Lernen Spezial Die späte Lust am Lernen
Bei alten Menschen schwindet die rasche Auffassungsgabe. Dafür wächst die Weisheit
Ein Berufsleben lang hat Hildegard Bauer (Name geändert) als Realschullehrerin Sprachen unterrichtet. Doch kaum hatte sie mit 60 Jahren ihre Pensionierung durch, meldete sie sich selbst bei einer Sprachschule zu zwei Kursen an. Statt weiter Englisch und Französisch zu lehren, lernt sie nun Russisch und Chinesisch. „Selbst lernen macht mehr Spaß, als zu unterrichten“, sagt sie, „weil man für sich was gewinnt, während man im Unterricht nur weitergibt, was man schon weiß.“
Das Lernen als Lustprinzip entdecken viele Menschen erst im Alter, in der (Früh-)Rente. Endlich Zeit haben für das, was man immer schon tun wollte: philosophieren, fremde Kulturen und Sprachen studieren, ein Instrument lernen. Der Lerneifer der Senioren lässt Fort- und Weiterbildungsangebote florieren und macht auch vor den Universitäten nicht halt. Etwa 25000 Senior-Studenten bevölkern derzeit die ohnehin überfüllten Hörsäle. Nicht selten kommt es zu Generationskonflikten um knappe Bildungsressourcen: Was will der Alte hier? Hat doch längst ausgesorgt, nimmt uns den Platz weg und ist sowieso zu senil, um was zu kapieren!
Stimmt das? Ist das alternde Gehirn nicht mehr lernfähig? Die Frage beschäftigt die Hirnforschung seit vielen Jahren, und endgültig beantwortet ist sie bis heute nicht. Sicher ist: Ungefähr vom siebten Lebensjahrzehnt an lassen Wahrnehmungsgeschwindigkeit und Gedächtnis nach. Aber ist damit auch die Lernfähigkeit schlechthin reduziert? Es sieht so aus, denn Lern- und Gedächtnisprozesse stehen in einer Wechselbeziehung. Beim Lernen wird – so erklärt es der amerikanische Psychiatrieprofessor John J. Ratey in seinem Buch Das menschliche Gehirn – eine Information über die reine Wahrnehmung hinaus zu einer Erinnerung, die, sobald sie gespeichert ist, künftiges Lernen beeinflusst. Funktionierte das Gehirn nach dem reinen Ursache-Wirkungs-Prinzip, müsste mit abnehmendem Gedächtnis also auch die Lernfähigkeit schrumpfen. Doch so einfach ist die Sache nicht. Denn das Gehirn ist ein Mikrokosmos; das Gedächtnis etwa lässt sich aufteilen in ein Lang- und Kurzzeit- oder Arbeitsgedächtnis, in ein visuell-räumliches, ein motorisches, ein verbales, ein sensorisches, ein episodisches und ein semantisches. Auch Intelligenz ist keine feste, unveränderliche Größe. Hirnforscher unterscheiden mittlerweile die emotionale von der kognitiven Intelligenz, und Letztere wiederum unterteilt etwa der amerikanische Psychologe Raymond B. Cattell in eine „fluide“ und eine „kristalline“ Intelligenz.
Die fluide Form beschreibt die Fähigkeit zu vergleichen, sie entspricht dem Kurzzeit- oder Arbeitsgedächtnis. Die kristalline Intelligenz dagegen soll Leistungen beschreiben, die auf Sprachverständnis und erfahrungsgeleitetem Sachwissen beruhen. Ebenso umfasst sie Strategien zur Lebensbewältigung sowie das Wissen um sich und andere. Ihre Fähigkeit korreliert eher mit dem Langzeitgedächtnis. Während die fluide Intelligenz stetig abnimmt, bleibt die kristalline Intelligenz bis ins hohe Alter erhalten und kann sich in gewissen Bereichen sogar noch steigern.
Immer wieder jedoch betonen Hirnforscher, dass alle Messungen und Befunde, die das Alter betreffen, relativ sind und die individuellen Unterschiede beträchtlich. Alter ist Ansichtssache: Ein 30-jähriger Fußballer ist alt, ein 30-jähriger Unternehmer jung, ein 50-jähriger Lehrer alt, ein 50-jähriger Ruheständler jung. Ein 55-jähriger Arbeitsloser ist beschäftigungspolitisch so gut wie tot und medizinisch noch zwei Jahrzehnte lang unverwüstlich. Wer mit 35 einmal den Herd nicht ausschaltet, hat das ein paar Tage später wieder vergessen. Wem das gleiche Missgeschick mit 75 passiert, der wird sich womöglich nach der nächsten Demenzklinik erkundigen. (Wobei sich die Forschung inzwischen sicher ist: Die normale Altersvergesslichkeit hat nichts mit Alzheimer und den rund 60 anderen Demenzerkrankungen zu tun.)
Schlecht hören, schlecht denken
In der Altersforschung behilft man sich mit einer eigenen Einteilung. Von 60 bis 75 gehört man zu den jungen, von 75 an zu den alten Alten. 85- bis 94-Jährige sind Hochbetagte. Wer älter ist, zählt zu den „Überlebenden“. Innerhalb dieser Skala ist mental vieles möglich: Denn Lernfähigkeit und Intelligenzleistung im Alter hängen neben der Schulbildung (je höher, desto besser) und der allgemeinen Gesundheit vor allem davon ab, wie der Mensch sein Gehirn in den Lebensjahren davor ausgebildet und genutzt hat. Das ist nicht anders als mit den Muskeln: Geistige Dauerfitness erlangt man durch lebenslanges Training.
Täglich Hirnjogging in Form von Denksportaufgaben, Kreuzworträtseln und Auswendiglernen, dazu viel frische Luft ins Oberstübchen und reichlich Gemüse auf den Teller – bei einer aktiven Lebensweise habe das Alter im Kopf schlechte Chancen, verkündet etwa die jüngste Ausgabe der Hauspostille der Barmer Ersatzkasse. „Der gesunde 70-Jährige ist in der Regel kaum weniger leistungsfähig als der gesunde 55-Jährige“, bestätigt der Augsburger Psychologe Wolfgang Michaelis. Allerdings müsse er sich durch „Training der Potenzen“ fit halten, und dagegen sträubten sich nun mal Menschen, „die von Natur aus träge oder disziplinlos sind“.
Der Berliner Altersforscher Paul Baltes warnt vor derart „realitätsfernem Überoptimismus“, der da gelegentlich von „gerontologischen Forschungsaktivisten“ propagiert werde. Der 63-Jährige hat während seiner Forschertätigkeit einiges dazugelernt. Noch Anfang der achtziger Jahre war er nach Experimenten in den USA der Ansicht gewesen, dass sich zwischen dem 60. und 80. Lebensjahr durch einfaches Üben der Intelligenzverlust völlig ausgleichen lasse. Im Rahmen seiner Berliner Altersstudie aber musste er dieses Ergebnis relativieren: „Der Alternsverlust ist, was Schnelligkeit und Genauigkeit des Arbeitsgedächtnisses angeht, beträchtlich, vom ungefähr 70. Lebensjahr an weit verbreitet und auch durch intensives Üben nicht voll korrigierbar.“
Offensichtlich besteht zudem ein Zusammenhang zwischen sensorischer Leistung und Lernfähigkeit: Je schlechter jemand hören und sehen kann, je stärker auch sein Gleichgewichtssinn und seine Körperhaltung beeinträchtigt sind, desto schlechter funktioniert sein Gehirn. Die Vermutung der Berliner Forscher lautet nun, dass alte Menschen einen großen Teil ihrer intellektuellen Kapazität in die Regulierung und Koordination sensorischer Prozesse investieren müssen, die ihnen dann zum Dazulernen im Alltag nicht mehr voll zur Verfügung steht.
Eine andere mögliche Erklärung fanden kanadische Wissenschaftler. Sie ließen zwei Gruppen von Testpersonen – die einen in den Zwanzigern, die anderen um die Sechzig – an einem Bildschirm so schnell wie möglich entscheiden, welches von zwei aufeinander folgenden Mustern schwarze Balken enthielt – eine einfache Aufgabe, die Gedächtnis und Auffassungsgabe fordert. Dabei standen die Alten den Jungen in nichts nach. Doch während die jüngeren Gehirne dafür drei spezielle Regionen aktivierten, übernahm bei älteren im Wesentlichen der Hippocampus, der Sitz des Sprachgedächtnisses, diese Aufgabe. Hier wurde, interpretieren die Forscher, eine hoch spezialisierte Gehirnregion von einer simplen Tätigkeit gewissermaßen blockiert – eine mögliche Erklärung dafür, dass es alten Leuten zunehmend schwerer fällt, mehrere unterschiedliche Tätigkeiten und Gedankenoperationen gleichzeitig durchzuführen.
Hildegard Bauer hat also durchaus eine Chance, auch jenseits der 60 noch zwei fremde, schwierige Sprachen zu lernen. Denn ihre kristalline Intelligenz wird im Alter kaum beeinträchtigt, das verbale Wissen kann gar wachsen. Als Sprachlehrerin weiß Bauer, wie eine Sprache als System aufgebaut ist; sie kennt aus Erfahrung Kniffe, Tricks und Eselsbrücken, um ein schwächelndes Gedächtnis zu überlisten. „Es dauert zwar alles länger“, sagt sie, aber Zeit zum Lernen habe sie ja genug.
Im Alltag jedoch ist oft die fluide Intelligenz gefragt. Das Handy einstellen, den Videorecorder programmieren, Dateien aus dem Internet laden – bei diesen Tätigkeiten können die Alten nicht mehr auf Erfahrungen aus einer Zeit zurückgreifen, als noch der Geldbriefträger ins Haus kam und am Radio ein magisches Auge aufleuchtete, wenn das Programm begann. „Die Voraussetzung der stabilen Umwelt ist oft nicht mehr gegeben“, schreibt der Psychiatrieprofessor Manfred Spitzer. Langsam lernende Hirne haben damit ein Problem.
Solange die Wissenschaft die Ursachen des Alterungsprozesses noch kaum verstanden hat, ist gegen die Verlangsamung kein Kraut gewachsen. Sind die freien Radikale schuld am Zellensterben, oder ist es der allgemeine Schrumpfungsprozess des Gehirns? Fehlen einfach Folsäure, Vitamin C und E, oder gibt es ein Gedächtnisgen, das es zu entdecken, und ein Antigedächtnisgen, das es auszuschalten gilt? Die Forscher rätseln noch.
Derweil verfolgen einige von ihnen eine andere Spur. Sie singen das Loblied der Langsamkeit. Es habe durchaus Sinn, dass Junge schnell und Alte langsam lernen, sagt Manfred Spitzer und beruft sich dabei auf die Evolution. Schnell lernen, das bedeutete einst: nicht verhungern, nicht gefressen werden. Langsam lernen dagegen hieß: nicht vergessen, verallgemeinern, präzise sein, die Regeln kennen. Heute zeige sich diese Dualität unter anderem darin, so Spitzer, dass wissenschaftliche Erfolge in den Naturwissenschaften, in denen es meist auf rasches Lernen und schnelle Verarbeitungsleistung ankomme, von den Jungen erzielt würden. Die größten Leistungen in den Sozialwissenschaften jedoch würden von den 40 -bis 50-Jährigen erbracht. Hier seien die Älteren in einer besseren Position, denn „im Bereich der sozialen Interaktion lernen wir zeitlebens dazu“. Da Menschen sich fast gar nicht wandeln, „werden wir immer ,weiser‘ im Umgang mit ihnen“.
Wie misst man Weisheit?
Die Wissenschaftler um Baltes haben sich darangemacht, „Weisheit empirisch, also im Sinne einer Leistungsfähigkeit zu erfassen“. Ein schwieriges Forschungsvorhaben, das noch längst nicht abgeschlossen ist, denn Weisheit lässt sich nicht einfach in Denksportaufgaben abprüfen. In Tests werden Probanden etwa mit Lebensproblemen konfrontiert wie: „Ein fünfzehnjähriges Mädchen will unbedingt sofort heiraten. Was sollte man bzw. das Mädchen in einer solchen Situation bedenken und tun?“ Bei der Lösung solcher „Weisheitsaufgaben“, die nach bestimmten, unter anderem aus der Kognitionspsychologie entwickelten „Weisheitskriterien“ ausgewertet werden, können die Alten nicht nur mit Jüngeren Schritt halten, sondern weisen mitunter Höchstleistungen auf. Als Problemlösung mit „höherem Weisheitswert“ wurde etwa diese Antwort eingestuft: „Im Allgemeinen würde man sagen, dass Heiraten nicht das Richtige für eine Fünfzehnjährige ist. … Es gibt aber Umstände, wo normale Beurteilungsmaßstäbe nicht greifen. Zum Beispiel könnte das Mädchen gerade seine Eltern verloren haben, oder es kommt aus einer anderen Kultur…“ Einen niedrigen Weisheitswert attestierten die Forscher dagegen folgender Aussage: „Fünfzehn und heiraten? Auf keinen Fall! Wo kämen wir denn da hin, wenn Fünfzehnjährige schon ihr Leben festlegen?“
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- Quelle (c) DIE ZEIT 48/2002
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