Fünfmal hab ich’s ihm gesagt: Bring was zu essen mit. Wieso, fragte mein Freund F., gibt es in Zagreb nichts zu beißen? F. kommt mich besuchen und hat Garderobe für eine Arktiskreuzfahrt dabei, sonst nichts. Nass geschwitzt folgt er mir nun durch eine der neuen kroatischen Malls: Regale, an deren oberste Fächer man nicht rankommt, 40 besetzte Kassen, Plastiktüten gratis. F. belädt den Wagen und verwechselt beim Umrechnen Euro mit D-Mark. Als er den Irrtum bemerkt, drehen wir die Runde ein zweites Mal und stellen alles zurück in die Regale. Logisch, meint F., blass um die Nase, Importprodukte. Die Suche nach einheimischen Gütern bleibt erfolglos. Das erklärt manches, zum Beispiel ein Außenhandelsdefizit von 20 Prozent des BIP. Nachdenklich schauen wir den Karawanen hinterher, die Richtung Ausgang rollen. Da wir momentan keine Bankbürgschaft beibringen können, tragen wir einen altersschwachen Blumenkohl aus Dalmatien und zwei Jogurts zur Kasse. Rabatt bei Barzahlung?, frage ich die Kassiererin. Sie versteht den Witz nicht.

Das kroatische Durchschnittsgehalt beträgt 400 Euro. Unsere Berechnungen ergeben, dass ein Zagreber einmal im Monat Erasco Bohneneintopf essen und im alten Golf Diesel um den Block fahren kann. Zur Abendunterhaltung trinkt er selbst gemachten Weißwein auf dem Balkon der Oma. Doch Theorie und Praxis halten einen gesunden Sicherheitsabstand: Die Cocktailbars in der Innenstadt sind voll, aus den offenen Fenstern von schwarzen Mittelklasselimousinen weht Musik und der Duft von CK One, und der einzige Golf Diesel gehört mir.

Fragt man einen Kroaten, wovon er seinen Lebensunterhalt bestreitet, nimmt er den Nokia Communicator vom Ohr und sagt: Wir sind eben Kroaten. Die Montenegriner sind Montenegriner, und in Bosnien ist zwar niemand Bosnier, aber der Grundgedanke bleibt derselbe. Ausländische Experten zucken die Achseln: Schattenwirtschaft, lautet die beliebteste Erklärung. Mein Vermieter schmuggelt Prinzenrollen und Fertighausfassaden vom Billigland Österreich ins kroatische Hochpreisgebiet. Da nicht alle gleichzeitig Schmuggler sein können, bleibt die Frage, wovon die Abnehmer Prinzenrollen und Hausfassaden bezahlen. Die Überweisungen von Auslandskroaten, die im Krieg nach Deutschland oder Österreich geflohen sind, anstatt vor Ort den patriotischen Schulterschluss zu üben, werden jährlich auf eine halbe Milliarde Euro geschätzt. Außerdem, so Teil drei des Erklärungsversuchs, leisten sich Kroaten niemals ein Buch oder eine Theaterkarte. Sondern immer nur Handys, Designerklamotten und Computer.

Gerührt betrachtet mein Vermieter den Blumenkohl. Wie kommt es, will er wissen, dass ihr die ganze Woche arbeitet, ein paar tausend Mark verdient und trotzdem am Fünfzehnten pleite seid? – Ganz einfach, erwidert F. gereizt. Wir sind eben Deutsche.

Damit ist jetzt Schluss. Wir schreiben ein Buch für den deutschen Markt: »Die Ein-Euro-pro- Woche-Philosophie: Champagner und Erdbeeren als organisatorisches Problem«. Und wenn wir reich geworden sind, kommen wir wieder.