Vor rund zehn Jahren haben sie noch heftige Kitschdebatten ausgelöst, die komponierenden Wiederentdecker der Harmonie und ihrer Wonnen zwischen Moll und Dur und Mittelalter, ob Arvo Pärt, John Taverner oder Henryk Gorecki. Sie wurden von jenen bejubelt, denen das große N der Neuen Musik für Nervensägewerke stand, und von jenen geschmäht, für die alle nach 1950 komponierte Diatonik steil in die Regression führte. Mittlerweile hat man sich abgeregt und hört pluralistischer, weniger nach Maßgabe ästhetischer Lager.

Letzteres wäre im Fall von Valentin Silvestrov auch nicht so einfach. Dieser Ukrainer, 1937 geboren, hat früher sehr progressiv komponiert wie viele spätere "Retros", Avantgarde mit allen Schikanen, gefeiert im Westen der sechziger Jahre. Er ist danach aber nicht schockartig konvertiert, sondern hat einen enormen Fundus an Techniken, eine feinst entwickelte Neugier auf Klänge mit in das hineingenommen, was er "metaphorischen Stil" nennt.

Silvestrov begann damit in den siebziger Jahren, ein Schlüsselwerk ist sein erstes, einsätziges Streichquartett. Es beginnt dreistimmig in reinem, sanftem G-Dur, bewegt sich choralartig auf Kadenzierungen in Schuberts Nähe zu und ruft in diesen Takten wohl nicht nur bei Kitschallergikern Ausschlag hervor - von 1974 soll das sein?

Aber mit dem Einsatz der ersten Geige tritt eine seltsame Verdunkelung ein, ein stehender, harmonieloser Zustand, und wenn über dem nächsten Durakkord die Mollterz erklingt, hört man sie erstaunlicherweise nicht als tonal unpassend, als Dissonanz, sondern einfach als einen anderen Ton.

Der ist nämlich weniger durch die Spannung im Dur-Moll-Gefüge definiert als durch seinen Klang - kühles Silber über einem warmen Akkord. Wichtiger als die alte Tonalität, die ohnehin nur hier und da als "Fenster" erscheint, sind Farben und Gesten mitunter notiert Valentin Silvestrov mehrere Dynamikangaben für einen einzigen Ton, und mit den Tempi verfährt er so raffiniert, dass ein Accelerando klingen kann wie das jähe Wenden und Flüchten eines leuchtenden Fischschwarms - jedenfalls beim Rosamunde Quartett (ECM 461898-23).

Das Ensemble hat all die Feinheiten so verinnerlicht, dass sich die 21 Minuten zwischen Choral und Cluster, Fugato und Fläche organisch wie eine Pflanze zu entwickeln scheinen. Silvestrovs dunkle Logik fasziniert bis zum allerletzten Saitenflüstern. Von vergleichbarem Format ist die Sonate für Cello und Klavier (1983). Die drei "Postludien" für einen bis vier Musiker (1981/82) führen hingegen zur alten Kitschdebatte: Sie plätschern so selig in Harmonie(n), dass man gegen solchen Zucker das Salz der Serialisten ganz neu zu schätzen lernt.