Im Februar 1906 herrscht in Frankreichs Norden der offene Aufruhr. Die Bauern und kleinen Leute greifen zu Forken und Sensen; im flandrischen Städtchen Boeschèpe ist schon der erste Tote zu beklagen. Es geht um das Allerheiligste, im ursprünglichen Sinne des Wortes. Es geht den aufgebrachten Menschen darum, "ihre" Kirche vor den staatlichen Steuereinnehmern zu schützen. Diese sollen die Kirchengüter inventarisieren – um sie zu sozialisieren.

Genau genommen tobten damals zwei Kriege gleichzeitig: jener gegen die Erfassung der Kunstwerke und "die Öffnung der Tabernakel" sowie jener "zwischen Priestern und Lehrern", die um die Seelen und Köpfe der Kinder fochten. Vier Jahre zuvor hatte der Konflikt begonnen, im Schlüsseljahr 1902, als der Radikaldemokrat Émile Combes Ministerpräsident geworden war. Sein Ziel: die völlige rechtliche Trennung von Kirche und Staat.

Für seine Gegner war es "Antiklerikalismus", wenn nicht blanke Gottlosigkeit. Combes selbst und seine Leute verstanden sich als Laizisten, sie wollten die laizistische Republik. Schon mit der Großen Revolution von 1789 hatte die Religion in Frankreich den Status einer Privatsache bekommen. Das Individuum hatte das Recht, sich aus vielerlei traditionalen Bindungen zu befreien, darunter auch der religiösen. Und noch heute gibt es an der Sorbonne in Paris einen Lehrstuhl für Geschichte und Soziologie der Laizität.

Doch die Wurzeln reichen noch tiefer. Mit seinem zornigen "Écrasez l’infame superstition!" ("Rottet den niederträchtigen Aberglauben aus!") stritt bereits Voltaire gegen die allmächtige staatliche Zensur unter kirchlichem Einfluss. Skandalöse Exempel für die mittelalterliche Herrschsucht der Kirche gab es noch zu seiner Zeit die Fülle. So hatte der Klerus 1766 maßgeblich Anteil daran, dass der Edelmann Jean François La Barre so lange gefoltert wurde, bis er gestand, gottlose Lieder gesungen, ein Kruzifix zerstört und bei einer Prozession den Hut aufbehalten zu haben. Zur Strafe für diese "Albernheiten", wie Voltaires Kampfgefährte Denis Diderot schrieb, schnitt man dem jungen Mann zuerst die Zunge und dann den Kopf ab, bevor der übrige Körper öffentlich verbrannt wurde.

Die Kirche verdammt die Menschenrechte

Solche Erfahrungen mit dem Katholizismus als Staatsreligion erklären, warum nach 1789 selbst gemäßigtere Revolutionäre der Kirche so hart zusetzten – bis hin zu dem Versuch, das Land völlig zu entchristianisieren. Etliche Priester flohen, kehrten jedoch in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre wieder heim, als die Kirche ihre Bewegungsfreiheit zurückerhielt. 1801 schloss Napoleon mit Papst Pius VII. ein Konkordat, dem ein Jahr später die "organischen Artikel" folgten, mit denen Kirche und Staat einen Weg zu friedlicher Koexistenz fanden. Der beiderseits ungeliebte Kompromiss zwischen "dem freien und dem katholischen Frankreich", wie sich der Schöpfer des Code Napoléon, Jean-Étienne Marie de Portalis, 1802 formulierte, hielt immerhin 100 Jahre lang.

Zwar scheiterten in der Zeit der Restauration alle Bemühungen, "die Revolution [zu] töten" und die alten Verhältnisse wiederherzustellen, wie es sich zum Beispiel der konservative Philosoph Joseph de Maistre erhofft hatte, doch der hohe Klerus errang erneut eine dominierende Stellung, die er unter dem Bürgerkönigtum Louis Philippes von 1830 an verteidigen konnte. Damals begann, was der Historiker Denis Pelletier "die Zeit der Orden" nennt: Bis 1880 wurden nicht weniger als 400 neue Gemeinschaften gegründet, die etwa 180000 Mitglieder besaßen – rund zehnmal so viele wie 1808. Die meisten Kleriker waren als Lehrer tätig; die Mädchenausbildung lag fast vollständig in der Hand von Nonnen. Von 1852 an, im Zweiten Kaiserreich Napoleons III., galt eine Schulsatzung, der zufolge es die erste Pflicht der Lehrer war, "die Kinder religiös zu unterweisen". Dagegen setzten die Republikaner ihre eigene Parole: "Schreiben, lesen, rechnen, das ist alles, was man lernen muß", meinte zum Beispiel der spätere Minister Adolphe Thiers.