medizin Killer im Fadenkreuz
Nach erfolgreichen Tests hoffen die Mediziner auf einen Impfstoff gegen krebsauslösende Warzen-Viren
Die Jagd auf den Killer begann in einem deutschen Labor, vor zwei Jahrzehnten. In der vergangenen Woche wurde er endlich gestellt, und Harald zur Hausen war sehr zufrieden. „Das ist schon ein schönes Gefühl“, sagt der Chef des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg. Er hat gute Aussichten, sein Lebenswerk mit einem Durchbruch in der Medizin zu beschließen. So etwas ist wahrlich selten.
Ungewohnt verwegen hatte das angesehene Fachblatt New England Journal of Medicine am Freitag zur Jagd auf einen Krebs geblasen, dem im vergangenen Jahr fast eine Viertelmillion Frauen auf der Welt zum Opfer gefallen sind. „Der Anfang vom Ende für das Zervixkarzinom?“ überschrieb das Medizinerblatt sein Editorial und wahrte nur noch mit dem Fragezeichen seinen Ruf, sich bei vermeintlichen Sensationsmeldungen stets zurückzuhalten. Doch im selben Blatt veröffentlichte Befunde von Ärzten aus 16 US-Kliniken schüren die Hoffnung, nun über das Rüstzeug zu verfügen, um eine der häufigsten Krebsarten drastisch zu dezimieren und vielleicht gänzlich auszurotten. Denn der Gebärmutterhalskrebs wird hauptsächlich von Warzenviren verursacht, und gegen diese Viren wird hoffentlich bald ein Impfstoff verfügbar sein. Zumindest hat sich eine Vakzine des Pharmamultis Merck & Co. gegen ein bestimmtes Warzenvirus (namens Humanes Papilloma-Virus Nr. 16, kurz HPV-16) bei Tests an rund 2400 jungen Frauen als wirkungsvoll erwiesen. Und HPV-16 gilt als Hauptursache für den Gebärmutterhalskrebs. Genau das haben deutsche Forscher herausgefunden. Sie führten den Nachweis, dass chronische Infektionen mit HPV-16 für rund die Hälfte aller Fälle von Gebärmutterhalskrebs verantwortlich sind. Und einige verwandte Viren, wie HPV-18, verursachen fast den gesamten Rest aller Zervixkarzinome. „Immerhin“, sagt zur Hausen, „wurden auch die Erreger bei uns entdeckt.“
Keine einzige der mit dem experimentellen Impfstoff immunisierten Frauen habe sich eine Infektion mit dem durch Sexual - und Hautkontakt übertragbaren Erreger zugezogen, schreiben die Forscher. Im Blut der Probandinnen fanden sie nach der Impfung 60-mal so viele Antikörper gegen das Virus als nach einer natürlichen Infektion. In einer Kontrollgruppe, die mit einem unwirksamen Placebo „geimpft“ worden war, traten dagegen 41 Neuinfektionen auf. Bei neun der infizierten Frauen seien bedenkliche Veränderungen in Gewebetests erkennbar gewesen. Zwar war der Ausbruch von Krebserkrankungen in der Merck-Studie aus ethischen Gründen gar nicht erst systematisch geprüft worden, doch die Wirksamkeit gegen das HPV-16-Virus gilt als so deutlich, dass kein Experte mehr an einer Krebsvorbeugung durch Impfen zweifelt. Harald zur Hausen hofft, dass die neuen Befunde „Druck auf die Zulassungsbehörden ausüben“.
Selbst in Deutschland, wo die Todesrate durch den Krebs dank intensiver Vorsorge drastisch gesunken ist, werden jährlich rund 6000 Neuerkrankungen festgestellt, rund 2000 Frauen sterben an den virusinduzierten Wucherungen. Manche Frauenärzte wie Peter Schmid-Rohde bezweifeln indessen, dass dieser Krebs mit Impfungen auszurotten ist. Angesichts der finanziellen Lage im Gesundheitswesen, befürchtet der Hamburger Klinikchef, habe die Impfung als Kassenleistung „kaum eine Chance“.
In Entwicklungsländern, wo keine oder unzureichende Vorsorgeprogramme existieren, wütet das Leiden noch weit schlimmer. Etwa vier Fünftel der jährlich 470000 Neuerkrankungen treffen Frauen in Asien und Afrika. In diesen Ländern sei „die Impfung ein Lebensretter“, versichert Kathrin Jansen, Direktorin der Vakzinforschung bei Merck. Das Verfahren helfe indes nicht bei bereits bestehender Ansteckung, es schütze nur Nichtinfizierte. Viele Entwicklungsländer können sich jedoch Impfungen ebenso wenig leisten wie Vorsorgemaßnahmen. Deshalb sieht zur Hausen ein Ende für den Zervixkrebs nur dann, „wenn global geimpft wird“. Und das dürfte noch dauern. Frühestens 2006 sei die Impfung marktreif, heißt es bei Merck.
Männer übertragen das Virus
Trotz der beeindruckenden Effizienz der Impfung plant die Firma bereits eine verbesserte Variante. Weil der HPV-16-Impfstoff bestenfalls die Hälfte der Krebserkrankungen verhindern könnte, testet Merck einen Vierfach-Impfstoff: Er soll Schutz gegen HPV-16 und -18 bieten und damit etwa 70 Prozent aller Zervixkrebse verhindern helfen und obendrein Infektionen mit HPV-6 und -11 verhüten. Letztere sind für etwa 90 Prozent der unangenehmen, aber ungefährlichen Genitalwarzen verantwortlich. Die Firmenstrategen hoffen, auch junge Männer zur Impfung zu bewegen, sagt Kathrin Jansen. Männer übertragen die krebsauslösenden Viren auf ihre Partnerinnen. Der neue Impfstoff wird bereits an über 5000 Frauen getestet, etwa an den Unikliniken in München, Hamburg und der Berliner Charité. Fritz Jännecke, Chef der Hamburger Frauenklinik, setzt auf den vielseitigen Impfstoff. Er ist zwar „begeistert von den Ergebnissen“ mit der HPV-16-Vakzine. Gleichwohl sei für Deutschland eine Impfung auch gegen HPV-18 wichtig: „Davon haben wir mehr als andere Länder“, sagt er.
Der vielseitige Impfstoff werde in fünf bis sechs Jahren verfügbar sein, verspricht Christina Enzmann, eine seiner Studienleiterinnen. Derzeit könnten sich noch Interessentinnen bei den deutschen Prüfzentren melden: „Noch rekrutieren wir.“ Anders als manche ihrer Kollegen glaubt Enzmann auch an die Kosteneffizienz der Impfung: Bei den aufwändigen Tests und Untersuchungen, die bei vielen chronisch infizierten Frauen erforderlich seien, könne sich die Impfung für die Kassen durchaus rechnen.
Auch bei dem Pharmamulti GlaxoSmithKline und am US-National Cancer Institute sind weitere Impfstoffe in Entwicklung. Die deutsche Bio-Tech-Firma Medigene arbeitet mit dem Pharmaunternehmen Schering und mit Harald zur Hausens Heidelberger Forschergruppe an einer therapeutischen Impfung – sie soll auch gegen bereits bestehende Infektionen wirken. Resultate der ersten Tests an Menschen erhofft man sich für 2003. Der Drang der Unternehmen zu HPV-Impfstoffen hat seinen Grund: 60 Prozent der Menschen infizieren sich im Laufe ihres Lebens, bei einem von neun Infizierten wird die Sache chronisch – und gefährlich. Schon beim ersten Geschlechtsverkehr steckt sich jeder fünfte Teenager an.
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- Quelle (c) DIE ZEIT 49/2002
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