Weltordnung Wer hat Angst vor der Utopie?

Die Arbeitsgesellschaft ist am Ende, die Sozialsysteme zerreißen. Wie kann da eine gerechte Weltordnung aussehen? Die Intellektuellen wissen es nicht mehr: Sie haben den Mut zur politischen Fantasie verloren

Stellen wir uns einmal vor, in nicht allzu ferner Zukunft beschließt eine Hand voll Historiker, die Grundbefindlichkeit deutscher Intellektueller in den Jahren der Jahrtausendwende zu erforschen, ihre Themen und Leidenschaften, ihre Irrtümer und Hoffnungen. Zäh beißen sich die Mentalitätsforscher durch den Staub der Archive, wälzen Zeitschriften und Zeitungsartikel sonder Zahl. Ihre Entdeckungen sind verblüffend. Von Schwermut, gar von Depression findet sich in den Geistesablagerungen der Bundesrepublik keine Spur, im Gegenteil. Die Essayistik steht in voller Blüte, die Vielfalt der Themen ist bezaubernd. Nichts, was fabulierlustigen Intellektuellen nicht einer kulturellen Betrachtung wert gewesen wäre, sei es das Mysterium der Mode oder das Leben der Engel bei Südwind. Auch Fragen nach deutscher Identität erfreuen sich großer Beliebtheit. Als Klassiker erwies sich der Streit um das Berliner Stadtschloss, das nach erbitterter Schlacht in den handelsüblichen Feuilletons schließlich naturidentisch wiederaufgebaut wurde.

Nur in einem Fall gingen die Forscher leer aus. Ihre Suche nach Zukunftsentwürfen und politischen Fantasien blieb vergeblich. Utopien, das alte Lieblingsspielzeug der Intellektuellen, verrosteten sang- und klanglos in der Abstellkammer des Weltgeistes. Die Zukunft der Gesellschaft war offenbar nichts, wozu einem damaligen Intellektuellen hätte etwas einfallen sollen. Das Soziale? Ein toter Hund. Die politische Gesellschaft? Schnee von gestern. Die Weltordnung? Ein Treppenwitz. Beinahe schien es, als könne Deutschland nichts Schlimmeres passieren als Langeweile und Gleichheit. Auch als es in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends zu einer Wirtschaftskrise kam und das Sozialsystem Risse zeigte, waren die Intellektuellen nicht zu erschüttern. Es gab zwar verstreute Wortmeldungen, ein konservativer Historiker wollte gar die Verfassung ändern und träumte von Notverordnungen. Doch dann herrschte bald wieder Ruhe.

Wenn er denn so ausfiele – man könnte dem Forschungsbericht über die intellektuelle Verfassung der Republik kaum widersprechen. Kulturelle Fragen, etwa die nach der nationalen Identität, haben die genuin politischen abgelöst, und die utopischen Energien sind erschöpft. In vielem gleicht das geistige Daseinsgefühl jenem Zustand, den Hans Magnus Enzensberger vor vielen Jahren in seinem Sittenbild Mittelmaß und Wahn beschrieben hatte, dessen stilistische Delikatesse funkelnd aus der Masse der bundesrepublikanischen Hinterlassenschaften herausragt. Die Realität, schrieb Enzensberger, habe die Gestalt von Püree angenommen. Sie gleiche einer klebrigen Masse, die nicht mehr in strengen Begriffen analysiert, sondern nur noch in wechselnden Sprachspielen beschrieben werden könne. Früher durften die Intellektuellen davon träumen, ihre Welt zu verändern, heute gelte es, sie mit Langmut zu ertragen.

Heute, gut ein Jahrzehnt nach den revolutionären Veränderungen von 1989, scheint sich für viele Intellektuelle Enzensbergers Diagnose zu erfüllen, sogar im Weltmaßstab. Wer jetzt noch das Publikum mit politischen Fantasien, gar mit Vorschlägen für eine „gerechte Weltordnung“ belästigt, dem sei auf Erden nicht mehr zu helfen, so heißt es unisono.

Das Misstrauen gegen eine Politik der Gerechtigkeit

Mit seinem Misstrauen gegenüber politischen Fantasien steht Enzensberger nicht allein. Gerade die deutschen Schüler des französischen Philosophen Jacques Derrida sind überzeugt, dass jede Orientierung an Gerechtigkeit notwendigerweise tragisch endet und sich neuerlich in Unrecht und Schuld verstrickt. Während Derrida selbst inständig an der „unmöglichen“ Gerechtigkeit festhält, haben viele seiner postmodernen Gefolgsleute sich der normativen Forderung nach Gerechtigkeit gleich ganz entledigt. Damit aber haben sie, wie der Berliner Philosoph Christoph Menke in seinem Buch Spiegelungen der Gleichheit (Akademie Verlag) schreibt, das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Sie haben aus der richtigen Einsicht, dass es repressive und ungerechte Folgen von Gleichheit und Gerechtigkeit gibt, den Schluss gezogen, nun müssten normative Forderungen im Ganzen aufgekündigt werden. Damit aber ist die postmoderne „Dekonstruktion“ der Gerechtigkeit von der konservativen Polemik gegen Gerechtigkeit nicht mehr zu unterscheiden. Gerechte Politik ähnelt Lacans Objekt des Begehrens: Sie ist unerreichbar.

Es gibt noch andere Gründe für die Entpolitisierung der Intellektuellen und die Erschöpfung ihrer Fantasie. So hat sich, und zwar fundamental, das Zeitbewusstsein unserer Gegenwart verändert. Während in früheren Zeiten soziale Utopien über den Stillstand der Verhältnisse und einen eklatanten Mangel an Zukunft klagten, so verhält es sich heute genau umgekehrt: Von der Zukunft gibt es zu viel. Unaufhaltsam bedrängt sie die Gegenwart, nimmt gar von ihr Besitz und lässt die Grenze zwischen heute und morgen verschwimmen. Während das alte Bewusstsein, in einem stabilen Zeit-Raum zu leben, buchstäblich verdampft, verwandelt sich die Gegenwart in den Durchlauferhitzer der Zukunft und die Permanenz des Übergangs. Es scheint paradox: Gerade weil die Gegenwart radikal auf das Künftige ausgerichtet ist, schwindet der offene Raum der Zukunft. Die Zukunft stirbt, weil sie immer schon da ist. Der Horizont des modernen Zeitbewusstseins schließt sich wieder, oder mit den Worten des Soziologen Niklas Luhmann: Der gelebte Augenblick schrumpft „auf eine winzige Differenz zwischen Gegenwart und Zukunft… Wir können nur sicher sein, dass wir nicht sicher sein können, ob irgend etwas von dem, was wir als vergangen erinnern, in der Zukunft so bleiben wird, wie es war.“ Es ist dieses Zeitgefühl, aus dem eine zutiefst konservative, auf Abwehr gepolte Haltung entsteht, auch die verständliche Angst, jede politische Veränderung, jede politische Fantasie werde das Leiden an der rasend stillstehenden Zeit nur noch vergrößern.

Ende der Utopie, „un-mögliche“ Gerechtigkeit, Implosion der Zukunft: Kaum jemand wird den Wahrheitsgehalt dieser Epochenbeschreibungen bestreiten, und so bildet sie mit einem gewissen Recht den Basso continuo, der heute die Stimmungslagen und Selbstauskünfte vieler Intellektueller durchzieht. So hat weder der postmoderne Hinweis auf die ungerechten Folgen „gerechter“ Politik noch die soziologische Aufklärung über die Unübersichtlichkeit moderner Systeme ihre Wirkung verfehlt. Linken Utopieplanern raubten sie den Hochmut, die Zukunft am Reißbrett planen und Gesellschaft „machen“ zu können. Konservativen Denkern nahmen sie den Glauben, sie könnten im Namen höherer Werte eine Leitkultur einfach durchsetzen.

Doch das Misstrauen gegenüber politischen Fantasien, auch die Kulturalisierung gesellschaftlicher Fragen ist ein Symptom. Es ist der Ausdruck einer tiefen Verunsicherung, wenn nicht sogar eine Art Fluchtreflex angesichts einer Weltlage, deren Verwerfungen derart unheimlich sind, dass alle vertrauten Instrumente der Theorie, alle überlieferten Zukunftserwartungen, erst recht alle klassischen Mittel der Politik davor versagen.

Die Tragödien vom Beginn der Neuzeit wiederholen sich

Das ist keine leere Spekulation. Viele Sozialwissenschaftler sind felsenfest davon überzeugt, dass wir in einer „Übergangszeit“ leben, deren unbegriffene Dynamik nur mit dem Anfang der Neuzeit zu vergleichen ist – mit jener blutigen Schwellenzeit zu Beginn des 17. Jahrhunderts, als sich in jahrzehntelangen Kämpfen die moderne Staatenwelt herausbildete. Glaubt man Globalisierungsforschern, dann wiederholen sich die Tragödien, die damals auf dem europäischen Kontinent aufgeführt wurden, heute im tellurischen Maßstab, wenngleich mit ungewissem Ausgang und in anderer Gestalt. Mit anderen Worten, der Zusammenbruch der Ost-West-Ordnung hat nicht nur das soziale und politische System der alten Nationalstaaten bis in die Grundfesten erschüttert; er hat auch die Grenzen der westlichen Moderne radikal verschoben. Der „westliche Rationalismus“ expandiert gen Osten und überzieht den ganzen Erdball mit seinen Lebens- und Produktionsformen. Doch in dem Maße, wie sich der Westen globalisiert, trifft er in der „Einen Welt“ nur noch auf sich selbst. Die neue Stufe im endlosen Prozess der Modernisierung, so schreibt der Soziologe Richard Münch, „ist exakt derselbe Prozess, den Max Weber schon für die Herausbildung des Kapitalismus aus den Fesseln des Traditionalismus beschrieben hat“.

Die Pointe solcher Sätze liegt nicht in der Beobachtung, dass der obsiegende Kapitalismus zwischen Kirgisien und Korea die Landschaft mit Cola-Automaten zupflastert. Die Pointe liegt in der Behauptung, dass die Modernisierung der Welt an ihre eigene Grenze stößt und wie eine Spirale in sich selbst zurückläuft. Dem weltweiten Sieg der westlichen Lebens- und Wirtschaftsform folgt die ebenso dramatische „Rückkehr“ der alten Probleme; über Nacht haben die alten Nationalstaaten wieder mit Krisen zu kämpfen, die sie mit ihrer erstaunlich erfolgreichen Mischung aus Marktwirtschaft und Demokratie, Rechts- und Sozialstaat längst glaubten gelöst zu haben. Die Ressourcen des Staates schwinden; Desintegration und Ungleichheit untergraben die Zukunftsgewissheit und schwächen das Vertrauen in die Dreieinigkeit aus Sicherheit, Kapitalismus und Demokratie.

Wenn es eine Ironie der Geschichte gibt, dann besteht sie in der paradoxen Verschränkung zweier gegenläufiger Entwicklungen. Der Fall der Mauer setzte den Nationalstaat wieder in sein altes Recht. Gleichzeitig aber, und darauf kommt es an, öffnete die Revolution von 1989 die Schleusen für einen Globalisierungsschub, der die frisch gestärkten Fundamente des Nationalstaats unterspült und erneut Fragen auf die Tagesordnung setzt, die viele längst ad acta gelegt hatten.

Angenommen, diese Diagnose trifft zu, dann gibt es für die Verunsicherung des Intellektuellen eine handfeste Erklärung. Einmal hat sein Weltbild, wonach der Nationalstaat mit dem Fall der Mauer in seine alte Bahn zurückgesprungen ist, kräftige Risse bekommen. Dasselbe gilt für seine Selbstberuhigung, nun seien die Krisen des Kapitalismus endlich gelöst, die „harten“ sozialen Fragen verschwunden und allein die „weichen“ kulturellen übrig geblieben – vor allem die Fragen nach nationaler Identität. Diese Selbstberuhigung war trügerisch. Denn auf der „freien Wildbahn“ der Weltgesellschaft gerät die glücklich normalisierte Nation zwischen die Mühlsteine der Globalisierung, mit ganz neuen Konflikten und schwindelerregenden Herausforderungen.

Aus diesem Grund wirkt die unpolitische Haltung vieler Intellektueller so unzeitgemäß wie der altlinke Utopismus, auf dessen Verschleiß sie reagiert. Dasselbe gilt für den neoliberalen Zyniker, der „Gesinnungsmoral“ und Politische Korrektheit als Hauptgefahr für das Wohl der Menschheit betrachtet. Unzeitgemäß wirkt schließlich jener Typus des Renegaten, der alles auf die Karte der nationalen Selbstfindung setzt – treu im Glauben, der Verzicht auf Gesellschaftskritik sei die Bedingung für seine persönliche Wiedereingliederung in die deutsche Nation. Er irrt sich. Folgt man den Studien, die David Held und Immanuel Wallerstein, Rudolf Stichweh und Volker Heins, Ulrich Beck und Jürgen Habermas vorgelegt haben, dann sind die Folgen der Globalisierung für das Gemeinwesen weitaus gravierender als die unverhoffte Wiedererlangung nationalstaatlicher Souveränität.

Natürlich kann es nicht darum gehen, in Siebenmeilenstiefeln die nationalstaatliche Arena zu verlassen, um mit großzügiger Ignoranz auf die Weltbühne zu hüpfen. Der Hinweis auf den Einfluss der „Globalisierung“ darf nicht als Ausrede für all das herhalten, was zu lösen die nationale Politik sich als unfähig erweist. Und doch können Intellektuelle, anders als die politische Klasse, sich den Luxus des doppelten Blicks leisten und der nationalstaatlichen Sichtweise eine transnationale zur Seite stellen. Sie dürfen Fragen stellen, die Politiker schon aus Gründen ihrer pünktlichen Wiederwahl von der Tagesordnung streichen.

Zum Beispiel: Was droht der Demokratie, wenn ehrwürdige Nationalstaaten in eine Art Superfirma verwandelt werden, in der allein Effizienz und Sicherheit zählen? Wenn, Stichwort Berlusconi, gewählte Volksvertreter den Rechtsstaat in ein Legitimitätsbeschaffungsorgan für die jeweilige Regierung umrüsten? Was bedeutet es für das demokratische Vertrauen der Bürger, wenn politische Entscheidungen in Vorstandsetagen und bunten Kommissionen ausgelagert werden – also in die Grauzone demokratisch unkontrollierter Verhandlungssysteme? Wie können korporatistische Selbstblockaden in den Demokratien aufgelöst werden, ohne dabei gegen fundamentale Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit zu verstoßen? Wie lassen sich, Beispiel Enron in den USA, Korruptionsdynastien aus Staat, Kapital und Börse verhindern? Wie können Regierungen politische Macht gegenüber weltwirtschaftlichen Akteuren zurückgewinnen? Und nicht zuletzt: Wie lässt sich, nach dem Ende der Arbeitsgesellschaft, die Drift in eine 30:30:40-Gesellschaft aufhalten – 30 Prozent am Rand, 30 Prozent gefährdet, 40 Prozent in gesicherten Verhältnissen?

Oder in einer transnationalen Perspektive gefragt: Was bedeutet die Formel von der „Übergangszeit“ für die Zukunft der Nationen? Das Weltidyll, also die Hoffnung, nach dem Ende der zweigeteilten Ordnung würden sich rivalisierende Nationen unter dem Baldachin einer neuen Weltordnung friedlich die Hand reichen, ist zerfallen. Nicht der Frieden des Rechts, sondern die offene, molekulare oder staatlich exekutierte Gewalt bildet derzeit die Signatur der Weltgesellschaft. Beides, der islamisstische Terror gegen den „Westen“ und der „Kampf gegen den Terror“, avancieren zur Nachfolgeform des Kalten Krieges. Doch wo liegen die Ursachen dieser Gewalt? Handelt es sich, wie Samuel Huntington meint, um einen „Kampf der Kulturen“, bei dem sich unvereinbare Wertordnungen, zwei inkommensurable Universen des Denkens und Fühlens gegenüberstehen, nämlich moderne Zukunftsgesellschaften auf der einen und vormoderne Traditionsgesellschaften auf der anderen Seite?

Die Weltgesellschaft führt Krieg gegen sich selbst

Oder ist es vielmehr die westliche Modernisierung selbst, die im Maße ihrer weltweiten Durchsetzung eine scheinbar unerklärliche Gewalt erzeugt? In dieser Sicht käme der Terror nicht von außen, sondern aus dem Inneren der Weltgesellschaft; Gewalt wäre ein inverses Phänomen, mithin kein Angriff auf das System, sondern ein „Angriff im System“. Nach Überzeugung des Systemtheoretikers Dirk Baecker ist die internationale Gewalt denn auch keine „Auseinandersetzung zwischen einer Terrorgruppe und einer Staatengruppe, sondern eine Auseinandersetzung der Weltgesellschaft mit sich selbst – also ein Bürgerkrieg“. Solange dieser Weltinnenkonflikt nicht gelöst sei, drohe ein permanenter Krieg für permanenten Frieden, ein globaler Ausnahmezustand, der sich selbst alimentiert und seine eigene Kriegsökonomie erzeugt – und damit auch immer neue Terroristen.

Ginge es in den intellektuellen Milieus mit rechten Dingen zu, dann müssten sich an diesen Fragen die Geister scheiden – einmal in die Fraktion der selbstbewussten Realpolitiker, zum anderen in die Fraktion der selbstkritischen Internationalisten. In der ersten, der realpolitischen Perspektive gibt es zur global durchgesetzten Einheit aus Kapitalismus und Demokratie, kurz: zum American Way of Life keine Alternative. Weil Amerika Träger des bewaffneten Weltgeistes ist und als einziges Land die Freiheit wirksam zu schützen vermag, muss seine Rolle als neuer Hegemon akzeptiert werden, genauso wie das Bekenntnis der US-Regierung zu Präventivintervention und selektiver Weltherrschaft. Alles andere, der Traum von der rechtlichen Gleichheit aller Staaten, erst recht die Hoffnung auf ein supranationales Gewaltmonopol, ist obsolet. Verloren ist die Abwehrschlacht traditionaler Gesellschaften gegen die westliche Logik der Geschichte, und so hat der Islam den dornigen Weg der Selbstaufklärung und den Anschluss an die Moderne noch vor sich. Es hilft nichts. Wir alle müssen, falls wir es nicht schon sind, Amerikaner werden.

Der Zustand der Erde ist kein Zufall, sondern gewollt

Ganz anders dagegen die Internationalisten. Sie bestreiten die These vom Kampf der Kulturen und geben Folgendes zu bedenken. Wenn es stimmt, dass die Amerikanisierung der Welt ein gewaltsames Moment enthält oder, vorsichtiger: wenn westliche Lebensformen in vielen Ländern als bedrohlich beziehungsweise als strukturelle Gewalt empfunden werden, dann sind, schon aus Selbstschutz, eingreifende Veränderungen fällig. Polizeimaßnahmen und die partielle Zerschlagung des Terrornetzes, so würden die Internationalisten sagen, sind notwendig, reichen aber nicht aus. Auch die westliche Selbstmythisierung, erst recht die kapitalistische Praxis bedarf der Korrektur. Oft genug baut der Westen einen Erwartungshorizont auf und verspricht Recht und Gerechtigkeit, aber die Realität, die er dann schafft, spricht eine andere Sprache. Dasselbe gilt für die Politik der Menschenrechte, das Herzstück der westlichen Modernisierung. Hinter ihr stecken häufig eigensüchtige Interessen, die genau jene Normen aushöhlen, mit denen der Westen seine Überlegenheit begründet.

Mit dieser Kritik steht auch die neoliberale Agenda auf dem Prüfstand. Wie könnten supranationale Regelungen beschaffen sein, die das Elend der Dritten und das Entstehen einer Vierten Welt nicht als Kollateralschaden für die Wohlstandsmehrung der Ersten Welt in Kauf nehmen oder gar als Bestandteil der göttlichen Vorsehung betrachten? Wie lässt sich verhindern, dass große Teile der Welt in „Schwarzen Löchern“ versinken und von Investitionen abgekoppelt werden? Wie könnte, in den Worten des amerikanischen Patrioten Richard Rorty, ein „einleuchtendes Szenario aussehen, demzufolge ein im Jahre 2100 in Bahia oder Kinshasa geborenes Kind ähnliche Lebenschancen haben wird wie ein in München geborenes“? Dass all diese Fragen „kalifornisch“ zu lösen sind, allein mit Deregulierung und Markt, mit Gen- und Informationstechnologie, das glauben nicht einmal mehr die neoliberalen Funktionseliten, die daran glauben müssen. Beinahe klingt die Selbstkritik, die Weltbank-Manager an ihrer eigenen Politik üben, so, als hätte die attac-Bewegung ihnen eine Gehirnwäsche verpasst.

Auch der Ökonom und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz fragt sich und die Seinen, ob die unsichtbare Hand des Marktes deshalb unsichtbar sei, weil sie gar nicht existiert. Jedenfalls hätte es bis vor kurzem niemand für möglich gehalten, wie schnell sich unter dem Eindruck einer weltwirtschaftlichen Dauerkrise ökonomische Basisannahmen entzaubern. Es ist ja nicht nur Joseph Stiglitz, der befürchtet, dass die neoliberale Überbietungslogik buchstäblich ins Nichts mündet. Ständig entdeckt die Abbau-Politik neue Hindernisse und Widerstände, die dereguliert und geräumt, flexibilisiert und gebrochen werden müssen, um die Fließgeschwindigkeit des Kapitals und des Wissens zu erhöhen. Zu Ende gedacht hieße das: Erst dort, wo nichts Altes, nichts Außerökonomisches mehr auffindbar ist, käme die Ökonomie zur vollen Blüte.

All das sind Provokationen für den nachutopischen Intellektuellen, dessen politische Fantasie nicht ohne Grund vor dem Un-Denkbaren verzagt. Denn er hat ja Recht, wenn er auf die ungeheure Komplexität der Weltgesellschaft verweist. Er hat Recht, wenn er zeigt, dass globale Lösungen oft neues Leid und neue Missachtung erzeugen. Er hat noch mal Recht, wenn er fürchtet, westliche Politik werde als Imperialismus der Menschenrechte wahrgenommen, der Gerechtigkeit mit Gleichheit verwechselt und die kulturelle Verschiedenheit zum Verschwinden bringt.

Und doch: Der Zustand der Welt entspringt nicht nur dem unkontrollierten Selbstlauf anonymer Systeme. Er entspringt auch politisch gewollten Handlungen und wirtschaftswissenschaftlichen Programmen. Alles andere wäre Fatalismus oder ein Warten auf das „ganz Andere“. Man kann Entwicklungen korrigieren, denn es gibt nicht einen Pfad der Modernisierung, sondern, je nach Region, viele. Institutionen sind lernfähig, doch sie reagieren nur, wenn man ihnen Alternativen vor Augen hält. Neuer Utopien bedarf es dabei nicht; sie sind im Selbstverständnis der Demokratien, im normativen Bewusstsein und in den Institutionen der Weltgemeinschaft fest verankert. Einige sind sogar in Marmor gemeißelt, zum Beispiel der Leitspruch der Weltbank: „Unser Traum ist eine Welt ohne Armut.“

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 50/2002
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