Das zweite Leben von David Verlinsky* beginnt im Januar 2002. In einem Krankenhaus in der Türkei erwacht Verlinsky aus der Narkose, eine Krankenschwester reicht ihm ein Glas Orangensaft und einen Teller Kartoffeln. Verlinsky lehnt dankend ab, so wie er es immer gemacht hat, ein Dialysepatient muss strenge Diät halten. Doch die Krankenschwester ermuntert ihn zuzugreifen. Im Körper des 30-Jährigen arbeitet jetzt die gesunde Niere eines anderen Menschen – die Zeit der Verbote ist vorbei.

Der Spender, dem der Patient sein neues Leben verdankt, bleibt ein Fremder. Verlinsky will ihn weder sehen noch sprechen. Er kennt weder seinen Namen noch sein genaues Alter oder sein Geschlecht, Verlinsky hat die neue Niere gekauft. 160000 Dollar hat er einem israelischen Geschäftsmann gezahlt, der das Organgeschäft arrangierte. Er hätte den Handel auch in Südafrika, den USA oder Deutschland abwickeln können, sagt Verlinsky. In den USA allerdings hätte er bis zu 250000 Dollar für eine Niere zahlen müssen. Die Türkei ist billiger.

Verlinsky ist Röntgentechniker von Beruf, 160000 Dollar sind ein Vermögen für ihn. Während der vier Jahre, in denen er auf die künstliche Blutwäsche angewiesen war, hatte er sich den Gedanken an den Nierenkauf streng verboten. Dann kam bei einem Terroranschlag die Tochter eines Arbeitskollegen ums Leben, die Eltern der Toten beschlossen, zum Gedenken an ihre Tochter eine Stiftung zu gründen. Ihr erstes Projekt: eine neue Niere für David Verlinsky.

Wohlhabende Dialysepatienten reisen um die Welt, um eine Niere zu kaufen, was ihnen zu Hause bei Strafe verwehrt ist. Engländer und Deutsche fliegen nach Indien, Japaner in die USA, Nordamerikaner nach Peru oder Brasilien. Der Handel ist professionell organisiert und wird häufig als medizinischer Tourismus deklariert. Da bietet etwa eine amerikanische Beratungsfirma US-Kliniken an, sich für knapp 700 Dollar jährlich bei dem Arab Kidney Transplant Directory in Listen aufnehmen zu lassen. Diese Einrichtung vermittelt Nierenpatienten aus Saudi-Arabien, Qatar oder den Vereinigten Arabischen Emiraten an renommierte Krankenhäuser im Ausland. „Arabische Transplantationspatienten zahlen zwischen 100000 und 500000 Dollar für die Operation“, heißt es in einem im Internet veröffentlichten Werbebrief.

Pro Niere ein Gewinn bis zu 70000 Dollar

In anderen Ländern werden die illegalen Geschäfte kaum verhüllt praktiziert, zum Beispiel in Israel. Dort ist der Kauf einer Niere so normal, dass mancher Kranker erst gar nicht die eigene Familie mit der Bitte um eine Organspende belastet. Der 40-jährige Joshua Rothman* aus Jerusalem beispielsweise wandte sich gleich an einen Broker, nachdem die Ärzte ihm die Diagnose „Nierenversagen“ mitteilten. Rothman zahlte mehr als 100000 Dollar an den Organhändler, der ihm dafür einen israelischen Spender und eine Transplantation in Südafrika vermittelte. Bis zu 150 israelische Patienten, so Schätzungen, kaufen sich jedes Jahr eine Niere. Manche verschulden sich, andere verkaufen Haus und Auto. Wer Glück hat, wird von einer karitativen Einrichtung unterstützt.

Auch die israelischen Krankenkassen sponsern Auslandstransplantationen – mit Billigung des Gesundheitsministeriums. Auf Dauer ist die Dialyse teurer als eine Organverpflanzung mit ihren Folgekosten. So erstatten die Kassen den Patienten den in Israel üblichen Kostensatz einer Transplantation, rund 32000 Dollar. Das ganze Verfahren ist unkompliziert, denn die Krankenkassen betreiben keine Recherche, ob die Transplantation im Ausland womöglich illegal war. Die Patienten müssen lediglich vor einem Notar erklären, wie viel sie an den Broker gezahlt haben. Denn Quittungen sind unüblich.