Warum es so verführerisch ist, Kinderbücher zu schreiben, und das Erzählen von Geschichten die Welt im Kopf verändert

Bücher für Kinder zu schreiben ist der wunderbarste Beruf der Welt. Der allerwunderbarste. – Moment… nein, Cornelia, so eindeutigunzweideutig darfst du das nicht schreiben (auch wenn du es vielleicht denkst). Etwas vorsichtiger, bitte. Versuch’s noch mal.

Also gut, von vorn: Bücher für Kinder zu schreiben ist ein wunderbarer Beruf, auf jeden Fall und ganz unzweifelhaft anzusiedeln unter den zehn schönsten Berufen der Welt.

Ja, so ist es besser, das klingt schon etwas sachlicher.

Sie zweifeln an meiner Behauptung immer noch? Trotz der vorsichtigeren Formulierung? Nun, das erstaunt mich nicht. Selbst unter denen, die ihren Lebensunterhalt mit dem Schreiben von Kinderbüchern verdienen, gibt es etliche, die ihren Beruf keineswegs zu den Traumberufen zählen – und das ist nicht verwunderlich. Schließlich müssen Kinderbuchautoren allzu oft Fragen wie die folgenden beantworten (besorgte Stimme eines Rundfunkjournalisten): „Frau Funke, empfinden Sie es als Beleidigung, wenn ich Sie als Kinderbuchautorin bezeichne?“ Oder (enthusiastisch-hoffnungsvoll): „Frau Funke, können wir erwarten, dass Sie nun auch irgendwann ein richtiges Buch schreiben werden?“

Ja, solche Fragen sind das Kreuz aller Kinderbuchautoren, und sie trüben das Vergnügen am wunderbarsten Beruf der Welt mitunter schon etwas.

Es wird einem keineswegs gratuliert zu der klugen Berufswahl, man wird auch nicht Dinge gefragt wie: „Hätten Sie gedacht, dass Sie einmal das Glück haben, einen so wunderbaren Beruf auszuüben?“ Nein, kein Wort davon. Was ist in all diesen Köpfen bloß passiert? Hat keiner dieser fragenden Journalisten, Lehrer und was immer als Kind Tom Sawyer gelesen oder ist mit Jim Knopf zur Drachenstadt gefahren? (Oh, Gott, die Szene in der Wüste, in der Jim in Emmas Kessel tauchen muss und nicht wieder auftaucht…) Sie müssen sie wohl alle vergessen haben, Herrn Tur Tur, den Scheinriesen, Shir Khan, Captain Hook, die glatzköpfigen Hexen von Roald Dahl. Vergessen, wie sie sich eingenistet haben im Kopf und im Herzen, um einfach dort zu bleiben. Wäre die Kindheit nicht sehr viel trostloser und einsamer und ganz gewiss nicht halb so spannend gewesen, wenn die wortgewandten Erfinder all dieser Figuren die Finger vom Kinderbuchschreiben gelassen hätten? Ganz abgesehen davon, dass man auch als Erwachsener nur schwer auf Hook und Lukas, den Lokomotivführer, verzichten möchte…

Aber lassen wir das. Über die Geringschätzung des Kinderbuches als Literaturform ist auch an dieser Stelle schon viel Kluges und Hellsichtiges geschrieben worden. (Ja, ja, schon gut, natürlich rechnet in Deutschland kein vernunftbegabter Mensch ein Kinderbuch zur Literatur, aber ich lasse es trotzdem stehen, in anderen Ländern kommt das nämlich durchaus vor.) Also, keine weiteren Seufzer. Stattdessen werde ich versuchen, die Frage zu beantworten, die hinter all den (Verzeihung) dummen Fragen steckt und die nur niemand ausspricht. Kinder würden das natürlich tun, sie würden die Frage stellen, die sie stellen wollen, aber Erwachsene sind da nun mal anders – auch wenn keiner weiß, warum eigentlich.

Wie die Frage lautet?

Na, ganz einfach: Was, um Himmels willen, bringt einen halbwegs sprachbegabten Erwachsenen auf die verrückte Idee, für eine so unwichtige, ihm maßlos unterlegene, offenbar begriffsstutzige und vollkommen unberechenbare Zielgruppe wie Kinder zu schreiben? – Was ist es?

Gut – seit Harry Potter gibt es darauf natürlich die einleuchtende Antwort, dass man reich werden kann vom Schreiben für Kinder, aber schließen wir diesen Potter-Aspekt einfach mal für ein paar Sätze aus. Noch einmal: Warum schreibt jemand Kinderbücher? Keine gesellschaftliche Anerkennung in Sicht, kaum Ehrungen, keine Streicheleinheiten für die literarische Eitelkeit, nichts davon, Hoffnungslosigkeit bis zum Horizont!

Warum also? Und da bin ich wieder bei meinem Anfangssatz.

Weil es der wunderbarste Beruf der Welt ist. Weil nicht viel auf der Welt auch nur halb so viel Spaß macht, wie Kindern Geschichten zu erzählen (und sich selbst natürlich auch, aber das ist ein anderer Punkt).

Kinder schlüpfen so leicht zwischen die Worte, die man ihnen gibt, sie ziehen sie sich über wie eine Tarnkappe, sie bauen sich Türen aus ihnen, Fenster, durch die sie klettern, und sie betreten Orte, die sie nie zuvor gesehen haben. Man muss ihnen nur einen Faden spinnen, einen Silberfaden aus Wörtern, und schon brechen sie auf, gehen in deiner Vorstellung spazieren, neugierig, furchtlos und hungrig darauf, das Fürchten zu lernen.

Sie verstehen es so mühelos, aus einem Buch Bilder schlüpfen zu lassen, ihre ganz eigenen Bilder, die Worte helfen ihnen einfach nur, sie zu finden – Bilder, die erklären, trösten, die namenlosen Ängsten eine Gestalt geben (leider kommt diese Gabe vielen beim Erwachsenwerden abhanden, oder sie wird ihnen zumindest suspekt).

Ja, es ist wunderbar, Kinderbücher zu schreiben, weil man mit Kindern das beste Publikum der Welt für seine Geschichten bekommt.

Ein guter Grund, oder? Aber es ist weiß Gott nicht der Einzige. Es gibt noch mehr, eine ganze Reihe mehr, und nicht alle haben mit Kindern zu tun.

„Schreiben Sie auch Bücher für Erwachsene?“ Noch so eine Frage, die jeder Kinderbuchautor schon mindestens 123-mal gehört hat. Natürlich, was denn sonst? Kinderbücher sind immer auch Bücher für Erwachsene. Wer sonst sollte sie denn vorlesen, wer verschenken (oder verkaufen), empfehlen, im Unterricht besprechen…heimlich lesen, wenn die Kinder im Bett sind…

Wer Kinderbücher schreibt, schreibt automatisch auch für Erwachsene, und das kann diesen Beruf wiederum zu einem sehr besonderen machen, denn Kinderbuchautoren bekommen es meist mit einer ganz besonderen Art von Erwachsenen zu tun: Da sind einmal die Verwandten, die gern vorlesen (und noch genau wissen, wer Jim Knopf ist), Lehrer und Lehrerinnen, die im Unterricht nicht nur Bücher verwenden, die es schon gab, als sie selbst Kinder waren, Bibliothekarinnen, die eine Leidenschaft dafür entwickelt haben, Schulklassen und Nichtleser mit Leselust zu infizieren (unglaublich, aber wahr, den Lesevirus haben die meisten von uns sich mit einem Kinderbuch eingefangen). Die Liste lässt sich fortführen, mit Buchhändlern, die ihre Kinderbuchabteilung ganz besonders pflegen, Journalisten, die Kinderbücher rezensieren, obwohl sie Sisyphus-Kämpfe überstehen müssen, um mehr als ein paar Zeilen Platz eingeräumt zu bekommen und so weiter.

Alles Erwachsene, erwachsene Leser von Kinderbüchern – die einem Köstliches zu berichten wissen: von Kindern, die sie durch eins deiner Bücher für alle Zeiten mit dem Virus der Leselust infiziert haben (verschwörerisch erzählen sie das, natürlich, Bücherverrückte sind eine kleine, bedrohte, buchstabenberauschte Minderheit, das waren sie schon immer). Sie erzählen von verregneten Urlauben, die Igraine Ohnefurcht, der Drachenreiter oder ein anderes Buch von dir gerettet hat, von Schülern, die Bücher normalerweise und in aller Öffentlichkeit mit Verachtung strafen und trotzdem plötzlich auf dem Schulhof mit einem ertappt wurden, obwohl sie sich so gut versteckt hatten. Ja, man bekommt fantastische Geschichten zu hören, wenn man für Kinder schreibt – und den Erwachsenen nicht verbietet, die Bücher auch zu lesen (nein, so weit sollte man auch wirklich nicht gehen, selbst wenn man sich, wie ich, als Spion der Kinder in der Welt der Erwachsenen fühlt).

Sie glauben mir immer noch nicht? Sie wollen noch einen Grund dafür hören, dass das Kinderbuchschreiben unter die Top Ten der Traumberufe gehört?

Hier kommt er: die Briefe.

Ist es okay, dass ich dich duze?

Von Erwachsenenautoren hört man bisweilen furchtbare Dinge über die Leserpost, die sie erhalten. „Ist meine Beobachtung richtig, dass Ihre Syntax zunehmend von Proust inspiriert ist?“ Nein, solche literarisch erhellenden Bemerkungen machen Kinder in ihren Briefen nicht, das muss ich zugeben. „Ich bin eigentlich kein Leser“, schreiben sie, quer über das Geschäftspapier ihres Vaters (das Firmenlogo durchgestrichen), aber Ihr Buch hab ich in drei Nächten unter der Bettdecke gelesen.“ – „Cornelia, es ist alles lebendig geworden“, schreiben sie. „Wenn ich traurig bin, brauch ich nur über eins von deinen Büchern zu streichen, dann geht’s mir besser“ oder: „Wenn man ein Buch von dir aufmacht, kommt immer dieselbe Musik heraus.“ – „Danke für die wunderbaren Gedanken“ hat mir gerade erst ein Junge aus England geschrieben, Jeffrey, der zugibt, dass er Bücher bisher eigentlich für eine ziemlich uninteressante Sache hielt, aber er schreibt über seine Gefühle während des Lesens, als stecke tief in ihm schon ein Schriftsteller und warte nur auf den Tag, an dem aus Jeffreys plötzlich entflammter Liebe zu den Büchern die Liebe zum Geschichtenerzählen wird. Jeffrey beendet seinen Brief sehr stilvoll, das tun nicht alle, eine sehr beliebte Schlussformulierung, die zu meinen absoluten Favoriten gehört, lautet: „So, jetzt fällt mir nichts mehr ein, tschüss.“

Ja, Kinder schreiben Briefe, die einen ganz besoffen vor Glück machen, aber natürlich schreiben sie nicht nur. Sie malen Bilder, schicken Fotos von Schneedrachen, die sie gebaut haben, oder von sich und ihrem Bruder, wie sie in Venedig am Ufer der Lagune stehen – „Wir sind hingefahren, weil wir dein Buch gelesen haben“, schreiben sie. „Und es war alles so, wie du beschrieben hast.“

Manchmal setzen sie zum Schluss noch hinzu: „Ich hoffe, es ist okay, dass ich dich duze.“ Und damit sind wir beim nächsten Punkt, der das Schreiben für Kinder zum allerbesten aller besten Berufe macht.

Kinder sind die besten, die einzig erträglichen Fans. Gut, ein paar Momente lang sind sie natürlich befangen, wenn sie die Cornelia, die angeblich ihr Lieblingsbuch geschrieben hat, das erste Mal in Fleisch und Blut vor sich sehen („Hast du das Buch wirklich geschrieben?“, fragen sie und dann leise, zu ihrer Freundin: „Ich hab sie mir ganz anders vorgestellt“). Aber die Befangenheit verliert sich schnell, und spätestens nach einer Viertelstunde greifen sie nach deiner Hand oder klettern dir auf den Schoß. „Du siehst auf der Autogrammkarte aber besser aus“, sagen sie. „Warst du da jünger?“

Kinder nehmen ihre Masken so schnell vom Gesicht, manchmal haben sie nicht mal eine dabei.

Leider verliert sich diese Unbefangenheit mit zunehmendem Alter. Schon mit zwölf machen sie sich manchmal plötzlich einen Knoten in die Zunge, und ihren Briefen merkt man die Anstrengung an, sich so auszudrücken, wie man das wohl doch besser tut, wenn man einer Schriftstellerin schreibt. Aber die wichtigen Fragen stellen sie trotzdem noch: „Wie alt bist du? Hast du Kinder? Hast du Tiere? Macht Bücherschreiben Spaß?“ – und natürlich auch: „Wie viel verdienst du?“

Nun? Habe ich den Beweis angetreten, dass das Schreiben von Kinderbüchern ein Beruf ist, der glücklich macht? Vielleicht hätte ich es nicht an so öffentlicher Stelle tun sollen. Wer weiß, wie viele Kollegen plötzlich doch auf die Idee kommen, ans andere Ufer zu wechseln, auch wenn die Eitelkeit dort weniger Nahrung findet? Himmel, da stolpere ich schon wieder über etwas, das für die Kinderbücher spricht – die Kollegen.

Was uns erschreckt oder entzückt

Schriftsteller, die für Kinder schreiben, sind sehr angenehme Kollegen, fast ausschließlich auffällig uneitel, nicht sonderlich auf Konkurrenz bedacht (warum auch? Kinder brauchen meist mehr als ein Buch pro Jahr, selbst wenn es so dick ist wie Harry Potter), und dann haben sie auch noch, was sie natürlich zusätzlich zu sehr verträglichen Zeitgenossen macht, Spaß an ihrer Arbeit.

Schluss, Cornelia! Das reicht. Nun hast du wirklich ausreichend erklärt, warum einige Erwachsene nicht genug davon bekommen können, Bücher zuallererst für die anderen, für diese fremdartige Spezies, die sich Kinder nennt, zu schreiben.

Oder willst du den einen, den ursprünglichsten aller Gründe etwa auch noch verraten?

Ah, ja… die unersättliche, nicht zu bremsende Lust am Erzählen… Ja, ich gebe es zu. Als ich mich hinsetzte, um mein erstes, mein allererstes Kinderbuch zu schreiben, dachte ich nicht an die, für die ich es schrieb und die mich später mit ihren Briefen und als Zuhörer so verzaubern sollten. Nein, es wäre wirklich unehrlich, das zu behaupten. Selbst heute noch setze ich mich an ein neues Buch nicht mit dem Gedanken an meine Leser (zumindest ist es nie der erste Gedanke). Es ist die Lust am Geschichtenerzählen, die mich immer wieder zum Schreiben bringt, die uralte Lust, die in uns allen steckt, sei es als Zuhörer oder Erzähler, die vielleicht darin begründet ist, dass wir der Welt ein berechenbares Muster geben wollen, einen Anfang, ein Ende, einen Sinn… und Hauptfiguren. (Schließlich wären wir das alle gern, Hauptfiguren einer aufregenden Geschichte, natürlich mit glücklichem Ende.) Geschichten können in Bilder kleiden, was uns erschreckt oder entzückt an der Welt, und es so begreifbar machen, und manchmal können sie uns daran erinnern, dass es Dinge gibt, die allen Menschen gemeinsam sind, die uns verbinden, auch wenn wir sie für unsere ganz eigenen Ängste oder Hoffnungen halten. Kein Geschichtenerzähler hat je nur für Erwachsene erzählt, sein Wörtergarn wurde immer so gesponnen, dass alle lauschten, gebannt, hineingelockt in die Welt, die ihre Vorstellungskraft erschuf und die der unseren doch immer ähnelt, so sehr sie sich auch verstellen mag. Kein Wunder also, dass so viele klassische Geschichten eben auch Kinderbücher sind – Tom Sawyer, Alice, Dr. Doolittle, Peter Pan, Oliver Twist, Das Dschungelbuch… die Reihe ist beliebig fortsetzbar.

Ja, das ist wohl die ehrlichste Antwort auf die Frage, warum Erwachsene für Kinder schreiben: weil sie Geschichtenerzähler sind und es dafür kein besseres Publikum gibt als Kinder. Sie wissen noch genau, wie der Vertrag zwischen Erzähler und Zuhörer lautet: Der Erzähler legt die Regeln der Welt fest, in die er dich lockt, und du musst dich auf sie einlassen, sonst macht das Spiel nur halb so viel Spaß. Mit diesem Vertrag haben Kinder nicht die geringsten Probleme. Sie haben noch keine so starren Vorstellungen von dem, was wir Wirklichkeit nennen, und manche werden sogar erwachsen, ohne es zu verlernen: die Regeln der Wirklichkeit infrage zu stellen, Orte zu betreten, die ein anderer Kopf ersonnen hat, die Gestalt zu wechseln, die Größe, die Welt… Für diese erwachsenen Kinder schreibe ich meine Bücher natürlich auch. Mit täglich wachsendem Vergnügen.

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 49/2002
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