So ist das in der Informationsgesellschaft: Ohne wissenschaftliche Untersuchung gilt gar nichts, mögen die Dinge noch so schlüssig auf der Hand liegen. Zum Beispiel: Wo bleiben Menschen gesünder, wo halten sie sich lieber auf: in nüchtern möblierten Büros oder in Räumen mit viel Grün? Richtig! Doch auch für diese evolutionsbiologisch geprägte Binsenweisheit musste erst unwiderlegbares Beweismaterial her, ehe sie praktische Folgen zeigte.

Über die Erforschung der einsamen Anstandszimmerpflanze allerdings ging der entsprechende Feldversuch beim Automobilhersteller BMW weit hinaus, dessen Auswertung nach eineinhalb Jahren jetzt vorliegt: Nicht weniger als 69 Pflanzgefäße, bis zu 80 mal 80 Zentimeter groß, wurden in der Abteilung Service und Produktbetreuung aufgestellt, auf Aktenschränken, neben den Schreibtischblöcken und am Fenster.

»Mit überwältigend viel Grün drin«, sagt Angela Venhofen, zuständig für die Bürostandards, »im ersten Moment war man beim Betreten des Büros doch ein wenig geschockt.« Danach aber ging es ihr schon bald wie den 20 Mitarbeitern, die jetzt »total begeistert wie im Wald arbeiten«, so Abteilungsleiter Erwin Weiß. Die Wirkung des neuen Ambientes wurde gemessen und verglichen mit jener eines normalen und eines temperaturgesteuerten Referenzbüros.

Dabei war das Motiv der BMW-Entscheider nicht allein, ihren Angestellten eine menschenfreundliche Umgebung zu bieten. Wie überall anderswo trockneten vielmehr elektronische Geräte plus Heizung die Raumluft so sehr aus, dass sich Konzentrationsschwächen, Erkältungen, gereizte Haut und Augen häuften; ein Zustand, der – neben der Belastung für die Mitarbeiter – auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht nach Veränderung schrie, wie Michael Mohrlang von der Abteilung Arbeitssicherheit, Ergonomie, Umweltschutz erkannte. Auf der Suche nach einer Lösung entdeckte er schließlich die Arbeit des Tübinger Architekten Dieter Schempp.

Der sitzt buchstäblich im Glashaus, umwuchert von Feigen und Guaven, Schönmalven und Engelstrompeten, und erprobt seit Jahren, wie man mit Pflanzen das Raumklima ästhetisch und biologisch beflügeln kann. Seine Erfahrungen nutzt er für wunderschöne grüne Bauten von Frankfurt bis Kuala Lumpur, in deren raffinierte Solararchitektur er die Klimafunktionen der Gewächse von vornherein integriert (ZEIT Nr. 16/01). Als Berater bei BMW aber musste Schempp das Grünzeug in vorgegebene Platzverhältnisse einplanen, was zusätzliches Licht erforderte und Arten mit hohem Energieumsatz: Philodendron, Ficus, Spatiphylum oder Schefflera, aber auch Graslilien und Yuccapalmen.

Hier nun die Empirie: Wie viele Mitarbeiter fanden die Luft nach der Bepflanzung besser und fühlten sich insgesamt wohler? Genau: 100 Prozent! Weder Schnupfen noch die üblichen Schleimhautreizungen hätten er und viele Kollegen im vergangenen Jahr bekommen, sagt Erwin Weiß.

Ehern gemessen, drückt sich die subjektive Bewertung so aus: Im grünen Büro lag die Luftfeuchtigkeit selbst in den Wintermonaten zwischen den empfohlenen 40 und 50 Prozent – während sie im normalen Kontor und in jenem mit raumlufttechnischer Anlage auf 20 Prozent und niedriger abstürzte. Feuchtere Luft bedeutet auch: weniger Elektrosmog, weniger Staub. Zudem hätten die Pflanzen mit ihrem Stoffwechsel Schadstoffe von Benzol bis Formaldehyd abgebaut, sagt Projektleiterin Beate Klug; im Vergleich mit den anderen Büros um zwei Drittel.

Deutlich geringer, und nicht wie befürchtet höher, ist die Belastung mit gesundheitsschädlichen Keimen. Im Dschungel ist es leiser: »Die Blätter schlucken den Schall genau im Frequenzbereich unserer Sprache«, so Klug. Den Blick auf eine Pflanzenwand hinter dem Bildschirm empfinden die Angestellten als beruhigend für gereizte Augen. Dahinter sind sie abgeschirmt, können jedoch mit ihren Kollegen weiterhin durch die Blume sprechen. Wenn sie demnächst in ein anderes Gebäude ziehen müssen, dann wollen sie ihre Pflanzen unbedingt mitnehmen!