Die Ernten sind gut, der Lohn ist schlecht: Kaffeebauern auf einer Wasch- und Sammelstation im äthiopischen Buibuioo

Foto: Harald Schmitt/stern/Picture Press

In der City of London, wo in den Banken und Börsen nur eine Armlänge die Kaffeetassen von den Krawatten trennt, schreibt ein grauer Kunststoffkasten die Fortsetzung der alten Geschichte von Armut und Reichtum. Der Computer ist das Gehirn der Terminbörse Liffe, und an jedem Börsentag in jedem Börsenjahr errechnet er eine Zahl, die sich von London aus um die ganze Welt verbreitet. Sie schießt durch Telefonleitungen unter den Meeren hindurch und taucht auf im Hafen von Hamburg und in den Bürotürmen von Miami, wo sauber frisierte Männer sie mit einem Mausklick auf ihre Bildschirme holen. Sie erklimmt das Hochland von Kenia und die Berge Ugandas, wo schwielige Hände sie mit Kreide auf schwarze Tafeln schreiben. Sie dringt in den Regenwald Indonesiens und auf die Plantagen Vietnams, wo in hölzernen Hütten kleine Fernseher stehen und der Nachrichtensprecher sie mit lauter Stimme verliest – diese Zahl, an der das Schicksal ganzer Volkswirtschaften hängt und die doch nichts weiter beziffert als den aktuellen Weltmarktpreis einer Tonne blassgrüner Bohnen.

Geröstet und gemahlen, aufgebrüht mit heißem Wasser, verwandeln sich diese Bohnen in das liebste Frühstücks- und Nachmittagsgetränk der Deutschen, der Amerikaner, Franzosen, Italiener, Spanier und Skandinavier. In Cappuccino, Espresso, Caffè latte, Cafetera, Café au lait.

In Kaffee.

Kaffee ist wie Benzin. Jeden Morgen bringt er Städte und Länder in Schwung und weltweit Millionen Menschen zum Geldausgeben, am Tag 165 Millionen Dollar. Was sie da kaufen, ist das nach Erdöl meistgehandelte Rohprodukt der Welt.

Kaffee ist wie die Aktie der Deutschen Telekom. Die Bohnen werden an der Börse gehandelt, und ihr Preis steigt und fällt, fällt und steigt. 1997 war der Rohkaffee so teuer wie seit 20 Jahren nicht mehr. Dann fiel der Preis fast 5 Jahre lang, bis er, inflationsbereinigt, so niedrig war wie seit einem Jahrhundert nicht mehr. Währenddessen trafen sich Regierungschefs und Chefökonomen bei Wirtschaftsgipfeln und diskutierten über die Globalisierung. Sie fragten, wer sind die Gewinner, wer die Verlierer? Wenn sie in den Kaffeepausen in ihren Tassen rührten, waren sie der Antwort oft näher als in ihren Reden.

Kaffee ist wie Gold. Viele wollen ihn haben, wenige macht er reich. Der Absturz des Rohkaffeepreises kann Millionen Menschen die Existenz kosten. Anderen kann er viel Geld einbringen und wieder anderen schlicht das Leben versüßen. Kommt nur darauf an, ob diese Menschen den Kaffee anbauen, ihn ernten und die Säcke mit Kaffeekirschen schleppen. Oder ob sie den Rohkaffee kaufen, ihn rösten, in Tüten packen, in Automaten füllen, sich Wörter einfallen lassen wie „Krönung Gold“ und „Verwöhnaroma“. Oder ob sie ihn bloß gern zum Kuchen trinken.

Kommt vor allem darauf an, ob diese Menschen im Süden oder im Norden der Erde leben. Ob in Deutschland, in Amerika oder Japan. Oder, zum Beispiel, in Kolumbien.

Genauer gesagt, im Westen des Landes, in der Provinz Caldas, wo sich die Anden in grüne Hügel verwandeln. Dort, in der Gemeinde La Cabana, steht ein hagerer alter Mann vor seinem kleinen, weiß getünchten Ziegelhaus in der Sonne und knöpft sich mit zitterigen Fingern das Hemd auf.

Der Mann heißt Enrique Vallejo, ist 72 Jahre alt und seit 42 Jahren Kaffeebauer. Seine verhornten Hände haben über die Jahre Millionen und Abermillionen Kaffeekirschen von Kaffeesträuchern gepflückt. Haben Tausende von Sträuchern gedüngt, bewässert und zugeschnitten und sie aus der Erde gerissen, wenn sie nicht mehr genug Ernte brachten. Dann haben sie neue Sträucher gepflanzt. Bis in dieses Jahr hinein, als der Preis für den Rohkaffee so weit fiel, dass die Kosten für Dünger, Wasser und Schädlingsbekämpfungsmittel höher waren als der Erlös. Da hörten sie auf mit ihrer Arbeit.

Mit diesen verbrauchten Händen öffnet Enrique Vallejo sein dünn gescheuertes Hemd und zeigt auf die weiße Narbe, die senkrecht über seinen faltigen Oberkörper läuft. „Das ist von der Herzoperation vor ein paar Jahren“, sagt er leise. „Jetzt habe ich zum zweiten Mal in meinem Leben das Gefühl, dass alles vorbei sein könnte. Ich würde sogar die Finca verkaufen, aber niemand will sie haben.“

Seine Töchter sind in die Stadt gezogen. Sein Feld ist verwildert. Sein einziges Kapital ist ein rostiger Jeep, den er sich vor Jahrzehnten, in einem guten Kaffeejahr, leisten konnte. Mit dem fährt seine Frau jeden Tag die Nachbarskinder auf der Staubpiste zur Schule, das bringt ein paar Pesos. „Damit halten wir uns über Wasser.“

Andere gehen unter. Weil ihre Felder sie nicht mehr ernähren, haben Tausende kolumbianischer Kaffeepflanzer und Erntehelfer, Männer, Frauen, Kinder ihre kleinen Fincas verlassen. Viele tauschen nur die Armut auf dem Land gegen das Elend in der Stadt. Dann schlafen sie am Stadtrand von Manizales, der Hauptstadt der kolumbianischen Kaffeeregion, in Holzhütten unter Wellblechdächern. Tagsüber putzen sie Schuhe, verkaufen Zigaretten oder ihren Körper, betteln, stehlen oder wühlen in den Mülltüten am Straßenrand nach Essbarem.

2500 Kilometer nördlich des Äquators verläuft der Wendekreis des Krebses, 2500 Kilometer südlich der Wendekreis des Steinbocks. Die beiden Breitengrade umgrenzen einen tropischen und subtropischen Korridor, der sich wie ein grünes Band um den Globus legt. Nur dort wächst der Kaffeestrauch. Der Verkauf seiner Früchte ernährt 125 Millionen Menschen, meist Kleinbauern, in fünf Dutzend Ländern. Noch.

Washington, USA: Die Weltbank schätzt, dass allein in Mittelamerika in den vergangenen Monaten rund 600000 Kaffeearbeiter ihren Job verloren.

Phoenix, USA: 14 arbeitslose Kaffeepflücker aus Mexiko verdursten in der Wüste von Arizona bei dem Versuch, sich in die USA durchzuschlagen.

Tegucigalpa, Honduras: Nach Aussage des Welternährungsprogramms führen die Kaffeekrise und eine gleichzeitige Dürre dazu, dass in Honduras mehrere zehntausend Menschen hungern. Kinder müssen wegen extremer Mangelernährung ins Krankenhaus.

Addis Abeba, Äthiopien: Wegen des Preisverfalls sinken die Kaffeeexporteinnahmen Äthiopiens innerhalb eines Jahres um 30 Prozent. Der Verlust von 108 Millionen Dollar ist etwa doppelt so hoch wie der vom Norden gewährte Schuldenerlass.

Neu-Delhi, Indien: In einer der größten Kaffeeregionen Indiens gehen innerhalb von zwei Jahren 20 Prozent der Arbeitsplätze verloren. 15 überschuldete Kaffeepflanzer begehen Selbstmord.

Fünf Nachrichten. Fünf von ein paar Dutzend ähnlichen, die in den vergangenen Monaten um die Welt gingen und die jeweils andere Ursprungsorte hatten, aber eigentlich alle dieselben: einen grauen Kunststoffkasten in London und einen Saal in New York, im Gebäude der Coffee, Sugar and Cocoa Exchange, der zweiten großen Kaffeebörse der Welt. An diesen beiden Orten laufen die Kauf- und Verkaufsangebote aus den Häfen und Handelszentren zusammen, dort bildet sich der Preis, an dem das Schicksal der Pflanzer hängt.

Andreas Christmann arbeitet in Hamburg, City Nord, im Haupthaus des Kaffeekonzerns Tchibo, er ist Kaffeeeinkäufer. Was für den Bauern die Harke, ist für ihn der Computer: das Arbeitsgerät, mit dem er sein Geld verdient. Christmanns Arbeitsfelder sind die Kaffeebörsen in London und New York.

Er ist jung, trägt Anzug, keine Krawatte, spricht schnell und sagt Sätze wie: „Kaffee ist ein extrem volatiler Markt.“ Per Mausklick kauft Andreas Christmann den Kaffee tonnenweise, genau wie seine Kollegen bei den anderen großen Kaffeeröstern. Neben Tchibo sind das vor allem der schweizerische Nestlé-Konzern und die US-Unternehmen Sara Lee, Procter & Gamble und Kraft Foods, zu dem auch Jacobs gehört. Und wie seine Kollegen und Konkurrenten versucht Christmann jeden Tag und jede Stunde vorauszuahnen, wie sich der Rohkaffeepreis in London und New York entwickeln wird. Er liest Wettervorhersagen, Ernteschätzungen, Berichte über neue Produktionstechniken und spricht viel von supply and demand. Warum der Kaffeepreis so tief gefallen ist? Ganz einfach: „Ein strukturelles Überangebot.“

Wenn es auf dem Weltmarkt mehr Kaffee gibt, als die Kaffeekonzerne in den Supermärkten, Coffee Shops und aus ihren Automaten verkaufen können, dann sinkt in New York und London der Preis. Zwar steigt die Nachfrage nach Kaffee von Jahr zu Jahr, zuletzt lag sie bei 105 Millionen Säcken à 60 Kilo. Aber sie steigt nicht schnell genug. Denn die Kaffeebauern produzieren pro Jahr etwa 115 Millionen Säcke. Weitere 40 Millionen liegen in Lagerhallen und Silos. Das drückt den Preis.

Weltweit gelten laut Weltbank 1,2 Milliarden Menschen als arm. 70 Prozent von ihnen leben auf dem Land. Arbeit gibt es nur auf den Feldern, und wenn die Bauern nicht von der Hand in den Mund leben wollen, müssen sie etwas anbauen, das sie verkaufen können. Am besten in Länder wie Amerika oder Deutschland, wo die Leute Geld haben. Die Ursache der niedrigen Kaffeepreise ist, dass es zu viele Menschen gibt, denen nichts anderes bleibt, nicht nur in Kolumbien, sondern zum Beispiel auch in Vietnam. Sie alle träumen vom „Dollarbaum“.

Dollarbaum. So nannten die Bauern in den Bergen Vietnams den Kaffeestrauch, jedenfalls bevor der Preis zu fallen begann. Der Baum, der Wohlstand in die Dörfer brachte, Fernseher in die Hütten und Geld auf das Konto bei der örtlichen Entwicklungsbank. Der für bessere Straßen sorgte, das neue Haus ermöglichte und das erste Honda-Moped. Der Fleisch in die Töpfe zauberte und Bier auf den Tisch. Der Baum, der den Hunger stillte.

An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert brachten die Franzosen den Kaffeestrauch nach Vietnam. In einer Nation der Teetrinker fand er zuerst kaum Beachtung. Bis sich das inzwischen kommunistisch regierte Land Anfang der Neunziger dem Markt verschrieb. Kaffee versprach Jobs und Devisen, die Regierung förderte seinen Anbau.

Heute stehen die Dollarbäume überall in Daklak, der Kaffeeprovinz an der Grenze zu Kambodscha. Ein saftiges Grün zieht sich durch die Täler und über die Hügel, dicht an den Straßen entlang. Kaffeesträucher stehen neben der Zapfsäule der Tankstelle und vor kleinen Hinterhofwerkstätten. Sie stehen, wo sie Wurzeln schlagen.

Angelockt von günstigen Krediten und billigem Land, getrieben von staatlichen Umsiedlungsprogrammen, zog im vergangenen Jahrzehnt mehr als eine halbe Million Menschen aus den übervölkerten Reisanbaugebieten im Süden und Norden in die Berge. Die Provinz Daklak wurde zum Wilden Westen des Landes und Vietnam noch vor Kolumbien zum weltweit zweitgrößten Exporteur von Rohkaffee, übertroffen nur von Brasilien. 1998 nahm Vietnam mit Kaffeeexporten 600 Millionen Dollar ein. Das jährliche Durchschnittseinkommen eines Haushalts stieg in Daklak von 200 auf 390 Euro. Ein Kilo Rohkaffee war so viel wert wie vier oder fünf Kilo Reis, der auf einmal nur noch Beilage war, zum Fisch, zum Fleisch. Kaffee war wie Gold.

Heute bringt das Kilo Rohkaffee nur noch ein Kilo Reis. Die Exportmenge hat sich seit 1998 mehr als verdoppelt, aber weil der Kaffee so stark an Wert verloren hat, sind die Einnahmen von 600 auf 382 Millionen Dollar gesunken.

Die Vietnamesen haben zu viele Dollarbäume gepflanzt. Gleichzeitig fingen die Brasilianer an, den Kaffee in riesigen Plantagen im Flachland anzubauen, wo sie ihn mit Maschinen ernten können. Als Folge des Produktivitätssprungs fuhren sie eine Rekordernte nach der anderen ein, und deshalb ist mehr Kaffee auf dem Weltmarkt, als die Welt benötigt. Der Preis fiel, und der Hunger kehrte zurück nach Daklak. „Die ehemals Reichen verarmen wieder, die immer schon Ärmeren haben nicht mehr genug zu essen“, schreibt die Hilfsorganisation Oxfam in einer Studie über Vietnams Kaffeeprovinz.

Damit der Hunger wieder verschwindet, müsste der Preis steigen. Er wird steigen. Low prices cure low prices, heißt es an den Kaffeebörsen. Niedrige Preise heilen niedrige Preise. Dafür sorgt der Markt: Der Kaffee bringt kein Geld mehr, die Bauern verlassen ihre Felder, die Felder versteppen, das Angebot auf dem Weltmarkt sinkt, der Preis steigt, Problem gelöst.

Problem gelöst? „Das Angebot sinkt, weil die Menschen verhungern oder in Slums verschwinden“, sagt Nestor Osorio. Osario ist ein schmaler, höflicher Mann mit akkuratem Scheitel, im blauem Blazer mit goldenen Knöpfen. In seinem Arbeitszimmer stehen eiserne Kaffeemühlen, an der Wand hängt ein Bild, das auf den ersten Blick einen grünen Dschungel zeigt und auf den zweiten eine Kaffeeplantage. Dieses Zimmer in einem kleinen Londoner Bürohaus, nur ein paar U-Bahn-Stationen von der Börse entfernt, ist, oder besser war einmal, das Zentrum des Kaffeemarkts. Es ist das Büro des Direktors der International Coffee Organisation (ICO). Nestor Osorio ist Kolumbianer und seit vergangenem Frühjahr im Amt.

In der ICO sind die wichtigsten Kaffee ex- und importierenden Länder zusammengeschlossen. Gegründet wurde sie 1962, mit nur einem Ziel: zu verhindern, dass allein der Markt regiert und die Kaffeepreise zu weit sinken. Niedrige Preise, fürchtete der Westen, könnten aus Bauern schnell Kommunisten machen. Also stimmten Amerika und Westeuropa einem Abkommen zu, das für jedes Kaffee produzierende Land festlegte, wie viel es exportieren durfte. Die Preise blieben einigermaßen stabil, fast 30 Jahre lang.

Dann platzte das Kaffeeabkommen der ICO. Die Angst vor dem Sozialismus war gesunken, die Erzeugerländer konnten sich nicht mehr auf Exportquoten einigen, die Verbraucherländer waren verärgert, weil einige Produzenten überschüssigen Rohkaffee billig an Länder verkauft hatten, die dem Abkommen nicht beigetreten waren.

Seit dem 4. Juli 1989, 00.01 Uhr, unterliegt der Kaffee wieder dem freien Markt. Die Weltbank sagte voraus, der Preis werde steigen. Sie irrte. Er ist gefallen, und er schwankt stärker als je zuvor. Kaum lässt ein Wolkenfeld in Brasilien eine besonders gute oder schlechte Ernte, ein Über- oder Unterangebot auf dem Weltmarkt erwarten, reagieren die Börsen. Dann schnellt der Kaffeepreis nach oben oder unten. Derzeit treiben die Spekulanten an den Börsen ihn hoch, weil es in Brasilien zu wenig geregnet hat. Nächstes Jahr, sagen Experten voraus, wird er wieder fallen – weil es trotzdem zu viele rohe Bohnen gibt. Der Kaffeemarkt ist wie ein Bungee-Seil. An seinem Ende hängen die Bauern.

Nestor Osorio würde dieses Seil gern zerschneiden. Er ist viel in der Welt unterwegs, fliegt nach Nairobi, Hanoi und Washington. Diskutiert mit Wirtschaftsministern und Handelsdiplomaten. Möchte, dass die Produzenten besser kooperieren, was schwierig ist bei den vielen Kultur- und Entwicklungsgrenzen zwischen Südamerika, Afrika und Asien. Sagt, dass niemand zurückwolle zum Quotensystem oder hin zu einem Kartell der Kaffeeproduzenten, das so funktioniert wie das Ölkartell der Opec. Wirbt für gemeinsame Qualitätsstandards, die schlechten Kaffee vom Weltmarkt drängen, damit sich das Überangebot verkleinert und die Anbauflächen verringern. Und fügt bitter hinzu, dass auch der Norden zur Lösung der Krise beitragen müsse. Dass die Bauern in Alabama oder Bayern im Gegensatz zu Mexikanern oder Äthiopiern schließlich gut geschützt seien gegen den Markt. Mit Quoten, Zöllen und Abkommen.

Ende der Achtziger gaben die Kaffeetrinker der Welt für ihren Kaffee pro Jahr 30 Milliarden Dollar aus. 10 Milliarden flossen in die Erzeugerländer. Heute, da der Kaffee sich auch in Osteuropa und Japan durchsetzt, ist das Marktvolumen auf fast 60 Milliarden gewachsen. Aber nur noch 6 Milliarden kommen im Kaffeegürtel an. Der große Rest fließt in die Gehälter der Werbetexter, Verkäufer und Vertriebsexperten im Norden. Er fließt in die Gewinne der Konzerne, die den Kaffee jetzt billiger einkaufen können. Tchibo meldet in seinem Geschäftsbericht 2001, dass „der Konzernbereich Kaffee von einer günstigen Entwicklung der Rohstoffpreise profitierte“. Den löslichen Kaffee von Nestlé bezeichnet die Deutsche Bank in einer Marktanalyse als „wirtschaftlich himmlisch“. Der US-Konzern Procter & Gamble gab in seinem Jahresbericht für 2001 „ein Rekordjahr“ im Kaffeebereich bekannt.

Doch inzwischen machen sich auch die Konzerne Sorgen. Die niedrigen Preise schlagen auf die Qualität. Um ihre Verluste zu mindern, versuchen die Kaffeebauern verzweifelt, die Kosten zu drücken. Sie pflücken reife, unreife und überreife Kirschen in einem Arbeitsgang, sortieren die schlechten Früchte nicht mehr aus. In Vietnam legen die Bauern manchmal die gerade vom Fruchtfleisch befreiten Bohnen zum Trocknen einfach auf die Straße. Die Folge lässt sich in Nestor Osorios Büro besichtigen: zerbrochene, verfärbte Bohnen, vermischt mit Steinchen und Schmutz. „Aus dem macht man, was Amerikaner und Deutsche dann zum Frühstück trinken“, sagt er. Hinter vorgehaltener Hand räumen auch die Kaffeekonzerne ein, dass einige ihrer heftig beworbenen Produkte schlechter schmecken als vor einigen Jahren.

Deshalb investieren sie jetzt in Qualitätsverbesserung. Kraft Foods etwa hat 500000 Dollar für ein Projekt in Peru ausgegeben und engagiert sich auch in Vietnam. Dort, nahe der Kleinstadt Ke Sanh, hat der Bauer Lê Húu Luc seine Kaffeesträucher gepflanzt, kaum 1500 Meter entfernt von einer ehemaligen Luftwaffenbasis der Amerikaner, 1968 Schauplatz einer der brutalsten Schlachten des Vietnamkriegs. Auch ihm hat der Dollarbaum sein Haus und seine Honda finanziert, die Töchter konnten in die Schule gehen. Eigentlich sei er ganz zufrieden, sagt der schmale, kleine Mann, der schon 1986 aus dem Flachland kam. Schlürft seinen dünnen grünen Tee, deutet auf den neuen Tisch und hinaus über die mit Keramikkacheln gepflasterte Terrasse auf den blitzsauberen Vorgarten – Zeichen des kleinen Wohlstands, den der Kaffee brachte. Und den er jetzt womöglich wieder nimmt. Lê sagt, er habe in den vergangenen Monaten verstanden, „wie sehr wir von dem abhängig sind, was im Rest der Welt passiert“.

Lê hat noch Glück. Er baut Arabica an, eine hochwertige, in Vietnam unübliche Kaffeesorte, die höhere Preise erzielt. Zudem macht er mit bei einem Projekt, an dem neben Kraft auch die von der Bundesregierung finanzierte Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit und der holländische Kaffeeröster Douwe Egberts beteiligt sind. In diesem Projekt sollen die Bauern alles lernen, was guten Kaffee hervorbringt: die richtige Pflege, das richtige Düngen, das richtige Schälen, das richtige Trocknen. Das, so das Kalkül, hebt die Qualität und erlaubt den Bauern, einen Aufpreis zu verlangen. In manchen Kaffeeländern träumen die Pflanzer schon davon, ihr Produkt wie Weinbauern als unverwechselbare Marke mit typischem Geschmack zu etablieren. Dann hingen sie nicht mehr am Bungee-Seil des Weltmarkts, sondern könnten den Preis mitbestimmen und ähnlich sicher arbeiten wie jene Bauern, die für den so genannten fairen Handel produzieren.

Organisationen, die den betreiben, gibt es auch in Deutschland. Das Unternehmen Transfair zum Beispiel sorgt dafür, dass seine Partnerbetriebe den Pflanzern einen Mindestpreis weit über dem Weltmarktniveau zahlen. Deshalb ist dieser Kaffee im Laden auch manchmal doppelt so teuer wie andere Bohnen. Gerade den Deutschen, denen Discounter wie Aldi beigebracht haben, dass ihr Frühstücksgetränk billig zu sein hat, schmeckt das nicht. Kaffee ist in Deutschland wie Benzin. „Fair gehandelt“ kommt hierzulande auf gerade einmal ein Prozent Marktanteil.

In der Schweiz sind es fünf Prozent, weil dort Röster, Händler und die Regierung gemeinsam für fair gehandelten Kaffee werben. Dennoch, den 95 Prozent der Pflanzer, die nach wie vor für den billigen Massenmarkt produzieren, hilft das wenig. Auch Qualitätsverbesserungen verschaffen auf Dauer keine Luft – wenn immer mehr Bauern mit besserem Kaffee auf den Weltmarkt drängen, wird auch das wieder den Preis nach unten drücken. Ähnlich verhält es sich mit einer Steigerung der Produktivität: Sie hilft kurzfristig, weil die Kosten sinken. Langfristig aber wächst damit das Angebot, und das senkt den Preis.

Um den Markt ins Gleichgewicht zu bringen, muss weniger Kaffee angebaut werden. Vietnam hat das begriffen – um fast ein Drittel will die Regierung die Anbaufläche in den nächsten Jahren reduzieren. Aber was dann? Was sollen all die armen Familien, denen nichts bleibt als zu verkaufen, was auf ihren Feldern wächst, anpflanzen, wenn es nicht mehr Kaffee sein darf? Baumwolle, wie es in Vietnam schon versucht wird? Erdnüsse, Zuckerrohr, Mais?

Theoretisch könnten das die Bauern in Mexiko oder Nicaragua, die Farmer in Afrika tun. Praktisch würden sie damit nicht genug verdienen können. Praktisch sind die Bauern im Süden dazu verdammt, Kaffee anzubauen oder ihre Felder zu verlassen. Weil die Bauern im Norden und ein ungerechter Weltmarkt sie dazu zwingen – und das ist die eigentliche Tragödie. Das sagen – fast wortgleich – zwei Männer, die sonst wenig gemeinsam haben: Michael Neumann und Phil Bloomer. Neumann ist ein zurückhaltender älterer Herr, dem man seine Macht nicht anmerkt. Er ist Chef der Neumann-Gruppe, des größten Kaffeehändlers der Welt. Aus der Zentrale im Hamburger Freihafen bestimmt er über ein Imperium aus 46 Tochterunternehmen, die überall im Kaffeegürtel tonnenweise Kaffeekirschen und Kaffeebohnen auf- und an die Rösterunternehmen weiterverkaufen. Er sagt, Unternehmen seien nun einmal dazu da, Gewinne zu machen, und deshalb könne man es ihnen schlecht vorwerfen, wenn diese besonders groß ausfallen. Er sagt, das eigentliche Problem sei, dass der Norden viel vom Freimarkt rede, dem Süden aber seine Freiheit nehme.

Phil Bloomer arbeitet im englischen Oxford, in einem der größten Unternehmen der kleinen Stadt: Oxfam. Die internationale Hilfsorganisation hat vor kurzem eine Kaffeekampagne gestartet. Bloomer ist ihr Leiter, einer, der es sich angewöhnt hat, die Welt aus der Sicht der Armen zu sehen. Der weiß, wie man Worte wählen muss, damit sie wirken. Bloomer sagt nicht: „Vielen Kaffeebauern geht es schlecht.“ Er sagt: „Viele leben wie die Tiere.“ Mit schnellen Sätzen und vielen Zahlen malt er ein Bild, in dem die Kaffeekonzerne und ihre Chefs ziemlich hässlich aussehen. Auch Michael Neumann.

Aber in einem sind sie sich einig.

Dass nämlich die Bauern im Süden nicht Baumwolle, Erdnüsse oder Zuckerohr anbauen können, weil all das auch im Norden wächst. Weil die amerikanischen und europäischen Bauern hochmoderne Maschinen haben und direkten Marktzugang – und der Staat sie auch noch mit viel Geld unterstützt. 3,9 Milliarden Dollar etwa haben im vergangenen Jahr allein die amerikanischen Baumwollfarmer erhalten. Damit konnten sie ihre Baumwolle zu Dumpingpreisen in die halbe Welt verkaufen, auch nach Vietnam oder Nicaragua. Deshalb haben die Bauern im Kaffeegürtel keine Alternativen.

Fast keine. Die grünen Hügel und Ebenen Kolumbiens stehen unter ständiger Überwachung durch amerikanische Satelliten. Die fotografieren ihr eigenes Bild der Kaffeekrise: Die Anbaufläche der Kokapflanze ist im vergangenen Jahr um 25 Prozent gestiegen. Womöglich wird Kokain auf dem Weltmarkt bald billiger.

*Zitate aus: Mark Pendergrast: „Kaffee – Wie eine Bohne die Welt veränderte“; Edition Temmen, 2001