Kapitalismus »Das Problem sitzt viel zu tief«

Exnotenbanker Paul Volcker kritisiert George Bush - und den Stabilitätspakt der Europäer. Ein Interview

DIE ZEIT: Die Serie amerikanischer Wirtschaftsskandale hat weltweit die Märkte verunsichert und den Abschwung verschärft. Die US-Regierung verabschiedet neue Gesetze und will Manager härter bestrafen. Ist der Kampf gegen Lug und Trug damit gewonnen?

Paul Volcker: Nein, sicher nicht, das Problem sitzt viel zu tief. Mit ihren Reformen ist die Regierung auf dem richtigen Weg. Aber es bleibt die Frage, ob sie schnell genug reagiert - und ob sie nicht mitunter unüberlegt vorgeprescht ist.

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ZEIT: Vorgeprescht?

Volcker: Hilft es wirklich, dass Direktoren jetzt Finanzberichte ein zweites Mal bestätigen müssen und dass ihnen Gefängnisstrafen drohen? Diese Regelung ist politisch motiviert, aber hilft der Sache kaum. Richtig ist, dass wir eine neue Aufsicht für die Wirtschaftsprüfer schaffen. Diese Branche hat versagt.

ZEIT: Genau in diesem Punkt hat die Regierung aber einen merkwürdigen Eiertanz aufgeführt. Sie wollte zusätzliche Gelder für die Wertpapierbehörde SEC wieder streichen, die Suche nach einem Chef für die neue Wirtschaftsprüferaufsicht geriet zur Farce, schließlich verlor SEC-Chef Harvey Pitt seinen Posten. Meint es Präsident George Bush wirklich ernst mit dem Durchgreifen?

Volcker: Da hat sich Unentschlossenheit gezeigt. Dafür haben nicht zuletzt die Wirtschaftsprüfer selber gesorgt. Sie sind mächtiger, als ich ursprünglich gedacht hatte - wegen ihrer hohen Wahlkampfspenden und weil viele Prüfer gezielt einzelne Abgeordnete unter Druck setzen.

ZEIT: Kritiker werfen Bush vor, er habe erst publikumswirksam scharfe Gesetze erlassen und verhindere jetzt, dass sie wirklich umgesetzt werden.

Volcker: Ich weiß nicht, warum Washington sich so schwer damit tut, der SEC die nötigen Mittel zu gewähren. Wie die Personalentscheidungen so konfus geraten konnten, ist mir ebenfalls unverständlich. Eines ist klar: Die Reformen gehen erst wirklich weiter, wenn die beiden Chefposten bei der Wertpapieraufsicht und bei der Behörde für die Wirtschaftsprüfer besetzt sind.

ZEIT: Aber selbst dann: Reichen neue Behörden und Regeln aus, um die Fehler der Neunziger zu korrigieren? Da sind doch auch ethische Maßstäbe verloren gegangen.

Volcker: Das ist sicher richtig. Geld ist zum Maß aller Dinge geworden. Der einzige Maßstab für die Arbeit der Manager und die Leistung des Unternehmens war plötzlich der Aktienkurs. Und hoch bezahlte Finanzingenieure bastelten mit immer komplizierteren Konstruktionen daran, Gewinne unter Umgehung von Buchhaltungs- und Steuervorschriften in die Höhe zu treiben. Den Verfall der Sitten kann man mit Gesetzen natürlich nur sehr schwer bekämpfen.

ZEIT: In Deutschland raten manche Experten, die Gehälter von Spitzenmanagern zu begrenzen - etwa auf das 150fache eines Durchschnittslohnes.

Volcker: Die Idee ist nicht neu, aber das funktioniert nicht. Während der Amtszeit Bill Clintons wurde ein Gesetz verabschiedet, nach dem Unternehmen ihre Managergehälter nur noch bis zu einer Million Dollar steuerlich absetzen konnten. Daraufhin haben viele Firmen ihre Topleute mit Aktienoptionen bezahlt. Und die führten am Ende zu den irrsinnigsten Gehaltsexzessen.

ZEIT: Also weg mit den Aktienoptionen?

Volcker: Ich würde nicht so weit gehen, sie zu verbieten. Aber es ist keine gute Praxis, Optionen auszugeben, die einfach nur von der allgemeinen Marktentwicklung profitieren. Manche Optionen stiegen um das Dreifache, weil der Markt nach oben schoss. Für die Leistung der Manager sind solche Optionen keine gutes Maß.

ZEIT: Die Reformdebatte in Amerika ist auf die ganze Welt übergesprungen.

Auch in Deutschland haben wir neue Regeln für die Corporate Governance, die Führung und Kontrolle von Unternehmen. Auf europäischer Ebene arbeitet die EU-Kommission an einheitlichen Standards. Brauchen wir internationale Vorschriften?

Volcker: Es gibt Dinge, die für alle Unternehmen gültig sein sollten. Vor allem muss dem Unternehmenschef ein starker Kontrolleur gegenübergesetzt werden, etwa in Person eines Aufsichtsratsvorsitzenden oder eines Chairman.

Das ist eine nötige Ergänzung zum Beispiel zum Board so genannter "unabhängiger" Direktoren wie im amerikanischen System. Die wurden oft persönlich vom gleichen Chef ausgewählt, den sie überwachen sollen.

ZEIT: Andere argumentieren, dass man statt einheitlicher Regeln besser einen Wettbewerb der Systeme zulassen sollte.

Volcker: Eine gewisse Vielfalt schadet gewiss nicht. Aber bei den Bilanzierungsregeln meine ich schon: Je einheitlicher, desto besser. Denn nur dann kann man die Unternehmen wirklich vergleichen, und nur dann fließen die weltweiten Kapitalströme nach rationalen Kriterien.

ZEIT: Also mehr internationale Zusammenarbeit, um die Vertrauenskrise zu überwinden und die Weltkonjunktur wieder auf Trab zu bringen?

Volcker: Ja, aber bei all der Diskussion um Vertrauen dürfen wir nicht vergessen, dass die Weltwirtschaft noch unter einer Menge anderer Probleme leidet. Fast überall haben die Unternehmen im Boom Überkapazitäten aufgebaut.

Dazu gibt es regionale Unterschiede - Europa etwa leidet nach wie vor unter strukturellen Problemen und seiner sehr schwachen Binnennachfrage.

ZEIT: Die Europäer tun sich schwer damit, die Nachfrage anzuheizen. Der Stabilitätspakt macht es schwer, auf Pump die Wirtschaft zu beleben.

Volcker: Ich hielt den Pakt schon für zu rigide, als er geschaffen wurde. Die heutige Erfahrung zeigt, dass ich richtig lag. Die Regeln müssten mehr Flexibilität bei ernsten konjunkturellen Problemen zulassen.

ZEIT: In Europa sind nicht nur der Fiskalpolitik die Hände gebunden, auch die Geldpolitik unterliegt sehr starken Beschränkungen. Die Europäische Zentralbank will keine Inflation von mehr als zwei Prozent.

Volcker: Auch hier darf man nicht zu rigide vorgehen. Schon allein, weil die Daten über die Preisentwicklung immer voller Unsicherheiten sind.

ZEIT: Wenn Sie ein Rezept zusammenstellen sollten, um die Weltwirtschaft wieder in Schwung zu bringen, womit würden Sie anfangen? Gibt es einen Volcker-Plan?

Volcker: Völlig unterschätzt wird, in welchen Schwierigkeiten die Schwellenländer stecken. Denen müssen wir helfen. In diesen Staaten schlummert das größte Wachstumspotenzial - aber sie haben mehr Probleme denn je, den internationalen Kapitalmarkt anzuzapfen.

ZEIT: Wo liegt das Hauptproblem?

Volcker: Währungsschwankungen führen laufend zu Instabilität. Auf lange Sicht brauchen wir eine einheitliche Weltwährung, auch wenn Sie und ich das vielleicht nicht mehr erleben. Aber wir haben mit dem Euro schon eine regionale Währung, deren Raum noch größer wird. In Asien könnte so eine Rolle in 15 Jahren vielleicht die chinesische Währung spielen.

ZEIT: Sind Währungsschwankungen wirklich das größte Problem der Schwellenländer - und nicht unzureichende Banken und Behörden oder schlechte Politik?

Volcker: Schlechte Politik wird überall gemacht. Nehmen Sie nur das Beispiel Argentinien. Als der Euro und der Yen in den letzten Jahren im Verhältnis zum Dollar um 20 bis 30 Prozent schwankten, bekamen die Argentinier große Probleme. Ihre Währung war nämlich an den Dollar gekoppelt. Bei einigen kleinen Ländern hängt oft mehr als die Hälfte des Sozialprodukts am Export und damit direkt an der Entwicklung der Wechselkurse.

ZEIT: Eine Weltfinanzreform steht aber nicht auf der politischen Tagesordnung.

Volcker: Ja, es ist das alte Lied: Sobald eine Krise halbwegs überwunden ist, neigen die Leute dazu, die Gefahren wieder zu vergessen. Heute scheint Mexikos Peso wunderbar stabil zu sein. Aber ich würde nicht darauf wetten, dass das in den nächsten fünf Jahren so bleibt. In Argentinien ging viele Jahre lang auch alles glatt. Ebenso in Brasilien. Die Probleme des Weltfinanzsystems haben ironischerweise dazu geführt, dass es solchen Ländern am besten geht, die sich relativ wenig dem Weltmarkt geöffnet haben - zum Beispiel China und Indien.

Das Gespräch führten Kolja Rudzio und Thomas Fischermann

 
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