Sechs Jahre ist er alt, als sich die Mutter mit ihm und seiner Schwester auf die große Reise macht. Aus dem pfälzischen Landau geht es 1846 via Paris und Le Havre nach Amerika. Gleich in New York lässt sich die Familie nieder, und hier wird bald auch das besondere Talent des Jungen entdeckt. Es ist der Anfang einer einmaligen Karriere: Thomas Nast sollte zum bedeutendsten amerikanischen Karikaturisten des 19. Jahrhunderts werden, ja zum Begründer der amerikanischen Karikatur überhaupt. Seine Kunst, sein Witz beeinflusste die Wahl von sechs Präsidenten – und lebt in vielen amerikanischen Symbolen bis heute fort. Denn er ist es, der jenen Esel erfand, der nach wie vor für die Demokraten steht und jenen Elefanten, der die Republikaner symbolisiert, der Amerikas Kindern den Santa Claus, den Weihnachtsmann, gezeichnet hat, und dessen Karikaturen auch das viel geliebte und geschmähte Signum amerikanischer Wirtschaftsweltmacht populär machten, das Dollar-Zeichen.

Nasts Leben, seine Karriere erscheinen wie die Erfüllung des amerikanischen Traums. Es war ein Traum, den viele träumten im Europa jener Zeit. Auch aus Deutschland brachen im 19. Jahrhundert Millionen Menschen auf, um jenseits des Atlantiks ihr Glück zu suchen. Nicht aus eigenem Antrieb, versteht sich: Das wirtschaftliche und politische Elend in der Heimat hatte sie zu Vertriebenen gemacht.

Die meisten deutschen Auswanderer kamen aus der Pfalz, es waren so viele, dass Palatines zeitweise zum Synonym für alle ausgewanderten Deutschen wurde. Das hatte seine Gründe: Die Pfalz war 1815, beim großen Länderschacher nach Napoleons Abgang, Bayern zugesprochen worden. Sie blieb – durch den Rhein, das Großherzogtum Baden und das Königreich Württemberg vom rechtsrheinischen bayerischen Königreich getrennt – lange eine ungeliebte Provinz: wirtschaftlich vernachlässigt, politisch kujoniert. Vor allem letzteres bedrückte die Pfalz; denn sie war geprägt von der Zugehörigkeit zu Frankreich seit den Tagen der Französischen Revolution und trotz bitterer Erfahrungen in diesen Jahren stolz auf ihr fortschrittliches Gerichtswesen, auf Verfassung und Verwaltung. Das große Fest der deutschen (und polnischen) Demokraten 1832 fand nicht von ungefähr auf dem pfälzischen Schloss Hambach statt, und auch die Revolutionäre von 1848/49 konnten sich auf die Pfälzer verlassen.

Man muss dies mitbedenken, wenn man den politischen Impuls des Karikaturisten Nast verstehen will. Dabei kam er nicht gerade aus einer Revoluzzersippe. Sein Vater diente als „Hautboist“ im bayerischen Regiment Wrede, das in Landau stationiert war; er folgte der Familie erst nach New York, nachdem er seine reguläre Dienstzeit beendet hatte. Wir wissen wenig darüber, wie der Regimentsmusiker die Existenzgründung in der Neuen Welt finanzierte.

Mit Garibaldi zieht er durch Italien

Wenig auch wissen wir über die Schuljahre seines späterhin berühmtesten Kindes. Vieles, was Nast über seine Jugend erzählt hat (vor allem Albert Bigelow Paine für dessen 600-seitige Nast-Biografie), klingt ein bisschen zu nostalgisch. Eines jedenfalls ist sicher: Das zeichnerische Talent des Jungen wurde bald deutlich und vom Vater gefördert, der sein Geld jetzt wieder als Musiker verdiente. Er gab ihn zu Theodor Kaufmann, einem Historienmaler der Münchner Schule, in den Zeichenunterricht, und gern nahm er den Filius auch mit zu seinen Berufskollegen und in musikliebende Kreise. Hier machte der junge Nast prägende Erfahrungen, hier lernte er bedeutende Emigranten aus Europa kennen, wie den italienischen Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi oder Lajos Kossuth, den Helden der Ungarn.

1855, knapp 15-jährig, wagt der begabte Junge, dem Verleger einer erfolgreichen illustrierten New Yorker Wochenzeitschrift eine Skizze anzubieten. Sein Mut wird belohnt. Für ein Anfangsgehalt von vier Dollar Wochenprämie stellt ihn Leslie’s Illustrated Weekly Newspaper an. Nast ist damit der wohl jüngste Pressezeichner der Welt.