ZEIT_online: Sie haben den Traum, eines Tages nach Damaskus zurückzukehren, wo Sie Ihre Jugend verbrachten. Wann werden Sie ihn realisieren können? Die syrischen Machthaber sind Ihnen nicht wohl gesonnen. © Verlag Ars Vivendi Rafik Schami: Ich habe diesen Traum nicht mehr so intensiv wie in früheren Jahren. Das ist so eine Art Idylle, die sich im Exil im Kopf bildet. Ich weiß, dass ich enttäuscht wäre, würde ich das reale Damaskus heute sehen. Ganz abgesehen davon, dass es mich als Mensch stören würde, meine Meinung dort nicht öffentlich äußern zu können. ZEIT_online: Sie betonen immer wieder, die Menschen in Europa sollten aufhören zu jammern, ihnen ginge es doch so gut. Schami: Die Leute hier leben in einem Paradies, aber sie schätzen diese vergleichsweise heile Welt nicht. Statt sie zu genießen und mit voller Kraft anderen dazu zu verhelfen, jammern sie, bevor man noch die Lage der anderen erklärt. Es ist wie der berühmte Jammer, der zum Handwerk gehört. ZEIT_online: Sie haben einmal den Artikel geschrieben: "Ein Vierteljahrhundert Nachbarschaft mit den Herren Goethe und Tröte". Herr Tröte ist eine fiktive Mischung aus verschiedenen Fernseh-Moderatoren und Medienmenschen, auch eine Prise "Harald Schmidt" ist dabei. Wü rden Sie das, was Herr Schmidt täglich in seiner Late-Night-Show bringt, als nicht sinnvoll bezeichnen? Schami: Sinnvoll für wen und in wessen Augen? Für mich und in meinen Augen ist es das nicht. Er wird hofiert und von manchen als kritischer Zeitgeist betrachtet, und sogar eine Sprachakademie hat ihm einen Preis verliehen, weil er uns unseren versteckten Rassismus vor Augen geführt haben soll. Er ist ein typisches Produkt der Spaßgesellschaft. Aber ich distanziere mich nicht von dieser Gesellschaft, ich und meine Familie leben in ihr. Da hilft es mir nichts, an die Heimat Syrien zu denken. Wenn ich sehe, über wen er in seinen Sendungen lacht, zum Beispiel über polnische Autodiebe, dann schmeckt mir das nicht. Sicher, mit seinen Witzen befriedigt er kurzzeitig die Anhänger verschiedener politischer Lager, aber ich halte seinen Humor für bedenklich, denn er macht sich über Menschen lustig. Sie werden gleich nachher in meiner Lesung lachen, aber ich mache keine Witze über Personen, sondern nur über deren Funktionen als Minister oder Spitzel. Das ist ein großer Unterschied. ZEIT_online: Harald Schmidt spielt eine öffentliche Rolle, Sie tun das auch. Sie haben 1997 in einem Interview mit der ZEIT (Ausgabe 34, S. 37) gesagt: "Ich nehme nicht an Talk-Shows oder an politischen Veranstaltungen teil. Ich habe eine ü bertriebene Scheu, mich einzumischen." Haben Sie inzwischen Ihre Meinung geändert? Schami: Nicht jedes Gespräch im Fernsehen lehne ich ab. Ich arbeite sogar sehr produktiv im Bereich Kultur mit dem Fernsehen, aber nach wie vor gehe ich nicht in Talk-Shows, die in einen Schlagabtausch münden. ZEIT_online: Sie haben auch gesagt, Sie gingen nicht gerne in solche Veranstaltungen, weil Sie sich dort als Exilant "vereinnahmt" fühlten. Das kann Ihnen auch in moderaten Talk-Runden passieren. Schami: Das ist eben mein Berufsrisiko. Wenn ich merke, dass die Befragung in eine "exotische Ecke" abdriftet, muss ich das zurechtrücken. Nur gehe ich nicht in Talk-Shows, die von vornherein auf Folklore und Tränendrüsen ausgerichtet sind. Biolek war da eine positive Ausnahme. Aber ich würde nicht mit ihm zusammen kochen. In erster Linie bin ich Autor. ZEIT_online: Ihr Herr Tröte mag Gegenwartsautoren wie Stuckrad-Barre. Sie dagegen mögen diese Autoren nicht. Warum eigentlich? Die bilden doch mit ihrer Literatur auch ein Stück der Realität ab. Schami: Ja, aber sie sind langweilig, und ich bin ein strikter Gegner von Langeweile. Ich muss dazusagen, Herr Tröte ist in diesem Abschnitt des Artikels hier nicht mehr Harald Schmidt, sondern ein Zweite-Klasse-Literaturkritiker aus Frankfurt. Er fördert Autoren, die es fertig bringen, auf zweihundert Seiten nichts zu sagen. Dafür gebührt solchen Autoren kein Lob. Zur Strafe müsste man ihnen ihre langweiligen Texte zehn Jahre lang täglich vorlesen, dann würde sie es sich überlegen, bevor sie noch einmal Langeweile erzeugen. ZEIT_online: Was genau meinen Sie damit, wenn Sie sagen: "Der Leser soll bei mir auf einer Rutsche sitzen und hineinrutschen in die Geschichte und hinaus, ohne dass er gemerkt hat, dass er eine Geschichte gelesen hat."? Schami: Ein Roman, der andauernd dem Leser vorführt, wie belesen der Autor ist, weckt mich auf und wirft mich aus der Handlung heraus. In meinen Erzählungen dagegen befindet sich der Leser auf einer Rutsche oder im Zirkus. Dort halten Ihnen die Artisten schließlich auch keinen Vortrag über ihre Kunstst ücke. Nein, sie tanzen lachend auf dem Hochseil, obwohl ihnen der Tod ins Auge schaut. Sie machen ihre Übungen im Geheimen. Ich als Autor recherchiere ebenfalls im Geheimen, und das oft monatelang, um etwa herauszufinden, wie die Kreuzzüge wirklich waren. Dann schreibe ich einen Satz, und der muss sitzen und witzig sein. ZEIT_online: Ihre Bücher wurden in 22 Sprachen übersetzt, aber Ihre Heimatsprache Arabisch fehlte bislang. Schami: Im nächsten Jahr sollen meine Werke beim Verlag Al-Kamel (Köln) erscheinen. Dass es sich dabei um einen Exilverlag handelt, zeigt wieder das Verhältnis der syrischen Machthaber zu meiner Person. In China hat man meine Bücher zugelassen, nicht aber in Syrien. Die arabischen Ausgaben werden in Köln produziert und gelangen dann auf leisen geduldigen Sohlen von Kamelen auch nach Syrien. Es freut mich, durch die Hintertüre in mein Land zurü ckkehren, ohne dass meine Freunde dort mich auf Französisch oder Englisch lesen müssen. Sie werden meine Stimme hören, ohne dass ich körperlich dort sein muss.