Lernen Spezial Klug wie die kleine Lokomotive

Ohne Motivation geht beim Lernen nichts. Aber wie entsteht sie? Was bremst sie? Ein Gespräch mit dem Motivationspsychologen Jürgen Beckmann

die zeit: Der jüngst verstorbene Physiker und Begründer der Kybernetik, Heinz von Foerster, hatte als Kind größte Mühe mit der Mathematik – bis ihm ein Nachhilfelehrer mathematische Beziehungen gleichsam vorspielte. Plötzlich war das Kind hoch motiviert, mit langfristigem Erfolg, wie die Biografie zeigt. Wie entsteht solche Motivation?

Jürgen Beckmann: Im Gehirn, in den basalen Strukturen des limbischen Systems, sind bei jedem Menschen emotionale Reaktionen verankert. Sie werden mit jenen Erfahrungen in Verbindung gebracht, die wir im Gehirn abspeichern. Erst dadurch wird es möglich, instinkthaftes Verhalten durch Lernprozesse abzulösen. Zwei grundlegende Reaktionen sind dabei Neugier und Angst, das Aufsuchen und das Meiden bestimmter Erfahrungen. Die Neugier ist als Triebkraft vom Beginn des Lebens an vorhanden und umso stärker, je höher ein Lebewesen entwickelt ist. Um uns wohlzufühlen, suchen wir also nach Stimulationen.

zeit: So viele Stimulationen wie möglich? Oder so gute wie möglich?

Beckmann: Zu wenig Stimulation empfinden wir als unangenehm, als Langeweile. Wenn ein Lehrer nicht in der Lage ist, seine Schüler auf der Höhe ihrer Verständnismöglichkeiten – auch emotional – anzusprechen, dann langweilen sie sich. Bessere Beispiele liefern Fernsehsendungen wie Löwenzahn oder die Sendung mit der Maus. Hier werden kindgerecht Fragen formuliert und so beantwortet, wie sie sich ein Kind selbst beantworten würde. Nicht abstrakt, sondern bildlich, erfahrungsbezogen, emotionsnah. Zu viel Stimulation schätzen wir allerdings auch nicht und schalten ab. Ein mittleres Niveau der Gehirnaktivierung ist angenehm, dann lässt sich am effektivsten arbeiten. Die spielerische Mathematik hat bei Foerster offenbar das richtige Maß an Stimulation getroffen.

zeit: Gilt solch ein Maß für jeden gleichermaßen?

Beckmann: Die Neugier ist bei fast allen Kindern stark, auch wenn es sicher genetische Veranlagungen zu einer ausgeprägteren Neugier oder einer stärkeren Ängstlichkeit gibt. Aber alle fragen sich ab einem bestimmten Alter: Was kann ich eigentlich? Wer bin ich? Kleine Menschen wollen herausfinden, wo ihre Grenzen und Begabungen liegen. Mit dieser Motivation darf jeder Pädagoge rechnen.

zeit: Unbegrenzt?

Beckmann: Es ist gar nicht so leicht, diese Motivation außer Kraft zu setzen. Ein Lehrer muss jedoch Umfelder schaffen und Mittel bereitstellen, durch die das einzelne Kind die Außenwelt und die eigene Person erkunden kann. Wie man das gut macht, zeigt das Museum Mensch und Natur in München. Dort sind zum Beispiel in einem Kasten verschiedene Tiere nebeneinander aufgestellt: ein Pferd, ein Strauß, ein Gepard und so weiter. Die Frage lautet: „Weißt Du, wer der schnellste, zweitschnellste usw. ist?“ Die Kinder stellen eine Rangordnung auf. Dann drücken sie einen Knopf, und die Tiere laufen los. Das Ergebnis sieht man bildhaft und lebendig und erfährt, ob man richtig lag. Viele Kinder sind kaum noch aus dem Museum wegzukriegen, weil sie an den Aufgaben so lange arbeiten wollen, bis sie alle gelöst haben.

zeit: Aber der eine schaltet schon ab, wenn der andere noch hoch motiviert ist.

Beckmann: Die Angst kommt eben ihrer Gegenspielerin, der Neugier, individuell auf unterschiedliche Weise ins Gehege. Jeder hat biografisch seine eigene Lerngeschichte und möchte das ihm früher widerfahrene Unangenehme vermeiden. Wenn ein Schüler etwa eine mathematische Aufgabe an der Tafel zu lösen versucht und dabei vom Lehrer vor der Klasse als unfähig bloßgestellt wird, löst bei diesem Schüler in Zukunft jede ähnliche Situation Stress und Misserfolgsfurcht aus.

zeit: Das erhöht die Wahrscheinlichkeit erneuten Scheiterns?

Beckmann: Ja. Eine positive Erfahrung wird derart abgespeichert, dass man sie wiederholen möchte. Eine negative derart, dass man alles tut, sie zu umschiffen. Misserfolge im Matheunterricht sind ein klassisches Beispiel. Sinnliche Reize können zwar auch stimulieren. Aber konzentrieren kann sich ein Kind am besten auf eine Aufgabe, die es aus sich heraus als sinnvoll empfindet, mag sie noch so anspruchsvoll sein.

zeit: Kann es die Motivation steigern, von außen mit Belohnung zu winken, oder muss die Zufriedenheit und Zustimmung von innen kommen?

Beckmann: Wenn es Ihnen gelingt, einen Golfball zweihundert Meter weit zu schlagen, dann ist das dabei entstehende innere Wohlgefühl die beste Motivation, solche Schläge zu wiederholen. Eine äußere Motivation hingegen wird als Form der Machtausübung abgewehrt. Schule sollte selbstbestimmte Tätigkeiten fördern: Sie sind befriedigender, weil sie Ausdruck der eigenen Person sind. Extrinsische Motivationen wie Geld können die innere zerstören. Denn sie zeigen ja, dass man das nicht aus eigenem Antrieb getan hat, sondern weil jemand anders es wollte. Es kann die Wahrnehmung entstehen: Ich lerne nicht mehr Englisch, weil ich mich mit Engländern unterhalten können möchte, sondern weil meine Eltern mir dafür Geld geben.

zeit: Steckt darin ein Argument gegen Noten und Bewertungen? Schwächen sie die Motivation?

Beckmann: So hätte es die Forschung noch in den siebziger Jahren gesehen. Heute denkt man anders: Wenn Noten in einem erkennbaren Zusammenhang zur eigenen Leistung stehen, schaden sie der Motivation nicht. Im Gegenteil.

zeit: Weil sie Anerkennung bedeutet?

Beckmann: Noten bestätigen und verstärken – im günstigen Fall – die Qualität des Lernens. Aber das gilt für jede spürbare menschliche Bestätigung und Zuwendung, für verbale Belohnungen, also Lob, ebenso wie für bestärkende Blicke.

zeit: Lernen hieße also im Wesentlichen, Lust zu optimieren und Schmerz zu vermeiden – das klingt ja beängstigend einfach. Angst und Stress motivieren doch bisweilen auch.

Beckmann: Stress kann in bestimmten Situationen durchaus Lernen fördern, weil die starken beteiligten Emotionen eine starke Spur im Gedächtnis schaffen, die gut abzurufen ist. Wohlgemerkt, Emotionen, die mit der Sache verknüpft sind: Durch einen Autounfall lernt man in Bezug aufs Autofahren viel, weil der Stress dieser Erfahrung buchstäblich einprägsam ist. Aber Stress führt zu einer Einschränkung der Aufmerksamkeitsspanne. Man lernt zwar, aber mit einer Art Tunnelblick.

zeit: Was heißt das?

Beckmann: Das Spektrum des Wahrgenommenen wird eingeschränkt, komplexere Dinge werden nicht gelernt. Außerdem kann die Ausschüttung von Stresshormonen die Funktion des Gedächtnisses beeinträchtigen. Am besten und vollständigsten lernt man ohne Angst vor möglicher Demütigung. Abwertung verhindert das Lernen.

zeit: Aber das Gefühl, das signalisiert: „Das schaffe ich nie“, spornt manche doch merkwürdigerweise auch zu Höchstleistungen an.

Beckmann: Die Angst vor Misserfolg kann ebenso blockierend wie motivierend wirken. Kinder von stark leistungsorientierten Eltern kennen diese Ambivalenz. „Du kannst das nicht, lass mich mal machen“ – diese Botschaft strahlen Erwachsene aus, die ihren Kindern nichts zutrauen. Motivierend kann das nur wirken, wenn sich das Kind selbst für eine Tätigkeit entscheidet, die es eben doch können will.

zeit: Aber da sind ja noch die bildungspolitischen Rahmenbedingungen. Kann man Motivation künstlich erzeugen?

Beckmann: Nein. Aber Anreize dafür, sich selbst zu motivieren, könnte und sollte man schaffen. Nur versäumt man es heute, die Kinder darin zu unterrichten, sich selbstbestimmt zu motivieren, wenn es einmal schwer wird. In amerikanischen Kindergärten lernen das Kinder bereits. Sie versetzen sich in die Lage einer kleinen Lokomotive, die ganz viele Anhänger einen Berg hinaufziehen muss. Sie stellen sich vor, wie die Lokomotive ihre Räder dreht und sagen dazu: „Ich kann’s schaffen.“ Solche Strategien werden im deutschen System so gut wie überhaupt nicht vermittelt.

zeit: Zerstören äußere Faktoren wie ein entmutigender Arbeitsmarkt die Motivation zu lernen?

Beckmann: Wenn ein Kind merkt, dass es nicht von seiner Anstrengung abhängt, ob es etwas lernt und Erfolg hat, schadet das der Motivation eindeutig. Aber das trifft nicht nur zu, wenn der Arbeitsmarkt demotivierend wirkt, sondern auch, wenn ein Kind von seinen Eltern jede Anstrengung abgenommen bekommt.

Jürgen Beckmann habilitierte über „Handlungskontrolle und Leistung“, war Betreuer der Deutschen Skinationalmannschaft und ist heute Professor für Sportpsychologie an der Universität Potsdam

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  • Quelle (c) DIE ZEIT 48/2002
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