Shüleruniversität Mehr Mathe, bitte!
Nach dem Unterricht an die Universität: In Bochum können schon Schüler studieren
Ruhr-Universität Bochum, morgens um zehn. Im Hörsaal 40 werfen Studenten noch einen schnellen Blick auf die Mathe-Formeln, die nachmittags in einer Klausur abgefragt werden. Marianne Breuer und Sergej Kovalenko schlendern die dunklen Treppenstufen hinunter. Vor bis zur dritten Reihe – in der Vorlesung haben alle Hörer ihren angestammten Platz. Keiner käme auf die Idee, den jungen Mann, mit der lässigen Lagerfeld-Frisur und die Frau mit dem verschmitzen Blick nicht für Studenten zu halten. Aber Sergej ist 17 und Schüler der 12. Klasse am Bochumer Graf-Engelbert-Gymnasiums und Marianne, 18, besucht die 13. Klasse in der Märkischen Schule.
Seit Mitte Oktober sind sie so genannte Schülerstudenten. Zwei von 67 aus 13 Schulen der Umgebung. Schüler von der 11. bis zur 13. Klasse, die als Gasthörer an der Ruhr-Universität eingeschrieben sind. Sie besuchen Einführungsveranstaltungen und studieren Astronomie, Mathematik, Physik, Informationstechnik, Chemie, Geowissenschaften, Bauingenieurwesen, Maschinenbau, Elektrotechnik oder Philosophie. Am Ende des ersten Semesters schreiben sie eine Klausur oder halten ein Referat. Wenn sie bestehen, bekommen sie einen Schein, den sie sich später im Studium anrechnen lassen können.
Im Gegensatz zu ihren Kommilitonen, für die die Woche erst jetzt beginnt, haben Marianne und Sergej schon ein paar Stunden Schulunterricht hinter sich, bevor sie zur Analysis-I-Vorlesung einlaufen. Schule und Studium parallel – das klingt nach Stress. „Für mich ist es aber eher eine Herausforderung“, sagt Marianne. Und Sergej ist froh, weil er an der Universität lernen kann, was ihn wirklich interessiert. Mathe in der Schule langweile ihn.
Die ersten Anfragen kamen im Frühjahr 2001, als allerorten von Schul- und Studienzeitverkürzung gesprochen wurde. Ob man an der Bochumer Universität nicht etwas für hoch begabte Schüler tun könne, fragte das Kultusministerium. Die Kölner waren vorausgegangen und hatten ihre naturwissenschaftliche Fakultät schon vor mehreren Semestern für Schüler geöffnet. Im vergangenen Sommersemester besuchten Bochumer Schüler in einem Probelauf Lehrveranstaltungen in Informatik. Jetzt bieten acht Fakultäten Grundkurse, Vorlesungen und Übungen für „Schülerstudenten“. Auch in Aachen, Bonn, Braunschweig und Saarbrücken schnuppern mittlerweile Oberstufenschüler Uni-Luft. Vorläufig in den Naturwissenschaften. Die Ruhr-Universität Bochum (RUB) plant, zukünftig alle Fächer, außer den Numerus-clausus-Disziplinen, ins Schülerstudium einzubeziehen.
Lernen, worauf man Lust hat
Vom ursprünglichen Vorhaben der Hochbegabtenförderung will man hier jedoch nichts mehr wissen. Projektleiter Reiner Höck spricht von leistungsstarken, hoch motivierten Schülern, die lernen können, worauf sie Lust haben. Vorausgesetzt, der ungebremste Lerneifer lässt sich mit der Schule vereinbaren.
Wird da nicht dennoch Eliteförderung betrieben, während schlechte Schüler auf der Strecke bleiben? Gegen diese Kritik verwehrt sich der Prorektor Roland Fischer. Man wolle keine Elite aussieben, sondern individuelle Angebote für wissensdurstige Schüler machen. Ohne großen Aufwand. Vorlesungen und Kurse an der Universität bleiben unverändert, das Schülerstudium kostet den Staat keinen Cent. „Bildung kann auch sexy sein“, sagt der Prorektor. Wer gut und interessiert ist und sich an der Schule unterfordert fühlt, soll die Möglichkeit bekommen, sich frühzeitig an der Universität weiterzubilden. Mit Bestzensuren in Informatik stellte im Übrigen eine Schülerstudentin im Sommersemester ihre Kommilitonen in den Schatten.
Auch die Ergebnisse der Pisa-Studie und der Vorwurf, für leistungsstarke Schüler in Deutschland werde zu wenig getan, hätten bei der Projektplanung nur eine untergeordnete Rolle gespielt, sagt Höck. Wichtig ist ihm, dass die Universität mit der Einbindung von Schülerstudenten einen Schritt heraus aus dem Elfenbeinturm tut. Zudem kann so der begabte Nachwuchs an die eigene Universität gebunden werden. Wer als Schüler an der RUB studiert hat, wird sie kaum mit Studienbeginn wechseln.
Markus Kyeck, 16 und Schüler der elften Klasse an der Bochumer Schiller-Schule, sieht das alles nicht so ernst. Er hat sich in das Seminar Philosophie der Zeit eingeschrieben. Rein aus Interesse und weil er hier an der Universität philosophische Fragen stellen kann, die jeder versteht. Hier fragt keiner, wie er auf solch seltsame Ideen kommt. Seine schulischen Leistungen stuft der junge Mann in schwarzem Hemd und schwarzer Hose eher im Mittelfeld ein. Dass er mal Philosophie studieren wird, schließt er nicht aus; zunächst aber will er zum Schüleraustausch in die USA reisen. Wer weiß, was ihm dort noch alles einfällt.
In der Analysis-Vorlesung spricht der Professor Thomas Kriecherbauer von Quadratzahlen, die gegen plus Unendlich divergieren, er schreibt Buchstabenformeln in der kryptischen Sprache der Logik an die Tafel. Sergej ist begeistert. Das ist nach seinem Geschmack, theoretische Formeln, die die Welt erklären, statt öder Übungsaufgaben in der Schule. Seit fast fünf Jahren beschäftigt er sich jede freie Minute mit Mathematik. Mathe-Schulsieger war er und viermal Stadtsieger. In den anderen Schulfächern sieht’s nicht so toll aus, aber das stört den schlaksigen jungen Mann nicht. Hauptsache, fürs Abi reicht’s – und dann will er sowieso Mathematik studieren.
„Ja, durchs Abi müssen wir noch“, sagt Marianne Breuer lachend. Bange ist ihr davor nicht. Zwar hat sie zweimal nachgedacht, als ihr Schulrektor sie auf die Schüler-Uni ansprach, sich aber dann doch entschieden, noch in der 13. Klasse ins Mathematikstudium einzusteigen. Physik und Mathe waren immer ihre Lieblingsfächer. Dass sie jetzt die Begriffe der mathematischen Divergenz und Konvergenz erklären kann, findet sie klasse. Acht Stunden Mathematikvorlesungen und Übungen an der Universität, Diskussionen mit Kommilitonen in der Mensa oder der Cafeteria – denken ihre Mitschülerinnen da nicht, die ist verrückt? „Nein“, sagt sie, „die wissen, dass ich keine Streberin bin.“
Dass ihre anderen schulischen Leistungen leiden, glaubt Marianne Breuer nicht. Allerdings hat sie Glück, der größte Teil ihrer Universitätsveranstaltungen fällt in Freistunden. Andere Schülerstudenten müssen vom Schulunterricht befreit werden und den verpassten Stoff nachholen.
„Mit der Auswahl ihrer Schülerstudenten tragen die Schulen eine große Verantwortung“, sagt Dirk Gellesch, Lehrer für Deutsch- und Geschichte am Graf-Engelbert-Gymnasium und Koordinator des Projekts an den Schulen. Es gibt keine festen Auswahlkriterien, nach denen Schüler an der Universität zugelassen werden. Begabung, Leistung, Interesse, aber auch Persönlichkeit spielen eine Rolle. „Nicht nur eine Hochbegabung“, betont Gellesch, „außerdem heißt hoch begabt noch lange nicht gut.“
Komplizierter Stundenplan
Institutionalisieren will Prorektor Fischer die Schüleruniversität trotzdem nicht. Die Allgemeine Hochschulreife ist und soll Voraussetzung fürs Studium bleiben, alles andere sei pädagogische Ermessenssache. Konkret bedeutet das: Die Schule entscheidet, welche Schüler studieren dürfen. Da machen ehrgeizige Eltern oder Schüler, die an der Universität die Schule schwänzen wollen, keinen Stich. „Auch einen Rechtsanspruch auf einen Schein wird es so oder so nie geben“, zeigt sich Fischer überzeugt. Aber die Fakultäten der RUB werden den begehrten Veranstaltungsnachweis ausstellen. Sollte dieser an anderen Universitäten oder in anderen Bundesländern nicht anerkannt werden, will sich der Prorektor persönlich dafür einsetzen. Denkbar wäre also, dass Schüler, die zukünftig vom 11. bis zum 13. Schuljahr parallel sechs Semester lang an der Universität studieren, mit dem Abitur das Vordiplom oder den Bachelor-Abschluss in der Tasche haben.
Marianne Breuer muss sich beeilen. Die Analysis-Vorlesung ist vorbei, zur siebten Stunde muss sie in der Schule im Lateinunterricht sitzen. Und am Nachmittag? Fährt sie wieder zum Campus – zur arithmetischen Übung.
Mail-Adressen der Organisatoren:
Dirk
Gellesch
ist Lehrer für Deutsch und
Geschichte am Graf-Engelbert-Gymnasium Bochum und Koordinator
des Projekts an den Schulen
Reiner Höck
ist an der Universität
Bochum zuständig für die Schüleruni
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 49/2002
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