Die Krise. Erst las ich nur von ihr, da war sie noch weit weg. Dann hörte ich von ihr, über drei Ecken. Dann erwischte sie Freunde von Freunden, dann die Freunde selbst, die Einschläge kamen immer näher. Als Ersten traf es Christian, wie ich ein Journalist. Dann Katrin, Grafikerin. Dann Petra, Lektorin. Seit Oktober geht auch Stefan, unser Nachbar aus dem vierten Stock, morgens nicht mehr zur Arbeit. Er ist der Mann, der den Slogan »It’s not a trick, it’s a Sony« erfunden hat. Sein Job ist weg, sein Dienst-Passat, sein Siegerlächeln. Es ist kein Jahr vergangen, und mein Adressbuch ist zum Nummern-Friedhof geworden, überall tote Festnetzanschlüsse und durchgestrichene E-Mail-Adressen. Wer früher @faz, @siemens, @pixelpark war, sitzt heute @home. Ich blättere von A bis Z, zähle nach und komme zu dem Ergebnis: Ich habe nicht mehr viele Freunde, die noch eine feste Stelle haben.

Bin ich der Nächste? Ich habe Angst.

Es ist eine Angst, die ich nicht kannte. Ich wuchs auf mit der Erfahrung zu bekommen, was ich bekommen wollte, und zu werden, was ich werden wollte. Als ich auf der Grundschule war, wollte ich aufs Gymnasium. Als ich auf dem Gymnasium war, wollte ich auf die Universität. Als ich auf der Universität war, wollte ich in den Beruf. Als ich im Beruf war, wollte ich eine Familie. Als ich eine Familie hatte, wollte ich eine Eigentumswohnung.

Als ich die Eigentumswohnung hatte (mithilfe von Eltern, Erbe und nicht zuletzt einem Kredit, den ich dreißig Jahre lang abbezahlen werde), war mein persönliches Wirtschaftswunder vollbracht. Schnell zwar, aber im Resultat doch nur das bürgerliche Glück, das immer Ziel des ganzen Strebens war. Alles war derart glatt gegangen, dass ich – bis dahin ein Rastloser – ein ruhiger Mensch zu werden schien. Ich träumte nicht mehr diesen Albtraum, dass alles, was ich erreicht hatte, ungültig ist, solange ich nicht diese Mathearbeit nachgeschrieben habe, die ich in der siebten Klasse mal versäumt hatte. Ich hörte sogar auf, mit den Zähnen zu knirschen.

Mein Leben? Ein Sammeln, ein Zugewinn, jede Handlung verzinst, jedes Jahr etwas mehr: Bildung, Erfahrung, Verantwortung, Geld, Selbstsicherheit, auch die. Mein Lebenskonto war im Plus, als ich Anfang des Jahres 30 wurde. Ich feierte in meinem Dachgeschoss, blickte hinunter auf den Park und die Stadt und fühlte eher, als dass ich dachte: »Ich bin angekommen. So könnte es bleiben.«

Jetzt, am Ende des Jahres, wohnen wir immer noch mit Blick auf den Park, meine Frau, meine Tochter und ich. Es sieht so aus, als habe sich nichts verändert, und doch ist vieles anders. Ich habe alle Gewissheiten eines Wohlstandskindes verloren, Gewissheiten, die andere längst aufgegeben hatten, die für mich aber noch gegolten hatten. Dass ich mein Leben lenken kann. Dass Leistung und Erfolg zusammenhängen. Dass ich auch im schlimmsten Fall stets eine neue Stelle finden würde. Und jetzt? Soll nicht mal mehr meine Lebensversicherung garantiert sein.

Wegen der Krise. Dieses eine Wort fasst zusammen, was innerhalb eines Jahres so vielen Lebensläufen eine andere Richtung gab: die kranke Weltwirtschaft, die Winkelzüge der Bilanzbetrüger, die geplatzten Blasen an den Börsen, die Angst vor Terror und Krieg.

Ich weiß, größer als die Krise ist oft das Krisengerede, vielleicht auch dieses hier. Und Rezessionen hat es viele gegeben, ganze Generationen von Bergleuten und Stahlarbeitern wurden in die Arbeitslosigkeit gekippt. In meiner westdeutschen Reihenhausjugend habe ich nur nichts davon mitbekommen. Ich lebte in einem Land mit vier Millionen Arbeitslosen, ohne einen einzigen zu kennen – und ohne mich darüber zu wundern. Vielleicht reißt mich das, was jetzt geschieht, endlich in die Realität.

Lebenslinien stürzen ab wie Aktienkurse