen stellt sich dann heraus, dass es sich um einen Studienrat handelt. Die meisten verstehen sich als Experten für das Unterrichten von Fachinhalten.

zeit: Genau das sollen sie doch auch sein.

Herrmann: Nicht nur. Lehrer müssen heute Experten darin sein, Kinder zum Selberlernen anzuregen. Sie sollten sich erst einmal anschauen, wie Kinder überhaupt lernen, sie ermutigen, Neugierde in ihnen wecken, ihnen Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten geben. Sie müssen geistige Entwicklungshelfer sein und nicht, wie es in früherem Amtsdeutsch hieß, „Personen zur Deckung des Unterrichtsbedarfs“. Viele Gymnasiallehrer verfügen aber nicht einmal über die elementarsten jugend- oder lernpsychologischen Kenntnisse. Dazu kommt: Lehrer haben durchweg wenig Einblick in die Qualität ihres eigenen Unterrichts.

zeit: Wieso das?

Herrmann: Es fehlt die Rückmeldung. Lehrer sind Einzelkämpfer, so empfanden es fast alle Interviewten. Selbst dort, wo der Zusammenhalt im Kollegium als sehr gut bezeichnet wurde, gab es einen intensiveren Austausch nur mit wenigen Kollegen. Die Frauen beschrieben übrigens die männlichen Kollegen als besonders distanziert und unzugänglich.

zeit: Wird gemeinsam über Probleme mit der Klasse oder mit Schülern gesprochen?

Herrmann: Nur in Ausnahmefällen. In den Konferenzen geht es meist um Organisatorisches. Über einen bestimmten Lehrer und dessen Schwierigkeiten zu reden ist geradezu tabu. Und die wenigsten holen sich mal einen Kollegen in den eigenen Unterricht. So fehlen den Lehrern die Maßstäbe für ihre pädagogische Leistung. Was erreicht werden soll, wie es erreicht werden soll und ob es erreicht wurde – das bleibt der Definition des einzelnen Lehrers überlassen. Den Lehrern mangelt es an Professionalität.

zeit: Das ist ein Pauschalvorwurf, schließlich gibt es in jedem Beruf gute und schlechte Vertreter.

Herrmann: Natürlich gibt es gute Lehrer. Das ist damit gar nicht gemeint.

zeit: Sondern?

Herrmann: Gymnasiallehrer werden nicht wirklich für ihren Beruf ausgebildet. Das, was sie an der Universität lernen, hat kaum etwas mit dem Berufsalltag zu tun. Und auch sonst sind sie, trotz Referendariat, Autodidakten.

zeit: Aber im Referendariat haben sie Mentoren und Fachleiter, die sie betreuen…

Herrmann: …und bewerten. Mit dem Ergebnis, dass sie ihren Ausbildungslehrer und seinen Unterrichtsstil imitieren, um zu überleben und gute Noten zu bekommen. Sie wurschteln sich durch. Aber sie lernen nicht, sich als ihr eigenes Werkzeug zu begreifen, ihren persönlichen Unterrichtsstil zu entwickeln und sich selber weiterzuentwickeln. Mit mangelnder Professionalität meine ich auch: Viele Gymnasiallehrer haben kein realistisches Berufsbild. Sie haben keine gemeinsame Vorstellung davon, was man von ihnen erwarten darf und was nicht. Das erklärt vielleicht auch die Empfindlichkeit, mit der sie auf Kritik reagieren.

zeit: Das würde doch jeder tun, den man für alles Elend dieser Welt verantwortlich macht.

Herrmann: Wenn ein Berufsstand sich beständig zu Unrecht angegriffen fühlt und immerzu meint, sich verteidigen zu müssen, dann ist da etwas im Hintergrund nicht in Ordnung.

zeit: Und was soll das sein?

Herrmann: Schauen Sie sich andere akademische Berufe an: Ärzte, Rechtsanwälte, Apotheker. Innerhalb des Berufsstandes herrscht ein bestimmtes Ethos, das auch kontrolliert wird. Es gibt selbst gesetzte Standards, und wer grob dagegen verstößt, kann seine Zulassung verlieren. Es gibt klare Rollen- und Leistungserwartungen. Das verleiht Standfestigkeit gegen Kritik von außen, die man, an den Standards gemessen, begründet akzeptieren oder begründet zurückweisen kann. Lehrer in Deutschland haben so etwas nicht, sie sollten schleunigst daran arbeiten.

zeit: Wie soll ein Lehrer denn zu einer realistischen Selbsteinschätzung kommen?

Herrmann: Interessant ist, dass die Teilnehmer an unserer Studie, die sich als erfolgreich und kompetent erleben, selbst auf Umwegen für Rückmeldungen sorgen.

zeit: Zum Beispiel?

Herrmann: Sie laden Schüler mal zum Kaffee ein oder fahren auf Klassenfahrten mit. Sie nehmen verstärkt an Fortbildungen teil oder auch an Supervisionen, wo sie ihre Erfahrungen in der Schule thematisieren können. Die wichtigsten Korrekturen an ihrem Unterrichtsverhalten leiteten sie von den Schulerfahrungen ihrer eigenen Kinder her. Außerdem pflegen sie den Kontakt zu ehemaligen Schülern. Es gibt übrigens ein regelrechtes Phänomen des „früheren Schülers“.

zeit: Was soll das sein?

Herrmann: Viele Studienteilnehmer erzählten von Begegnungen mit ehemaligen Schülern, die ihren Unterricht rückblickend lobten. Das hatte für sie eine ungeheure Bedeutung.

zeit: Ist es für junge Lehrer überhaupt möglich, in den jetzigen Strukturen Neues auszuprobieren?

Herrmann: Sie müssen es wagen, auch wenn die Mittfünfziger eine erdrückende Mehrheit bilden. Allerdings ist es nicht leicht. Ein Beispiel: Ein Referendar musste seine Examenslehrprobe in Englisch halten. Eine gute Note ist ausschlaggebend für die Übernahme in den Schuldienst. Erwartet wird eine Musterstunde mit Frage-Antwort-Spiel und der so genannten Ergebnissicherung.

zeit: Und er hielt sich nicht dran?

Herrmann: Nein, er machte etwas anderes. Er ließ die Schüler die Arbeitsergebnisse der letzten Stunden zusammentragen, überprüfen und präsentieren, auf Englisch, versteht sich. Er zeigte also die Lernergebnisse vor. Er hatte seine Schüler augenscheinlich dazu gebracht, sich Dinge zu erarbeiten und zu erschließen, mit anderen Worten: zu lernen. Wunderbar. Man hätte ihm einen Blumenstrauß überreichen sollen.

zeit: Und?

Herrmann: Stattdessen gab es ein Problem: Wie soll man das bewerten? Er hatte ja keinen Unterricht „durchgeführt“. Dass einer nämlich nicht vorne steht und „Unterricht hält“, sondern vorführt, was Schüler mit seiner Hilfe gelernt haben, ist in der Ausbildung nicht vorgesehen. Der alte Irrtum: Man zieht Experten für die Lehre heran statt fürs Lernen.

zeit: Wie könnte man das ändern?

Herrmann: Die Lehrer müssten den Schülern beim Lernen zusehen. Jetzt ist es so: vormittags Unterricht, nachmittags häusliches Lernen, das der Lehrer nicht zu sehen kriegt. So werden weder die Potenziale der Schüler genutzt noch die Ressourcen der Lehrer geschont. Die Kundschaft ist sauer und das Personal überfordert.

Das Gespräch führte Nadja Kirsten

Die Ergebnisse der Studie sind nachzulesen in: Ulrich Herrmann: „Wie lernen Lehrer ihren Beruf?“; Beltz Verlag, Weinheim/Basel 2002; 301 S., 29,90 Euro

 
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