interview Stars in der Manege
Die Haffa-Brüder warten auf ihr Urteil, Boris Becker hat sich seines schon abgeholt: Huberta Knöringer ist Deutschlands bekannteste Richterin. Ein Gespräch über Urteilskraft im Scheinwerferlicht
Bis vor kurzem ging Huberta Knöringer einem eher beschaulichen Beruf nach: Richterin am Landgericht München. Dann erschienen die Angeklagten Boris Becker (Tennis) und Haffa (Thomas und Florian/Filmbranche) vor ihr. Ein Gespräch über den Alltag bei Gericht – und darüber, wie es ist, plötzlich im Mittelpunkt zu stehen.
Kann man sagen, dass die Anfangsbuchstaben von Nachnamen Ihr Berufsleben bestimmen?
Ja, so kann man das sehen. Jedenfalls ist die vierte Strafkammer, meine Strafkammer, in diesem Jahr zuständig für die Angeklagten mit den Anfangsbuchstaben A bis J. Und das bedeutet, diese Anklagen der Staatsanwaltschaft München I kommen automatisch zu mir, sofern es sich um ein Wirtschaftsdelikt handelt. Diese Kammer hat schon seit ewigen Zeiten die erste Hälfte vom Alphabet, früher ging es mal wirklich bis zum L, dann war das zu viel, dann ging es bis zum K und dann nur noch bis zum J.
Spricht denn der Kollege, der K bis Z macht, überhaupt noch mit Ihnen, oder platzt er vor Neid?
Ich kenne den seit einer Ewigkeit. Wir sehen uns ja jeden Tag auf dem Gang, und seit der Prozess begonnen hat, schießt man sich halt so mit seinen Prozessen rauf, so was wie »Na, wieder gestern im Fernsehen gewesen statt hier gearbeitet?« kriege ich dann schon zu hören. Aber ich glaube, da gibt es keine Animositäten oder Neid, nein, nein. Der Mann hat auch schon viele große Prozesse gehabt. Den Boris Becker gibt es halt leider nur einmal. Oder Gott sei Dank nur einmal. Und um das Haffa-Verfahren, da beneidet mich niemand. Dazu ist es einfach zu komplex.
Wie haben Sie davon erfahren, dass Sie die beiden Fälle verhandeln werden?
Bevor der Staatsanwalt offiziell die Anklage eingereicht hat, hat er mich schon mal gewarnt: Ich hab da was für Sie, was Größeres. Das geht mündlich auf dem Flur. Bei Haffa war das schon im vorigen Herbst. Und von Boris Becker konnte man ja schon seit Jahren in der Presse lesen, dass da was mit der Steuer nicht in Ordnung sein soll, und da wusste ich, als ich die Kammer vor zwei Jahren übernommen habe: Falls der Boris Becker wegen der Steuer angeklagt wird, dann landet er mit dem Anfangsbuchstaben bei mir. Definitiv fest stand das dann erst Ende Juni dieses Jahres.
Und dann: Panik.
Nein, nein, überhaupt nicht. Gut, so im Vorfeld habe ich mir in diesem Sommer dann mal gedacht: Na ja, wie wird es im Herbst wohl werden mit den großen Prozessen? Ich habe dann auch erst mal meinen Sommerurlaub ein wenig kleiner ausfallen lassen, wollte mich ein wenig erholen, darum waren wir eine Woche zum Bergsteigen in den Dolomiten und zehn Tage zum Schwimmen auf Sardinien. Als ich mich nach dem Urlaub in die Unterlagen vertieft habe: keine Nervosität. Da sagt man sich: Na ja, mal schaun, wird schon. Ich hatte überhaupt keine Probleme mit der Prominenz.
Der erste Boris-Becker-Tag, ein Tag wie jeder andere?
Ich bin vielleicht ein paar Minuten früher von zu Hause losgefahren. Es wär mir ausgesprochen peinlich, in so einem großen Prozess zu spät zu sein. Es ist mir zwar noch nie passiert, aber einmal ist ja immer das erste Mal. So war ich in beiden Fällen eine Stunde vorher im Gericht, schaute noch mal in meine Aufzeichnungen, und bevor ich mit der Robe aus dem Zimmer ging, ein letzter prüfender Blick in den Spiegel.
Um das Äußere zu prüfen.
Ja, ich versuche immer, mich ordentlich anzuziehen, gut auszusehen, das gehört einfach dazu, um das Selbstbewusstsein zu erhalten und um den Beruf zu repräsentieren. Es ist ein Beruf, in dem es überwiegend Männer gibt und gerade Wirtschaftsstrafrecht ist eine Männerdomäne. Aber deswegen dürfen Sie sich nicht vorstellen, dass ich für Becker oder für Haffa noch mal beim Friseur gewesen bin. Überhaupt nicht.
Trugen Sie Schmuck?
Ich trage immer einen hübschen Schmuck, oft ein Brillantkollier und Brillantohringe. Das wechselt nach Kleidung, wie das bei Frauen so ist.
Aber die Robe ist doch immer die gleiche.
Ja, aber darunter trage ich eine Bluse, zu der ich eine Kette tragen kann, also keine ganz hoch geschlossene.
Was hatten Sie an den ersten Prozesstagen an?
Keine Ahnung, eine ordentliche Bluse, die muss ich immer anhaben, aber sonst: Keine Ahnung, das habe ich mir nicht gemerkt.
Hatten Sie Angst, sich zu versprechen?
Nein. Ich denk mir immer: Ja, mei, wird schon, muss ja. Ich geh da nicht mit zitternder Stimme in den Sitzungssaal, ich sag fröhlich guten Morgen und lache. Ich gebe mir sowieso Mühe, keinen unvollständigen Satz zu sagen. Wenn der Prozess beginnt, ist der ganze Trubel vergessen, ich konzentrier mich auf die Person, die gerade spricht, da ist es mir egal, ob ich fünf Leute habe oder hundert.
Haben Sie die Zuhörer im Saal irritiert?
Zuschauer zu haben bin ich ja gewohnt. Ich habe eine gewisse Gruppe Leute, ich nenn die immer Fangruppe. Sie halten sich viel bei Gericht auf, denen gefällt mein Stil, meine Art zu verhandeln. Aber wenn ich normalerweise im Wirtschaftsstrafrecht in Bilanzen einsteige und ich stundenlang Bilanzen erörtere, dann vertreibe ich damit den letzten Zuhörer. Außer Wirtschaftsdelikten hab ich noch einen halben allgemeinen Buchstaben, also »Ba« bis »Bm«. Da hatte ich im Sommer einen Serienvergewaltiger, und den hatten wir hoch verurteilt, und dann kriegen Sie durchaus einmal spontanen Beifall von der Zuschauerbank. Aber das ist selten.
Noch seltener ist, dass die »Tagesschau« über Ihre Urteil berichtet. Haben Sie sich das angesehen?
Nein, ich war eingeladen. Ich hab mir einfach gesagt: Ich weiß, wie es war, ich war dabei, ich muss es nicht im Fernsehen anschauen.
Auch nicht das Becker-Interview bei »Beckmann« geschaut?
Nein, irgend so eine Sondersendung zu dem Thema würde ich mir bestimmt nicht anschauen.
Warum nicht?
Ich hab zum Becker-Prozess so viel Falsches gehört, und ich muss auch damit rechnen, dass die das Urteil nicht kapiert haben, dann denk ich mir: Das will ich mir nicht unbedingt antun.
Was haben Sie selbst direkt nach Prozessende gemacht?
Ich wollte den Interviewern entkommen. Ich bin vom Saal schnell in mein Büro gegangen.
Wie sieht es in Ihrem Büro aus?
Bescheiden, eingerichtet mit dem Nötigsten, aber grundsätzlich fühle ich mich hier schon wohl.
Fax, Computer, E-Mail?
Ohhh, also: Das Faxgerät, das wir hier haben, das gehört der ganzen Abteilung und ist eine Etage tiefer bei den Wachtmeistern. Wenn Sie mir jetzt sagen, Sie schicken mir ein Fax, dann gehe ich eine Etage nach unten und hol mir das Fax ab. Wir sind heilfroh, dass wir jetzt in der Kammer, also für mich und meine beiden Beisitzer, einen gemeinsamen Computer haben. Und Internet? Meine Güte…
Wie meinen Sie das?
Wir haben keins. Wir hätten es uns händeringend gewünscht. Wenn wir was aus dem Internet brauchen, dann druckt das mein Kollege zu Hause aus. Mir ist es ein bisschen peinlich, wenn es wieder auf seine Privatkosten geht, aber er sagt: Na ja, so teuer ist das doch nicht.
Ihre Gegenspieler sind Wirtschaftskriminelle!
Ja, unsere Kriminellen sind eben technisch besser ausgestattet. Wenn ich mich nicht gerade um Becker oder Haffa kümmere, mach ich normalerweise Anlagebetrug, und wenn Sie da nicht ein bisschen im Internet blättern können, dann sind Sie einfach einen Schritt zurück. Ich kann aber meiner Präsidentin keine Vorhaltungen machen, die würde uns ja gerne besser ausrüsten.
Ihr Mann arbeitet als Richter am nächsthöheren Gericht, dem Oberlandesgericht. Konnte er Ihnen Tipps geben, wie Sie mit so viel Beachtung umgehen?
Er arbeitet in der Zivilabteilung, und dort ist er von spektakulären Fällen verschont geblieben. Er ist eher bekannt als Verfasser eines Lehrbuches. Der Name Knöringer ist also in Juristenkreisen durchaus bekannt. Ich bin früher immer gefragt worden, wenn ich meinen Namen gesagt hab: Sagen Sie, sind Sie irgendwie verwandt mit dem Knöringer, der…? Die mussten ihre Frage gar nicht zu Ende stellen, ich hab immer gesagt: Ich bin die Frau dazu. Im Moment hat es sich etwas umgedreht. Im Moment ist er der Mann von der Frau Knöringer. Aber ich denke mir: Auch der Prozess Haffa geht vorüber, und in ein paar Monaten wird niemand mehr wissen, wer die Frau Knöringer war. Das ist jetzt eine momentane Bekanntheit, und das hat sich bald wieder.
Hört sich an, als freuten Sie sich auf diese Zeit.
Ja, nach Haffa kommt endlich wieder was Gewöhnliches. Einmal geht es um falsche Diamanten und einmal um Geldwäsche.
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- Quelle (c) DIE ZEIT 49/2002
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