SchuleDas gestörte Kollegium

Ein Jahr nach der Pisa-Studie - warum geht es an deutschen Schulen so langsam voran? Besuch in Bremer Klassenräumen und Lehrerzimmern von Spiewak/Kirbach

Vor kurzem hat Schulleiter Helmut Hoffmann einen Brief bekommen, im DIN-A4-Format, der Absender: das Data Processing Center in Hamburg. Der 54-Jährige hatte dem Schreiben entgegengefiebert wie ein Schüler seinem Zeugnis. Und so etwas waren die Ergebnisse des Pisa-Tests ja auch: ein Zeugnis über die Leistungen des Bremer Schulzentrums Sebaldsbrück – und über die Leistungen seines Direktors.

Hoffmann riss den Umschlag auf, sah viele Zahlen und Tabellen, verstand erst einmal nichts und atmete dann erleichtert auf: Seine Schüler hatten zwar nicht überragend abgeschnitten, aber für Bremer Verhältnisse ganz passabel. In trüben Stunden hatte Hoffmann Schlimmeres erwartet.

Vor einem Jahr noch, im Zeitalter vor dem Erscheinen der Pisa-Studie, hätten solche Zahlen kaum einen Schulleiter in Deutschland nervös gemacht. Da gab es noch keine internationalen Schülervergleiche, die in der Öffentlichkeit diskutiert wurden. Da durften Bildungspolitiker und Eltern noch glauben, dass die deutschen Schulen zu den besseren in der Welt gehören. Und in Bremen ahnte niemand, dass die Neuntklässler hier im Schnitt nur wenig besser lesen können als Schüler in Drittweltstaaten wie Brasilien oder Mexiko.

Nirgendwo in Deutschland ist es zwar so schlimm wie in Bremen, und dennoch ist Bremen ein gutes Beispiel für die Missstände im deutschen Schulsystem. Ein krasses Beispiel, aber kein untypisches. Hier unterrichten die ältesten Lehrer der Republik, und ihre Gewerkschaft ist die verstockteste. In keinem anderen Bundesland sind die sozialen Verhältnisse in den Schulen so schwierig. Nirgendwo war der bildungspolitische Aufbruch so hochfliegend wie in Bremen und der Niedergang so erschreckend. Der Stadtstaat ist das absolute Schlusslicht bei Pisa – und das Bundesland, das nach der Pleite die radikalsten Reformen durchsetzen will.

„Pisa hat die Welt verändert“, sagt Schulleiter Hoffmann. Zumindest die der deutschen Schulen. Nicht länger sollen sich Lehrer als Individualisten durch den Schulalltag schlagen, sondern ihren Unterricht offen legen und mit ihren Kollegen zusammenarbeiten, fordern Politiker. Es reicht nicht mehr, treu den Lehrplan abzuarbeiten und darauf zu setzen, dass irgendetwas bei den Schülern hängen bleibt. In Zukunft wird gemessen und verglichen. Lehrer sollen haften für die Leistungen ihrer Schüler.

Doch wie gelingt der Neuanfang, wenn das Personal das alte bleibt und das Geld fehlt, neue Leute einzustellen? Und wer motiviert Menschen zu mehr Engagement, die schon jetzt meinen, sich abzuplagen? Wer bringt Lehrern bei, anders zu arbeiten, wenn sie glauben, dass sich vieles ändern muss, jedoch am wenigsten bei sich selbst? Es ist, als wolle man mit einer müden Theatertruppe, die seit Jahren das gleiche Stück spielt, plötzlich eine neue Inszenierung auf die Bühne bringen – die Schauspieler winken gähnend ab, und der Regisseur hat wenig Einfluss, daran etwas zu ändern. So sieht es aus in Deutschland, in Bremen, im Schulzentrum Sebaldsbrück. Tatsächlich? Ein hoffnungsloser Fall?

660 Schüler werden von 50 Lehrern unterrichtet, hier im Osten der Stadt, verteilt auf Haupt-, Realschule und Gymnasium – alle Schulformen unter einem Dach. Kinder von Industriearbeitern und kleinen Angestellten sind dabei, rund ein Drittel Türken und Russlanddeutsche. Keine Schule für Wohlstandskinder, aber auch kein sozialer Brennpunkt. Das Kollegium zählt im Schnitt 54 Jahre. „Wir sind eine ganz normale Bremer Schule“, sagt Hoffmann über seine Schule, die bereits seit einiger Zeit versucht, etwas Besseres zu werden. Vor zehn Jahren hat er den Posten übernommen, anfangs ein bisschen lustlos und ohne recht zu wissen, was er denn nun anders machen sollte als sein Vorgänger. „Wie die meisten deutschen Lehrer verstand ich Schule niemals als Ganzes, sondern kannte nur meinen Unterricht.“ Heute weiß er, was eine gute Schule ist und dass seine eigene noch nicht so aussieht: ein Ort, in dem Schüler selbstständig lernen und nicht nachplappern, was ihnen jemand an der Tafel vorschreibt; in der Lehrer so gern arbeiten, dass sie dort auch am Nachmittag anzutreffen sind.

Doch diese Schule ist noch ein Traum. Sobald die Glocke nach der letzten Stunde läutet, verlassen die meisten Lehrer heute fluchtartig das Gebäude. Vormittags füllt sich das Lehrerzimmer in den Pausen schlagartig. Ein Kaffee, ein paar Worte mit Kollegen, noch schnell Unterlagen aus dem Fach geholt, dann liegt der Raum wieder verwaist da. Das Lehrerzimmer empfinden Lehrer offenbar als einen Unort, den es nicht lohnt, behaglicher zu gestalten. Ein verschlissenes Plüschsofa in Lindgrün und drei Sessel verströmen Sperrmüllflair und laden auch nicht dazu ein, länger zu bleiben. „Was über den eigenen Unterricht hinausgeht, empfinden viele Lehrer als eine Art freiwilliges Hobby“, sagt Helmut Hoffmann.

Viel ändern kann er daran nicht. Ein deutscher Schulvorsteher darf weder neues Personal einstellen noch altes entlassen. Weder darf er gute Leute mit einer Gehaltserhöhung oder Beförderung belohnen noch schlechte abmahnen. In keinem anderen Industrieland, das zeigt auch die jüngste Erhebung der OECD, haben Schulleiter so wenig Einfluss auf Belegschaft, Gehälter und Budget wie in Deutschland. Auch deshalb fällt es den Schulbehörden so schwer, geeignete Lehrer für den Führungsjob zu begeistern.

Bei Pisa haben jene Länder am besten abgeschnitten, in denen die Schulen ihre Angelegenheiten eigenverantwortlich regeln. Daher verspricht nun Jochen Schweitzer von der Bremer Schulbehörde: „Wir werden die Schulleiter stärken. Sie müssen das Recht haben, einem Kollegen zu sagen: Ich glaube, Sie sind hier falsch.“ Nicht die Schulverwaltung, sondern die Schulleiter müssten der „Motor der Reform“ werden.

Doch bis es so weit ist, bleibt den Schulleitungen nichts anderes übrig, als auf Lehrer wie Sabine Hagen-Döver zu setzen. Unter den Lehrerinnen des Schulzentrums Sebaldsbrück fällt sie vor allem deshalb auf, weil sie so unauffällig ist. Pullover und Jeans, das Gesicht ungeschminkt, grau das Haar. Eine, die mit ihrem Beruf innerlich abgeschlossen hat – könnte man meinen.

In gewisser Hinsicht stimmt das auch: Die 50jährige Gymnasiallehrerin war es leid, dass sie keine Freude mehr an ihrer Arbeit, ja an ihrem Beruf hatte. Unterricht müsse doch auch anders möglich sein, sagte sie sich – so, dass er mehr als nur wenige Schüler interessiert, während die meisten gelangweilt abschalten. „Unfertig“ fand sie viele Jugendliche, wenn sie die Schule verließen: Selbst die mit den guten Noten waren schlecht vorbereitet auf das, was sie im Beruf und im Leben erwartete. Das war vor vier Jahren. 3000 Seiten Fachliteratur über neue Unterrichtsmethoden verschlang Hagen-Döver in den Sommerferien. Im neuen Schuljahr ging sie daran, das Gelesene in ihrer Klasse in die Tat umzusetzen. Als eine Neuerung führte sie die Stationsarbeit ein: Gruppen von bis zu fünf Schülern lösen eine Aufgabe gemeinsam.

Ihrer neuen siebten Klasse, die sie nach den Sommerferien übernommen hat, ist das eigenständige Lernen noch fremd. In der Geografiestunde steht das Thema Hochwasser auf dem Plan. Fünf Arbeitsgruppen hat Hagen-Döver gebildet und für jede eine andere Aufgabe vorbereitet. Die einen sollen anhand eines Zeitungsartikels die geplanten Schritte der Bundesregierung gegen künftige Flutkatastrophen wiedergeben, andere aufgrund eines Agenturberichts das Wetter, das zum Hochwasser führte, auf einer Karte eintragen. Wie man Texte markiert, wissen viele Schüler nicht – sie streichen alles an. Ein paar Mädchen schlagen eifrig in Lexika nach, während ein Junge an die Decke stiert und dann von seinen Nachbarinnen abschreibt.

Informationen suchen, verarbeiten und in einen Zusammenhang stellen – das ist modernes Lesen, wie es die Pisa-Studie definiert. Eine so genannte Schlüsseltechnik, mit der deutsche Schüler ihre Probleme haben. Mithilfe von außen haben Sabine Hagen-Döver und Schulleiter Hoffmann verschiedene solcher Schlüsselqualifikationen zusammengetragen, die Schüler neben dem Fachwissen beherrschen sollten: Wie man einen Vortrag hält, Vokabeln lernt, sich mit anderen Schülern im Internet ein Thema erschließt. Seinen „geheimen Lehrplan“ nennt Hoffmann das.

Doch auch ein inoffizielles Curriculum ist nur sinnvoll, wenn es mehr als ein Lehrer umsetzt. Dafür müssen die Kollegen ihren Unterricht untereinander abstimmen, damit der eine auf der Arbeit des anderen aufbauen kann. Doch nichts ist mühevoller, als deutsche Schulmeister zur Kooperation zu bewegen. Denn Lehrer sind meist Eigenbrötler, die ihresgleichen nicht besonders schätzen. Sie verstehen den Unterricht als Hoheitsgebiet, das es von fremden Blicken und Einflüssen abzuschotten gilt.

In ihren Konferenzen geht es um vieles – den nächsten Wandertag, die neuen Zeugnisse, die Verteilung der Räume –, aber selten um Pädagogik und Didaktik. Selbst in Kollegien mit gutem Zusammenhalt tauschen sich die Lehrer selten über ihren Unterricht aus. Das hat der Ulmer Pädagoge Ulrich Herrmann in vielen Interviews mit Gymnasialpädagogen ermittelt. Wäre es anders, könnte es passieren, dass ein Lehrer seine Arbeit rechtfertigen muss. Ein schauriger Gedanke für viele deutsche Unterrichtsbeamte, die – weil sie es nicht gewöhnt sind – sachliche Kritik oft als persönlichen Angriff betrachten.

Um diese Haltung zu überwinden, braucht es viel Beharrlichkeit, Überzeugungskraft und Anreize. So erhalten Bremer Klassen, die sich an den neuen Unterrichtsmodellen beteiligen, von der Schulbehörde 150 Euro für zusätzliches Material wie Scheren, Pritt-Stifte und Textmarker. Ein lächerlicher Betrag, mag man denken. Doch in einer Schule, die mit Atlanten arbeitet, in denen noch die UdSSR existiert und Deutschland eine Mauer durchzieht, ist jeder zusätzliche Euro etwas wert. Zudem, sagt Frau Hagen-Döver, müsse man die Kollegen überzeugen, dass der zusätzliche Aufwand sich auszahlt. Seit sie mit den Schülern anders arbeite, seien die Stunden weniger kräftezehrend.

Ullrich Andretzke winkt ab. Zwar wünscht auch er sich „verlässlichere und motiviertere Schüler“, von denen seine Kollegin schwärmt. Und neue Unterrichtsmethoden – die kann man gern versuchen. Aber er selbst will sich damit nicht mehr beschäftigen. „Das ist Aufgabe der Jungen.“ Gegen große Hoffnungen hat ihn die Erfahrung immunisiert, gegen große Frustrationen sein Selbsterhaltungstrieb. Andretzke hat aufgehört zu klagen, „weil man sich damit nur schlechter fühlt“.

Grauer Vollbart, das Haupthaar schütter, ein rotes Sweatshirt über dem fülligen Leib, an dem alles abzuprallen scheint. So stapft der 60-jährige Sozialkundelehrer zur dritten Stunde seiner Hauptschulklasse 7a. Schon von weitem hört man den Lärm. Als Andretzke den Klassenraum betritt, fliegt ihm eine Butterbrotdose vor die Füße. Und als er die Stunde beginnen will, legt Mehmet (Name geändert) den Unterricht lahm. Er kommt zu spät, weil er bei der Polizei als Zeuge vernommen wurde. Nun muss er ausführlich berichten. Wen kümmert da noch Andretzkes Frage, wozu die neue Umgehungsstraße in Bad Zwischenahn gut ist? Dennoch bringen ihn die Provokationen nicht aus der Ruhe. Mit den wenigen Schülern, die interessiert sind, setzt er seinen Unterricht fort. Und wenn ein Störer allzu lästig wird, brüllt Andretzke kurz los und setzt ihn vor die Tür. Mit einem Minimum an Aufwand und nervlichem Verschleiß über die Stunde zu kommen ist offenbar seine Methode.

Die Pisa-Studie fragte auch danach, wie viele Schüler in den zwei Wochen vor dem Test keinen Unterricht versäumt haben und nicht zu spät gekommen sind. Das waren in Bremen lediglich 37 Prozent – der niedrigste Wert von allen Bundesländern.

Ullrich Andretzke investiert viel Zeit in den Kampf gegen die „Schulvermeidung“. So heißt Schuleschwänzen im Behördenjargon. Viele Elternbriefe und Aktennotizen hat Andretzke seit Schuljahresbeginn geschrieben, Hausbesuche absolviert. Es kam schon vor, dass er morgens um sechs einige Mütter angerufen hat, um sie zu fragen, ob sie ihr Kind geweckt haben. Um die extrem hohe Zahl von „Schulvermeidern“ zu senken, hat der Bremer Koalitionsausschuss von SPD und CDU eine drakonische Maßnahme beschlossen: Notfalls soll Eltern das Kindergeld gekürzt werden. „Eltern erziehen nicht mehr“, egal, ob sozial schwach oder gut situiert, sagt Andretzke. Selbst zum ersten Elternabend in der siebten Hauptschulklasse erscheinen oft nur von jedem zweiten Schüler Vater oder Mutter.

Eine Gruppe von Lehrern macht sich seit einiger Zeit Gedanken, wie man zumindest die „elementarsten Normen des Zusammenlebens“ in die Klassenräume zurückbringen kann. Pünktlich sein, im Unterricht die Mütze absetzen und die Jacke ausziehen, nicht dazwischenreden. Regeln müssten her – darüber ist man sich einig. Wie man sie sanktioniert, darüber gehen die Meinungen auseinander. Und mancher würde am liebsten alles beim Alten lassen und schaue weg, „weil es am einfachsten ist“, klagt Schulleiter Hoffmann. Als eine seiner wichtigsten Aufgaben betrachtet er es, Mehrheiten zu organisieren. Das funktioniert ähnlich wie in der Politik. Auch in der Schule stehen sich Reformer und Bremser, Resignierte und Tatendurstigte gegenüber – und die große Gruppe der Indifferenten dazwischen. Da gilt es, Meinungsführer im Kollegium rechtzeitig zu überzeugen, Querulanten im Vorfeld auszubremsen und Konferenzen so zu planen, dass möglichst die richtigen Entscheidungen getroffen werden.

Fast die Hälfte der Lehrer am Schulzentrum Sebaldsbrück will sich nun am neuen Unterrichtsprojekt beteiligen, nach insgesamt vier Jahren Überzeugungsarbeit – ein kleiner Erfolg, für sich gesehen. „Pisa spielt uns jetzt natürlich in die Hände“, freut sich Frau Hagen-Döver. „Doch einige Kollegen wird man niemals gewinnen“, sagt sie. „Da wartet man lieber, bis sie aussterben.“ Schon wird sie von manchen Kollegen wegen ihres Eifers als Streberin angefeindet, so wie Schüler von ihren Klassenkameraden wegen guter Noten gemobbt werden. Dass Hagen-Döver und der Schulleiter täglich die Köpfe zusammenstecken, macht beide verdächtig – und anderen Lehrern Angst. Frau Hagen-Döver wiederum kann das „Gejammere“ vieler Kollegen nicht mehr hören.

Wer es hören will, spricht am besten mit ihrem Kollegen Martin Spellhagen (Name geändert). Der möchte zwar nicht seinen richtigen Namen in der Zeitung lesen, aber in der Geschichte vorkommen, „damit die wahre Situation zur Sprache kommt“. In immer neuen Anläufen schildert er die Kette von Zumutungen, deren er sich als Lehrer erwehren müsse. Spellhagen kämpft gegen aufsässige Schüler und feige Schulleiter, gegen einen Lehrplan, dem man ständig hinterherhechele, und gegen eine Schulbehörde, die mit immer neuen Erlassen die Lehrer piesacke. Seit neuestem müssen die Bremer Lehrer sich nach den Sommerferien drei Tage vor Unterrichtsbeginn in der Schule einfinden, um gemeinsam das Schuljahr vorzubereiten. Unsinn, mault Spellhagen: „So viel hat man gar nicht zu besprechen!“ Und jetzt soll er auch noch seine private Telefonnummer herausrücken, damit Eltern ihn zu Hause anrufen können. Hat er nicht gemacht. „Leute in anderen Berufen werden doch auch nicht zu Hause angerufen!“

Spellhagens Kampf zehrt an den Kräften, und wer nach zweieinhalb Stunden seine Wohnung verlässt, fragt sich, wen man mehr bedauern muss: Lehrer Spellhagen, seine Schüler oder die Kollegen, unter denen Lehrer wie Spellhagen mit ihren Lamentos schlechte Stimmung verbreiten.

Spellhagen hat nicht in jedem Punkt Unrecht. Seine Arbeit hat zugenommen, kein Zweifel. Mit 23 Stunden in der Woche fing er einst an, heute muss er 27 unterrichten. Die heutigen Schüler sind schwieriger als die vor 15 Jahren, und viele behördliche Anweisungen haben sich als sinnlos erwiesen. Doch Spellhagens unendliches Klagelied zeigt, dass er fieberhaft neue Klänge sucht für seine Litanei. Kommt er zerschlagen mittags nach Hause, muss er sich erst eine Stunde hinlegen, manchmal länger. Wenn er aufwacht, ist die Arbeit noch nicht getan. Oft schiebt er die Vorbereitung für den Mathematikunterricht des nächsten Tages hinaus, bis er sich gegen Abend für zwei, drei Stunden an den Schreibtisch zwingen kann. Um elf Uhr nachts fällt er müde ins Bett: „Ich habe den Eindruck, gar nicht mehr zur Ruhe zu kommen.“

Wissenschaftler, die sich mit Lehrern beschäftigen, kennen das Phänomen: effektive Arbeitszeit acht Stunden, gefühlte 15. Eine Untersuchung des nordrhein-westfälischen Bildungsministeriums aus dem Jahr 1999 ergab, dass Lehrer im Schnitt – Ferien und früher Unterrichtsschluss eingerechnet – etwas mehr als 40 Stunden in der Woche Dienst tun. So viel wie viele andere in der gleichen Gehaltsklasse auch. Doch schlechte Arbeitsorganisation und stressiger Frontalunterricht, Einzelkämpfertum und mangelnde Anerkennung erschweren die Arbeitslast für manchen ins Unerträgliche. Selten wird der Lehrer durch Erfolgserlebnisse belohnt. Seine Kollegen sehen den Einsatz oft nicht. Von Schülern kann man nicht erwarten, dass sie ihre Lehrer loben. Die Aufstiegschancen sind gering. Eine Beförderung von der Besoldungsgruppe A12 zu A13 ist der Normalfall, nur wer Glück hat, schafft es bis A14. Dann ist es aus mit der Karriere.

Die Klagen vieler Lehrer, überfordert und ausgebrannt zu sein, sind nicht gespielt, sondern haben tatsächliche Ursachen. Lehrer sind öfter krank und in psychosomatischer Behandlung als andere Berufsgruppen – dies weitgehend unabhängig vom Alter. Von der Idee, die auf wenige Stunden am Vormittag verdichtete Unterrichtsarbeit über den Tag zu strecken und die Schule wie in anderen Ländern zum Hauptarbeitsplatz des Lehrers zu machen, wollen die meisten Lehrer nichts wissen. Bevor er jemals bei einer Ganztagsschule mitmachte, sagt auch Martin Spellhagen, müsste die Behörde ihm zuerst ein eigenes Arbeitszimmer einrichten und einen Computer auf den Schreibtisch stellen.

Am Schulzentrum Sebaldsbrück arbeitet weniger als die Hälfte im Kollegium noch die volle Stundenzahl. Auch hält kaum ein Pädagoge durch bis zum Schluss. Unter den Frührentnern im öffentlichen Dienst liegen die deutschen Lehrer an der Spitze: Nur neun Prozent aller Pädagogen arbeiten bis 65. Die anderen gehen vorher in Pension, mehr als die Hälfte vor dem 60. Lebensjahr. „Traurige Augen, ausgemergelte Gesichter“ hat der Bremer Schulsenator Willy Lemke bei seinen ersten Besuchen in Lehrerzimmern entdeckt.

Über das Leiden der Lehrer können all ihre Privilegien ihnen nicht hinweghelfen. Absolute Arbeitsplatzsicherheit, guter Verdienst, viel Freiheit: die Kombination ist einzigartig, sowohl in Deutschland als auch in der Welt. Nur in der Schweiz verdienen Pädagogen mehr, mit ihrer Stundenbelastung dagegen liegen deutsche Lehrer laut OECD im Mittelfeld. Lehrer können sich ihre Nachmittage selbst einteilen und darüber bestimmen, ob sie sich während ihrer zwölf Wochen Ferien im Jahr eine Klassenarbeit ansehen oder lieber Urlaub machen. Selbst nach einer Auszeit von zehn Jahren dürfen sie in den Beruf zurückkehren – und sei es nur für zehn Stunden in der Woche. Der Arbeitgeber hat sich nach ihnen zu richten.

Doch wie soll man die Vorteile des Berufes sehen, wenn man sich Tag für Tag gegenseitig versichert, wie schlecht es einem geht. Überall in Deutschland bleiben Lehrer am liebsten unter sich und wechseln nur ungern den Arbeitsplatz. Wenn sie nach 18 Jahren Schule, zehn Jahren Universität und zwei Jahren Referendariat sowie 30 Jahren Unterricht in Pension gehen, haben die meisten nie eine Welt außerhalb des Lehrens und Belehrens kennen gelernt. In Bremen-Sebaldsbrück trifft man einige Lehrer – den Leiter inklusive –, die hier bereits zur Schule gegangen sind.

Nirgendwo findet sich ein so geschlossenes Lehrermilieu wie im kleinen Bundesland Bremen. Dass sie ihren vermeintlichen Opferstatus niemals vergessen, dafür sorgt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und ihr Bremer Vorstandssprecher Jürgen Burger. Mehr als die Hälfte der Bremer Lehrer ist in der GEW organisiert. Binnen kurzer Zeit hat man sie in Vollversammlungen, Unterschriftenlisten und Leserbriefaktionen in Stellung gebracht. Mehr Eigenverantwortung für die Schulen? Für Burger nur ein Trick der Politiker, um die Mangelverwaltung auf die Schulen abzuwälzen. Schulvergleiche? Gefährlich, weil sie zu Rankings führen. Förderklassen für ausländische Kinder? Diskriminierend. Hier wird jede Reform zur Karikatur verformt.

Als die Pisa-Zahlen für Bremen veröffentlicht wurden, war die GEW vor allem damit beschäftigt, für die angestellten Lehrer eine Gehaltserhöhung zu erstreiten. Seit drei Jahrzehnten fordern Burger und seine Mitstreiter mehr Geld und weniger Arbeit für die Kollegen. Genauso lange stellen sie die Systemfrage. „Ohne dass wir das System grundsätzlich infrage stellen, wird sich nichts verbessern“, sagt er.

Dabei war man gerade in Bremen schon auf dem richtigen Weg, damals, in den siebziger Jahren, als vom kleinsten Bundesland die deutsche Schulrevolution ausgehen sollte. Stufenweise sollte die integrierte Gesamtschule zur Regelschule werden. Als erster Schritt zum gemeinsamen Lernen wurden Schulzentren wie in Sebaldsbrück errichtet. Hier werden die Schüler zwar noch getrennt in Haupt- und Realschule und Gymnasium unterrichtet, die Lehrer aber bilden ein gemeinsames Kollegium.

Aufbruch überall: Tausende junger Lehrer wurden damals eingestellt, überall in der Stadt neue Schulen aus Beton gegossen. Auch die Gewerkschaften feierten Erfolge: Lehrer mussten weniger arbeiten, ihre Klassen wurden kleiner. Noch immer sind die Personalkosten pro Schüler nur in Hamburg höher als in Bremen, verdienen Grundschullehrer in Bremen besser als in jedem anderen Bundesland.

Doch bald gingen die Schülerzahlen zurück, das Geld wurde knapp, und der Reformeifer erlosch. Aus der Übergangslösung Schulzentrum wurde eine Dauereinrichtung. Als die SPD die absolute Mehrheit in Bremen verlor, musste sie ihren Koalitionspartnern Zugeständnisse machen. Die Grünen erhielten ein paar Stadtteilschulen, FDP und CDU setzten die Wiedereinführung der abgeschafften Gymnasien durch. Die SPD-Schulen dagegen, die Schulzentren, galten in den Augen bürgerlicher Eltern als unattraktiv und verloren leistungsstarke Schüler.

Es blieb nicht viel von der Idee, die Schultypen von unten nach oben durchlässiger zu machen. In der Praxis passierte das Gegenteil: Statt schwächere Schüler besser zu fördern, werden sie kurzerhand durchgereicht, vom Gymnasium in die Realschule, von der Realschule in die Hauptschule. Nirgendwo (außer in Schleswig-Holstein) bleiben so viele Schüler sitzen oder werden zurückgestuft wie in Bremen; hier sei „das Maß an strukturbedingten Demütigungen“ besonders groß, konstatierte der Pisa-Bericht.

Heute ist die Bremer Schullandschaft eine Reformruine, bei der mal hier ein Gebäude abgerissen, dort ein Türmchen drangebaut wurde und sich viele Bewohner nicht mehr wohlfühlen. Doch die Debatte über die Zukunft des unübersichtlichen Gebäudes ist niemals verstummt und hat lange Zeit die Frage danach verdrängt, was sich in den Lehrerzimmern und den Klassenräumen verändern muss.

Die Lehrer, zumal jene mit GEW-Prägung, haben sich in einen Dauerclinch mit der Schulbehörde verbissen. Kaum eine andere Berufsgruppe in Deutschland hat ein so enges Verhältnis zu ihrem Fachminister wie die Lehrer. In der Regel ist es gestört, in Bremen geradezu neurotisch. Vielleicht liegt das daran, dass sich hier Gewerkschaft und Behörde zu nahe gekommen sind: Wer den GEW-Chef Jürgen Burger verlässt, muss nur ins Nachbarhaus gehen. Dort, in der obersten Schulbehörde, trifft er in der Regel Menschen, die im selben Alter sind wie die Bremer Lehrer und selbst einmal Pädagogen waren. Lehrer mögen eben keine Lehrer, erst recht nicht, wenn sie die Seite gewechselt haben. Selbst die Tatsache, dass in beiden Häusern Menschen mit GEW-Mitgliedsausweisen arbeiten, entkrampft das Verhältnis nicht – eher im Gegenteil.

Jochen Schweizer zum Beispiel saß einst im Frankfurter Hauptvorstand der Lehrergewerkschaft. Heute macht er sich in der Bremer Schulbehörde Gedanken darüber, wie man die örtlichen Schulen verbessern kann. Dafür hat er viele Kommissionen eingerichtet und Aufsätze verfasst. Bewirkt, sagt der 60-Jährige müde, „haben sie wenig – fast nichts.“

Lange vor der Pisa-Studie wollte die Behörde zum Beispiel Schüler testen, um die Leistungen einzelner Schulen zu vergleichen. Die Untersuchung – miserabel vorbereitet und von den Lehrer boykottiert – kam nie zustande. Die vielen gescheiterten Projekte erklären ein Wahrnehmungsparadox vieler Lehrer in Deutschland: Obwohl viele Erlasse und Anweisungen der Schulbehörden niemals Wirklichkeit wurden, haben die Pädagogen das Gefühl, Opfer einer sinnlosen Dauerreform zu sein.

Doch wo schon das Wort Reform Allergien auslöst, hat selbst ein Macher wie Schulsenator Willy Lemke es schwer, wenn er erklären soll, warum der wirkliche Neuanfang noch bevorsteht. 32 Blätter umfassen die Empfehlungen des „Runden Tisches Bildung“, in denen auswärtige und Bremer Schulexperten kluge und weitsichtige Auswege aus der Schulmisere aufzeigen. Sogar die GEW hat zugestimmt. Auf sieben Seiten listet ein Koalitionspapier auf, was in Bremens Schulen anders werden soll.

Leistung soll wieder zählen in Bremen. Regelmäßig will die Behörde dafür die Bremer Schulen mit zentralen Prüfungen und Qualitätstests miteinander vergleichen. Für die Lehrer soll eine Präsenzzeit in der Schule gelten, Fortbildung wird zur Pflicht – ohne dafür Unterrichtszeit zu opfern. Schulzentren wie Sebaldsbrück werden nur überleben, wenn sie genügend Gymnasiasten vorweisen können. Fördergelder sollen nur solche Schulen bekommen, die belegen, dass sie die Reformen umsetzen.

Ziehen jedoch die betroffenen Lehrer nicht mit, bleibt alles, wie es ist. Aus Hunderten Schulbesuchen und Gesprächen mit Lehrern weiß Lemke: „Lehrer haben Angst vor Veränderungen. Wenn etwas schief läuft, fressen sie es lieber in sich hinein.“ Zur Illustration des Gesagten schlüpft er in die Rolle einer Lehrerin, der man gesagt hat, sie solle nach zehn Jahren erstmals die Schule wechseln. „In eine Schule, die ich nicht kenne?“, schreit Lehrerin Lemke und wirft die Arme hoch. „Aber das kann die Behörde doch nicht machen!“ Geweint habe die Frau, sagt Lemke und faltet die Hände, als wolle er sagen: Gott, was soll ich mit solchen Leuten bloß machen?

Da er neue Spieler nicht einkaufen kann und alte nicht auswechseln darf, bleibt dem ehemaligen Fußballmanager von Werder Bremen nichts anderes übrig, als aus der bestehenden Mannschaft das Beste herauszuholen. Zum Beispiel mit öffentlicher Anerkennung. Lemke ist ein großer Lober. Wo immer es ein Beispiel für besonderes Lehrerengagement gibt, ist der Laudator zur Stelle. Der Schule bringt es meist einen schönen Bericht in der Lokalpresse ein und mitunter auch Zuschüsse.

Die eine Schule verpflichtet sich, die Sitzenbleiberquote zu senken, und erhält dafür einen Förderlehrer extra. Einer anderen Schule sponsert der Dasa-Konzern Computerräume, wieder einer anderen Schule stiftet ein Geschäftsmann neue Vorhänge für die Aula. Der Senator liebt solche „kreativen Lösungen“ oder „Deals“, wie er sagt. Auch das Schulzentrum Sebaldsbrück hat Lemke besucht, genauer gesagt: die neue Musikklasse der Schule. Als die bisherige Lehrerin in Pension ging, suchte Schulleiter Hoffmann einen Kollegen, der „Kinder mitreißt“. Hoffmann fand Wilhelm Temme, einen 39-jährigen Musiker, der über krumme Wege als Spätberufener in den Schuldienst fand. Der Neue kam bald mit einer Idee: Eine Musikklasse müsse man einrichten, in der jedes Kind ein Instrument lernt.

Es folgten die Bedenken: Wie sollte man die Instrumente bezahlen? Durfte man einen Beitrag von den Eltern verlangen? Würde die Musikklasse nicht zu einer – welch böses Wort in Bremen – „Eliteveranstaltung“? Auch Neid schwang im Lehrerkollegium mit: Warum bekommt der Neue so viel Geld für seine Klasse, während wir mit 20 Jahre alten Schulbüchern unterrichten müssen?

Heute ist die Kritik verstummt, und wer die erste Musikklasse besucht, weiß, warum. Niemand kommt zu spät, kein „Gib her!“ und „Lass mich in Ruhe!“, womit üblicherweise die ersten Minuten jeder Unterrichtsstunde vergehen. Mit großem Ernst packen die Kinder die Flöten aus dem Futteral, setzen die Klarinetten zusammen, holen Trompeten aus dem Kasten oder hängen sich ein Saxophon um. Dann hebt Wilhelm Temme die Hand, und auf „A one, a two, a one, two, three“ ertönt Johann Sebastian Bach, die Kantate Jesus bleibt meine Freude. Falsche Töne gehen im pädagogisch-musikalischen Gesamtkunstwerk unter.

Die graue Tristesse der Schule löst sich auf im Leuchten der Instrumente. Am Anfang des vergangenen Schuljahres noch konnte keines der Kinder aus seinem Instrument einen Ton herausbringen. Einen Monat später hatte die Klasse ihren ersten Auftritt. Der Schulleiter glaubte an ein „Wunder“, Senator Lemke hatte wieder ein Beispiel für seine Sammlung der Reformstückchen. In allen Fächern habe sich ihr Sohn gesteigert, seit es die Musikklasse gibt, sagt Gundel Timm. „Leistungsbereiter“ sei ihr Sohn heute und „diszipliniert, wie ich es bis dahin nicht kannte“.

„Produktbezogen“ nennt Wilhelm Temme seinen Unterricht. Die Schüler lernen spielend, weil sie verstehen, warum sie lernen. Der gemeinsame Erfolg stärkt die Klassengemeinschaft. Schule wie aus dem Pädagogiklehrbuch. Inzwischen gibt es eine zweite Musikklasse. Ermutigt vom Erfolg der Mitschüler, haben sich diesmal mehr Kinder aus sozial schwachen Familien getraut, sich zu melden.

Schulleiter Hoffmann träumt bereits von klassenübergreifenden Ensembles und Konzerten vor großem Publikum. Die Schule würde bekannt, die Zahl der Neuanmeldungen steigen – das wäre die Rettung des Schulzentrums. Schon heute heißt das Schulzentrum bei einigen in der Stadt nur noch „Trompetenschule“.

So sehen Schulrevolutionen aus in Sebaldsbrück, in Bremen, in Deutschland. Wer mehr hofft, muss lange warten. Zehn bis fünfzehn Jahre wird es dauern, glauben Schulforscher, bis die nun mühsam eingeleiteten Reformen zu Ergebnissen führen. Schulsenator Willy Lemke wettet, dass das Bremer Ergebnis bereits beim nächsten Pisa-Test – Erhebung 2003, Veröffentlichung 2004 – besser ausfällt. Und wenn nicht? „Dann trete ich zurück.“ Vorausgesetzt, er wird nach der Wahl im kommenden Jahr wieder Senator.

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