Die Ernten sind gut, der Lohn ist schlecht: Kaffeebauern auf einer Wasch- und Sammelstation im äthiopischen Buibuioo

Foto: Harald Schmitt/stern/Picture Press

In der City of London, wo in den Banken und Börsen nur eine Armlänge die Kaffeetassen von den Krawatten trennt, schreibt ein grauer Kunststoffkasten die Fortsetzung der alten Geschichte von Armut und Reichtum. Der Computer ist das Gehirn der Terminbörse Liffe, und an jedem Börsentag in jedem Börsenjahr errechnet er eine Zahl, die sich von London aus um die ganze Welt verbreitet. Sie schießt durch Telefonleitungen unter den Meeren hindurch und taucht auf im Hafen von Hamburg und in den Bürotürmen von Miami, wo sauber frisierte Männer sie mit einem Mausklick auf ihre Bildschirme holen. Sie erklimmt das Hochland von Kenia und die Berge Ugandas, wo schwielige Hände sie mit Kreide auf schwarze Tafeln schreiben. Sie dringt in den Regenwald Indonesiens und auf die Plantagen Vietnams, wo in hölzernen Hütten kleine Fernseher stehen und der Nachrichtensprecher sie mit lauter Stimme verliest – diese Zahl, an der das Schicksal ganzer Volkswirtschaften hängt und die doch nichts weiter beziffert als den aktuellen Weltmarktpreis einer Tonne blassgrüner Bohnen.

Geröstet und gemahlen, aufgebrüht mit heißem Wasser, verwandeln sich diese Bohnen in das liebste Frühstücks- und Nachmittagsgetränk der Deutschen, der Amerikaner, Franzosen, Italiener, Spanier und Skandinavier. In Cappuccino, Espresso, Caffè latte, Cafetera, Café au lait.

In Kaffee.

Kaffee ist wie Benzin. Jeden Morgen bringt er Städte und Länder in Schwung und weltweit Millionen Menschen zum Geldausgeben, am Tag 165 Millionen Dollar. Was sie da kaufen, ist das nach Erdöl meistgehandelte Rohprodukt der Welt.

Kaffee ist wie die Aktie der Deutschen Telekom. Die Bohnen werden an der Börse gehandelt, und ihr Preis steigt und fällt, fällt und steigt. 1997 war der Rohkaffee so teuer wie seit 20 Jahren nicht mehr. Dann fiel der Preis fast 5 Jahre lang, bis er, inflationsbereinigt, so niedrig war wie seit einem Jahrhundert nicht mehr. Währenddessen trafen sich Regierungschefs und Chefökonomen bei Wirtschaftsgipfeln und diskutierten über die Globalisierung. Sie fragten, wer sind die Gewinner, wer die Verlierer? Wenn sie in den Kaffeepausen in ihren Tassen rührten, waren sie der Antwort oft näher als in ihren Reden.

Kaffee ist wie Gold. Viele wollen ihn haben, wenige macht er reich. Der Absturz des Rohkaffeepreises kann Millionen Menschen die Existenz kosten. Anderen kann er viel Geld einbringen und wieder anderen schlicht das Leben versüßen. Kommt nur darauf an, ob diese Menschen den Kaffee anbauen, ihn ernten und die Säcke mit Kaffeekirschen schleppen. Oder ob sie den Rohkaffee kaufen, ihn rösten, in Tüten packen, in Automaten füllen, sich Wörter einfallen lassen wie „Krönung Gold“ und „Verwöhnaroma“. Oder ob sie ihn bloß gern zum Kuchen trinken.

Kommt vor allem darauf an, ob diese Menschen im Süden oder im Norden der Erde leben. Ob in Deutschland, in Amerika oder Japan. Oder, zum Beispiel, in Kolumbien.

Genauer gesagt, im Westen des Landes, in der Provinz Caldas, wo sich die Anden in grüne Hügel verwandeln. Dort, in der Gemeinde La Cabana, steht ein hagerer alter Mann vor seinem kleinen, weiß getünchten Ziegelhaus in der Sonne und knöpft sich mit zitterigen Fingern das Hemd auf.