Film
Bilder aus Weiß, Raum und Licht
„Atanarjuat“ von Zacharias Kunuk – der erste Inuit-Film und ein großartiges Epos aus der arktischen Tundra
Das Böse kommt mit einem Fremden. Es kommt plötzlicher als eine Krankheit, schneller als die weisen Frauen ihre Ahnung vom kommenden Unheil aussprechen können. Da liegt auch schon das Familienoberhaupt ermordet auf dem Boden des Iglos, und seine Kette mit den Walrosszähnen schmückt den nächsten Anführer, den eigenen Sohn. Vatermord, Machtanmaßung und ein Fluch, der der Sippe für eine lange Zeit im Nacken hocken wird – so beginnen große Legenden. Geschichten, in denen sich das Leben in Geburten, Hochzeiten und Beerdigungen vorübergehend zu sortieren scheint, bis unkalkulierbare Kräfte den Kreislauf auf ihre Weise regeln. Bis Eifersucht, Niedertracht, Hass und Rache die alte Ordnung vergiften und als bleischwerer Pfand von Hand zu Hand und Generation zu Generation wandern. Das Omen sucht schließlich Atanarjuat, „den schnellen Läufer“, heim, der beim „Wolf-Spiel“ das Mädchen Atuat fängt und sich in seine „Beute“ verliebt. Doch die junge Frau ist dem Häuptlingssohn Oki versprochen, der das Liebespaar fortan mit Heimtücke, falschen Tränen und in rituellen Duellen zu trennen versucht.
Atanarjuat – Die Legende vom schnellen Läufer, der 2001 in Cannes die Goldene Kamera erhielt und in diesem Jahr auf der Documenta 11 zu sehen war, ist der erste Film, bei dem bis auf den Kameramann (Norman Cohn) ausschließlich Inuit mitwirkten. Und der erste, der in ihrer Sprache, Inuktitut, gedreht wurde. 80 Jahre nach Robert J. Flahertys Nanook of the North, einem epochalen dokumentarischen Stummfilm aus dem Jahre 1922, zog der Regisseur und Bildhauer Zacharias Kunuk mit dem Drehbuchautor Pauloosie Quilitalik aus, die Sprache seines Volkes und dessen Kunst des Geschichtenerzählens zu erforschen. Sie reisten durch die arktische Tundra von Familie zu Familie und sammelten die Versionen die die Ältesten von der etwa 1000 Jahre alten Atanarjuat-Legende erinnerten.
Entstanden ist keine ethnografische Kuriosität, auch keine Projektionsfläche für westlichen Exotismus, sondern ein tief beeindruckendes Epos, das aus den mündlichen Überlieferungen eine Bilderwelt aus Weiß, Raum und Licht entstehen lässt. So klar wie eine starke Erinnerung, so gegenwärtig, dass sich die Ereignisse jetzt gerade irgendwo in der kanadischen Arktis zutragen könnten. Und so absolut, dass Fremdes, Vertrautes und Transzendentales gleichzeitig darin Platz finden.
Die unaufdringliche Akribie, mit der Kunuk das Leben seiner Vorfahren rekonstruiert und ihr Gedächtnis bebildert, erfüllt für den Regisseur, der immer noch lieber auf Robbenfang als auf Filmpreisverleihungen geht, auch einen pragmatischen Aspekt. „Es ist ein Film über unsere Identität, aber auch einer über das Überleben“, sagt Kunuk in der New York Times, „die jungen Leute unseres Volkes reisen heute von Siedlung zu Siedlung, und wenn ein Sturm kommt, müssen wir sie retten. Sie wissen nicht, wo sie langgehen, haben keine Messer dabei, um sich im Eis Schutzhütten zu bauen, und haben auch keine Ahnung, wie das geht.“
Kunuks How-to-do-it-Anleitung eskortiert die zerstrittene Sippe, die mit den Spuren ihrer Beutetiere weiterzieht, durch die Jahreszeiten. Ihre eigenen Kehlkopfgesänge geleiten sie durch die Angst und die Nacht. Der Tag gehört der Nahrungssuche, gefilmt von einer Kamera, die dabei unermüdlich neue Weiß-Variationen aufspürt. Weiß, das in den Wintermonaten bläulich leuchtet oder im Sommer am Rande der Tundra violetten Heideflecken Platz macht. Es kann dünn wie Milch aussehen oder unbezwingbar wie futuristische Panzersperren. Und manchmal dauert es eine Weile, bis sich auf der weißen Leinwand ein Jäger im Polarbärenfell abzeichnet. Es sind Passagen, in denen auf wunderbare Weise der Mythos als das Medium erkennbar wird, in dem die Inuit ihr Verhältnis zur Natur denken.
In solchen Momenten scheint es, als nehme der Film selbst Anlauf, um im Bildergedächtnis des Kinos zu landen. Spätestens wenn Kunuk seinen Helden nackt und gehetzt von den Mördern seines Bruders ins Packeis treibt und den minutenlangen Lauf des Verzweifelten von einem magischen Realismus lotsen lässt, hat sich Atanarjuat schon jetzt einen Platz im Reich der Filmlegenden erobert.
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 51/2002
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