Jeden Winter verwandelt das Delta des Okavango 15000 Quadratkilometer der Kalahari in einen schalen See. Wenn das Flutwasser im Frühjahr in der Wüste versickert, bleibt Weideland für durchziehende Zebra-, Elefanten- und Gnuherden zurück. Der Fluss verschwindet bis auf einen Sumpf, aus dem jahrhundertealte, inzwischen verlassene Termitenstädte herausragen. An diesen Inseln will die südafrikanische, in New York ansässige Architektin Lindy Roy eine Siedlung schwimmender Wohnkapseln verankern, die über Stege und Planken miteinander verbunden sind. Mit ihren geschwungenen Flügeldächern erinnern Roys futuristische, bisher nur im Cyberspace konstruierte Gehäuse eher an Boote als an Hütten. Sie alle haben ihre eigene Spa-Einheit im Schlepptau. Transparentes Fiberglas und dünne Moskitonetze versprechen Gästen dieser nur mit Flugzeug oder Hubschrauber zugänglichen Kolonie engsten Kontakt zur Natur. Ein Swimmingpool aus Stahlgitter soll es gar möglich machen, sich das warme Sumpfwasser mit den Krokodilen der Gegend zu teilen.

Roy spielt mit dem Reiz des kalkulierten Risikos und verbindet High-Tech und High-Nature. Ihr Projekt in Botswana zeigt eine Extremform des Ökotourismus, der in den siebziger Jahren als winzige Bewegung zivilisationsmüder Eskapisten begann und heute weltweit 20 bis 30 Prozent der Reiseindustrie ausmacht – umweltfreundlich und naturnah, aber fernab aller Rucksackassoziationen und Strapazen. Das »Naturhotel« ist eine von fünf Kategorien, mit denen die derzeitige Ausstellung New Hotels for Global Nomads im Cooper Hewitt Design Museum in Manhattan zeigen will, wie Hoteliers und Architekten die zunehmend anspruchsvollen und individualistischen Bedürfnisse des Weltreisenden zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu befriedigen versuchen. Weitere Kategorien der Show sind »urbane« und »mobile« Hotels sowie »Fantasie-« und »Businesshotels«.

Das Angebot reicht vom märchenhaften Luxus des Hotels Burj Al-Arab auf einer künstlichen Insel vor Dubai bis zu jenen gleichzeitig klaustrophobischen und ungeschützten Kabinen, in die sich japanische Handelsreisende zum Schlafen verkriechen; trotz des Mangels an Anonymität – oder vielleicht gerade deshalb – sind diese seit den siebziger Jahren existierenden Zellen äußerst populär. Zwischen den beiden Polen von Rokoko-Exzess und perversem Platzsparen liegen die Fata Morganen von Las Vegas, die unterkühlten Boutique-Hotels europäischer und amerikanischer Metropolen sowie technologisch raffinierte Wohneinheiten aus neuen Materialien, die sich temporär an existierende Fassaden heften können. Sie alle setzen auf die gleiche Klientel, moderne Menschen, die kein Herz für alte, angestaubte Etablissements mit weisen Portiers und Hotelsilber haben.

Nichts animiert die Fantasie so sehr wie schlichte Zimmerschlüssel

Jedes Hotel, ob das Ritz in Paris, das Casinohotel in Gestalt der Cheopspyramide oder die Absteige in Bahnhofsnähe, löst Fantasien aus. Erfunden wurde das Hotel vor rund zweihundert Jahren für das Bürgertum, das sich mit livrierten Bediensteten zumindest zeitweilig die Illusion aristokratischer Überlegenheit leisten konnte. In Amerika, wo man zugunsten eines demokratischeren Modells bis 1877 auf die servile Uniform verzichtete, stellte man sich das Hotel gern als Miniaturrepublik vor. Später fesselte der Architekt Morris Lapidus mit filminspirierten Kreationen wie dem Fontainebleau in Miami die Gäste in dem angenehmen Trugbild, sie seien Stars in einer Hollywood-Produktion. Doch nichts animiert die Fantasie so sehr wie der schlichte Zimmerschlüssel. Selbst im Zeitalter der Plastikkarte gilt er noch immer als Symbol für den reibungslosen Austausch von Geld gegen ein anonymes Reich ungestrafter Vergnügungen. Man muss einmal über einen langen Hotelflur spazieren, und schon ertappt man sich beim Spekulieren über das Geschehen hinter den Türen mit ihrem Do not disturb-Gebot.

Die Künstlerin Sophie Calle gab ihrer Neugierde schamlos nach und wühlte unter dem Deckmantel des Zimmermädchens in den Schubladen ahnungsloser Gäste, stöberte durch ihre Koffer, statt abzustauben, und las ihre Dokumente, um die Beute dann als indiskretes Stillleben abzulichten. Das Ergebnis dieser Grenzüberschreitung dürfen die Besucher des Cooper Hewitt Museum mit einem Schauer in Gedanken an ihre eigene Verletzlichkeit als Hotelgäste inspizieren.

Aktuelles Hoteldesign ist transparent. Durchsichtige Stoffe und Toilettentüren, die nur von außen blickdicht sind, kokettieren mit Schaulust. Auch die Hotelarchitektur unterhält ihre Gäste mit der Spannung zwischen Voyeurismus und Exhibitionismus. So zeichnet sich das für Manhattans Stadtteil Soho geplante Hotel Broadway durch eine enervierende, allerdings hoch attraktive Dünnhäutigkeit aus. Die Fenster reichen vom Boden bis zur Decke und verwehren den Passanten zwar den Einblick durch raffinierte Raster roter oder blauer Punkte, dem Gast aber vermitteln sie ein abenteuerliches Gefühl der Exponiertheit.

Ähnlich operiert auch Ian Schrager. Der Erlebnishotelier, der als Gründer der legendären New Yorker Diskothek Studio 54 in die Geschichte der Popära eingegangen ist, hat unlängst zwei Hotels in London eröffnet. Das St. Martins Lane Hotel bietet Gästen spektakuläre Ausblicke und gleichzeitigen Schutz, und das Sanderson voll verglaste Bäder. Beide Häuser sind in der Ausstellung vertreten, und es drängt sich der Gedanke auf, als wollten diese Laboratorien für den Lifestyle das Konzept des gläsernen Menschen thematisieren.