Lernen SpezialAuf der Suche nach dem Kapiertrieb

Hirnforscher beweisen: Erkenntnis macht Lust, Lernen ist sexy. Nur in der Schule ist die Neurodidaktik noch nicht angekommen von Schnabel

Lernen ist wie Sex. Sagt die Hirnforschung. Aber das glaubt natürlich keiner. Lernen gilt als saure Pflicht, öde und nervtötend. Dabei könnte nichts weiter von der Wirklichkeit entfernt sein: Erstens ist der Trieb nach Erkenntnis mit dem Sexualtrieb durchaus vergleichbar, woraus zweitens folgt, dass Lernen sexy ist, was drittens erklärt, warum unser Gehirn nichts lieber tut als eben das: lernen.

Aber die Pisa-Studie, der Schulfrust, die Bildungsmisere? Kommen später. Zunächst einmal zeichnet sich Homo sapiens vor allen anderen Spezies durch eine besondere Fähigkeit aus: seine fast unendliche Lernfähigkeit. Erst der Drang, immer Neues zu entdecken, zu verstehen und aus Fehlern zu lernen, verhalf unserer Gattung zu ihrem evolutionären Siegeszug auf diesem Planeten.

Den entscheidenden Kick, glaubt der emeritierte Tübinger Hirnforscher Valentin Braitenberg, habe dem Menschen das Glücksgefühl seiner „Aha-Erlebnisse“ gegeben. Zusätzlich zu den natürlichen Trieben wie Essen oder Fortpflanzung habe die Natur den Homo sapiens mit einem „Kapiertrieb“ ausgestattet, der uns Lust daran empfinden lässt, Einzelheiten zu einem Ganzen zu fügen und neue Verknüpfungen zu erkennen – sei es die Pointe eines Witzes oder die Erkenntnis eines mathematischen Theorems.

Braitenberg ist überzeugt, dass „beim Menschen, und nur bei ihm, die Verknüpfung der Vorstellungen zu Gedankenketten oftmals auf das eine Ziel hin gerichtet ist, diese Hirnlust zu erleben“. Dass dieser Trieb so stark ist, erklärt der Hirnforscher so: Offenbar ist in der grauen Vorgeschichte der Menschheit eine Art Kurzschluss im Hirn entstanden, irgendwo zwischen einem Kontrollorgan, das Gehirninhalte ordnet, und einem Zentrum, in dem Schlüsselreize eines animalischen Triebs angesiedelt sind. „Die Vermutung liegt nahe“, sagt Braitenberg, „dass es sich dabei um das Sexualzentrum handelt.“

Klingt gewagt? Weil Sex nur Lust erzeugt und Lernen vor allem anstrengend ist? Weit gefehlt. „Auch sexuelle Aktivität ist anstrengend“, gibt der amerikanische Hirnforscher John Gottman zu bedenken. Aber da beide Tätigkeiten wichtig für den Fortbestand unserer Gattung seien, würden sowohl beim Sex als auch beim (erfolgreichen) Lernen Botenstoffe im Gehirn ausgeschüttet, die das körpereigene Belohnungszentrum anregten. „Eine neue Stadt zu entdecken, eine neue Sprache zu lernen, das löst ein ähnliches Gefühl aus wie die Einnahme von Kokain“, schwärmt Gottmann.

In Deutschland verbreitet diese Botschaft derzeit vor allem der Lernforscher Henning Scheich, Direktor am Leibniz-Institut für Neurobiologie in Magdeburg. Er hat den „Glückseffekt“ beim Lernen direkt gemessen – wenn auch nur in Versuchen an Wüstenrennmäusen: Dabei setzt er den Käfigboden der Nager unter Strom und lässt kurz zuvor einen elektronischen Pieps ertönen. Bald haben alle Mäuse die Lektion gelernt: Wer beim Erklingen des Warntons in die Luft springt, entgeht dem unangenehmen Kitzelreiz. Und genau dieser Lernfortschritt (und nicht etwa das simple Abschalten des Elektroschocks), das zeigen Scheichs Untersuchungen, führt im Hirn der Mäuse zur Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin. „Selbstständig eine Lösung zu finden bereitet ihnen offensichtlich ungeheure Lust“, sagt der Hirnforscher über seine Zöglinge.

Doch Henning Scheich bleibt bei der Maus nicht stehen. Der Neurobiologe ist überzeugt, dass die grundlegenden Lernmechanismen bei Nager und Mensch dieselben sind. Daher hat er aus seinen Ergebnissen bereits „biologische Thesen zum optimalen Lernen“ destilliert, die, so fordert er, künftig in der Pädagogik mehr Beachtung finden müssten. Wer von der Arbeitsweise des Gehirns nichts verstehe, hätte „keine Ahnung davon, wie Kinder am besten lernen“, meint Scheich.

Auch andere Neurobiologen haben mittlerweile die Lernforschung entdeckt und glauben, dass die Schulen ohne ihre Erkenntnisse künftig nicht mehr auskommen. Die Hirnforschung sei für das Lernen so wichtig „wie die Muskel- und Gelenkphysiologie für den Sport“, schreibt der Psychiater und Mediziner Manfred Spitzer in seinem soeben erschienenen Buch Lernen (Spektrum Verlag), das den Kenntnisstand zum Thema dokumentiert (siehe auch ZEIT-Literaturbeilage Nr. 47/02).

Schon kursiert der Begriff der Neurodidaktik, und mancher von der Pisa-Studie verunsicherte Bildungspolitiker mag gar glauben, darin so etwas wie ein Zaubermittel gegen die deutsche Bildungsmisere zu entdecken. Doch bei aller Faszination für die Neuroforschung: Erkenntnisse aus Ratten- und Mäuseversuchen sind nur bedingt auf den Schulalltag übertragbar. „Ganz gewiss lässt sich kein Schulsystem direkt aus der Gehirnforschung ableiten“, räumt Manfred Spitzer ein. Zudem hapert es in deutschen Klassenzimmern häufig an viel mehr als nur an den richtigen Kenntnissen in Neurobiologie – an verbindlichen Standards, den nötigen Mitteln und nicht zuletzt auch an der Professionalisierung der Lehrer (siehe dazu auch Chancen, Seite 76).

Darüber hinaus liefert die Hirnforschung, bei Licht betrachtet, oft nicht viel mehr als eine Bestätigung alter, längst bekannter pädagogischer Weisheiten: Dass Lernen mit Lust verknüpft ist und emotional gefärbte Erlebnisse besser als neutrale erinnert werden, erkannte schon vor über 300 Jahren der Verfasser der Didactica Magna, Jan Amos Comenius. „Alles, was beim Lernen Freude macht, unterstützt das Gedächtnis“, brachte Comenius die spätere Erkenntnis der Neurodidaktik auf den Punkt.

Und die scheinbar moderne Einsicht, dass Informationen dann am besten verarbeitet werden, wenn sie auf möglichst vielfältige Weise – gesungen, gereimt, gemalt – den Wahrnehmungsapparat anregen, entspricht just der Maxime von Heinrich Pestalozzi (1746 bis 1827), eine gute Erziehung müsse „mit Kopf, Herz und Hand“ erfolgen. Selbst die wichtigste Botschaft der frühkindlichen Forschung – dass in den ersten Lebensjahren die Grundlagen für spätere Lernerfolge gelegt werden und bestimmte „Entwicklungsfenster“ des Lernens sich irgendwann schließen – plappert schon der Volksmund mit seinem „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ daher.

Die Neurodidaktiker selbst geben auch gar nicht vor, Brandneues zu präsentieren. „Wir müssen zu den pädagogischen Klassikern wie Comenius, Pestalozzi oder Montessori zurück“, sagt Henning Scheich. Und der Mathematiker Gerhard Friedrich aus Lahr, deutschlandweit der erste Habilitand im Fach Neurodidaktik, ergänzt: „Was könnte eine neurobiologisch fundierte Erziehungswissenschaft denn auch anderes liefern als eine Bestätigung ,guter‘ Pädagogik?“ Die Neurobiologie steuere dazu nur endlich eine „materiell begründbare Basis“ bei.

Vor allem aber räumt die Hirnforschung mit dem Irrglauben auf, wir müssten uns zum Lernen zwingen. Im Gegenteil: Unser Gehirn lernt immerzu, ob wir wollen oder nicht. Wer es nicht glaubt, wird von allen Babys eines Besseren belehrt. Sie beweisen, dass Lernen kinderleicht ist: Von Anfang an erforschen sie die Welt, üben sich unermüdlich im Laufen, Sprechen oder Nervensägen – und haben ganz offensichtlich Spaß daran. Und warum sind Babys wahre Meister des Lernens? „Weil wir noch keine Chance hatten, es ihnen abzugewöhnen“, antwortet der Psychologe Manfred Spitzer lapidar.

Für ihn ist die Frage nach der fehlenden Motivation meist völlig falsch gestellt. „Menschen sind von Natur aus motiviert, sie können gar nicht anders, denn sie haben ein äußerst effektives System hierfür im Gehirn eingebaut.“ Die Frage, wie man Menschen motiviere, sei etwa so sinnvoll wie die Frage: Wie erzeugt man Hunger? Die einzig vernünftige Antwort laute: Gar nicht, denn er stellt sich von allein ein. In Wahrheit gehe es bei der Motivationserzeugung letztlich immer um Probleme, „die jemand damit hat, dass ein anderer nicht das tun will, was er selbst will“. Die richtige Frage laute also nicht: Wie motivieren? Sondern: Warum sind so viele Menschen häufig demotiviert? Und da entdeckt Spitzer ein ganzes Arsenal von „Demotivationskampagnen“ unserer Gesellschaft – wie etwa die Ausschreibung von Preisen, die stets nur den Besten (die kein Motivationsproblem haben) verliehen werden und alle anderen Bewerber demotivieren.

Was sich in den Schulen ändern müsste, um den Erkenntnissen der Neurodidakten gerecht zu werden, ist also häufig genau das, was weitsichtige Pädagogen wie etwa Hartmut von Hentig seit Jahrzehnten predigen: den Schülern nicht möglichst viel Stoff eintrichtern wollen, sondern sie zum eigenen Problemlösen anregen (nur dies aktiviert schließlich das Belohnungszentrum); sie im Selbstversuch die Grenzen von Erfolg und Misserfolg ausloten lassen (auch Sex erfährt man nur durch aktives Tun, nicht durch Zuschauen); besonderes Gewicht auf die frühe Förderung im Vor- und Grundschulalter legen (wenn Lernstrategien ausgebildet werden); klare Standards und Grenzen setzen (die Orientierung erlauben) und darauf achten, dass die Gehirne nicht mit zu vielen Reizen überflutet werden (Computerspiele).

Vor allem aber, und das ist vielleicht die wichtigste Folgerung aus der Hirnforschung, sollten wir endlich akzeptieren, dass kein Gehirn dem anderen gleicht und Menschen – auch in ihrem Lernverhalten – höchst individuell sind. So hat die Neurobiologie gezeigt, dass die „Zeitfenster“ für wichtige Fertigkeiten wie Laufen, Sprachenlernen oder Musizieren von Kind zu Kind ganz verschieden sein können. Just diese Erkenntnis – und die darauf basierende individuelle Förderung jedes einzelnen Schülers – ist eines der Erfolgsgeheimnisse von Ländern wie Finnland, die im Pisa-Test besonders gut abschnitten. Dass dies auch in Deutschland geht, demonstrieren die Bielefelder Laborschule oder die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden, die ebenfalls beste Pisa-Noten erhielten.

Wirklich neu ist übrigens auch diese Erkenntnis nicht. Schon der kürzlich verstorbene Begründer der Kybernetik, Heinz von Foerster, hatte erkannt: „Lernen ist das Persönlichste auf der Welt. Es ist so eigen wie ein Gesicht oder ein Fingerabdruck – und noch individueller als das Liebesleben.“ So gesehen ist Lernen sogar noch aufregender als Sex.

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