Religion Bibelfest ins Übermorgen

Wie hältst du’s mit der Religion? Die Antwort darauf trennt Amerika von Europa – und die Kluft wird immer breiter

Nicht auszudenken, dass Bundeskanzler Schröder am Ende einer Bundestagsrede den Abgeordneten ein herzhaftes „Gott segne euch!“ zuriefe. Wie käme er dazu? Ihm ging, als er den Amtseid leistete, die traditionelle Formel „So wahr mir Gott helfe“ nicht über die Lippen – wie sieben seiner Minister auch. Selbst der Bundespräsident, in dem eine fromme Seele wohnt, würde sich hüten, den Segen Gottes auf das Parlament herabzubeschwören, wie es Präsident George W. Bush bei seiner Visite in Berlin mit völliger Selbstverständlichkeit tat. Und wenn den Staatschef Frankreichs eine ähnliche Anwandlung heimsuchen würde, bräche die Nation in einen Protestschrei aus: Der sakrosankte „Laizismus“ wäre bedroht, die strikte Trennung von Kirche und Staat, dieses Erzgebot im Katechismus der republikanischen Religion. Die französische Regierung verhinderte sogar, dass die Präambel zur Charta europäischer Grundrechte, Teil der künftigen Verfassung der Gemeinschaft, die jüdisch-christliche Tradition beim Namen nannte.

Entzauberung des Glaubens – nur diesseits des Atlantiks

Die Bürger der Vereinigten Staaten nehmen das mit Verblüffung zur Kenntnis. Liegt in der jüdisch-christlichen Prägung unserer Kulturen nicht das gemeinsame transatlantische Erbe? Das ist wahr. Und dennoch ist die Religiosität, die hüben wie drüben lange Jahrhunderte den Geist und die Seelen geprägt hat, mittlerweile zu dem Merkmal geworden, das Europa und Amerika vielleicht am tiefsten trennt. Raymond Boudon, Soziologe an der Sorbonne (einer der ältesten Universitäten des Abendlandes), sprach von der exception religieuse américaine . Staunend wies der Professor auf ein Paradox hin: Einerseits sind die USA die „modernste der modernen Gesellschaften“, andererseits schütteln die Amerikaner die „Entzauberung“ der Glaubenswelten durch den Fortschritt der Wissenschaften (vor allem ihrer eigenen) so gelassen ab, als gehe sie das alles nichts an. Auf die – alles in allem – friedliche, wenn auch nicht spannungslose Existenz dieses fundamentalen Gegensatzes wusste sich der gelehrte Herr keinen rechten Reim zu machen.

Die Mehrheit unserer schreibenden und lehrenden Landsleute und die Mehrheit der Franzosen schaut sich vergeblich nach einer rationalen Erklärung für die Gelassenheit um, mit der die Amerikaner dem Konflikt begegnen, der ihnen doch den Kopf verwüsten und das Herz zerreißen müsste. In den kritischen Augen der deutschen und der französischen Intellektuellen ist die ostentative Gottgläubigkeit der transatlantischen Schutzherren nichts als heuchlerische „Frömmelei“.

Der angelsächsischen Religiosität, die ihre Herkunft aus dem calvinistischen Puritanismus nicht verleugnet, begegnet auf dem Kontinent, zumal in Deutschland und Frankreich von jeher ein gereiztes Misstrauen. Weder die französischen Katholiken noch die deutschen Lutheraner akzeptierten die ethische Qualität der irdischen Manifestationen des göttlichen Segens, der von den protestantischen Christen Großbritanniens und Amerikas so selbstverständlich in Anspruch genommen wird. Mit dem Blick auf das „perfide Albion“ äußerten sie unisono ihren Abscheu vor der „Krämernation“. Dieses Vorurteil gegen die missionarischen Impulse des britischen Imperialismus ließ sich umstandslos auf die Freiheitsbotschaft des „amerikanischen Neokolonialismus“ übertragen.

Nur in Zeiten der Not, wenn Frankreich die Briten und Amerikaner im Kampf ums Überleben brauchte oder wenn die besiegten Deutschen dank des calvinistischen Verantwortungsgefühls für das Heil des Nächsten (und Übernächsten) vom Hungertod bewahrt wurden, waren die Festlandseuropäer geneigt, den Angelsachsen christliche Glaubwürdigkeit zuzugestehen. Die Care-Pakete sahen sie nicht als Ausdruck von Doppelmoral an. Aber die Zeiten der Bedrohungen, der Entbehrungen, des Elends und der rettenden Wohltaten sind lange vorbei. Verdrängt wie die friedliche Revolution von 1989 in der DDR, die aus den Kirchen – den einzigen Refugien des Widerstandes und der Freiheit – ins Volk getragen wurde. Abgetan wie die plötzliche Sehnsucht nach spiritueller Einkehr, die in den ersten Wochen nach der New Yorker Katastrophe vom 11. September auch unsere Kirchen gefüllt hat.

Das Evangelium leitete auch die schwarzen Bürgerrechtler

Damals waren wir alle für einen Augenblick Amerikaner (oder wir führten uns doch so auf). Inzwischen aber schießen in den zeitkritischen Anmerkungen der Intellektuellen die Antiamerikanismen längst wieder ins Kraut. Am liebsten ranken sie sich um die schlichten Parolen des Präsidenten Bush junior. Es bestätigt unsere Vorbehalte, dass er, der als junger Mensch in den Kneipen und bei den Girls so exzessiv auf die Pauke zu hauen gewohnt war, seine Schlagworte gern mit frommen Ornamenten versieht.

Doch Bush denkt sich dabei vermutlich nicht viel. Religiosität bestimmt für ihn, wie für die Mehrheit seiner Landsleute, ganz einfach das Alltagsleben. Nahezu zwei Drittel der christlich getauften Amerikaner bekunden, die Religion sei für ihr Leben „sehr wichtig“ (in Westdeutschland waren es 1980 nur 17 Prozent), darüber hinaus hält ein knappes Viertel den Glauben für „irgendwie wichtig“. Nur 13 Prozent kreuzen bei den Umfragen die Kategorien „unwichtig“ oder „eher unwichtig“ an. Im Jahre 1998 bekundeten 47 Prozent der Deutschen in der alten Bundesrepublik, sie hielten sich für religiös (doch nur 32 Prozent im Osten) – während 90 Prozent der Amerikaner versichern, dass sie an Gott glauben – 80 Prozent glauben gar an die Auferstehung, die nur 14 Prozent der Deutschen als eine Gewissheit und 15 Prozent als möglich betrachten.

Die Mitgliedschaft in den beiden großen Kirchen Deutschlands betrug 1949 in Ost und West gleichermaßen mehr als 90 Prozent. In der DDR gehören nach vier Jahrzehnten kommunistischer Herrschaft nur noch 24 Prozent der Bevölkerung den evangelischen, sechs Prozent den katholischen Gemeinden an. Etwa zwei Drittel der Bürger in den so genannten neuen Ländern sind heute konfessionslos. In Westdeutschland verlor die protestantische Kirche bis zur Wiedervereinigung mehr als eine Million Mitglieder, seit der Wende eine zweite Million; die Verluste der Katholiken waren geringer, doch gravierend genug. Insgesamt wurden 1999 27 Millionen Katholiken gezählt, von denen allerdings nur 17 Prozent bekräftigten, dass ihre Bindung an die Kirche stark sei – bei den Protestanten waren es 18 Prozent; 27 Prozent der Katholiken und 23 Prozent der Protestanten bezeichneten die Bindung an ihre Kirche als schwach. In der Altersgruppe der 18- bis 30-Jährigen bekundeten gar nur noch acht Prozent der Katholiken und zehn Prozent der Evangelischen eine „starke Bindung“. Es ist nicht weiter erstaunlich, dass zwölf Prozent der Deutschen hilflos die Schultern heben, wenn sie gefragt werden, welcher Ereignisse die Christenheit am Karfreitag und an Ostern gedenkt. Im Quiz bei Günther Jauch zeigten sich zehn von zehn Gästen nicht in der Lage, den Text des Vaterunsers aufzusagen. Der Tag ist nicht mehr fern, an dem einer Majorität der Deutschen das religiöse Fundament unserer Kultur so fremd sein wird wie das der Kulturen Altägyptens oder der Azteken.

Von den knapp 27 Millionen Protestanten im vereinten Deutschland finden sich am Sonntag nur noch gut eine Million zu den Gottesdiensten ein: noch nicht einmal armselige fünf Prozent. Bei den Katholiken – die 150000 Seelen mehr als die evangelischen Kirchen zählen – nehmen immerhin viereinhalb Millionen an der Messfeier teil: nicht ganz 20 Prozent.

Bei den Amerikanern aber sind es 48 Prozent der 51 Millionen Katholiken, die sich wenigstens einmal in der Woche zur Messe einfinden. Die Baptisten registrieren einen Gottesdienstbesuch von 50 Prozent, die Methodisten von 49 Prozent, die Lutheraner von 43 Prozent ihrer Getreuen – und nur die Anglikaner (Episcopalian), die traditionelle Elite der Wasps (White Anglo-Saxon Protestants), müssen sich mit 30 Prozent zufrieden geben. Vielleicht sind die Vereinigten Staaten das einzige, das letzte christliche Land, das diesen Namen verdient.

In Amerika ist die Kirchengemeinde eine selbstständige Rechtsgemeinschaft, materiell von ihren Mitgliedern getragen, die – ausgenommen die katholische Kirche – ihre Pfarrer nicht nur selber wählen (wie es auch in Deutschland partiell üblich geworden ist), sondern vor allem selber entlohnen. Die Gemeinde ist dort nicht nur eine spirituelle, sondern mehr noch eine soziale Institution, ja in mancher Hinsicht ist sie das Zentrum der Gesellschaft.

Die Freiwilligkeit der Gemeinschaft und ihre Selbstverantwortung schaffen festere und tiefere Bindungen, als sie unsere Kirchen zu schaffen vermögen. Humanitäre Aufgaben, die in Europa mit völliger Selbstverständlichkeit dem Sozialstaat aufgebürdet werden, bewirken bei den Amerikanern ein karitatives Engagement, das wir als beschämend empfinden müssten. Unsere Vettern jenseits des Atlantiks geben jedes Jahr für karitative Pflichten ebenso viel Geld aus wie für Lebensmittel.

Die strikte Trennung von Kirche und Staat und die Religionsfreiheit prägen die amerikanische Gesellschaft, seit Thomas Jefferson, der große Aufklärer unter den Gründervätern, als junger Deputierter die beiden Prinzipien in der Bürgerkammer von Virginia proklamiert und schließlich als Gesetz etabliert hat. Die anglikanische Kirche büßte damit, noch ehe sich die Kolonie vom Mutterland löste, ihren obrigkeitlichen Rang ein. Von nun an waren alle Religionsgemeinschaften gleichgestellt. Die religiöse Unterweisung in den Schulen aber war untersagt. Jefferson selber hielt sich für einen Christenmenschen, obwohl Jesus für ihn eher ein großer Philosoph und er selbst ein Geist nach französischem Vorbild war. Später urteilte er, dass sich die Glaubensfreiheit als „das effizienteste Mittel gegen den Streit unter den Religionen“ erwiesen habe.

Im Unterschied dazu hatten sich Europas Völker unter dem Diktat der Staatsreligionen in blutigen Glaubenskriegen aufgerieben. Und heute?

Drei Viertel der amerikanischen Christen preisen die religiöse Vielfalt als einen Quell der Stärke und der Vitalität ihres individuellen Glaubens – und nur 13 Prozent sehen in ihr eine Bedrohung. Zwei Drittel der Bürger meinen, dass der multireligiöse Charakter der Gesellschaft der Einheit des Landes keineswegs abträglich sei.

Den Forderungen der Toleranz will sich nur die „religiöse Rechte“ nicht beugen. Ihr Einfluss wurde durch das Bündnis mit der jüdischen Orthodoxie (die wiederum nur eine Minderheit der amerikanischen Juden repräsentiert) auf fatale Weise gemehrt. Gern gerieren sich die erzkonservativen Prediger, die über ein Netz von eigenen Fernseh- und Radiosendern verfügen, als die getreuesten Alliierten Israels. Als buchstabengehorsame Adepten der Heiligen Schriften verteidigen sie – wie die Fundamentalisten unter den Juden – die Expansion des zionistischen Staates auf das gesamte Territorium Palästinas.

Gerade die strikte Staatsferne der amerikanischen Kirchen erlaubt eine mitunter gefährliche Politisierung radikaler Religionsgemeinschaften. Aber man sollte nicht aus dem Auge verlieren, dass sich auch der politische Elan der Bürgerrechtsbewegung des großen Martin Luther King aus der spirituellen Kraft des Evangeliums nährte. Ihre Gläubigkeit entsprach ganz dem Geist der Pilgerväter, die aufgebrochen waren, an den Gestaden der Neuen Welt ihr irdisches Jerusalem – The city upon the hill – zu erbauen.

„Was für ein Koloss wird unser Kontinent sein“

Die religiöse Utopie Amerika vereint sich aufs natürlichste mit der Utopie der Aufklärung. So erklärte Thomas Jefferson in einem Brief an seinen Freund John Adams, den späteren zweiten Präsidenten der Vereinigten Staaten: „Wir sind berufen, einen Wall gegen die Wiederkehr von Ignoranz und Barbarei zu bilden. Das alte Europa wird sich auf unsere Schultern stützen, um, so gut es kann, …neben uns herzuhumpeln… Was für ein Koloss wird unser Kontinent sein…! Was für ein Hort der Freiheit und der Vernunft werden wir dann auf dieser Welt sein! Ich liebe Träume von der Zukunft…“

Dies ist die Wurzel des amerikanischen Sendungsbewusstseins: die Verschmelzung der religiösen Impulse mit den Energien der Aufklärung. Religiosität und Aufklärung waren niemals so heillos miteinander verfeindet wie in Europa. Uns fehlt es daher an Verständnis für eine Persönlichkeit wie Jimmy Carter, den Sonntagsschulprediger aus Plains in Georgia. Doch es sind gerade seine tiefen christlichen Überzeugungen, die den Friedensnobelpreisträger heute mehr denn je zu einer wichtigen moralischen Stimme machen. Auf seine eigene Präsidentschaft zurückblickend, erklärte er kürzlich, dass in Zeiten der Krise „der weiseste Kurs einer mächtigen Nation… jener der Umsicht und der Selbstzügelung“ sei. Voller Dankbarkeit habe er am Ende seiner Amtszeit Thomas Jefferson zitieren können, der von seiner Regierung sagte, sie habe in ihrer Amtszeit keinen Blutstropfen auch nur eines Bürgers durch das Schwert des Krieges vergossen.

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 50/2002
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