Gießen liegt praktischerweise mitten in Deutschland, und für Lehrer, Schüler und Eltern gibt es jetzt einen Grund hinzufahren, denn vor wenigen Tagen hat das Mathematikum seine Türen geöffnet, das „erste mathematische Mitmachmuseum der Welt“. Untergebracht ist es, wenige Schritte vom Bahnhof, im früheren Zollamt. Vor dem Eingang des frisch renovierten Gebäudes wehen bunte Flaggen, die moderne Glasfassade verspricht: Hier wird alles leicht und hell sein, für düstere Erfahrungen ist dies nicht der Ort.

Infinitesimalrechnung … mancher Besucher weiß nicht mehr oder immer noch nicht, wie sich das schreckliche Wort schreibt, Mathematik war und ist in der Schule die Stunde der Stoßseufzer, hier trennen sich Sofortbegreifer und Niekapierer schneller als in jedem anderen Fach.

Es ist das Abstrakte, das die Mathematik so unbeliebt macht; in der Physik gibt es Messungen an sich bewegenden Schlitten, die rätselhafte Beugung am Spalt; in der Chemie verpufft ölig-explosives Dimanganheptoxid unter violetter Flammenbildung zu bräunlichen Flocken, und der Sinnenzauber gefällt auch denen, die den Sinn nicht verstehen. Was fährt, was strahlt, was stinkt, hat Bedeutung in der Welt, da ist sich die Schülerschaft einig – aber imaginäre Zahlen?

Das Mathematikum zeigt von seiner luftig-leichten Eingangshalle an, dass es weiß, worin das Problem dieser Wissenschaft besteht, und seine Aussage lautet: Das Problem ist lösbar. Auf 500 Quadratmetern kein verzweifeltes Grübeln, keine unschnallbaren Integrale, kein Variablendickicht, kein e hoch x, keine Wurzel aus minus eins. Statt dessen große, weite, lichte Räume, in denen selbst hyperaktive Schulklassen ihre kritische Masse verlieren. Hier muss keiner anderen auf die Füße treten, hier muss niemand die Brille aufsetzen, hier wird vorgeführt, wie Mathematik den karierten Heftchen entsteigen und sich von ihrer begreifbaren, erregenden Seite zeigen kann.

Eher wenige Exponate, 50 für den Anfang, dafür viele große Körper, die dem Besucher Gegenüber sind. Da wäre die Duschkabine, ein rundes Drahtgestell, in das sich der Neugierige stellen und wo er an einer Kordel ziehen kann. Schwups! erhebt sich um ihn, aus Lauge aufsteigend, ein Plastikring und hüllt ihn in eine schlauchförmige Ganzkörperseifenblase ein. Die Blase dellt sich in ihrer Mitte ein, berührt den Besucher und löst sich zwitsch! in Luft auf, ihn mit Tröpfchen benetzend. Das macht Spaß, den Kindern wie den Erwachsenen, und nachdenken tut erst einmal keiner.

Wer doch nachdenken will oder sogar nachfragt (es patrouillieren rotwangige Mathematikstudentinnen durch die Ausstellung), bekommt die kleine, feine Auskunft, dass sich die schillernde Seifenblasenhaut in einer Hinsicht mathematisch verhalte: Indem sie sich zusammenziehe, zeige sie die kleinstmögliche Verbindungsfläche zwischen zwei im Raum befindlichen Kreisen an. Und wie man sehen könne: Jene Fläche sei keine zylindrisch gleichförmige Röhre, sondern sie verschlanke sich zur Mitte hin und bilde ein so genanntes Katenoid, wie es Euler 1744 erstmals beschrieb. (Aus demselben Grund sind frei schwebende Seifenblasen immer Kugeln, nie Kuben oder Pyramiden!)

Ja, das fällt auf am Mathematikum: Die Erklärungen bedrängen den Besucher nicht, er kann fragen, wenn er will, er muss es nicht. Hier soll niemand beschwert, niemand belehrt werden.