Ich habe einen Traum
Christiane Paul, 28, wuchs in einem Ärztehaushalt in Ost-Berlin auf. Über einen Model-Wettbewerb und ein Casting kam sie zum Film. Nebenher studierte sie Medizin, dieses Jahr hat sie promoviert. In mehr als 20 Filmen hat sie mitgespielt. Ausgezeichnet wurde sie unter anderem mit der Goldenen Kamera und dem Max-Ophüls-Preis. Im ZDF ist am 2. Dezember ihr neuer Film »Himmelreich auf Erden« zu sehen. Christiane Paul träumt davon, ihren Hang zum Perfektionismus in die Tat umzusetzen
»Mein Traum von der Macht, etwas verändern zu können, hängt sicherlich mit meiner Sucht nach Perfektion zusammen – und mit der damit verbundenen permanenten Unruhe. Hinter jeder Lösung verbirgt sich eine noch bessere«
M eine Träume haben sich mit den Jahren verändert. Ihre Zahl ist nicht größer geworden; aber sie haben sich geschärft. Ich sehe auf diese Entwicklung wie ein erstauntes Kind, das sich wundert, dass der Wipfel des Baumes vor dem Haus mittlerweile bis zum Dach reicht. Träume wachsen also offenbar mit einem mit, aber im Gegensatz zu den Blättern an den Bäumen verlassen sie einen nicht beim Wechsel der Jahreszeiten. Das ist erfreulich.
Nicht so erfreulich ist vielleicht, dass ich mich mit meinen Träumen ein wenig schwer tue. Sie liegen im Verborgenen. Sie wollen ans Licht, aber ich sperre mich ein bisschen dagegen, denn sie könnten ja bedeuten, dass ich mein derzeitiges Leben wieder völlig umstellen müsste.
Ich träume davon, den Einfluss und die Macht zu haben, mich der Dinge erwehren zu können, die mich stören.
Dieser Traum wird genährt von dem Charakter, den ich habe. Ich bin jemand, der die Perfektion liebt. Nicht nur in der Arbeit, auch beim Verstehen von Zusammenhängen.
Es macht mich verrückt, wenn ich politische Talkshows sehe, die mir nichts erklären, sondern mich hilflos zurücklassen. Es macht mich wütend, wenn es Klimaschutzkonferenzen gibt, auf denen nur geredet, aber nichts beschlossen wird. Ich werde aggressiv, wenn man Ärzte als bloße Abzocker hinstellt, nur weil Geld in den Krankenkassen fehlt. Es macht mich ratlos, wenn Menschen dauernd über den schlechten Bildungsstandard in Deutschland reden, dann aber das Bildungssystem so lassen, wie es ist. Ich möchte begreifen, warum zurzeit alles so aus dem Ruder läuft, und träume davon, es wieder in eine gute Richtung bringen zu können. Aber ich kann davon wohl nur deshalb träumen, weil ich keine Politikerin bin.
Das Publikum blickt erstaunt auf seine gewählten Volksvertreter und denkt: Wenn die nicht mal mehr durchsteigen, wie dann ich? Du erhoffst dir dann ein bisschen Aufklärung von den Medien und stellst fest: Die durchschauen das Dickicht anscheinend auch nicht mehr. Am Ende ist man zurückgeworfen auf sich selbst und geht entweder in die innere Emigration – oder auf die Straße.
In meinen Träumen bin ich Ministerin für Gesundheit und Bildung, die den einstmals guten Ruf der Ärzte als »Helfer in der Not« wiederherstellt. In der Bildungspolitik würde ich die Länderhoheit abschaffen, Einheitslehrpläne einführen, wieder Zensuren statt Punkte vergeben und die Klassenstärken senken. Warum soll nicht reformierbar sein, was vielleicht vor 50 Jahren unter dem Stichwort Föderalismus wichtig war, aber heute längst überholt ist? Viel Traumstoff.
Schon im Gymnasium war ich Schulsprecherin, weil ich mich einmischen wollte. Ich forderte damals die Lehrer auf, uns frei zu geben, damit wir gegen den Golfkrieg protestieren konnten. Das war 1991; die Mauer war gerade etwas mehr als ein Jahr weg, und wir Schüler genossen den neuen Umgang mit der Freiheit, die für uns bedeutete, auch gegen etwas sein zu dürfen. Wir stellten uns in den Weg – was man in der aktuellen Situation auch wieder tun sollte.
Aufgewachsen bin ich in einem bürgerlichen Haushalt in Ost-Berlin. All die Widersprüche des Sozialismus, das Angepasstsein, die Eingeschlossenheit und der Wankelmut zogen sich wie rote Fäden durch die familiären Küchengespräche. Da konnte man gar nicht anders, als früh damit anzufangen, alles zu hinterfragen.
Ich träumte damals von mehr Offenheit und Kritikfähigkeit in den Auseinandersetzungen an der Schule, von treuen Freunden und klugen Gesprächen, die einem den Weg in die Zukunft weisen könnten.
Ich malte mir aus, wie es sei, als Ärztin auf einem Greenpeace-Schiff mitzufahren. Bis zum Äußersten wäre ich bereit gewesen, meiner Mannschaft zur Seite zu stehen, wenn sie den Wahnsinn auf Erden aufspürt: Walfang, Ölverklappungen ins offene Meer, heimliche Atombombenversuche auf kleinen Inseln.
Ich träumte davon, als Ärztin nach Südafrika zu gehen, um die Menschen dort zu versorgen. Ich war jung genug für all diese Träume, aber noch nicht alt genug, um sie zu realisieren. Dieser Drang, an vorderster Front zu stehen, etwas bewegen zu wollen, ist immer noch da.
Als ich meine Doktorarbeit verteidigte, gab es einen Moment, in dem ich dachte: Warum setze ich mich diesem Stress eigentlich aus? Ich habe es wahrscheinlich getan, um meinem eigenen Anspruch zu genügen. Nach dem Motto: »Wenn man etwas tut, dann macht man es richtig oder lässt es bleiben.« Aber bin ich wirklich tief genug in die Wissenschaft, in die Forschung eingetaucht?
Nein. Anstatt eine Ärztin zu sein, die alles weiß, bin ich eine Schauspielerin, die alles spielen will. Ich bin mir nicht im Klaren darüber, ob dieser Spagat wirklich möglich ist und ob am Ende das Ergebnis stimmt.
Mein Traum vom Einfluss, von der Macht, etwas verändern zu können, hängt sicherlich mit meiner Sucht nach Perfektion zusammen – und der damit verbundenen permanenten Unruhe. Es fällt mir schwer, die Lösung eines Problems anzuerkennen, denn ich vermute immer, dass sich hinter jeder Lösung eine noch bessere verbirgt.
Das beste Beispiel bin ich selbst, sage ich mir. Was habe ich noch für Reserven! Die Fragen »Bin ich gut?«, »Könnte ich besser sein?«, »Was will ich?«, »Was könnte von mir bleiben?« beschäftigen mich täglich.
Schauspielerin oder Ärztin, Umweltaktivistin oder Kämpferin für eine bessere Bildung? In mir rangeln viele Interessen um den ersten Platz. Vom Traum zur Tat, das wäre mein größter Traum.
* Das beste aus der LEBEN-Serie wurde zum Buch gebunden und kann im ZEIT-Aboshop bestellt werden
- Datum
- Serie medica
- Quelle (c) DIE ZEIT 49/2002
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







